Punisher 1x13

© on Bernthal als Frank Castle aka The Punisher in „Marvel's The Punisher“ (c) Netflix
Mittlerweile dürften es auch all diejenigen wissen, die mit der Comicvorlage nicht vertraut sind: Frank Castle aka The Punisher (Jon Bernthal) ist nicht nur ein komplexer, sondern auch ein schwieriger Charakter. Was in der zweiten Staffel von Daredevil mit einer aus Zeitgründen eher eindimensionalen Figurenzeichnung begonnen hat, wurde nun in der ersten Staffel von Marvel's Punisher sorgfältig ausgeweitet. Ja, Frank Castle ist eine präzise Tötungsmaschine, perfekt ausgebildet und wenn von ihm verlangt skrupellos. Aber er ist auch ein jemand, der aufgrund des traumatischen Verlustes seiner Familie und den prägenden Erlebnissen als Soldat im Auslandseinsatz eine unerwartete Verletzbarkeit und ein vielschichtiges psychologisches Profil aufzuweisen hat.
Die umfassende Auseinandersetzung mit eben diesem Aspekt war eine der positiven Überraschungen der ersten Staffel. So brachte man uns nicht nur den Hauptcharakter näher, man schickte sich auch an, Frank Castle einen universellen Reiz zu geben, damit sich die Zuschauer mit ihm identifizieren oder zumindest in seine Gefühlslage und mentalen Zustand hineinversetzen können. Dies gelang größtenteils, ich für meinen Teil entwickelte schnell ein Interesse daran, immer mehr in das Wesen des Charakters einzutauchen, um so zu verstehen, was ihn antreibt und ihn die Dinge tun lässt, die moralisch absolut verwerflich und nicht zu tolerieren sind.
Doch während Episode für Episode an der Figur Frank Castle gearbeitet wurde, ebbte in meinen Kopf nie der Gedanke daran ab, dass die brachialen, teils unmenschlichen Methoden des Punishers nur schwer zu akzeptieren sind, so sehr mir auch ein verständlicher Kontext für seine Handlungen gegeben wird. Wann dient Gewalt als Katalysator für Charakterentwicklung, wann geht man eine Schritt zu weit und befriedigt im Grunde genommen nur eine reine Blutlust? Ich möchte Showrunner Steve Lightfoot und seinem Team keinesfalls vorwerfen, dass sie diese Absicht verfolgt haben. Explizite Gewaltdarstellung in Filmen und Serien kann sich aber verselbstständigen und erfüllt dann nicht mehr ihren ursprünglichen Zweck, weshalb es stets ein Risiko ist, wenn man über die Stränge schlägt.
Ist man als Zuschauer dann vielleicht zu zimperlich? Ist es nicht meine Aufgabe als Beobachter, das Gezeigte richtig einzuordnen und die Schuld nicht bei den kreativen Köpfen hinter dem Produkt zu suchen? Man könnte ewig über dieses Streitthema diskutieren, dem sich auch „The Punisher“ ausgesetzt sieht. Die Marvel-Serie vollführt meiner persönlichen Einschätzung nach einen anspruchsvollen Balanceakt und stellt sich dabei die meiste Zeit sehr gut an - wobei nach einer kurzen Umfrage unter einigen Kollegen in der SERIENJUNKIES.DE®-Redaktion auch Stimmen laut werden, denen die brutalen Inhalte des Formats viel zu viel sind. Bei einem derart subjektiven Thema ist es unmöglich, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
Das Dilemma, dem sich ein mancher hier ausgesetzt sieht, spiegelt sich wohl am besten im Staffelfinale, Memento Mori, wieder. Hier kommt es zum großen Showdown zwischen Frank Castle und seinem einstigen Freund Billy Russo (Ben Barnes), der ihn verraten und hintergangen hat. Zum einen sehen wir hier die extrem emotionale Seite Franks, der zuvor bereit war, den persönlichen Abschluss für sein erlittenes Trauma in Form seines Todes zu finden. Doch Erinnerungen und Visionen von seiner ermordeten Frau führen letztlich dazu, dass er nicht aufgibt und sich dazu bereit erklärt, mit diesem schwerwiegenden Verlust auf eine andere Art und Weise zurechtzukommen. Vielleicht braucht er all die zerstörerische Wut, die ihn permanent antreibt, gar nicht. Vielleicht gibt es einen anderen Weg.

Die Idee dahinter ist tiefgründig und unterstreicht, wie charakterzentrisch Marvel's Punisher ist. Doch dann schwingt das Pendel ein letztes Mal in Richtung einer gewalttätigen Lösung um, denn mit der Rache an Billy Russo erhofft sich Frank das zu erreichen, was er bisher erfolglos gesucht hat: inneren Frieden. Frank könnte die Sache ruhen lassen, doch er kann es nicht. Er ist ein Sklave seiner eigenen Psyche, und so kommt es zum intensiven Duell der ehemaligen Kriegskameraden und besten Freunde, das Frank letzten Endes auf brutale Weise für sich entscheiden kann.
Es wäre interessant gewesen, wenn Frank nicht so weit gegangen wäre. Doch es brauchte wohl diesen Abschluss, auf den man eine Staffel lang mühevoll hingearbeitet hat. Und es ist in gewisser Art auch nur konsequent, dass man diesen Weg bis zum Ende geht. Billy war als Charakter nicht zu rehabilitieren, der hervorragende Ben Barnes trieb die Darstellung dieses eiskalten Ekels wunderbar auf die Spitze, es musste einfach zu diesem Showdown kommen. Dieser sprengt wiederum zum Ende die Grenzen des Zumutbaren, als Frank Billy furchtbar entstellt und die Grundlage dafür legt, warum Billy Russo in der Comicvorlage den Beinamen „Jigsaw“ trägt. „Goodbye, pretty face...“
Es ist harter Tobak, der uns hier angeboten wird. Und irgendwo verstehe ich aus Sicht der Handlung und ihrem Spannungsbogen sowie aus Sicht der Charakterentwicklung der Hauptfigur, warum all dies passieren muss. Und dennoch rattert es in meinen Kopf, ob dieser Moment vielleicht nicht perfekt gewesen wäre, um Frank Castle von einer anderen Seite zu zeigen. Gütiger. Gewachsen und gefestigt. Comic-Puristen werden einlenken, dass dies nicht Frank Castle ist. Der Frank Castle in der Marvel-Serie hat jedoch über mehrere Folgen bewiesen, dass er anders sein kann. Dass er durchaus über Mitgefühl und Selbstkontrolle verfügt.
Aber „Was wäre wenn...“ hat noch keinen weitergebracht. Es braucht hier den großen, diskussionswürdigen Knall zum Ende des Konflikts zwischen Billy und Frank, der interessanterweise dann mit einem wunderbar nuancierten Schlussbild konterkariert wird. Denn dann sehen wir plötzlich Frank Castle, wie er im Rahmen einer Selbsthilfegruppe für Veteranen bereit dazu ist, sich zu öffnen. Die Misshandlung von Billy fühlt sich plötzlich an wie ein Versprechen für die Zukunft, dass dieser womöglich noch einmal die Wege von Frank Castle kreuzen wird. Aber eben dieser Augenblick, als Frank sich in den letzten Sekunden der Episode selbst eingesteht, dass es so nicht weitergehen kann, hallt nach.
Auch dies ist konsequent. Frank hat seine Aufgabe erfüllt. Er hat Rache genommen an denen, die sein Leben zerstört haben. Nebenbei hat er eine andere Familie - die Liebermans um Hacker David aka Micro (Ebon Moss-Bachrach) - wieder zusammengeführt und im Zusammenspiel mit der unerschrockenen Dinah Madani (Amber Rose Revah) eine Großreinemachaktion bei den amerikanischen Geheimdiensten angestoßen, deren illegale Operationen aufgedeckt wurden und nun aufgearbeitet werden. Nun hat Frank Castle Zeit für sich, um mit dem ins Reine zu kommen, was er durchlebt hat. Als Zuschauer finde ich diesen Schlusspunkt, so dezent und aufgeregt er auch ist, wahnsinnig befriedigend. Denn es wird klar, dass sich der Hauptcharakter tatsächlich entwickelt hat. Oder anders gesagt: Er ist bereit, sich weiter zu entwickeln.
Interview mit Jon Bernthal und Showrunner Steve Lightfoot zu „Marvel's The Punisher“:

Trotzdem bleibt am Ende eine andere Frage im Raum stehen. Und erneut geht es um das Wörtchen „Konsequenz“. Wie bereits mehrfach geschrieben, haben Steve Lightfoot und sein Team ein eigentlich recht gutes Verständnis davon, wie man einen Handlungsstrang konsequent zu Ende erzählt. Jedoch ist es schon ein wenig befremdlich, wie gut Frank Castle letztlich davonkommt und einen großen Freifahrschein für seine Taten bekommt. Frank muss sich eben nur den Konsequenzen seiner persönlichen Entwicklung stellen, nicht den größeren Konsequenzen seines Handelns. Weil er eben doch etwas Gutes bewirkt und für Gerechtigkeit gesorgt hat?
Hier lässt man seinen Antihelden meiner Meinung nach etwas zu einfach vom Haken, so wichtig seine Rolle in der Aufklärung der dunklen Machenschaften um Rawlins (Paul Schulze), Russo und Co auch gewesen ist. Dadurch, dass es keinerlei Repressalien für Frank gibt, legitimiert man seine Methoden. Ob dies die richtige Botschaft ist? Ich kann mir vorstellen, dass es alles andere als einfach ist, einen zufriedenstellenden Staffelabschluss zu finden, der keine Fragen aufwirft. Es wäre konsequent, wenn Frank Buße tun müsste, auf der anderen Seite wollen die Macher ihre Hauptfigur aber nicht durch den gesellschaftlichen Bestrafungsapparat schicken, sondern auf persönlicher Ebene Abbitte leisten lassen.
Ein kleiner Beigeschmack bleibt trotzdem, da die gesamte Serie einerseits mit einer brutalen Konsequenz besticht, andererseits aber Abstriche macht, wenn es um den tragischen Protagonisten selbst geht. Dies führt uns zurück zu der Ausgangsfrage, wie man als Zuschauer mit Frank Castle als polarisierender Hauptfigur umgehen soll. Eine allgemeine Faustregel dafür gibt es nicht. Ich selbst würde mich nicht zu den Leuten zählen, die in turbulenten Zeiten wie diesen eine Geschichte über einen von unbändigen Zorn angetrieben, schießwütigen Selbstjustizler von Beginn an verteufeln. Ich bin ich mir aber auch der Sensibilität des Themas vollends bewusst und kann kritische Stimmen durchaus nachvollziehen.
Man kann aus dem Charakter Frank Castle extrem viel machen, was die erste Staffel von Marvel's Punisher meiner Ansicht nach mitunter eindrucksvoll bewiesen hat. Gleichzeitig finde ich es gut, dass der Punisher automatisch Diskussionen mit sich bringt. Und auch wenn es nur für mich selbst ist, die Auseinandersetzung mit dem Thema Gewaltdarstellung in fiktiven kulturellen Erzeugnissen empfinde ich als ungemein wichtig, gerade weil man permanent expliziten Bildern in Film und Fernsehen ausgesetzt ist. „Marvel's The Punisher“ bietet keine Antwort an - wie auch -, aber es fordert uns unterbewusst heraus, uns selbst und unsere Sehgewohnheiten zu hinterfragen.
Das ist ein etwas anderer Nebeneffekt dieser Serie, die ohnehin mit den Erwartungen des Publikums spielt. Von dem tollen Ensemble, der sozialkritischen Note und den wuchtig inszenierten Actioneinlagen mal abgesehen, lässt sich doch recht viel aus dem umstrittenen Hauptcharakter, seiner Motivation und seinen Methoden herausholen - wenn man dazu bereit ist, sich auf diese Diskussion mit anderen und sich selbst einzulassen. Wie steht Ihr zu Frank Castle aka The Punisher? Wie hat Euch die erste Staffel gefallen und was habt Ihr aus den 13 Folgen mitgenommen?
Trailer zu „Marvel's The Punisher“:
Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 25. November 2017(Punisher 1x13)
Schauspieler in der Episode Punisher 1x13
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?