Scandal 1x01

Scandal 1x01

Weißes Haus statt weiße Kittel: Shonda Rhimes, die Erfinderin von Grey's Anatomy, wechselt mit Scandal das Genre: die Serie handelt von einem Team von Krisenmanagern, die politische Skandale abwenden. In Sachen Liebeswirren bleibt sich Rhimes aber treu.

Henry Ian Cusick und Kerry Washington in „Scandal“ / (c) ABC
Henry Ian Cusick und Kerry Washington in „Scandal“ / (c) ABC

Olivia Pope (Kerry Washington) und ihr Team (Henry Ian Cusick, Darby Stanchfield, Columbus Short, Katie Lowes und Guillermo Diaz) sind Krisenmanager in Washington. Sie lösen Probleme jeder Art. Ob es darum geht, das entführte Baby des polnischen Botschafters wiederzubeschaffen, oder politische Skandale zu verhindern. Als eines Abends ein hochdekorierter Kriegsheld (Wes Brown) in ihrem Büro auftaucht, der von der Polizei verdächtigt wird, seine Freundin ermordet zu haben, kümmern sie sich auch darum. Es geht ihnen nicht darum, den Fall zu lösen. Es geht ihnen darum, sicherzustellen, dass ihr Klient aus der Sache herauskommt, ohne in seinem öffentlichen Ansehen Schaden zu nehmen. Sollte sich dabei der Beweis erbringen lassen, dass er tatsächlich unschuldig ist - umso besser!

Früher hat Olivia für das Weiße Haus gearbeitet, sich dann jedoch selbstständig gemacht. Als Präsident Grant (Tony Goldwyn) ihre Hilfe braucht, ist sie jedoch umgehend zur Stelle: Eine junge Angestellte des Weißen Hauses behauptet, dass der Präsident mit ihr eine Affäre habe. Noch hat sie nicht mit der Presse gesprochen. Doch Grant fürchtet, dass das nur eine Frage der Zeit ist. Er schwört, dass er nichts mit der Frau hatte. Olivias Bauchgefühl sagt ihr, dass er die Wahrheit sagt. Aber sollte sie sich wirklich und immer auf ihr Bauchgefühl verlassen?

Die Pilotepisode von Scandal hat ein Problem - und das ist der Plot rund um den des Mordes verdächtigen Soldaten. So sehr die Figuren auch beteuern, dass es nicht darum geht, den Fall zu lösen. Für den Zuschauer sieht es - insbesondere während der ersten 20 Minuten - so aus, als ob sie genau das tun. Indizien werden gesammelt, Aussagen aufgenommen; es gibt sogar eine Art murder board (Hallo, liebe Castle-Fans, vielen Dank fürs Einschalten!). Im Vorfeld versprach die Serie: Washington, große Politik, Scandal! Aber alles, was wir zunächst bekommen, ist ein durchschnittlicher 08/15-Krimi. Das ist auf eine Weise enttäuschend, dass der Rezensent die Folge nach etwa einer Viertelstunde beinahe abgeschaltet hätte. Schaut man auf die Zuschauerzahlen, so könnte einem der Verdacht kommen, dass viele US-Zuschauer genau das auch getan haben „39270“.

Auch die Auflösung des Plots kann nicht wirklich überzeugen: Zwar bekommt der Fall zum Ende hin einen sehr interessanten politischen Twist: der stramm konservative Soldat ist also schwul und war zur Tatzeit mit seinem Lover zusammen. Er weigert sich jedoch sein Alibi auch zu benutzen, weil Schwulsein seinen konservativen Wertvorstellungen zuwiderläuft und sein öffentliches Image beschädigen würde. Eine Ansprache von Olivia, in der sie darüber philosophiert, um die eigene Liebe kein Geheimnis machen zu müssen, reicht jedoch aus, um ihn davon zu überzeugen, sich im nächsten Moment in Uniform out and proud vor die Presse zu stellen.

Es wäre schön, wenn das so leicht wäre. Leider wirkt das Ende - insbesondere auf dem Hintergrund der aktuellen Stimmung im konservativen Lager der Vereinigten Staaten - mehr wie ein liberaler Wunschtraum, denn eine realistische Möglichkeit. Shonda Rhimes unterschätzt hier doch erheblich die Wirkmacht der Ideologie. Dass der conservative poster boy eher für einen Mord, den er nicht begangen hat, ins Gefängnis geht, statt sich zu seiner wahren Identität zu bekennen, wäre wohl der glaubwürdigere Schluss gewesen.

Wesentlich besser gelungen ist der Plot rund um den Präsidenten und dessen außereheliche Affäre, was zunächst nur als B-Plot eingeführt wird, in der zweiten Hälfte der Folge jedoch größeren Raum einnimmt. Hier findet die Serie endlich zu sich selbst: Olivia zerreißt die Angestellte geradezu in der Luft - und treibt sie zum Suizid-Versuch, nur um schließlich herauszufinden, dass die Frau die Wahrheit gesagt hat. Eine Tatsache, die ihrem sonst vermeintlich untrüglichen Bauchgefühl deshalb entgangen ist, weil sie selbst einst eine Affäre mit dem Präsidenten hatte. Und dieser ist immer noch scharf auf sie.

Das ist die Art von wendungsreichem und durchaus packendem Drama, das man von einer Serie namens Scandal erwarten können sollte. Vor allem der Cliffhanger macht durchaus Lust auf mehr: Olivia hat also die Angestellte jetzt als Klientin unter ihre Fittiche genommen, was mit anderen Worten bedeutet, dass sie sich mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten anlegt. Na, das nennt man doch mal einen Konflikt, der es in sich hat! Zumal Olivia, anders ist die Szene im Oval Office kaum zu deuten, über ihre eigenen Gefühle für den POTUS noch längst nicht ganz hinweg ist.

Kerry Washington gibt eine überzeugende Krisenmanagerin ab - voller Tatkraft, Selbstvertrauen und der nötigen Portion Arroganz und Rücksichtslosigkeit. Die anderen Figuren bleiben dagegen noch etwas blass. Okay, da ist die Neue (wie in so vielen Piloten), die im Grunde erst mal nur dazu da ist, dass die anderen ihr erklären können, was überhaupt vor sich geht. Ein Lost-Überlebender, der nicht weiß, ob er seiner Freundin einen Heiratsantrag machen soll - und darüber nicht bemerkt, dass eine Kollegin im Büro total in ihn verschossen ist. Der ein oder andere wird hier sicherlich die vertraute Handschrift von Mrs. Rhimes entdecken.

Fazit

Scandal wartet mit einer interessanten Prämisse und einer starken Hauptfigur auf. Der sich abzeichnende fortlaufende Handlungsstrang verspricht spannend zu werden. Leider schwächelt der Pilot beim Fall-der-Woche, was der gesamten Episode abträglich ist.

Verfasser: Christian Junklewitz am Samstag, 7. April 2012
Episode
Staffel 1, Episode 1
(Scandal 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Gladiatoren im Anzug
Titel der Episode im Original
Sweet Baby
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 5. April 2012 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 14. Oktober 2013
Autor
Shonda Rhimes
Regisseur
Paul McGuigan

Schauspieler in der Episode Scandal 1x01

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