
SundanceTV hat in letzter Zeit sehr vieles richtig gemacht und Serienfans mit hervorragenden Material versorgt. Zum Beispiel Rectify, das im April letzten Jahres seine Premiere feierte und im Sommer 2014 mit seiner zweiten Staffel zurückkehren wird, oder die ausgezeichnete Miniserie Top of the Lake, die unlängst zahlreiche Nominierungen für die gängigen Awards der Branche hat verbuchen können - darunter auch mehrere für Hauptdarstellerin Elisabeth Moss, die einen Golden Globe für ihre Darbietung erhielt.
Die Dramaserie The Red Road könnte jetzt also das nächste Format des amerikanischen Pay TV-Senders sein, welches stilistisch in eine ähnliche Kerbe wie seine Vorgänger schlägt. Ob es jedoch qualitativ an die beiden erstgenannten Serien heranreicht, bleibt vorerst abzuwarten. Die Auftaktepisode der sechsteilige Serie legt einen gemächlichen, aber atmosphärisch packenden Start hin. Dabei tappen wir als Zuschauer zwar eine ganze Zeit lang im Dunklen - was durchaus wortwörtlich zu verstehen ist -, doch letztendlich zeigt „The Red Road“ mit seiner Pilotfolge viel Potential. Inwiefern „The Red Road“ dieses dann abrufen und seinen hochgesteckten Ambitionen gerecht werden kann, werden die restlichen fünf Episoden erst noch zeigen müssen.
Walpole, New Jersey
Handlungsort in The Red Road ist das kleine Städtchen Walpole im US-Bundesstaat New Jersey, unweit der Weltmetropole New York. In der unmittelbarer Nähe von Walpole befinden sich die Ramapo Mountains. In diesen ist ein alter indianischer Stamm beheimatet, die Lenape, welcher von der US-Regierung als ein solcher jedoch nicht anerkannt wird. Über die Jahre haben sich die Bewohner Walpoles und die Stammesmitglieder miteinander arrangiert. Jedoch gab es in der Vergangenheit auch immer wieder Vorkomnisse, die das Verhältnis zwischen den Bürgern des Städtchen und den Ureinwohnern belasteten und für Spannungen zwischen den beiden Parteien sorgten.
Polizist Harold Jensen (Martin Henderson) versucht schon seit langem, Spannungen und Konflikte dieser Art gering zu halten. Er selbst hat mit familiären Problemen zu kämpfen, insbesondere seine Frau Jean (Julianne Nicholson) stellt sich aufgrund ihrer Instabilität als ein großer Problemfall für ihn und den Hausfrieden heraus. Hinzukommt, dass ein Vermisstenfall die Polizei von Walpole auf Trab hält. Und als wäre dies nicht genug, kehrt nach langer Abwesenheit Ex-Sträfling Phillip Kopus (Jason Momoa) in seine Heimat zurück. Der charismatische aber nicht ungefährliche Hüne indianischer Abstammung verspricht Ärger mit sich zu bringen, haben er, Harold und Jean doch eine düstere Vergangenheit miteinander.
Cowboys and Indians
Bereits in den ersten Minuten von The Red Road gelingt es der Serie, einen visuell sehr ansprechenden Eindruck zu hinterlassen. Die ausführlichen und oft langatmigen Kamerafahrten wecken sogleich Erinnerung an eben die Vorgänger-Formate. Dabei entsteht eine sehr dichte Atmosphäre und ein nachhaltiges Bild der Umgebung. Dieses Setting ist es auch, das „The Red Road“ von vielen anderen Produktionen abhebt und durchaus interessant macht, denn man widmet einem Thema, das nicht allzu oft im Serienbereich Erwähnung findet.
So schwingt in The Red Road von Beginn an ein leichter Unterton hinsichtlich des ewigen Konflikts zwischen der indianischen Bevölkerung und ihren weißen Unterdrückern mit, was nur eines von vielen Indizien ist, wie komplex sich die Dramaserie im Laufe ihrer sechs Folgen gestalten könnte. Bestärkt wird dies durch Jason Momoas Phillip Kopus, welcher zweifelsohne ein stolzer Ureinwohner Amerikas ist und für seinen Stamm bis an die Grenzen der Legalität gehen würde.
I used to live in this house
Momoa ist es auch, dessen geheimnisvolle und düstere Präsenz für Spannung sorgt. Im Zusammenspiel mit Martin Henderson (Off the Map, Rake) in seiner Rolle als Harold Jensen bekommt der Zuschauer so einige äußerst intensive Momente präsentiert, die vielversprechend auf zukünftige Charakterdynamiken der Dramaserie hinweisen. Hendersons Rolle könnte sich hierbei als ein wenig anspruchsvoller erweisen, muss sich sein Polizist doch gleich an mehreren Fronten beweisen, was dem neuseeländischen Schauspieler jedoch sehr gut gelingt, auch wenn seine Darbietung weit reservierter als die seiner Kollegen ist.
Etwas packender und eindringlicher ist da schon der Auftritt von Jason Momoa (Game of Thrones), dessen unheimliches Charisma eine hypnotische Wirkung auf den Zuschauer haben könnte. So fällt es auch unfassbar schwer, Momoas Charakter richtig einzuschätzen, auch wenn es offensichtlich ist, dass von ihm eine Gefahr ausgehen wird, die bereits in der Auftaktepisode bedrohlich über jedem seiner Züge lauert. Besonders erwähnenswert ist in The Red Road darüber hinaus Julianne Nicholson (Masters of Sex, Boardwalk Empire). Sie spielt Jensens Frau Jean, die die geheimnisvolle Dreiecksbeziehung zwischen ihr, ihrem Ehemann und Kopus komplettiert. Nicholson liefert in „The Red Road“ eine packenden Darbietung und präsentiert ihren labilen Charakter mit einer Intensität, die nachhaltig in den Köpfen der Zuschauer verbleiben wird.
Who do you look like?
So sehr die Charaktere und ihre Haupt- sowie Nebendarsteller in The Red Road überzeugen können, so sehr bekommt man aber auch den Eindruck, dass der Geschichte im Laufe der ersten Episode ein wenig der Fokus abhanden kommt. Autor Aaron Guzikowski, der im letzten Jahr seine Fähigkeiten mit dem Drehbuch zum packenden und intensiven Thriller „Prisoners“ unter Beweis stellen könnte, gibt uns nicht viel Handfestes, mit dem wir als Zuschauer arbeiten könnten. Vieles ist in „The Red Road“ auf dunkle Geheimnisse aufgebaut, so zum Beispiel auch der tragischer Tod von Jeans Bruder, an dem ein Mitglied der Lenape nicht ganz unschuldig war und was Jeans aggressive Haltung dem Stamm gegenüber erklärt.
Vieles wird hier nur angedeutet und in Form von klassischen Foreshadowing vermittelt. Dies verfehlt zwar nicht seinen Zweck, den ungeduldigen Zuschauer auf die Folter zu spannen und mit Interesse die nächsten Episoden zu erwarten, doch hätte der Auftaktepisode von The Red Road ein wenig mehr greifbare Substanz gut getan. Viele werden sich von dem geheimnisvollen und undurchsichtigen Charakter der Dramaserie angesprochen fühlen, doch eben genau so viele werden von dem ereignisarmen Auftakt und der unaufgeregten Inszenierung der Pilotfolge ein wenig gelangweilt sein.
You got an ally in me
Dabei darf man jedoch nicht vergessen, dass Guzikowski und Regisseur James Gray den Auftakt dazu nutzen, klassisch die einzelne Charaktere in Position zu bringen und die ersten gehaltvollen Konflikte anzudeuten. Sei es nun die Beziehung von Harolds und Jeans Tochter Rachel (Allie Gonino) zu einem Jungen des Lenape-Stammes, die Jean unter allen Umständen untersagt, oder auch das Konfliktpotential, das Kotus' Vater Jack (Tom Sizemore) mit sich bringt, hatte er doch offensichtlich bezüglich des vermissten Jungen, desse Leiche nun am Grund des naheliegenden Sees verottet, seine Hände mit im Spiel.
Am interessantesten dürften jedoch die Konsequenzen von Jeans folgenschwerem Unfall sein, in dem sie ein Kind des Lenape-Stammes angefahren hatte und dann Fahrerflucht begann. Hier deutet sich wohl am meisten dramatisches Potential an, insbesondere, weil Kotus ihrem Mann Harold seine Hilfe anbietet. Im Züge dieses neuen Bündnisses zwischen den beiden Parteien dürften wohl immer mehr Details über deren vergangene Beziehung ans Licht kommen. Das könnte The Red Road den Verve, die Substanz aber auch Intensität verleihen könnten, die in der Auftaktepisode allesamt angedeutet werden, jedoch noch nicht voll und ganz zur Entfaltung kommen.
Fazit
Der neue Dramaserie The Red Road des amerikanischen Pay TV-Senders SundanceTV gelingt es bereits in ihrer Auftaktfolge anzudeuten, dass sich hinter dem Format ein kleiner Geheimtipp verstecken könnte. Die Darsteller tragen mit ihren überzeugenden Darbietungen zu einer sehenswerten Pilotepisode bei, in der vor allem die Atmosphäre und unheilvolles Foreshadowing im Mittelpunkt des Interesses stehen.
Einzig die Geschichte mag noch ein wenig Zeit brauchen, um The Red Road uneingeschränkt packend zu gestalten. Zwar werden viele Andeutungen hinsichtlich zahlreicher künftiger Konflike und dramatischen Dynamiken gemacht, doch allem in allem bleibt die Pilotfolge von „The Red Road“ inhaltlich eher blass. Dieser Makel kann zwar durch eine vielleicht unspektakuläre, aber durchaus intensive Inszenierung kaschiert werden, sollte sich jedoch in den folgenden Episoden ändern, damit man „The Red Road“ nicht nur visuell und inszenatorisch, sondern vor allem auch substanziell und inhaltlich etwas abgewinnen kann.
Wer sich geduldig auf das neue SundanceTV-Drama einlässt, könnte am Ende dafür belohnt werden. Ohne Frage erkennt man die Handschrift des Autors und Mitproduzenten Aaron Guzikowski, der uns mit The Red Road ein erfrischendes Setting und vielversprechende Charakterkonstellationen präsentiert. So ist es auch gut möglich, dass sich erst nach den vollen sechs Episoden von „The Red Road“ ein ergreifendes Gesamtbild manifestiert, das ähnlich anmutenden Produktionen in nichts nachstehen könnte.