Sense8 1x13

© ie Sensates arbeiten wieder einmal zusammen. / (c) Netflix
So schön es für uns Zuschauer auch ist, an Weihnachten überraschend eine Sonderepisode einer emotional aufgeladenen Serie wie Sense8 auf Netflix zu finden, so schwierig ist es für deren Autoren Lana Wachowski und J. Michael Straczynski, daraus ein mitreißendes Spezialkapitel zu machen. Die Folge dient zwar als Verbindungsstück zwischen der ersten und zweiten Staffel, die im Mai startet, darf aber keine allzu großen dramaturgischen Fortschritte machen, weil manche Zuschauer sie schlichtweg nicht sehen werden.
We exist because of sex
Dieses Dilemma ist der Weihnachtsepisode von Beginn an anzumerken. Sie beinhaltet alles, was der ersten Staffel eine so gespaltene Reaktion eingebracht hatte. In ihren besten Momenten liefert sie großes emotionales Kino, in den schlechtesten aber eine Rückkehr zu kaum verständlichen oder nachvollziehbaren Handlungsentwicklungen und politischen Botschaften, die mit keinem breiteren Pinselstrich hätten gemalt werden können. Mir persönlich hat es in der ersten Staffel kaum etwas ausgemacht, dass uns das Schöpfertrio mehrmals vorbuchstabiert hat, wie es die Welt sieht und wie wir sie optimalerweise auch sehen sollen.
So sehr ich ihren Kampf für mehr Liebe, Gerechtigkeit und Rücksicht auch wertschätze, so wichtig ist mir gutes Geschichtenerzählen und filigrane Dialogarbeit. Beides kommt im Weihnachtsspecial noch weniger vor als in der ersten Staffel. Und weil auch plottechnisch kaum etwas vorangeht, bleiben wir Zuschauer zurück mit einem zuckersüß-klebrigen Montagenmix, der den Schmalzbogen zum Ende hin deutlich überspannt. Folgendes ist die Wahrheit - versprochen: Nachdem in der Episode bereits Cover von Allzeitklassikern wie „Birds Flying High“ oder „Guantanamera“ vorgetragen worden waren, betete ich innerlich darum, dass nicht auch noch „Hallelujah“ eingesetzt werden würde.
Alle, die die Episode gesehen haben, wissen natürlich, dass es eben dazu kommt. So schön dieses Lied auch ist, habe ich für das Serien- und Filmjahr 2017 - und weit darüber hinaus - eigentlich nur einen Wunsch: Bitte, liebe Kreative, setzt weder das Original von Leonard Cohen noch irgendein Cover davon ein. Am besten für immer. Andernfalls dürfte dieser Song im Filmlexikon bald als Erklärung für das Wort „ausgelutscht“ verwendet werden. Bei aller Kritik muss ich aber trotzdem zugeben, dass beinahe sämtliche Montagen - vor allem die gemeinsame Geburtstagsparty und die Orgie - bei mir wieder ein sehr wohliges, nahezu weihnachtliches Gefühl hervorgerufen haben.
Eines muss man Straczynski und den Wachowskis nämlich lassen: Sie haben ein fantastisches Gespür für die richtige Inszenierung. Sämtliche Aufnahmen sehen abermals hinreißend aus, die Actionszenen sind hervorragend choreografiert und die Chemie zwischen den Darstellern könnte kaum besser sein. Sense8 ist oftmals prätentiös, viel zu offensichtlich und trägt sein blutendes Idealistenherz allzu häufig auf der Zunge, aber wenn diese Figuren sich gegenseitig aus einer misslichen Situation befreien, dann erobern sie das kalte Herz dieses Kritikers im Sturm.

Bezüglich der Handlung macht die Geschichte von Lito (Miguel Angel Silvestre) die größten Fortschritte. Nachdem das Bild einer stürmischen Liebesnacht mit seinem heimlichen Lover Hernando (Alfonso Herrera) veröffentlicht wurde, outet er sich zwangsläufig und beschließt, nicht länger vor seiner wahren Identität zu flüchten. Unterstützung bekommt er dabei nicht nur von den übrigen Sensates und seiner Mama, sondern auch von der gutmütigen Daniela (Erendira Ibarra), die das gestrandete Liebespaar gerne bei sich aufnimmt.
Faces change but not the heart
Bad Boy Wolfgang (Max Riemelt) setzt derweil sein Abtauchen in die Berliner Unterwelt fort, wobei vor allem sein aus dem Koma erwachter Kumpel Felix (Max Mauff) der neuen Annehmlichkeitsfülle erliegt. Wolfgangs Gedanken kreisen stattdessen weiterhin um seine Beinahefreundin Kala (Tina Desai), die ihrerseits nicht ganz loslassen kann, aber trotzdem versucht, ihrem neuen Ehemann zu gefallen. Mit Rat zur Seite steht ihr dabei die inhaftierte Sun (Doona Bae), die sich mehrmals darüber echauffieren darf, welch großes Unrecht ihr widerfahren ist.
Erfreulich ist dabei ihr wachsendes Gefallen an den Interaktionen mit den Sensates, das vor allem bei ihren Treffen mit Capheus (nach dem Ausstieg von Aml Ameen neu besetzt mit Toby Onwumere, was natürlich mit einem Metawitz versehen ist) zutage tritt. Vorrangig spielt sie aber weiterhin die Rolle von badass Numero zwei, neben Wolfgang. Am stärksten in Kontakt mit der serieneigenen, selten viel Sinn ergebenden Mythologie um cluster und hunters und prisoners stehen die einzigen beiden physisch verbundenen Sensates Will (Brian J. Smith) und Riley (Tuppence Middleton), die sich immer wieder Heroin spritzen müssen, um ihrem Häscher Mr. Whispers (Terrence Mann) zu entkommen. (What?)
Auf der Flucht befindet sich weiterhin auch Nomi (Jamie Clayton), die es ihren Hackerkenntnissen zu verdanken hat, dass sie den Kontakt zu ihrer Freundin Amanita (Freema Agyeman) nicht abbrechen muss. Eine besonders rührende Szene ereignet sich in ihrem Handlungsbogen mit Hackerkumpel Bug (Michael X. Sommers), der zunächst davon schwafelt, Weihnachten mit seiner Onlinecommunity verbringen zu wollen, um dann in Tränen auszubrechen, als er von Nomi und Amanita zu deren Weihnachtsfest eingeladen wird.
Ebenjenes ist dann unterlegt von „Hallelujah“, was abermals belegt, wie nah Sense8 an der Grenze von genuiner Emotion und romantischem Kitsch wandelt. Das kann man lieben, hassen oder einfach nur okay finden. Nur eines muss man nicht: sich darüber aufregen. „This is the 21st century, people. Get over it!“
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 23. Dezember 2016Sense8 1x13 Trailer
(Sense8 1x13)
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