
Secrets & Lies ist eine sechsteilige australische Serie, die von ABC für den US-Markt adaptiert wird. Allerdings sind sowohl die Umstände bei der Entstehung als auch das Vorhaben der Macher etwas ungewöhnlich. Der Schöpfer der Serie Stephen Irwin absolvierte wie fast jeden Tag seine Laufrunde in den Brisbane-Wäldern als ihm plötzlich die - man könnte meinen - nicht so originelle Idee kam: „What if I came across a body here on the track. What would happen? Would I end up being accused?“
Weniger als zwei Jahre später startete Channel Ten Secrets & Lies, die Serie über einen Mann, der beim Joggen eine Leichen im Wald entdeckt. ABC produziert die zehnteilige US-Version mit Ryan Phillippe und Juliette Lewis in den Hauptrollen. Aber zurück zu Stephen Irwin. Man würde denken, dass er ein erfahrener und bekannter Drehbuchautor war, um das Projekt so schnell zu realisieren. Weit gefehlt - Irwin hat nie eine TV-Serie geschrieben und ist in der Branche ein unbeschriebenes Blatt. Allerdings hat er schon Bücher veröffentlicht, an Dokumentationen für die SBS mitgewirkt und Raymond Chandler („Philip Marlowe“) gelesen.
Er konnte die Produktionsfirma Hoodlum, die sich auf das Angebot von Multiplattform-Content spezialisiert hat, von seiner Idee überzeugen. Hoodlum hatte auch keine Erfahrung mit TV-Produktionen, aber sie pitchten die Idee als eine Multi-Plattform-Serie, die über mehrere sekundäre Geräte von den Zuschauern verfolgt und sogar mitgestaltet werden kann. Dem Sender gefiel vor allem die Multitasking-Story, denn laut Studien sollen zwei Drittel der Australier beim Fernsehen von ihren Laptops, Tablets und Smartphones Gebrauch machen.
Einer der Produzenten beschreibt es so: „We pitched it from the outset as a multi-platform series. Because it's a whodunit and a whydunit, we plotted out all the story beats on a whiteboard and we carved them up, and we said: This is the part that's going to drive them to the TV episode, and this will drive them to the webisode, and that will drive them to Facebook and this we can do on Zeebox. But the bottom line is that it's a cracker of a script.“
Nach der Sichtung des Piloten kann man diesen letzten Satz schwer bejahen, denn Secrets & Lies ist alles andere als außergewöhnlich. Twin Peaks mit ein bisschen „Blue Velvet“ in einem australischen Vorort - das ist ungefähr die Prämisse der Serie. Es ist die Inszenierung, die den Blick hineinzieht. David Malouf, einer der bekanntesten lebenden australischen Autoren beschreibt Brisbane's Blackwood Crescent, wo die fiktionale Handlung von „Secrets & Lies“ stattfindet, folgendermaßen: „The sky produces effects of light and cloud that are, to more sober eyes, almost vulgarly picturesque. You are soon aware here of a kind of moisture in the air that makes nature a force that isn't easily domesticated - everything grows too fast, too tall, it gets quickly out of control.“
Genau das geschieht mit dem Anstreicher Ben Gundelach (Martin Henderson) - alles gerät außer Kontrolle, nachdem er beim Joggen den toten Nachbarsjungen Thom findet. In dieser Anfangssequenz schafft es die Serie genau David Maloufs Worte zum Ausdruck zu bringen. Wir haben viele Details dieser Natur - kleine Blüten, Blätter, Spinnweben und Insekten, Würmer, die sich durch das satte Grün schlängeln. Alles ist leise, zu leise. Erstaunlicherweise schafft es die Serie trotz der traumatischen Ereignisse ohne Hysterie oder ausschweifende Gefühlsausbrüche dem Zuschauer den Schauder und den Schock nahe zu legen. Alles ist wie gelähmt. Vielleicht ergibt sich dieses Gefühl der Lähmung wegen unserer Hauptfigur, die wie in Trance in die Gegend starrt. Liegt es an der Performance des Schauspielers oder ist es ein Hinweis darauf, dass Ben Geheimnisse hat.
Man könnte denken, keiner hätte mitbekommen, was gerade passiert ist. Aber weit gefehlt - alle haben es mitbekommen und da die Polizei keine Hinweise und Beweise hat, fällt schnell der Verdacht auf Ben und die Ereignisse nehmen lawinenartig ihren Lauf. Der getötete Junge lebte mit seiner Mutter Jess Murnane (Adrienne Pickering) gegenüber den Gundelachs. Jess' Mann ist als Soldat im Einsatz in Afghanistan und sie scheint mehr zu wissen, als sie zunächst sagt. Als sie am Ende der Episode auf Ben trifft, sagt sie ihm, dass sie glaubt, er hätte es nicht getan. Er ist erstaunt: Warum? Jess: „Weil ich weiß, wer Thom getötet hat...“
An diesem Punkt endet die Episode und damit eröffnet sich die Suche nach versteckten Geheimnissen, von welchen man in Vororten immer genug finden kann. Für die Ungeduldigen und diejenigen, die bei der Untersuchung mitmachen wollen, gibt es immer Updates auf secretsandlies.tv. Ansonsten muss man sich durch das giftige Grün der Bilder und die - wie die Produzenten versprochen haben - überall liegenden „red herrings“ durchkämpfen und für sich entscheiden, ob es das australische Twin Peaks werden kann oder nicht...
Serientrailer zu „Secrets & Lies“: