Die australische Serie Reef Doctors schildert in harmonischen Tönen den Alltag einer Ärztin in einer abgelegenen Inselgegend. Das neue Format ist allerdings immer dann am besten, wenn gerade keiner der Schauspieler zu sehen ist.

Die Ärztin Sam Stewart (Lisa McCune) arbeitet in der Serie „Reef Doctors“ in einer abgelegenen Klinik. / (c) TEN
Die Ärztin Sam Stewart (Lisa McCune) arbeitet in der Serie „Reef Doctors“ in einer abgelegenen Klinik. / (c) TEN

I am a medicine woman. I know the sparks are gonne fly...“ dudelt es im Titelsong der neuen Serie vom australischen Sender TEN vor sich hin. Doch leider springt dieser Funke in Reef Doctors nicht wirklich über.

Ärztin aus Leidenschaft

Die Serie zeigt den Arbeitsalltag von Dr. Sam Stewart (Lisa McCune), die mit ihren Arztkollegen und ihrem Teenagersohn Jack (Justin Holborow) auf einer abgelegenen Insel inmitten der berühmten Korallenriffe Queenslands lebt und arbeitet. Vielleicht hätte der Serienproduzent Jonathan M. Shiff doch lieber bei seinen Kinderserien (H:2O Just Add Water, Ocean Girl) bleiben sollen - denn sein neues Format, das vom ZDF mit produziert wurde, hält wenig positive Überraschungen bereit und ist so substanzarm wie eine durchschnittliche Qualle.

Entschärfte Spannung

Die musikalische Untermalung der ersten Szene von Reef Doctors erinnert in ihrer Actionlastigkeit ein wenig an die „Knight Rider“-Version der 80er Jahre. Leider kommt in dem Universum der Arztserie aber keinerlei Spannung auf, während Sam und ihr bäriger Kollege Gus (Andrew Ryan) mit ihrem Motorboot eine Wasserschlange verfolgen. Immerhin gibt es dabei eine ganze Reihe von hübschen Aufnahmen des giftigen Reptils in seinem natürlichen Lebensraum zu sehen. Während den Einblicken in die landschaftlichen Besonderheiten ein gewisser Zauber innewohnt, werden die menschlichen Darsteller der Serie derartig fantasielos und entschärft eingeführt, als würde man um jeden Preis verhindern wollen, die Zuschauer zu überraschen. Ein Nebel aus süßlicher Harmonie haftet allen Figuren und Begebenheiten an, die uns die Pilotepisode von „Reef Doctors“ beschert: Gus verkündet keck, Sam nicht wieder aus dem Wasser zu fischen, falls sie bei der Verfolgung der Seeschlange hineinfallen sollte.

Visuelle Reizfaktoren

Gerade als man sich wünscht, noch tiefer in die farbenfrohe Unterwasserwelt eintauchen zu können, stört eine attraktive Wassernixe den dokumentarischen Flair. Sie schwimmt ohne Taucherbrille, weswegen die deutsche Medizinstudentin Freya Klein (Susan Hoecke; „18 - Allein unter Mädchen“, „Sturm der Liebe“) von den Wundern in ihrer Umgebung zwar wenig mitbekommt, dafür aber nicht durch ein fieses Schnorchelgesicht entstellt wird. Hoecke sieht im Badeanzug zwar fabelhaft aus, doch ihr „nasse-Haare-durch-die-Luft-Geschwinge“ wäre vielleicht doch besser in einem Werbespot für Shampoo aufgehoben gewesen.

Wohin man sich auch wendet - es gibt keinerlei Ecken und Kanten. Selbst das schmutzige Geschirr, welches Sam - obwohl sie eigentlich dran ist (!) - nicht abgewaschen hat, erscheint sauber. Trotzdem wird es von der fleißigen Studentin Klein bereitwillig abgewaschen. Leider macht Hoecke, die Miss World Germany aus dem Jahr 2000, darstellerisch bei ihrem Auftritt einen derartig ungelenken Eindruck, dass man sich fragt, ob ZDF Enterprises ihre Partizipation wohl als deal-breaker-Bedingung für eine Kooperation aufgeführt haben könnte.

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Pädagogisch wertvoll?

In Reef Doctors gibt es beispielsweise etwas über die Gefahren des Tauchens zu lernen. Zudem besteht auch die Hoffnung, die faszinierende Fauna Australiens in den weiteren Episoden ein bisschen besser kennenzulernen. In Anbetracht von Sams geistreichem Satz „If we would tag every sea snake that we find, then we would get a real handle on where they all are“ sollte man seine Erwartungen in Bezug auf bahnbrechende Erkenntnisse allerdings ein wenig drosseln.

Zielgruppe

Schnell drängt sich der Verdacht auf, dass die Produzenten für Reef Doctors eine sehr spezifische Zielgruppe im Auge haben: Die Namen der Figuren werden so lange wiederholt, bis man sie sich auch wirklich merken kann. Selbst am gefährlichen Höhepunkt der medizinischen Notfälle kann man stets davon ausgehen, dass am Ende zumindest „die Guten“ mit dem Schrecken davonkommen werden, wodurch die Gefahr von Herzinfarkten und Frustration minimiert wird. Die Charaktere sind allesamt liebenswert und der Teenager Jack ist so wohlerzogen, dass er sich von seiner Mutter am frühen Morgen nicht nur wecken, sondern auch bereitwillig von ihr necken lässt. Auch die übrigen Figuren, die die malerische Insellandschaft bevölkern, wirken, als wären sie aus Plastik.

Figuren

Sams Exmann und Boss Andrew (Matt Day) fungiert nicht nur als sekundärer love interest. Der schöne Mann gibt seiner Verflossenen zudem auch die Möglichkeit, sich als tough zu profilieren, bevor sie ihre Forschungen mit den verschiedenen Giften vorantreibt, die womöglich eines Tages zur Heilung von Krebs führen werden.

Die kleine Nell (Chloe Bayliss), die auch in Sams Hope Island Clinic arbeitet, kann schon durch ihre Haare und den Unterlidstrich eindeutig dem Typ „freche Rebellin“ zugeordnet werden. Sobald man die leider nicht besonders witzige Begebenheit, dass das Mädchen einfach dreist weiterarbeitet, obwohl sie doch gefeuert worden war, verwunden hat, ist man sich schon zu 95 Prozent sicher, dass Nell irgendwann noch im Arm des Sohnes ihrer Chefin landen wird.

Der Arzt Rick (Richard Brancatisano), der in der Pilotepisode als Neuzugang in die Welt von Reef Doctors eingeführt wird, steht den übrigen Figuren in Bezug auf seinen überzeichneten, grenzenlos unnatürlichen Charakter in nichts nach. Dem Schönling wird von seinem Vorgesetzten ein kleines „Egoproblem“ attestiert, das fortan so platt wie möglich ausgebreitet wird: Rick taucht verkatert auf, hat Golfschläger dabei, lässt seine Unmengen von Gepäck von Sam tragen und fragt deren Assistentin, warum ihre Ambitionen nicht für den Job der Ärztin ausgereicht hätten. Dieses Individuum wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irgendwann unsere reinliche Landsfrau beglücken.

Sam (Lisa McCune) ist mit Gus (Andrew Ryan) auf Schlangenjagd. © TEN
Sam (Lisa McCune) ist mit Gus (Andrew Ryan) auf Schlangenjagd. © TEN

Im Dienste des Witzes

Der Realismus wird in Reef Doctors gerne dem Humor geopfert, der sich dann aber bedauerlicherweise oft als schlecht erweist: Rick soll als studierter Mediziner - der in einer Klinik arbeiten soll, die auf die örtlichen Gifttiere spezialisiert ist - noch NIE davon gehört haben, dass man Schlangen melken kann? Wie aus dem Nichts bedient sich die Serie in diesem Zusammenhang plötzlich bei CSI: Crime Scene Investigation und inszeniert den Biss des Tieres in einen Plastikbecher mit allerlei grafischen Spielereien. Die Sequenz wirkt dabei merkwürdig fehl am Platz.

Der medizinische Notfall der Pilotepisode präsentiert sich in einem Taucher, der nach einem zu schnellen Aufstieg eine Dekompressionserkrankung davongetragen hat. Obwohl ein derartiger Zwischenfall in einem malerischen Tauchgebiet wohl öfter vorkommen dürfte, müssen die reef doctors improvisieren, um das Leben des Mannes zu retten. Am Ende geht - dieses Mal - aber doch alles gut und es bietet sich zudem die Gelegenheit für Rick, ein wenig Nettigkeit unter seiner Schale des stereotypischen Widerlings hervorblitzen zu lassen.

Ein Ende ohne Schrecken

Am gemütlichen Lagerfeuer am Strand lassen die verschiedenen Charaktere von Reef Doctors Ricks ersten Tag noch einmal so kitschig Revue passieren, dass es fast eine zynische Freude darstellt. Die erschöpfte Powerfrau Sam schläft sanft auf ihrem Liegestuhl ein, während sie von ihrem love interest des Herzens (Rohan Nichol) liebevoll zugedeckt wird. Und wer unterhält sich im Schein der Flammen am angeregtesten? Der Sohn von Sam und die Rebellin mit Dreadlocks. So kommt es gleich im doppelten Sinne zu einem Happy End: Alle sind zufrieden - und die Folge ist vorbei...

Fazit

Eigentlich darf man die Pilotepisode von Reef Doctors nicht allzu hart kritisieren. Im Gegensatz zu den giftigen Kreaturen, mit denen sich die Ärzte zukünftig wohl herumschlagen werden, stellt sie keine lebensbedrohliche Gefahr für die Menschen dar. Gut, einige der Dialoge und Charakterzeichnungen tun ein wenig weh. Aber dafür gibt es in der Serie wirklich sehr schöne Bilder von der australischen Unter- und Oberwasserwelt zu sehen. Die Schauspieler bereiten zumindest den Augen keine Schmerzen. Leider sitzen sie jedoch nicht einfach herum, sondern hangeln sich teils stümperhaft durch eine Handlung, die in ihrer von jeglichen Besonderheiten befreiten Beliebigkeit so vorhersehbar wie langweilig ist.

Das Beste, was der neuen Serie in den Augen der Rezensentin passieren könnte, wäre wohl, die zwischenmenschliche Interaktion komplett aus dem Format zu streichen und sich stattdessen auf dokumentatorische Betrachtungen der Krabbel- und Schwimmtiere zu konzentrieren. Rod Mullinar, der in seiner Rolle des in die Jahre gekommenen Aussteigers Sonny Farrell einen durchaus sympathischen Eindruck macht, könnte durch das Programm führen.

Aber Schluss mit dem spöttischen Unterton. Vielleicht stellt „Reef Doctors“ für seine tatsächliche Zielgruppe, die sich bereits in der Partizipation des ZDF andeutet, angenehm unaufgeregte Unterhaltung mit der richtigen Dosis an Herzschmerz dar. Doch die Tatsache, dass die Pilotepisode in ihrem Heimatland quotentechnisch den schlechtesten Serienstart seit einer Dekade absolviert hat „50438“, spricht wohl auch ein kleines bisschen für sich...

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