Quantico 1x01

Quantico 1x01

Selten gab es eine Pilotepisode, die so mit Plot vollgestopft war wie die des neuen ABC-Thrillers Quantico. Die Geschichte wird dabei so konfus vorangetrieben, dass es schwerfällt, den Überblick zu behalten. Inmitten des Chaos findet sich ein Bollywood-Star als Verfolgte wieder.

Alex Parrish (Priyanka Chopra, r.) und ihre Kommilitonen in „Quantico“ / (c) ABC
Alex Parrish (Priyanka Chopra, r.) und ihre Kommilitonen in „Quantico“ / (c) ABC

Angesichts des nachhaltigen Erfolgs von Shonda-Rhimes-Serien bei ABC ist es wenig überraschend, dass der Serienschöpfer von Quantico, Joshua Safran, mit seinem Pitch beim Sender schnell auf Wohlwollen stieß. Seine neue Serie solle nach dem Prinzip „'Grey's Anatomy' trifft 'Homeland'“ funktionieren - und Junge, Junge, wird das in der Pilotepisode Run schnell offensichtlich. Als erstes Shonda-Markenzeichen fällt der Soundtrack auf, der neben zwei Songs der Cold War Kids („First“ und „All This Could Be Yours“) auch den grandiosen Massive Attack-Song „Paradise Circus“ (das Vorspannlied der britischen Crime-Serie Luther) enthält.

Let's see if you can survive

Der riesige, in den USA aber weitgehend unbekannte Bollywood-Star Priyanka Chopra schlüpft in die Rolle der angehenden FBI-Agentin Alex Parrish. Sie schleppt - wie sämtliche ihrer neuen Kommilitonen - ein dunkles Geheimnis mit sich herum, was sie aber nicht davon abhält, die schönen Dinge des Lebens zu genießen. Quantico versucht etwas Merkwürdiges: Die Serie will die fundamentale Ernsthaftigkeit eines Terroranschlags mit der locker-flockigen Unbeschwertheit gutaussehender Berufsanfänger kombinieren.

Das wird schon an der Konstruktion der Auftaktepisode ersichtlich. Die Geschichte springt zwischen zwei Zeitebenen hin und her. Die eine porträtiert den Anfang von Alex und ihren Neu-Kollegen in der FBI-Ausbildungsstätte in Quantico, Virginia, während die andere den Ereignissen nach einem verheerhenden Terroranschlag in New York City folgt. Die einzelnen Szenen werden in beiden Handlungssträngen so hektisch abgearbeitet, dass kaum Zeit bleibt, um Charaktermotivationen auszuleuchten oder überhaupt einen Zusammenhang zwischen einzelnen Handlungsabschnitten aufzubauen.

Hier passieren einfach ganz viele Dinge in einer atemlosen Abfolge, während sich niemand wirklich Gedanken darüber gemacht hat, diese Dinge dramaturgisch sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Am Ende gilt Alex als Hauptverdächtige für den Anschlag. Sie wird verhaftet, wenige Augenblicke später aber schon wieder von ihrer Ausbildungsleiterin Miranda Shaw (Aunjanue Ellis) befreit. Währenddessen erfahren wir weder, wieso einer der neuen Rekruten überhaupt ins Visier der Fahnder geraten ist, noch, wieso Shaw davon überzeugt ist, dass Alex es nicht gewesen sein kann. Diese Dinge geschehen einfach.

Nun habe ich dazu keinen Vergleichsmaßstab, weil ich die Shonda-Rhimes-Serien schon länger nicht mehr schaue. Mich hat die Pilotepisode aber an eine Soap erinnert, weshalb es mir schwerfiel, bei den Actionszenen wirklich mitzufiebern. Bevor Alex in Quantico ankommt, schläft sie mit ihrem späteren Kollegen Ryan Booth (Jake McLaughlin) in dessen Auto - und beweist hernach, dass sie eine überaus fähige Profilerin abgeben kann. Am Ende der Episode liegt Ryan tot in ihrer Wohnung, zusammen mit Anleitungen und Materialien zum Bau einer Bombe.

Nobody likes me

Zwischendurch erfahren wir, dass Alex ihren Vater erschossen hat, um ihre Mutter vor ihm zu schützen. Am Tag dieses traumatischen Ereignisses hat Alex zudem den FBI-Ausweis ihres Vaters gefunden. Bis zu diesem Tag dachte sie, er arbeite in einer Fabrik und führe ein durchschnittliches, unauffälliges Leben. Ihr zweiter Chefausbilder, Liam O'Connor (Josh Hopkins), lässt sie indes von Ryan beschatten, und muss sich überdies mit seiner ehemaligen Geliebten Shaw auseinandersetzen. Am Ende ist er es, der Alex verhaften lässt.

Für die übrigen Rekruten hält Safran ein ähnlich atemloses Programm bereit. Als ersten Test sollen sie die intimsten Geheimnisse eines jeweiligen Kollegen herausfinden, was sich natürlich bestens eignet, um uns Zuschauern die Figuren näherzubringen. Für Eric (Brian J. Smith) ist das bereits zu viel: Nachdem Caleb (Graham Rogers) sein Geheimnis - er hat bei einem Auslandsaufenthalt in Malawi eine 14-jährige geschwängert, die während des Abtreibungsversuchs starb - herausgefunden hat, bringt er sich vor dessen Augen um. Auch Calebs Karriere, die sowieso nur wegen seiner elterlichen Verbindungen zum FBI hätte erfolgreich sein können, endet mit diesem Ereignis.

Es gibt überdies mit Simon (Tate Ellington) den obligatorischen Schwulen (der sich eventuell nur als solcher ausgibt), der sich trotz seiner konservativen jüdischen Erziehung für die Lebensumstände der Menschen in Palästina interessiert; es gibt die zerbrechlich wirkende Shelby (Johanna Braddy), deren Eltern den Terroranschlägen des 11. September zum Opfer fielen; und schließlich die Hidschab-Zwillinge Nimah und Raina (beide Yasmine Al Massri), die einen Geheimauftrag von Miranda Shaw ausführen. Wenn sich das alles hier schon erschöpfend liest, so machte sich ebendieses Gefühl bei mir während der Auftaktepisode breit.

Vielleicht würde es der Serie besser zu Gesicht stehen, wenn sie sich an nur einem Genre versuchen würde. Dann jedoch wäre sie entweder Homeland oder Grey's Anatomy - und die beiden sind bereits erfolgreich genug. Hier wird offensichtlich, dass Terror und Soap nicht so richtig zusammenpassen wollen. Chopra gibt eine solide Performance als Hauptfigur ab, während ihre Schauspielkollegen zu sehr in ihren holzschnittartigen Figurenzeichnungen gefangen sind, um echten Eindruck zu hinterlassen. Die visuelle Umsetzung ist kaum erwähnenswert, auch wenn eine Networkserie ja schon dafür belobigt werden muss, wenn das CGI nicht allzu billig aussieht. Wer jedoch Spaß an atemlos erzählten Thrillern und Whodunits hat, der kann an Quantico durchaus Gefallen finden - vorausgesetzt, er oder sie denken nicht zuviel darüber nach, was gerade warum passiert.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 28. September 2015

Quantico 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Quantico 1x01)
Deutscher Titel der Episode
Einer von uns
Titel der Episode im Original
Run
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 27. September 2015 (ABC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 27. Juli 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Mittwoch, 20. April 2016
Autor
Joshua Safran
Regisseur
Marc Munden

Schauspieler in der Episode Quantico 1x01

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