Sinbad 1x01

Ein Märchen wird in Schwarz und Weiß erzählt: Der Fiese greift im Faustkampf zum Messer und der schlitzohrige Held streckt ihm - nach spektakulär errungenem Sieg - dennoch gütig die Hand entgegen.
Damit aber ein vernünftiger, (un)fairer Kampf entstehen kann, braucht es ein größeres Boshaftigkeitskaliber als den harmlosen Kämpfer, den Sinbad (Elliot Knight) zu Beginn der Pilotepisode (auf eine Brad Pitt-in-„Snatch“-artige Weise) besiegt. Dabei kann der orientalische Held zwar nicht so schön nuscheln wie sein Vorbild, hat sich dafür aber ordentlich schwarzen Mascara vom Seefahrerkollegen Jack Sparrow ausgeliehen.
Zum Thema schwarz: Dies ist selbstverständlich auch die bevorzugte Kleidungsfarbe von Sinbads potentieller Antagonistin (Orla Brady). Um sicherzugehen, dass niemand die Frau fälschlicherweise für die Gute hält, tötet sie flugs noch den Verlierer des Faustkampfes - per Blick - und äußert nebenbei noch ihre wohlwollende Einstellung gegenüber todbringenden Feuersbrünsten.
Jetzt folgt ein kleiner Einblick in den Alltag des noch-nicht-Seefahrers: Ein Job bei der Stadtwache kommt für den freiheitsliebenden Draufgänger selbstverständlich nicht in Frage. Neben abgekarteten Faustkämpfen bedient sich Sinbad auch anderer Gaunereien, um seine scheinbar apathische Mutter und die Großmutter (Janet Suzman) zu versorgen. Dummerweise zieht er auch seinen Bruder Jamil (Devon Anderson) mit in seine Geschäftchen hinein. Irgendetwas hat die Zwinkerhexe vom Anfang mit dem Erlös aus dem Faustkampf angestellt und nun ist die halbe Stadt hinter den beiden Brüdern her.
In den Verfolgungssequenzen kommt dank schneller Schnitte und rascher Perspektivwechsel eine dynamische Verfolgungsjagd zustande. In der ganzen Hektik fällt es dabei auch nicht weiter ins Gewicht, wie kulissenhaft der Handlungsort Basra über den Bildschirm huscht.

Im zweiten Erzählstrang begegnen wir mit Losts Sayid (Naveen Andrews) einem bekannten Gesicht. Sayid ist nun aber Lord Akbari und hat seinen zerschlissene Inselgarderobe gegen teure Gewänder eingetauscht. Der tote Faustkämpfer war sein Sohn, weswegen er nun nicht sonderlich gut auf den braungebrannten Sinbad zu sprechen ist: „Was ist wahre Gnade? Ist sie ein Zeichen von Stärke - oder Schwäche?“ Er entscheidet sich gegen die Gnade und für den Tod von Jamil. Doch damit ist sein Zorn noch nicht gestillt: „Das Leben solch einer Straßenratte ist nichts im Vergleich zum Leben des Jungen, der eines Tages über diese Stadt geherrscht hätte.“ Mit dem Lord ist also bereits eine weitere Gegenkraft etabliert.
Sinbads Großmutter macht ihn für den Tod des Bruders verantwortlich und belegt ihn umgehend mit einem pädagogisch wertvollen Fluch: Der Halbstarke muss für „mindestens einen Sonnenkreis“ rastlos über die Meere fahren, um dadurch ein Stückchen Seelenfrieden zurückzuerlangen.
Eine Seefahrt, die ist tödlich...
Auf der Flucht vor Schuld, Fluch und bewaffneten Mitgliedern der Stadtwache schleicht sich Sinbad an Bord der „Providence“.
Der Tod des Bruders, der überraschend familienfreundlich über die Bühne geht, ist eine Notwendigkeit. Auf diese Weise kann und muss Sinbad seine Vergangenheit hinter sich lassen. Weil er alles getan hat, um Jamil zu beschützen und trotzdem verflucht wird, ist das ungerecht und schürt somit die Sympathien für den gewieften Protagonisten.
Dass die Kulisse der Serie keine Kinostandards erreichen kann, ist klar. Aber auch ein Großteil der Kostüme macht den Eindruck, als wäre man bei der orientalischen Nacht in der nächsten Eckkneipe zu Gast.
Ausgerechnet im Frachtraum des Bootes, auf das Sinbad sich geflüchtet hat, wartet das Mädchen Rina (Marama Corlett). Sie wird plump, aber effektiv als love interest für Sinbad vorgestellt: Nicht nur hat sie ebenfalls Dreck im Gesicht - ihr fällt zudem noch offensichtliches Diebesgut aus den zerschlissenen Gewändern.
Da geht ein Ruck durch das Schiff. Oh nein! Das Boot hat sich bereits mehr als vier Meter vom Ufer entfernt. In der Serienrealität ist das eine nicht zu überbrückende Distanz. Die junge Dame und Sinbad - seines Zeichens nun endlich auch Seefahrer - stecken also gemeinsam fest. Dabei leisten ihnen der seekranke Schiffsarzt Anwar (Dimitri Leonidas), ein verknurrt-vernarbter Kapitän (Paul Barber), der „klimmzügige“ Nordmann Gunnar (Elliot Cowan) und die hübsche Kaufmannstochter Nala (Estella Daniels) Gesellschaft. Außerdem versteckt sich auch noch ein paranoid mit dem Messer schwingender Koch (Junix Inocian) im Vorratsraum.
Fazit
Das Authentischste an der Aufmachung von Sinbad ist noch der Dreck unter den Fingernägeln einiger Charaktere. Doch was an überzeugender Hintergrundgestaltung fehlt, wird zumindest kurzfristig durch die originellen storm demons wettgemacht. Die possierlichen Wassermonster sind nicht nur hübsch animiert, sondern bieten Sinbad außerdem die Chance, sich an Bord zu rehabilitieren und seinen Heldenmut unter Beweis zu stellen. So steht nach der Pilotepisode von Sinbad die Crew fest, die die Serie fortan beleben wird. Charakteristisch für den Piloten wirken die Figuren nach ihrer Einführung im Schnelldurchgang noch reichlich blass. Aber immerhin versprechen die Hexe und Sayid (an den man sich in der neuen Rolle nur schwer gewöhnen kann) genug Konfliktpotential, falls es auf dem Plastikwasser während der ersten zwölf Episoden mal zu langweilig werden sollte.
Bei der neuen Abenteuerserie handelt es sich um eine familientaugliche Flusskreuzfahrt, die vielleicht noch ein paar hübsche Überraschungen bereithalten kann.
Also Sinbad, nimm den Rat deines verstorbenen Bruders (der dich aus irgendeinem Grund begleitet) an: „Entspann' dich! Atme tief ein und lächle. Es liegt eine neue Welt voller Abenteuer vor dir!“
Verfasser: Thordes Herbst am Mittwoch, 11. Juli 2012(Sinbad 1x01)
Schauspieler in der Episode Sinbad 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?