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© ??Marvel's The Punisher“ / (c) Netflix
Diese Vorabkritik bezieht sich auf die komplette erste Staffel von „Marvel's The Punisher“ und enthält Spoiler zur zweiten Staffel von „Daredevil“.
Als im März 2016 die zweite Staffel von Netflix' erster Marvel-Eigenproduktion Daredevil ihren Auftakt feierte, waren die Erwartungen nach der sehenswerten Premierenstaffel im Jahr 2015 hoch. Doch der blinde Rächer von Hell's Kitchen brauchte nach seiner Rückkehr ein Weilchen, um in die Gänge zu kommen. Gleichzeitig stiegt in den ersten Folgen der neuen Staffel ein neuer Charakter zum Liebling der Massen empor: Frank Castle aka The Punisher, eine weitere ikonische Comicfigur aus dem Marvel-Universum und ein durchaus polarisierender Charakter, der bereits die eine oder andere Filmadaption verpasst bekommen hat.
Der von Jon Bernthal dargestellte Kriegsveteran und gnadenlose Selbstjustizler hinterließ einen brachialen Ersteindruck und deutete neben seinen exzellenten Fähigkeiten als Waffenexperte innerhalb kürzester Zeit auch einen vielschichtigen Charakter mit komplexen Hintergrund an. Die zweite Staffel von „Daredevil“ konzentrierte sich aber vor allem auf die konkurrierenden Vorstellungen von Gerechtigkeit aus der Perspektive des Punishers respektive Daredevils sowie auf die erschütternde Feuerkraft, die ein Frank Castle mit sich bringt. Für die tiefgreifende Charakterzeichnung der Figur blieb keine Zeit. Bisher. Denn das soll die eigene Serie um den Punisher nun ändern.
The war inside you
Die Beliebtheit des Charakters war ein Grund für Netflix, eine eigenständige Serie über den schießwütigen Racheengel in Auftrag zu geben. Doch diese Entscheidung warf auch einige Fragen auf. Denn die Comicfigur Frank Castle ist nicht unumstritten. Von Garry Conway kreiert und erstmals 1974 in einem Spider-Man-Comic zu sehen, hat Castle eine mannigfaltige Entwicklung durchgemacht: Vom Feind der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft wurde er zum schwer gebeutelten und traumatisierten Ex-Soldaten, dessen Geschichten ihn in die Zeiten des Vietnamkrieges, aber auch in aktuellere Konflikte verfrachtete. Nachdem die Punisher-Comics Mitte der 1990er Jahre aufgrund niedriger Absatzzahlen eingestellt wurden, belebten Garth Ennis und Steve Dillon (Preacher) Frank Castle Anfang 2000 mit Erfolg wieder. Und somit auch die Diskussion um die Figur, deren Vorgehensweise und Verständnis von Gerechtigkeit zu hinterfragen sind.
Blunt instrument
Der Punisher wird oft auf sein Alleinstellungsmerkmal heruntergebrochen: die Anwendung von brutaler Gewalt, um seine Ziele zu erreichen. In turbulenten Zeiten wie diesen darf die Frage erlaubt sein, ob es wirklich eine 13-teilige Serie über den nächsten weißen Antihelden braucht, der sich rücksichtslos durchs Leben ballert, Gesetze missachtet und einen blutige Spur der Vergeltung hinterlässt. Netflix ist sich der Brisanz um den Punisher vollends bewusst. So wurde zum Beispiel die ursprüngliche Premiere nach dem furchtbaren Attentat in Las Vegas Anfang Oktober verschoben. Auch ich war im Vorfeld ein wenig skeptisch, denn „Daredevil“ vermochte es nur in Teilen über die markanteste Eigenschaft eines Frank Castle hinauszugehen. Der Punisher war schlichtweg da, um Schmerzen zuzufügen, das Tempo anzuheben und die Action auf Anschlag zu stellen. Die Gewaltdarstellung war hart, wurde kaum reflektiert und oft glorifizierend in Szene gesetzt.
Somit standen „The Punisher“-Showrunner Steve Lightfoot (Hannibal), sein Autorenteam und auch Darsteller Jon Bernthal vor einer großen Herausforderung. Das Ziel: Eine Geschichte zu erzählen, die den Charakter Frank Castle ausführlich ergründet und über seinen tödlichen Abzugsfinger hinausgeht. Einen Erzählansatz zu finden, der diese kontroversen Figur nachvollziehbar macht und gleichzeitig die berechtigte Kritik der Gewaltverherrlichung und Glorifizierung Castles blutiger Taten umschifft oder gar direkt thematisiert, während man als Beobachter ein Verständnis für Frank Castle und dessen Motive entwickeln kann. Wenn es weiter nichts ist...

Fighting a losing battle
Und siehe da, Punisher hat es schnell geschafft, mir meine Skepsis nehmen. Mehr noch, der positive Eindruck überwiegt. Wie eingangs erwähnt, stellt die Netflix-Serie bereits jetzt schon einen persönlichen Favoriten der hauseigenen Marvel-Produktionen dar. Im Vergleich mit den Serienkollegen Daredevil, Jessica Jones und Luke Cage (Iron Fist ignorieren wir an dieser Stelle mal einfach) weiß „The Punisher“ zunächst einmal tatsächlich etwas mit der Anzahl von 13 Episoden in seiner ersten Staffel anzufangen. Das Erzähltempo variiert dabei stark, doch bei jeder einzelnen Folge fällt auf, dass Steve Lightfoot und sein Team einen durchdachten Plan verfolgen und sich selten strecken müssen, um die Episoden zu füllen. Sei es mit einfachen Plot oder aber mit der größten Stärke des Serienneustarts: den Charakteren.
Natürlich sticht Frank Castle hier heraus, und in Jon Bernthal hat man nach wie vor die perfekte Besetzung für die Hauptfigur gefunden, unter deren Oberfläche es nun geht. Und hier erwartet die Zuschauer und Fans des „TV-Punishers“ eine erste größere Überraschung: „The Punisher“ ist ein handfestes, mitunter tief psychologisches Charakterdrama, das ebenso viel Zeit in das seelische Innenleben von Frank Castle investiert (wenn nicht sogar mehr) wie in mitreißenden Actionszenen, die den Charakter in „Daredevil“ so bekannt gemacht haben. Wer gedacht hat, dass „The Punisher“ ein anhaltender Kugelhagel an furiosen Setpieces sein wird, ist schief gewickelt. So sehen wir hier eine äußerst komplexe, alles andere als oberflächliche Auseinandersetzung mit Themen wie dem Verarbeiten von persönlichkeitsverändernden Traumata, welche Verantwortungen man sich selbst aufbürdet und wie man sein eigener schlimmster Feind sein kann.
Pain and fear
Doch damit nicht genug, auch sozialkritische Aspekte, so zum Beispiel der Umgang mit Veteranen in der heutigen Gesellschaft oder das Streitthema „Gun Control“ in den USA, spielen eine große Rolle. Eine interessante Entscheidung ob der zahlreichen aktuellen Diskussionen, doch ohne diesen Aspekt ist eine Betrachtung des Punishers nicht möglich. Es ist die Pflicht der Autoren, dieses Thema im Rahmen ihrer Geschichte zu adressieren, was sie auf verständnisvolle Art und Weise tun. Etwas problematisch wird es indes an manchen Stellen, wenn den Zuschauern sehr offensichtlich etwas in Gesicht gedrückt wird, was hier und da sicherlich smarter gelöst werden könnte. Dies ist wiederum ein bekanntes Problem aller Netflix-Superheldenserien, die die Subtilität nun wahrlich nicht gepachtet haben und mal mehr, mal weniger den Holzhammer hervorholen.
Kann man diesen validen Kritikpunkt hinter sich lassen, der sich oftmals aufgrund der sehr authentischen Darbietungen verspielt, ist neben der überraschenden Themenvielfalt in „The Punisher“ auch reichlich Aufregung geboten, wie man sie von einer Serie über den Punisher erwartet. In der ersten Staffel lässt sich eine ganze Reihe an unterschiedlichen, packenden Actionszenen finden, die allererster Güte sind. Die Macher probieren dabei immer wieder neue Dinge aus, vom hochintensiven Scharfschützen-Showdown über rasante Autoverfolgungsjagden bis hin zu wilden, exzellent choreographierten Schusswechseln und derben Faustkämpfen. Das alles wäre jedoch nicht so aufregend, wenn an der Charakterfront geschlampt werden würde, da einem die Figuren, allen voran Frank Castle, sonst herzlich egal wären.
Settle the score
Castles persönliche Verluste, seine Schuldgefühle, seine Fähigkeit, doch noch zu fühlen und nicht nur eine seelenlose Tötungsmaschine zu sein, das alles wird in teilweise mühevoller Kleinstarbeit aufgezeigt. Und da man als Zuschauer so automatisch die Figur besser kennenlernt, ihn und seine Beweggründe hinterfragt und mit der Zeit einordnen kann, hat die Handlung ein ganz anderes Gewicht als in vielen anderen Marvel-Serien. „Jessica Jones“ kommt hier noch am ehesten an diesen Aspekt ran, tat sich letzten Endes aber sehr schwer, über 13 Episoden die Spannung aufrechtzuerhalten. „Luke Cage“ probierte sich ebenfalls an dieser Herausforderung, hatte letztlich aber weder einen aufregenden Hauptcharakter noch fordernde Hürden für diesen zu bieten. Und „Daredevil“ wird mittlerweile mehr aufgrund seiner hervorragenden Kampfchoreographien geschaut, als für das andauernde Selbstmitleid des Hauptcharakters.
„The Punisher“ gelingt es, ein gewaltiges, aber gleichzeitig sehr rundes Paket zu schnüren, in dem neben der vielschichtigen Hauptfigur auch die Nebencharaktere nuancenreich und komplex gezeichnet sind. Viele von diesen werden zu Beginn als scheinbar klassische Stereotypen eingeführt, die man schnell in Schubladen steckt. Sie entwickeln sich jedoch über mehrere Folgen zu Figuren, deren Gefühlswelten man versteht und mit denen man schlussendlich gespannt mitfiebern kann. Die treibende Kraft bleibt Frank Castle, doch um ihn herum treten Charaktere ins Scheinwerferlicht, die ihre eigenen, sehr persönlichen Probleme mit sich bringen, die den Zuschauer interessieren und in das Geschehen involvieren.

Brothers in arms
Der ausgezeichneten Cast erleichtert es den Verantwortlichen natürlich, ihre Geschichte so umfangreich zu gestalten. Vor allem Ebon Moss-Bachrach, Amber Rose Revah und Ben Barnes verdienen sich eine Erwähnung. Ersterer spielt einen Charakter, der eine besondere Verbindung zu Frank Castle hat, was zu einem hochinteressanten Verhältnis der beiden führt, deren Schicksale sich fast schon spiegeln. Revah, eine heimliche Gewinnerin dieser Staffel, gibt indes die taffe Homeland Security-Agentin Dinah Madani, die mit allen Wasser gewaschen und einer großen Verschwörung auf der Spur ist. Und Ben Barnes, bereits wunderbar ekelhaft in der ersten Staffel von Westworld, weist abermals eindrucksvoll nach, dass ihm die Rolle eines charismatischen, aber auch aalglatten und undurchsichtigen Anzugsträger perfekt auf den Leib geschneidert ist.
Zusätzlich zum Hauptplot der ersten Staffel, der sich zum einen mit den Bemühungen Frank Castles beschäftigt, die Mörder seiner Familie zur Strecke zu bringen, während die Behörden einen brisanten Fall aus Castle Vergangenheit aufrollen, tut sich dann eben noch ein Aspekt auf, der etwas unerwartet kommt. Dafür passt er jedoch wie die Faust aufs Auge, gerade mit Blick auf die gegenwärtigen Debatten in den USA, wenn es um Status von Kriegsveteranen geht und welche Rolle sie in der amerikanischen Gesellschaft spielen. Frank Castle ist nicht der einzige, der Dämonen aus prägenden Auslandseinsätzen mit sich gebracht hat, und so widmet sich die Serie zwischendurch sehr behutsam eine Reihe an Menschen, die ähnliche Erfahrungen durchlebt haben und wie sie nun damit umgehen.
Means to an end
Diese Ausflüge in gesellschaftskritische Gefilde abseits der Geschichte um den Hauptcharakter sind fließend und stellen selten einen Bruch in der Erzählung dar, weil Frank Castle ein starkes Bindeglied zwischen Einzelschicksal und größeren, gesellschaftlichen Themen darstellt. Erneut dürfte sich manch einer wundern, wie viel Tiefgang „The Punisher“ mit sich bringt und dass die Autoren an den verschiedensten Facetten ihrer grauen, fast schon extrem nüchtern dargestellten Welt interessiert sind, auch wenn dabei Frank Castle mal ein wenig in den Hintergrund rückt und es um allgemeinere Aspekte geht, mit denen wir uns heutzutage tagtäglich beschäftigen.
Coming home
Der visuelle Stil von „The Punisher“ erscheint derweil im Vergleich mit anderen Marvel-Produktionen von Netflix zunächst etwas fad, doch auf den zweiten Blick passt der farblose, isolierte Charakter der Bildsprache sehr gut zu den Motiven der Serie. Hinzu kommt bei der musikalischen Gestaltung ein leichter Anflug des Neo-Western-Genres, was wohl dem mehrfachen Einsatz von eher melancholischen Gitarrenklängen geschuldet ist. Aber auch hier hat man die richtige Entscheidung getroffen, denn das Sounddesign und der Soundtrack spiegeln die Ausrichtung der Erzählung und die Figurenzeichnung des Hauptcharakters als einsamer Wolf wunderbar wieder.
Am Ende wird der Punisher abermals die Massen spalten. Und das wohl zurecht. Steve Lightfoot und sein Team sind den komplexen Vorlagen dieser Comicfigur mehr als gerecht geworden und haben dabei nicht nur eine der besten Marvel-Serien von Netflix, sondern auch eine sehenswerte Netflix-Serie an sich geschaffen. Gleichzeitig werden die harten Methoden der Hauptfigur ein Thema sein, denn die Serie bleibt auch in dieser Hinsicht dem Comiccharakter treu. Dieser zeigt sich zwischenzeitlich von einer bestialischen Seite, die für etliche Zuschauer mit Sicherheit zu viel sein wird. Frank Castle ist und bleibt ein Grenzgänger. Doch es ist das eine, ihn auf dieses Merkmal zu reduzieren, und das andere, aufzuzeigen, wie er zu diesem Menschen geworden ist und was darüber hinaus in ihm vorgeht. Dies gelingt in Punisher so gut, sodass recht schnell aus dem Weg das Ziel wird und weniger die Taten, sondern vielmehr die ausführliche Auseinandersetzung mit dem komplizierten Charakter von Frank Castle zum Höhepunkt dieser überraschend anders als erwarteten Serie werden.
Verfasser: Felix Böhme am Dienstag, 14. November 2017(Punisher 1x02)
Schauspieler in der Episode Punisher 1x02
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