Punisher 2x01

Punisher 2x01

Am heutigen Freitag startet die zweite Staffel von Marvel's The Punisher auf Netflix. Die neuen 13 Folgen des Antiheldendramas sind ihre Zeit jedoch leider kaum wert. Die Devise lautet: Gewalt ohne Sinn und Verstand. Und dabei waren die Chancen auf eine sehenswerte Fortsetzung des Formats durchaus gegeben.

„Marvel's The Punisher“ (c) Netflix
„Marvel's The Punisher“ (c) Netflix
© ??Marvel's The Punisher“ (c) Netflix

Diese Kritik bezieht sich auf die komplette zweite Staffel von „Marvel's The Punisher".

Kennt Ihr das, wenn einen Serien verärgern? Nicht, weil sie qualitativ schlecht sind. Sondern, weil man weiß, dass sie es eigentlich besser können. Dieses Problem hat man vor allem oft mit neuen Staffeln von Serien, die eine gute bis sehr gute vorherige Staffel hinter sich gebracht haben und nach ein wenig Ruhezeit ihre Erfolgsgeschichte fortsetzen wollen. Für mich persönlich ist Punisher so ein Format gewesen. Als die Marvel-Produktion im November 2017 ihre Premiere auf Netflix feierte, waren die Unkenrufe laut. Ist es wirklich clever, einem schießwütigen Selbstjustizler mit einer sehr lockeren Auslegung von Recht und Ordnung in turbulenten Zeiten wie diesen auf die Serienlandschaft loszulassen? Allen voran in den USA, wo ein fiktiver Charakter wie Frank Castle eine Art Brandbeschleuniger inmitten all der Meldungen über Vorfälle bezüglich Waffengewalt und den Diskussionen um das Waffenrecht in den Vereinigten Staaten darstellt, wurde heiß diskutiert.

Auch ich war mir der Brisanz dieser Figur mehr als bewusst, obendrein stellte man sich die Frage, ob wir nicht langsam den Punkt erreicht haben, an dem die Geschichten über missverstandene, finster dreinblickende Antihelden mit Weltretterkomplex ausgedient haben. Mit all diesen Dingen im Hinterkopf ließ ich mich dennoch auf die erste Staffel von „The Punisher“ ein und wurde überrascht. Ja, der Hauptcharakter, sein Verhalten und die Bedeutung, die er im popkulturellen sowie politischen und gesellschaftlichen Diskurs einnimmt, sind, um es vereinfacht auszudrücken, schwierig einzuordnen. Ich habe in der ersten Staffel aber auch eine vielschichtige Auseinandersetzung mit Themen gesehen, die ich so nicht erwartet hatte. Wie geht eine Gesellschaft zum Beispiel mit traumatisierten Kriegsveteranen um? Wie können diese reintegriert werden? Wann bricht der menschliche Geist und gibt es doch Hoffnung für diejenigen, die als hoffnungslos abgestempelt werden?

The Punisher“ offenbarte eine Art Tiefgang und bisweilen auch eine Sensibilität, die man nach dem furiosen Debüt des rigorosen Rächers in der zweiten Staffel von Daredevil eher weniger hatte kommen sehen. Eine gute technische Umsetzung der mitunter sehr brachialen, brutalen Actionsequenzen war das Tüpfelchen auf dem I. Selbst das bekannte Problem, dass Marvel-Serien von Netflix sich mit ihren Episoden pro Staffel immer übernehmen, wog meiner Ansicht nach hier nicht allzu schwer.

Alles in allem war ich doch recht zufrieden mit „The Punisher“, trotz einiger Vorbehalte und kritischer Elemente. Dementsprechend habe ich der zweiten Staffel mit gewissen Erwartungen entgegengeblickt, um deren Veröffentlichung lange ein Geheimnis gemacht worden war. Als dann die große Absetzungswelle von Marvel-Serien auf Netflix begann, war relativ klar, dass Frank Castle sehr wahrscheinlich zu seinem letzten Abenteuer auf der Plattform des Streaminganbieters antreten würde. Wobei: „The Punisher“ ist nicht Teil des ursprünglichen Deals zwischen Marvel und Netflix gewesen. Es gilt dennoch als sicher, dass Marvel beziehungsweise Disney und Netflix wegen deren eigener Portale sämtliche Verbindungen zueinander kappen werden.

Jetzt, am Freitag, den 18. Januar 2019 kehrt „The Punisher“ auf Netflix zurück. Und meine Enttäuschung ist groß. Serienschöpfer und Showrunner Steve Lightfoot hat den Regler auf der Brutalitätsskala auf Anschlag gedreht und verzettelt sich in einer viel zu langen Staffel, die man relativ einfach interessanter und packender hätte gestalten können. Und das ist auch das Ärgerliche: Bei der Sichtung der neuen Folgen fällt einem immer wieder auf, mit welchen simplen Methoden und Mitteln man eine schlüssigere, überzeugendere Fortsetzung der Geschichte um Frank Castle (Jon Bernthal) hätte konzipieren können. Was man uns jedoch anstelle dessen anbietet, ist eine bisweilen schrecklich langatmige Erzählung, die sich deutlich an Figuren, Handlungssträngen und Konflikten übernimmt, in der Hoffnung, eine komplexe Geschichte über zweite Chancen, Moral und die Unveränderlichkeit seines Hauptcharakters zu präsentieren. Doch wer Hirn gegen Kugeln eintauscht, hofft vergebens...

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Netflix
Netflix - © Netflix

Die zweite Staffel von „The Punisher“ beginnt eigentlich noch recht vielversprechend. Frank hat New York hinter sich gelassen und findet sich in einer Spelunke irgendwo in Michigan wieder. Sein Leben gestaltet sich inzwischen etwas friedlicher, er lässt sich sogar auf neue, zwischenmenschliche Kontakte ein. Doch er gerät alsbald in neue Scherereien, als er sich der Teenie-Rebellin Amy (Giorgia Whigham) annimmt, die auf gefährlichen Fuß lebt. Amy ist zwischen die Fronten einer einflussreichen Unternehmerfamilie und der erpresserischen Russenmafia gekommen und wird nun selbst zur Zielscheibe. Während Frank seinen neuen, ungewollten Sidekick vor einem strenggläubigen, eiskalten Auftragskiller beschützen muss, erfahren wir parallel, wie es Franks ehemaligem besten Freund und Erzfeind Billy Russo (Ben Barnes) ergangen ist.

Schwer gezeichnet von seinem fast tödlichen Aufeinandertreffen mit Frank am Ende der letzten Staffel ist der traumatisierte Billy nicht mehr er selbst. Er behauptet zumindest, sich an nichts erinnern zu können, was die auf Gerechtigkeit sinnende Agentin Dinah Madani (Amber Rose Revah) nicht glauben will. Billy befindet sich in Behandlung bei der Psychologin Krista Dumont (Floriana Lima) und rappelt sich langsam wieder auf. Schon bald ist er wieder so gefährlich wie immer zuvor, woraufhin Dinah Madani nur eine Option bleibt, um Billy zu stoppen: Frank Castle. Und so zieht es den Punisher abermals zurück nach New York City, wo er nicht nur den Beschützer für die junge Amy spielen, sondern auch seinen alten Waffenbruder zur Rechenschaft ziehen muss, bevor dieser größeren Schaden anrichten kann...

Es hätte wahrlich so einfach sein können. Man nehme Einzelgänger Frank Castle und packe ihn in eine komplett neue Umgebung. Man lässt Vergangenheit Vergangenheit sein und schustert dem widerwilligen (Anti-)Helden eine ganz neue Geschichte zu, fernab von alldem, was sich zuletzt in New York zugetragen hat. Zu Beginn der Staffel scheint es wirklich so, als wäre Frank zu neuen Ufern aufgebrochen. Und die Idee klingt verlockend: Frank Castle ist ein Relikt längst vergangener Tage, der moderne, wortkarge, gute, aber nicht wirklich gute Fremde, der in ein verlassenes Städtchen kommt, dort mit den bösen Mächten aufräumt und nach getaner Arbeit zum zigsten Mal in den Sonnenuntergang reitet, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Steve Lightfoot und sein Autorenteam spielen sehr bewusst mit diesen Genretropen, allein der melancholische, Country/ Blues Rock-lastige Soundtrack unterstreicht, dass wir es hier eigentlich mit einem zeitgenössischen Neo-Western zu tun haben, wie er im Buche steht.

Und ich würde diese kleine Neuausrichtung nach der ersten Staffel von „The Punisher“ sofort unterschreiben - doch man möchte eben mehr. Und dieser Plan geht nach hinten los. Was als gefälliges Actionvehikel mit zwei ungleichen Partnern - Frank und sein symbolischer Tochterersatz Amy - beginnt, artet schon bald in ein wirres Allerlei aus brutaler Vergeltung, labilen Psychopathen mit Schreiwahn und unnötigen politischen Subplots aus. Tatsächlich hätte man ganz wunderbar eine sechs- bis achtteilige Miniserie über einen Frank Castle machen können, der ein ganz neues Kapitel aufschlägt, zur falschen Zeit am falschen Ort ist und das tut, was er am besten kann. All das kann man sogar ansatzweise in dieser zweiten Staffel finden. Doch die Staffel hat nun einmal 13 Episoden und wie füllt man diese nur? Man schaut sich einfach noch mal Bösewicht Billy Russo an und lässt Frank erneut gegen diesen antreten, weil sich anscheinend jemand gedacht hat, dass dies interessant sein könnte...

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Netflix - © Netflix

Es ist fast so, als hätten die Verantwortlichen einen Narren an Billy Russo gefressen, der nach seiner Nahtoderfahrung inklusive schweren Gesichtsverletzungen (Stichwort Jigsaw, Billys Bösewichtsalias in den „Punisher“-Comics) psychologisch komplett auseinandergenommen wird. Und das in einer Ausführlichkeit, die zu einer Herausforderung wird. Selbst Franks Wesen wird abermals seziert, wieder und wieder, im munteren Wechselspiel mit Billy Russos geistiger Verfassung, als würde man ein perverses Psychopathen-Quartett spielen. Wirklich interessant oder außergewöhnlich aufschlussreich ist jedoch nichts davon. Denn am Ende steht eh immer die Eskalation, der Griff zur Waffe, wildes Geballer, wütende Schreie nach Hilfe und Verständnis, Mord und Totschlag im Überfluss. Wer Blut sehen will, der ist in der zweiten Staffel von Punisher an der richtigen Adresse. Wer etwas mehr Tiefgang als sich wiederholende Abhandlungen basierend auf feinster Küchenpsychologie erwartet, ist falsch.

Was besonders nervtötend ist: die Konformität vieler zentraler, männlicher Charaktere. Es soll am Ende wohl sehr bedeutend sein, wenn ein Frank Castle, ein Billy Russo und selbst ein John Pilgrim (besagter strenggläubiger Auftragskiller, gespielt von Josh Stewart) gar nicht mal so verschieden sind. Doch dieses Bild des gebrochenen Alphatiers, unendlich wütend und unverwüstlich obendrein, ist nicht nur völlig ausgelutscht und langweilig. Es trägt auch kaum etwas zum Plot bei, der von diesem Typ Charakter runtergezogen wird und folglich fast jede Episode ins gleiche Horn stößt. Sie alle sind Überbleibsel einer alten Weltordnung und dieser Außenseiterstatus wird ihnen zum wesentlichen Merkmal gemacht. Doch wen kümmert's? (Ernst gemeinte Frage, denn die internationale Berichterstattung zur zweiten Staffel von „Punisher“ geht gen null, was bezeichnend ist.) Man hat Mitleid mit diesen traurigen Gestalten, jedoch keine Empathie. „The Punisher“ übertreibt es maßlos mit all dem Schmerz seiner taffen Supermänner, was in der ersten Staffel noch weniger ein Problem gewesen war, weil die Balance zwischen all den verschieden Aspekten der Serie besser abgestimmt war.

Nun wird die Gewaltdarstellung zum absoluten Exzess, es muss weh tun, sonst fühlen wir nichts, so, wie es den Figuren weh tun muss, weil sie sonst nichts fühlen. Da hält man es zwischenzeitlich sehr mit Franks altem Kriegskameraden Curtis (Jason R. Moore), der irgendwann einfach keinen Bock mehr auf all den Irrsinn hat. Oder auch Amy, die sich daran versucht, Frank Castle zu entschlüsseln und ihm zu helfen. Doch dem Hauptcharakter ist nicht zu helfen. Zumindest nicht in der Form, wie sich die zweite Staffel gestaltet. Ein sauberer Schnitt hätte der Titelfigur vielleicht einen neuen Ansatzpunkt gegeben, eine neue Perspektive. So wärmt man nur olle Kamellen auf, kombiniert diese mit einem Nebenplot um Erpressung und einem weiteren Psychopathen, der Castle nach dem Leben trachtet. Es scheint so, als wüssten die Verantwortlichen nicht, was sie eigentlich wollen. Auf Verdacht fliegen ein paar Storyfetzen durch die Luft, die Zuschauer werden sich schon das raussuchen, was ihnen gefällt. Zu all der Enttäuschung gesellen sich dann übrigens noch zahlreiche schwach und unsauber inszenierte Actionsequenzen hinzu, die aufgrund eines fehlenden Gefühls für Raum und Zeit alles andere als mitreißend sind.

Das Resultat ist eine extrem unausgeglichene, stellenweise furchtbar dröge, gefühlt lieblose 13-teilige Staffel, bei deren Sichtung man förmlich die vielen guten Chancen auf eine bessere Geschichte an einem vorbeiziehen sehen kann. Warum nicht mehr auf die Beziehung zwischen Castle und Amy setzen, warum nicht Madani (eine unglaublich undankbare Rolle für Amber Rose Reva in Staffel zwei) und Billy Russo einfach ad acta legen? (eine mögliche simple Antwort: Verträge...) Dieses vergeudete Potential ist ein Jammer, der Drang der Macher, die neue Staffel unnötig aufzublähen, wenn ein intimerer Ansatz doch weitaus sinnvoller gewesen wäre, ist ein Ärgernis. So wird einem Frank Castle aus der Serie Punisher nur als blutverschmierter Haudrauf in Erinnerungen bleiben, weil man die diversen Nuancen unter all dem Schmodder nicht mehr sehen kann. Frank ist eine Maschine, doch die erste Staffel hat auch gezeigt, dass er ein Mensch, wenngleich sehr geschädigt mit unbegreiflich großen Problemen, sein kann. Diese möchte man erneut aufgreifen, letztlich landet der Finger aber doch nur am Abzug. Bitter, weil definitiv vermeidbar.

Hier noch der Trailer zur zweiten Staffel der US-Serie „The Punisher“:

Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 18. Januar 2019

Punisher 2x01 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 1
(Punisher 2x01)
Deutscher Titel der Episode
Roadhouse Blue
Titel der Episode im Original
Roadhouse Blues
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 18. Januar 2019 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 18. Januar 2019
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 18. Januar 2019
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 18. Januar 2019
Autor
Steve Lightfoot
Regisseur
Jim O'Hanlon

Schauspieler in der Episode Punisher 2x01

Darsteller
Rolle
Ben Barnes
Amber Rose Revah

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