Seven Seconds 1x01

© m Schatten der Freiheitsstatue sucht KJ Harper (Clare-Hope Ashitey) nach der Wahrheit. (c) Netflix
Dass etwas gehörig schiefläuft im Land der Waffennarren, in den USA, ist kein Geheimnis. Nicht nur ist es dort viel zu einfach, an Waffen zu kommen, diese werden auch viel zu schnell eingesetzt - und das oftmals von weißen Polizisten gegen unbewaffnete Schwarze. Dieses äußerst umstrittenen Themenkomplexes nimmt sich nun das neue Netflix-Drama Seven Seconds von Veena Sud an, der Schöpferin von The Killing. Die Handlung spielt in New Jersey, wo ein weißer Polizist einen schwarzen Jungen umfährt und danach auf Anraten seiner Kollegen Fahrerflucht begeht.
Drive away
Pete Jablonski (Beau Knapp) ist eigentlich gerade auf dem Weg ins Krankenhaus, weil er von seiner im fünften Monat schwangeren Ehefrau Marie (Michelle Veintimilla) die Nachricht erhalten hat, sie habe zu bluten angefangen. Entsprechend groß ist seine Eile. Dichtes Schneetreiben behindert die Sicht, aber weil auf der Straße sowieso nichts los ist, erlaubt es sich Pete auch noch, am Steuer zu telefonieren. Plötzlich setzt es einen kräftigen Schlag, das Auto kommt ins Schleudern und im Graben zum Stehen. Zunächst bleibt unklar, was den Unfall ausgelöst hat.
Dann wird eine düstere Vorahnung jedoch fatale Gewissheit. Unter dem Fahrzeug hängt ein Kinderfahrrad, ein paar Meter entfernt liegt ein Schuh. Der Schnee dort ist mit Blutflecken übersät. Pete schaut nach dem Jungen, aber nicht, ob er noch lebt. Stattdessen ruft er seine Kollegen, die sofort dazu übergehen, unter Anleitung von Mike Diangelo (David Lyons) den Vorfall zu vertuschen. Später gibt er seine Rationalisierung dafür preis: „They're gonna fuck you for Ferguson, Baltimore, Chicago. For every white cop who ever killed a black kid.“ In den drei genannten Orten sind jeweils unbewaffnete Schwarze von weißen Polizisten getötet worden.
Das Opfer, Brentan Butler, ist aber nicht tot. Er hat schwerverletzt überlebt, wurde gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Dort werden seine Eltern Latrice (Regina King) und Isaiah (Russell Hornsby) informiert. Eigentlich wollten sie heute die Rückkehr von Onkel Seth (Zackary Momoh) aus dem Afghanistan-Krieg feiern, nun sitzen sie in der Notaufnahme und durchleiden bange Stunden, weil ihnen niemand sagen kann oder will, was überhaupt mit ihrem Sohn passiert ist, warum er operiert werden muss. Viel zu spät erfahren sie, was sich zugetragen hat.
Zumindest erfahren sie das, was die Polizei ihnen als Wahrheit verkaufen möchte. Dort ist man nämlich schon kräftig dabei, einen Unschuldigen für Petes Tat verantwortlich zu machen. Ein stadtbekannter Alkoholiker soll die Bürde tragen. Instrumentalisiert wird dafür nicht nur der offensichtlich verstörte Mann, sondern auch die beiden Ermittler, Detective Joe „Fish“ Rinaldi (Michael Mosley) und Assistant Prosecutor KJ Harper (Clare-Hope Ashitey). Letztgenannte scheint dafür besonders gut geeignet, hat sie doch ein ausgewachsenes Alkoholproblem.
Who cares?
Zu einem Gerichtstermin erscheint sie zu spät, und dann auch noch mit den falschen Unterlagen. Vor, während und nach der Arbeit vertreibt sie sich ihre Sorgen - welche das genau sind, erfahren wir in der Pilotepisode noch nicht - mit tiefen Blicken ins Glas. Auch nach einem Beinahe-Unfall infolge alkoholinduzierten Sekundenschlafs durchbricht sie ihren Habitus nicht wirklich. Trotzdem gibt sie sich nicht damit zufrieden, die Handlangerin der korrupten Polizisten zu sein. Ihr fällt eine Ungereimtheit in deren Tatbeschreibung auf, weshalb sie am nächsten Tag auch den Gerichtstermin gegen den vermeintlichen Täter sausen lässt.
Stattdessen begibt sie sich an den Tatort, wo immer noch eine riesige Blutlache die Schneedecke verunstaltet. Dabei wird sie von einem Augenpaar beobachtet, das zu einer Zeugin gehören könnte. Falls sie diese ausfindig machen kann, dürften sich ihre Zweifel am Tathergang erhärten. Natürlich werden Diangelo und Kollegen alles dafür tun, sie daran zu hindern. Allerdings offenbart Pete bereits schwere Gewissensbisse, die ihn nicht nur zurück zum Tatort, sondern sogar ans Krankenbett seines Opfers führen. Dort trifft er auf dessen Mutter Latrice, die sogleich registriert, dass mit diesem Besucher etwas nicht stimmt.
Die Auftaktepisode von Seven Seconds ist solides Kriminalfernsehen mit den Ambitionen eines Sozialdramas. Regisseur Gavin O'Connor („The Accountant“) gelingt es, die Düsternis des Sujets in seinen Bildern widerzuspiegeln. Die Geschichte ist komplex, aber nicht kompliziert vorgetragen. Man merkt schnell, dass mit Veena Sud ein Routinier am kreativen Ruder sitzt. Hinzu kommt eine hervorragende, von der fabelhaften Regina King angeführte Darstellerriege. Als comic relief-Figur steht „Fish“ Rinaldi bereit, was gleich ziemlich gut funktioniert. Man erfindet das Dramafernsehen hier wahrlich nicht neu, spannend dürfte es aber bis zum Ende sein.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 23. Februar 2018(Seven Seconds 1x01)
Schauspieler in der Episode Seven Seconds 1x01
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