Selfie 1x01

Selfie 1x01

Kann Sulu Amy Pond von ihrer Egomanie kurieren? In der neuen ABC-Comedyserie Selfie spielt Karen Gillan eine um sich selbst kreisende Social-Media-SĂŒchtige, die von John Cho auf den Boden des sozialen Menschseins zurĂŒckgeholt wird.

Karen Gillan und John Cho sind die Hauptdarsteller in „Selfie“ / (c) ABC
Karen Gillan und John Cho sind die Hauptdarsteller in „Selfie“ / (c) ABC
© aren Gillan und John Cho sind die Hauptdarsteller in „Selfie“ / (c) ABC

Das passiert im Pilot von Selfie:

In Eliza Dooleys (Karen Gillan) Leben dreht sich alles nur um sie selbst: die erfolgreiche Pharmavertreterin ist ein Social-Media-Star mit Abertausenden von Followern, die sie dank einer geschickten (und hochgradig sexualisierten) Selbstinszenierung gewonnen hat. Doch das alles ist nur Fassade. Als sie sich wĂ€hrend eines Betriebsausflugs zum Gespött der gesamten Belegschaft macht, weil sie sich a) ahnungslos in eine AffĂ€re mit einem verheirateten Kollegen gestĂŒrzt hat und b) an Bord des Flugzeugs schließlich auch noch ihr Innerstes nach Außen kehrt, da merkt Eliza, dass Facebook-Freunde kein Ersatz fĂŒr richtige Freunde sind.

Bei einem Meeting in ihrer Firma lernt sie den Marketing-Spezialisten Henry (John Cho) kennen, dem soeben erst das KunststĂŒck geglĂŒckt ist, ein Kinder-Nasenspray, welches angeblich satanische Halluzinationen verursacht, in neuer Form wieder erfolgreich auf den Markt zu werfen. Eliza glaubt, dass Henry das Gleiche auch mit ihr machen könnte. Ein bisschen Social Rebranding sozusagen. Henry ist von dieser Idee zunĂ€chst ganz und gar nicht angetan: er kann Eliza und ihren steten Drang nach unverdienter Anerkennung nicht ausstehen. Henry ist ein gewissenhaftes Arbeitstier, werteorientiert und in seinem Sozialverhalten konservativ. Echte Freundschaften sind ihm wichtiger als digitale; sehr viele scheint er davon allerdings auch nicht zu haben.

Seine Ablehnung weicht aber schließlich der Neugier: Kann er tatsĂ€chlich aus der egomanischen Social-Media-SĂŒchtigen eine respektable, mitfĂŒhlende Frau machen, die nicht nur in Hashtags spricht?

Pygmalion

Pygmalion“, „My Fair Lady“, „Educating Rita“, „Pretty Woman“ - die Geschichte von dem Mann, welcher einer Frau Kultur und Manieren beibringt, ist bereits oft erzĂ€hlt worden. Selfie geht dabei sogar explizit auf George Bernard Shaws „Pygmalion“ zurĂŒck, was sich etwa an den Namen ablesen lĂ€sst. Bei Shaw war Eliza Dooley allerdings noch eine BlumenverkĂ€uferin und Henry ein Sprachwissenschaftler.

Außengeleitet

Gender-Theoretiker werden angesichts dieser Serie sehr wahrscheinlich die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammenschlagen: Hier die Frau, die als defekt gezeichnet wird, dort der Mann, der sie erst nach seinen Vorstellungen formen muss, damit sie gesellschaftstauglich wird. Das riecht nach ĂŒbelsten Geschlechter-Stereotypen, woran auch die Tatsache nichts Ă€ndert, dass Selfie aus der Feder der Suburgatory-Schöperin Emily Kapnek stammt.

Und ja, natĂŒrlich entgeht einem auch nicht die inhĂ€rente Ironie des Stoffes, dass Eliza, die ja eigentlich schon ohnehin viel zu sehr außengeleitet (mit Blick darauf, was andere von ihr denken) agiert, ihr Heil nun in der aktiven Außenleitung durch Henry sucht.

Das sind durchaus viable EinwÀnde gegen Selfie, gegen die sich nur wenig sagen lÀsst. Trotzdem hat mir der Pilot irgendwie gefallen.

Der EinzelgÀnger

Vielleicht habe ich den inneren Chauvinisten in mir entdeckt (ich hoffe nicht). Vielleicht habe ich aber auch zu viele RTL-Serien gesehen, in denen wohlmeinende Psychologinnen die MĂ€nner nach ihren WĂŒnschen zu formen versuchen (so dass mir nun das umgekehrte Szenario wiederum okay erscheint). Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Selfie gar nicht so eindimensional gestrickt ist (die meisten Bearbeitungen des Stoffes zuvor ĂŒbrigens auch nicht).

Henry ist mindestens genau so sehr „beschĂ€digt“ wie Eliza. Sein EinzelgĂ€ngertum fĂ€llt nicht nur seinen Kollegen, sondern auch seinem Chef Sam Saperstein (David Harewood, Homeland) als „seltsam“ auf. Henry hat eine VerĂ€nderung seiner stocksteifen Einstellung eben so nötig wie umgekehrt Eliza eine VerĂ€nderung ihrer selbstverliebten Social-Media-Manie. Beide Figuren scheinen einander zu brauchen, um der jeweils anderen einen Schubs zu versetzen, was nicht die schlechteste erzĂ€hlerische Grundlage fĂŒr eine Serie ist.

Better Off Ted Reloaded

Nicht alle Szenen und Elemente des Piloten funktionieren gleichermaßen gut: Der Auftakt im Flugzeug mit dieser etwas wirr zusammengeschusterten Kombination aus Mini-Beziehungsdrama und KotztĂŒten-Unfall sorgt eher fĂŒr Stirnrunzeln als GelĂ€chter. Und Elizas Nachbarins (Allyn Rachel) - samt singendem Buchclub - ist ebenfalls noch etwas gewöhnungsbedĂŒrftig. Grandios sind dagegen die Szenen mit Pharma-Chef Sam, der mit seinem Team geradewegs der leider viel zu kurzlebigen ABC-Comedy Better off Ted entsprungen zu sein scheint.

Geek Alarm

Das grĂ¶ĂŸte Plus von Selfie sind allerdings die beiden Hauptdarsteller Karen Gillan und John Cho, die beide von Beginn an wunderbar miteinander harmonieren. Sie entfalten die berĂŒhmte Chemie, ohne jedoch von vornherein wie das fĂŒreinander bestimmte Traumpaar zu erscheinen. Ich habe nach Ansicht des Piloten große Lust, den beiden weiter zuzuschauen, ohne dass ich sie jedoch in ihren Rollen unbedingt als (zukĂŒnftiges) Liebespaar sehen mĂŒsste.

DarĂŒber hinaus ist die Besetzungskombination natĂŒrlich der reinste Traum fĂŒr Freunde des SciFi-Genres: Gillan, die zuvor in Doctor Who mitgespielt hat (und als Eliza so ein bisschen an Model-Amy aus Asylum of the Daleks erinnert), und Cho, der in den aktuellen „Star Trek“-Filmen den Steuermann Hikaru Sulu spielt. Das lĂ€sst Crossover-Fantasien (fast) wahr werden. Und als wĂ€re das nicht schon genug, gibt es im Pilot auch ganz offen Anspielungen an Doctor Who. Erst trĂ€gt John Cho eine Fliege, die direkt aus der Garderobe von Matt Smith stammen könnte. Dann legt ihm seine SekretĂ€rin auch noch eine Studie auf den Schreibtisch, deren Verfasser Mr. Smith höchstpersönlich zu sein scheint:

Der ehemalige „Doctor Who“-Hauptdarsteller scheint sich nebenher noch als Journalist zu betĂ€tigen...
Der ehemalige „Doctor Who“-Hauptdarsteller scheint sich nebenher noch als Journalist zu betĂ€tigen... - © ABC

Jetzt brÀuchte ich in den kommenden Episoden nur noch ein Fez - und alles wÀre in Ordnung.

Fazit

Selfie ist sicherlich nicht die Neuerfindung der Comedy. Aber es ist doch - bei allen Pilot-Holprigkeiten - ein amĂŒsantes StĂŒck Fernsehen, dem ich allein schon in meiner Eigenschaft als Star Trek- und Doctor Who-Fan auf jeden Fall noch eine weitere Chance geben werde.

Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 1. Oktober 2014

Selfie 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Selfie 1x01)
Titel der Episode im Original
Pilot
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 30. September 2014 (ABC)
Regisseur
Julie Anne Robinson

Schauspieler in der Episode Selfie 1x01

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?