Punisher 1x01

Punisher 1x01

Bei Netflix geht weltweit die Serie Punisher an den Start. Jon Bernthal erhält als Frank Castle nach seinem Debüt bei Daredevil eine eigene Serie. Ist das jedoch der Punisher, den die Comicleser und Netflix-Zuschauer kennen?

Jon Bernthal als Frank Castle in „Punisher“ (c) Netflix/Marvel TV
Jon Bernthal als Frank Castle in „Punisher“ (c) Netflix/Marvel TV
© on Bernthal als Frank Castle in „Punisher“ (c) Netflix/Marvel TV

Die Serienpiloten von Netflix sind bisweilen eine schwierige Angelegenheit. Die neue Marvel-Serie Punisher bildet hier keine Ausnahme. Denn die Auftaktepisode zeigt eine Momentaufnahme von Frank Castle (Jon Bernthal), die nicht repräsentativ für den Rest der Folgen ist. Aber: Wie soll man das wissen, wenn man nur die erste Folge beurteilt? Wahrscheinlich gar nicht. Nun könnte man lange Abhandlungen darüber schreiben, ob man bei Binge-Serien von VoD-Anbietern Pilotfolgen bewerten sollte, aber das ist nun einmal der Modus, den Serienjunkies.de in der Vielzahl der Fälle etabliert hat.

Eigentlich kann es nicht der Idealfall sein, wenn ein Serienpilot schon die beste Folge der Serie ist. Eine gewisse Qualitätssteigerung wäre wünschenswert, auch wenn ein Pilot eine Visitenkarte der Macher ist und gute Pilotepisoden (ich denke hier persönlich gerne an Lost oder Pushing Daisies) tragen dazu bei, dass sich ein Serienjunkie in eine Serie verliebt oder eben unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht. Bei Punisher kann ich das nicht mit Bestimmtheit sagen. Mein Gefühl nach dem Schauen des Serienpiloten war aber, dass ich angetan war und wissen wollte, wohin die Reise geht. Es ist eine Reise, in der die erwartete Rache für den Mord an der Castle-Familie innerhalb der ersten zehn Minuten erledigt wird, das charakteristische Totenkopf-Shirt in Flammen aufgeht und für einen Großteil der Serie auch nicht wieder aus dem Schrank geholt wird.

Selbstbestrafung

Dabei fängt die Serie in der Episode 3 AM mit einer Szene an, wie man es erwartet und zeigt einen cleveren Einfall. Denn über die Landesgrenzen nimmt Frank Rache an einem Kartellmitglied, das glaubt, entkommen zu sein. Allerdings findet die Kugel des Scharfschützen Castle ihr Ziel dennoch und legt hier schon den Grundstein für eine Serie, die immer mal wieder brutale Ausrufezeichen setzt, was im Kern der Figur liegt. Kurz darauf erledigt er einen anderen Mann in einer Herrentoilette, was niemanden auffällt, sondern eher spöttisch kommentiert wird.

Dennoch wird schnell klar, dass wir hier keine Interpretation des Charakters sehen, wie im Film „The Punisher“ mit Thomas Jane, der eine Mischung aus Garth-Ennis-Adaption (Wrestler Kevin Nash als der Russe, John Travolta als Schurke) und Rachethriller ist oder Lexi Alexanders extrem brutalem Werk „Punisher War Zone“, in der Castle eine stille Naturgewalt war, die mit einem gewaltigen Arsenal an Mordwerkzeugen operiert und der Gewaltgrad in lächerlich harte Regionen fortgestoßen ist. Tatsächlich entfernt man sich zudem von den gängigen Comicversionen sehr stark, wo der Punisher angetrieben oder motiviert wird, alle Verbrecher oder Superschurken des Marvel-Universums vom Angesicht der Erde zu tilgen.

Punisher in der Interpretation von Steve Lightfood ist eine Meditation über Trauer und Verlust, die Veteranen anheimfällt und der Frage, wie man die Lücke schließt, wenn man ständig von PTSD-Alpträumen verfolgt wird, in denen die eigenen Familienmitglieder wieder und wieder zu Tode kommen. In der von Netflix etablierten Welt gibt es nur wenige eindeutige Superschurken und Verbrecherbosse, wobei sich Castle aber eben nicht auf die Madame Gaos oder die Wilsons Fisks da draußen fokussiert, sondern vornehmlich einen inneren Kampf führt und einen mit der eigenen Vergangenheit, die er noch nicht überwunden hat und die ihn immer wieder heimsucht. Etwa in Alpträumen oder weil neue Informationen ans Tageslicht kommen.

Castle lenkt sich im Auftakt mit einem Baustellenjob ab, bei dem er mit einem Vorschlaghammer Löcher in Wände schlägt, Überstunden schiebt und dumme Sprüche von seinen Kollegen erdulden muss. Die verdienen sich nebenbei ihr Geld mit krummen Dingern und legen sich dabei mit der Gnucci-Verbrecherfamilie (ein Name, den Comicleser kennen könnten). Sie überfallen eine Pokerspiel, wobei Neuling Donny (Lucca De Oliveira), der noch um Anerkennung kämpft und über 300 Dollar beim ersten Barbesuch hinblättern muss, seinen Ausweis fallen lässt und somit alle anderen Bauarbeiter in Gefahr bringt.

Life is War

Die Rache folgt sofort und Donny soll per Zementmischer in eine Wand eingearbeitet werden, was Frank auf bestimmte und brutale Weise mit seinem Hammer unterbindet und die ganze Gang eigenhändig aus dem Verkehr zieht. Donny, der bei seiner Großmutter lebt und auf dem Bau anheuert, um ihre Medikamente zu zahlen, erhält von Castle den nicht sehr subtilen Hinweis die Stadt zu verlassen, dann kümmert sich Castle um die Gangster, die Rache an dem Überfall nehmen möchten. Der Vorfall erscheint auf dem Radar der Bundesagenten und so kommt schlussendlich die eigentliche Handlung ins Rollen. Die Arbeit auf der Baustelle beschäftigt die Serie allerdings nur im Auftakt und alle hier eingeführten Figuren spielen somit keinerlei Rolle in den folgenden Episoden.

Ein Nebenplot, der im Piloten eingeführt wird, ist die Versetzung und Ermittlungsarbeit von Homeland-Security-Agentin Dinah Madani (Amber Rose Revah), die ihrem Vorgesetzten direkt einen Drogenschmuggelfall in Kandahar vorstellt, in den Militärangehörige verwickelt sein sollen. Allerdings wird sie von ihrem Chef auf sexistische und rassistische Weise darüber informiert, dass sie die Ermittlungen fallen lassen soll. Einzig ihr Kollege Stein (Michael Nathanson) glaubt ihr und gibt ihr unterstützende Ratschläge. Ihrer Meinung nach hat auch Castle etwas damit zu tun. Noch weiß sie nicht, was dahintersteckt, aber auch ihre eigenen Eltern raten ihr davon ab, die Ermittlungen fortzusetzen. In der ersten Folge wirken Madani und Stein wie typische Figuren aus den Marvel-Netflix-Serie, bei denen man anfangs nur schwer abschätzen kann, welche Ziele sie verfolgen und ob man sie sympathisch finden soll. Revah entwickelt sich aber schnell zu einer interessanten und durchaus vielschichtigen Figur.

Die Veteranen in „Punisher“.
Die Veteranen in „Punisher“. - © Netflix/Marvel TV

Zudem lernen wir auch noch eine Gruppe von Veteranen kennen, die sich in einer Selbsthilfegruppe treffen und darüber sprechen, wie sie sich wieder in die Gesellschaft integrieren können oder welche Hürden sie dabei seit der Rückkehr aus ihren Einsätzen überwinden müssen. Geführt wird die Gruppe von Franks Truppenkollegen Curtis (Jason R. Moore). Eine ernste Auseinandersetzung mit Veteranenthemen kommt selten vor und deswegen ist es durchaus spannend, in welche Richtungen sich dieser Teilaspekt entwickelt. Dennoch wird man manchmal den Eindruck bei den Netflix-Serien nicht los, dass sie sich in Nebenfiguren verlieren können, die eigentlich nur Zeit füllen, aber im Endeffekt wenig zur allgemeinen Erzählung beitragen. Ich denke hier an die nervige Nachbarin in Jessica Jones oder die Meachums in Iron Fist.

Stimmung vs. Plot

Sehr viel passiert in der ersten Folge also nicht. Das ist ein übliches Problem, das man Netflix-Marvel-Serien vorwerfen oder an ihnen kritisieren kann. Wahrscheinlich werden Fans der üblichen Charakterisierung der Figur enttäuscht sein. Denn die Erwartungshaltung, die auch durch seine Auftritte in der zweiten Staffel von Daredevil aufgebaut wurde, besteht daraus, dass er diejenigen aus dem Verkehr zieht, die durch Korruption oder Verbrechen auffallen und dass er dabei das leistet, was die Judikative nicht leisten kann. Darum hat Castle auch gut als Kontrast zu Matt Murdock und Daredevil funktioniert.

Ich finde den Ansatz eines eher zurückgenommenen und bedächtigen, gar introspektiven Punishers durchaus reizvoll und würde sagen, dass der Auftakt im internen Marvel-Netflix-Serienvergleich überdurchschnittlich gut abschneidet. Dabei kann ich aber auch verstehen, wenn das für andere Zuschauer überhaupt nicht zündet. Bernthal trifft keine Schuld, denn sein Spiel als Castle ist meistens intensiv und überzeugend, aber auch ruppig, zwiegespalten und aggressiv, wenn er provoziert wird. Trotzdem ist eine meiner Feststellungen nach dem Anschauen des Piloten: Die Serie heißt Punisher, die bekannte Marvel-Figur hat aber nur bedingt etwas mit diesem Werk zu tun.

Jon Bernthal als Frank Castle in „Punisher“.
Jon Bernthal als Frank Castle in „Punisher“. - © Netflix/Marvel TV

Fazit

Punisher dürfte die Gemüter wieder spalten. Manche werden fragen, ob diese Figur eine Serie tragen kann und sollte oder fragen, ob und wann je der richtige Zeitpunkt ist, einen Charakter in den Mittelpunkt zu rücken, der Selbstjustiz zur Hauptsache macht, wenn in den USA immer wieder Schreckensnachrichten die Runde machen, bei denen zahlreiche Menschen im Kugelfeuer ums Leben kommen. Andere werden bemängeln, wie wenig die Figur mit der Comicvorlage zu tun hat.

Dabei geht es im Kern der Serie offenbar eher um die Frage, wie sich Veteranen nach einem Kriegseinsatz wieder in die Gesellschaft einfügen, für die sie bisweilen grausame Taten vollbringen (müssen) und danach verstört und traumatisiert zurückbleiben.

Der Pilot ist nicht das beste Showcase für die weitere Serie, das dürfte jedem klar werden, der sich entscheidet weiter zu schauen. Was aber hier schon etabliert wird, ist, dass Frank Castle ohne mystische Wesen, Superkräfte und uralten, geheime Welten zurechtkommt. In diesem Sinne handelt es sich um die härteste und realitätsnächste Marvel-Serie, was dem ein oder anderen sicherlich zusagen wird.

Verfasser: Adam Arndt am Freitag, 17. November 2017

Punisher 1x01 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 1
(Punisher 1x01)
Deutscher Titel der Episode
3 Uhr morgens
Titel der Episode im Original
3 AM
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 17. November 2017 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 17. November 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 17. November 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 17. November 2017
Autor
Steve Lightfoot
Regisseur
Tom Shankland

Schauspieler in der Episode Punisher 1x01

Darsteller
Rolle
Amber Rose Revah
Daniel Webber

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