Resident Evil: Willkommen in Raccoon City - Review der Pilotepisode

© zenenfoto aus der Episode Willkommen in Raccoon City der Serie Resident Evil, die bei Netflix streambar ist. (c) Netflix/Constantin
Was passiert?
Erster Handlungsstrang
2022: Albert Wesker (Lance Reddick, Fringe) ist ein genialer Wissenschaftler, der für den skrupellosen Weltkonzern Umbrella arbeitet. Gemeinsam mit seinen Töchtern Jade (Ella Balinska, „Athena“). Und Billie (Siena Agudong, „Fast & Furious 9“) lebt und wirkt er in New Raccoon City. Doch Weskers neu erfundenes Medikament Joy hat ungeahnte Nebenwirkungen, die Billie während eines Einbruchs ins Forschungslabor des Unternehmens drastisch zu spüren bekommt. Als sie Fotos von gequälten Tieren machen will, öffnet sie versehentlich einen Käfig, in dem ein Monsterhund eingesperrt war, der sie nun angreift und beißt.
Jade gelingt es, sie zu retten. Bald findet sie aber heraus, dass es in Tijuana während einer Versuchsreihe zu einem unfassbaren Zwischenfall kam. Ein von einem ähnlichen Tier gebissener Umbrella-Mitarbeiter mutierte zu einem Zombie-artigen Wesen, das Menschen anfiel und bei lebendigem Leibe auffraß. Als Billie Symptome zeigt, wird klar, dass Alberts Forschungen nicht nur gefährlich sind, sondern das Ende der Menschheit einläuten könnten.

Zweiter Handlungsstrang
14 Jahre später schlägt sich Jade durch eine Welt, in der 300 Millionen Überlebende mehr als sechs Milliarden Infizierter Halb-Zombies gegenüberstehen. Verzweifelt versucht sie zu erforschen, ob das T-Virus, das die Apokalypse ausgelöst hat, schwächer wird und es vielleicht noch ein hoffnungsvolles Morgen gibt. Doch Jade muss sich nicht nur mit Menschenfressern herumschlagen, sondern auch mit Umbrella, die die junge Frau erbarmungslos jagen.

Ja, was denn nun?
Wer den neusten Ableger des Resident Evil-Franchise irgendwo im Wust der riesigen Spiele- oder Filmwelt einordnen möchte, muss sich schon große Mühe geben. Zehn Hauptspiele, 17 Spin-off-Games verteilt über sämtliche Konsolen und Plattformen, eine sechsteilige Realfilmreihe mit Milla Jovovich in der Hauptrolle, ein gescheiterter Reboot-Versuch 2021, eine Animeserie beim Streamingdienst Netflix sowie inzwischen bereits vier Animationsfilme: Das ist schon harter Tobak, um sich zurechtzufinden.
Ein großer Vorteil ist, dass sich Realfilme, Animation und Spiele getrennt voneinander lesen lassen, da zwar immer wieder Elemente aus dem Kerngeschäft Game auftauchen, die Verfilmungen an sich aber eigene Handlungsstränge angehen. Im Fall der Netflix-Show fällt es allerdings auch dem Kenner nicht leicht herauszufinden, wo sich die Serie den nun genau einreihen will. Die Hauptfiguren Albert Wesker (der nebenbei erwähnt so gar nichts mehr mit dem wohlbekannten Erzbösewicht zu tun hat) und seine Töchter leben in einem idyllischen Örtchen namens New Raccoon City, was impliziert, dass die ursprüngliche US-Stadt tatsächlich ausgelöscht wurde.
Das würde bedeuten, dass die Serie mindestens nach dem dritten Spieleteil „Nemesis“ ansetzen würde. Doch da gibt es ein Problem: Erstens existiert Umbrella dann im Jahr 2022 nicht mehr und zweitens wäre Albert Wesker seit 2009 („Resident Evil 5“) tot. Nimmt man indes die Filme als Grundlage, hätte der Fiesling nicht nur 2016 sein Leben ausgehaucht, die Welt wäre zudem ein trister Ort, auf dem sich immer noch eine riesige Anzahl Monster und Zombies tummeln würde. Wenn aber, um die dritte Option zu nennen, „Resident Evil“ ein Reboot anstrebt, gibt es keine Veranlassung für ein neues Raccoon City. Wie man es also dreht und wendet: Die Prämisse, die Constantin Television dem Fan zu verkaufen versucht, passt vorne und hinten nicht.
Luft nach oben

Selbst, wenn man von dem oben dargelegten Verwirrspiel absieht und die Staffel als vollkommen eigenständiges Werk betrachtet, hinkt es dennoch an allen Ecken und Enden gewaltig. Zunächst ist die Erzählweise auf zwei Ebenen, die einerseits in einer postapokalyptischen nahen Zukunft und andererseits in der Jetztzeit angesiedelt sind, unglücklich gewählt. Der erste Handlungsbogen ergibt in sich halbwegs Sinn und lädt sogar trotz einiger kleiner Längen zum Weiterschauen ein. Inszenatorisch gibt es allerdings durchaus Luft nach oben.
Die schauspielerischen Leistungen wissen ja noch zu gefallen. Vor allem Lance Reddick führt seine ganze Routine ins Feld und zeigt uns einen fürsorgenden Vater, der aber offensichtlich ein Geheimnis hütet. Problematisch ist hingegen die teilweise recht seelenlose Atmosphäre, die das Umfeld der Weskers steril und kühl wirken lässt. Hinzu kommt, dass die spannendste Entwicklung des Serienbeginns, der Angriff des Monsterhundes auf Billie Wesker nämlich, in Sachen Glaubwürdigkeit aufgrund der mittelmäßigen CGI halbwegs in die Hose geht. Überhaupt wirkt die Serie insgesamt so, als hätte es hier und da an einem angemessenen Budget für so ein prominentes Projekt gemangelt.
Zombiegedöns

Wenn die Serie ins Jahr 2036 schwenkt, macht sich das offensichtlich fehlende Geld sogar noch stärker bemerkbar. Die Sets wirken generisch und möglichst kostengünstig gebaut, das Make-up und die Maske der Infizierten wenig inspiriert und die präsentierte Action wie aus der Retorte. Dasselbe gilt für die CGI. In einer Szene wird die Heldin der Show Jade von einem riesigen mutierten Wurm angegriffen, der direkt einem Computerspiel aus dem Jahre 2012 entsprungen scheint, um es überspitzt zu formulieren. Für einen so großen Namen wie Resident Evil, mit dem man zu Recht eine gewisse Erwartungshaltung verknüpft, ist das einfach nicht genug.
Das gesamte Szenario fühlt sich schlicht zu wenig bedrohlich und zu wenig nach Horror an. Der Handlungsstrang des Jahres 2022 tut dies auch nicht, erzeugt jedoch im Gegenzug, zumindest Spannung. Die Zukunft bietet aber bisher nicht viel mehr als eine Protagonistin, die vor einer Horde Mittelmaß-Zombies, leidlich animierten Monstern und den Soldaten der Umbrella Corporation flieht, deren Rüstungen irgendwie an die Spielereihe „Fallout“ erinnern.
Fazit

Als alteingesessener Fan der Computerspiele ist Resident Evil bislang eine große Enttäuschung und auch als Kenner der Filme wird man wohl kaum glücklich mit dieser Neuinterpretation. Sicherlich, die Spiele haben spätestens ab dem fünften Teil ebenfalls ihre kleinen Macken, die von Paul W. S. Anderson geschriebenen und gemeinsam mit Bernd Eichinger produzierten Filme erst recht. Dennoch ist der Rezensent in all den Jahren seit 1997, die er in der Welt von Jill Valentine, Albert Wesker oder Alice verbrachte, niemals an den Punkt gekommen, an dem er das Handtuch werfen wollte. So weit wird es auch im Falle der neuen Netflix-Serie und ihrer Season nicht kommen, denn die Hoffnung stirbt bekanntermaßen erst nach Nemesis und dem Executioner.
Resident Evil: Trailer zur Netflix-Serie
Hier abschließend der Originaltrailer zur Serie „Resident Evil“, die über Netflix zum Streamen verfügbar ist: