Rizzoli & Isles 1x07

Soziale Differenzen sind schon immer ein Thema von Hollywood gewesen: Meist jedoch in der Form der Aufstiegsgeschichte - der Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär in seinen unterschiedlichen Variationen. Die Tatsache, dass es Unterschiede zwischen Arm und Reich gibt, wurde dabei praktisch nicht in Frage gestellt. Es ging halt meist nur darum, dass man auf der richtigen Seite dieser Differenz steht.
Auch wenn die Reichen - wie zum Beispiel J.R. in Dallas (2012) - als skrupellos gezeigt wurden, so galt ihr Reichtum prinzipiell nicht als unverdient. Nur selten thematisieren US-Serien ernsthaft die Konflikte, die aus sozialen Differenzen entstehen: In den Sinn kommen einem dabei vor allem Veronica Mars und Dirty Sexy Money (wobei es in letzterer mehr um die Verführungskraft des Geldes ging).
Entsprechend verblüfft sein kann man von Money for Nothing, der Episode von Rizzoli & Isles vom vergangenen Montag: In einer bislang ungekannten Offenheit und Härte wurde darin das gesellschaftliche Oben und Unten in eine Konfrontation zueinander gesetzt.
Der Plot: Adam Fairfield, Sprößling einer alteingesessenen Bostoner Milliardärsfamilie, wird tot aufgefunden. Die genaue Todesursache kann auf Anhieb nicht ermittelt werden. Und die Angehörigen zeigen sich nicht gerade mit den Ermittlungen von Jane Rizzoli (Angie Harmon) kooperativ. Über ihren Anwalt lassen sie mitteilen, dass die Polizistin ihre Fragen ja schriftlich einreichen kann. Das reicht Rizzoli aber nicht.
Sie hofft, über ihre gute Freundin, die Gerichtsmedizinerin Maura Isles (Sasha Alexander) Zugang zur Familie zu erhalten, denn Maura war mit dem Bruder des Verstorbenen eine Zeitlang liiert. Doch eine große Hilfe ist Maura gerade nicht. Was, wie Jane glaubt, damit zu tun hat, dass sie aus eben jener Schicht der besseren Familien stammt. Und damit stellt sich für Jane die Frage: Auf welcher Seite steht Maura überhaupt?
„Auf welcher Seite stehst Du eigentlich?“ - gleich mehrfach kommt diese Frage in Money for Nothing auf. In bemerkenswerter Schärfe zieht das Drehbuch von Dave Caplan und Joel Fields eine Trennlinie zwischen denen, die sozial oben und denen die unten stehen. In der Szene am Hafen wird das sogar visuell deutlich, als Rizzoli und die Beamten der Küstenwache immer wieder zu dem Anwalt der Fairfields hinaufblicken.
Wenn diese Folge eines transportiert, dann ein Bewusstsein für soziale Ungleichheit, die keineswegs auf den überragenden Leistungen der Bessergestellten beruht: Gemacht haben die Fairfields ihr Vermögen ursprünglich unter anderem mit ihren Geschäften aus der Sklaverei. Als Maura auf die großen Verdienste verweist, die sie sich beim Aufbau der Stadt Boston erworben haben, erwidert Jane: „Mein Großvater war Stahlarbeiter. ER hat die Stadt gebaut.“ Stück um Stück wird der Mythos der kapitalistischen Leistungsgerechtigkeit in dieser Folge auseinandergenommen.
Selbst vor den Konsumgütern - nicht erst seit Sex and the City das goldene Kalb, über das sich der eigene Status in der Gesellschaft definiert - macht diese Dekonstruktion nicht halt: Der wahnsinnig teure Kaschmirpullover ist in Wahrheit nur von minderer Qualität - und Indiz dafür, dass es um die Modefirma von Mauras Ex-Lover nicht zum Besten steht.
Am Ende wird genau dieser (gespielt von Mark-Paul Gosselaar) natürlich auch des Mordes überführt.
Keine Frage: Die Auflösung ist nicht wirklich überraschend - und einige Passagen der Handlung kommen arg holzschnittartig daher. Das wirklich Spannende an der Folge ist aber auch gar nicht so sehr der Krimi, sondern viel eher die Auseinandersetzung, die Jane und Maura miteinander austragen. Bezogen auf die narrative Ebene findet damit eine erste wirklich ernsthafte Feuerprobe ihrer Freundschaft statt.
Darüber hinaus ist die Episode aber vor allem als Indikator für einen möglichen Mentalitätswandel in den USA von Interesse. Die Oberen Zehntausend, die Schicht der Reichen und Besserverdienenden - sie scheint offenbar nicht mehr so erstrebenswert zu sein. Im Gegenteil: Man wendet sich von ihr ab. So wie Maura, die sich dafür entschieden hat, Gerichtsmedizinerin zu sein, um etwas Sinnvolles zu tun. Und die am Ende Bier statt Wein trinkt - als sichtbarer Ausdruck der Seite, die sie gewählt hat.
Wer darin möglicherweise ein Resultat der Banken- und Wirtschaftskrise sieht, aus der die Reichen reicher denn je hervorgegangen sind, mag damit gar nicht einmal so verkehrt liegen.
Es ist auf jeden Fall bezeichnend, dass eine auf ein Massenpublikum abzielende Krimiserie ein derartiges Thema auf diese Weise aufgreift. Und damit enormen Erfolg verbucht: Am Montag kam Rizzoli & Isles auf mehr als 7,4 Millionen Zuschauer - und hat damit nicht nur einmal mehr (wenn auch knapp) The Closer übertrumpft, sondern auch gleichzeitig den Titel als erfolgreichster Kabel-Neustart dieses Sommers verteidigt.
Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 11. August 2010(Rizzoli & Isles 1x07)
Schauspieler in der Episode Rizzoli & Isles 1x07
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