Aus Mangel an Beweisen: Curveball - Review der Pilotepisode der Krimi-Miniserie bei Apple TV+

Aus Mangel an Beweisen: Curveball - Review der Pilotepisode der Krimi-Miniserie bei Apple TV+

Die Debütfolge der US-amerikanischen Krimiserie „Aus Mangel an Beweisen“ aka „Presumed Innocent“ mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle beginnt stark, flacht dann aber im Mittelteil merklich ab. Warum das Weiterschauen bei Apple TV+ trotzdem lohnt, erfahrt Ihr in unserer Kritik.

Jake Gyllenhaal und Bill Camp in der Serie „Aus Mangel an Beweisen“
Jake Gyllenhaal und Bill Camp in der Serie „Aus Mangel an Beweisen“
© Apple TV+

Das passiert in der Pilotfolge der Serie „Aus Mangel an Beweisen“

Eines Morgens sieht sich der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt von Chicago, Rusty Sabich Jake Gyllenhaal, mit dem schwersten Fall seiner bisherigen Karriere konfrontiert. Die Ermordete, deren Tod er in Presumed Innocent aufklären soll, ist ausgerechnet seine Kollegin Carolin Polhemus (Renate Reinsve). Bald stellt sich heraus, dass Rustys merkliche Betroffenheit nicht nur beruflicher, sondern auch privater Natur ist, da er eine heimliche Liebesbeziehung zu ihr hatte.

Als sein Vorgesetzter und guter Freund Raymond (Bill Camp) die Wahl und damit sein Amt an seinen Konkurrenten Nico Della Guardia (O. T. Fagbenle) verliert, wird ihm die Affäre zum Verhängnis. Denn Rusty hat nicht nur jenes pikante Detail verschwiegen, als er den Fall übernahm, zu allem Überfluss stellt sich auch noch heraus, dass Carolin zum Zeitpunkt ihrer Ermordung schwanger war. Schnell gerät Sabich ins Visier seiner Kollegen und wird zum Hauptverdächtigen...

Hier schon mal der Trailer zur Serie „Aus Mangel an Beweisen“:

Ein starker Beginn

Folge 1. Jake Gyllenhaal sowie Ruth Negga, Chase Infiniti und Kingston Rumi Southwick in der Serie „Aus Mangel an Beweisen“
Folge 1. Jake Gyllenhaal sowie Ruth Negga, Chase Infiniti und Kingston Rumi Southwick in der Serie „Aus Mangel an Beweisen“ - © Apple TV+

Die einführenden Minuten einer Serie oder eines Films gelten gemeinhin als ähnlich wichtig wie der erste Satz eines Romans. Im Fall von „Aus Mangel an Beweisen“ haben sich Serienerfinder David E. Kelley (Big Little Lies) und sein Autoren-Team an diesen Grundsatz gehalten und legen in der Debüt-Folge der siebenteiligen Miniserie einen entsprechend spannenden Start hin. Die Geschichte beginnt, als der Staatsanwalt Rusty Sabich die schockierende Nachricht erhält, dass seine Kollegin und Stellvertreterin Carolin brutal ermordet wurde.

Die Begutachtung des Tatorts gerät für den ansonsten hartgesottenen Mann zu einem Albtraum, denn die junge Frau wurde erbarmungslos an Hals, Armen und Füßen gefesselt und erschlagen. Schon in diesen ersten Minuten wird deutlich, dass Jake Gyllenhaal („Guy Ritchie's Der Pakt“, „Donnie Darko“, Mysterio in „Spider-Man: Far From Home“) die perfekte Wahl für den emotional stark involvierten Rusty ist. Der Mime tritt mit einer so beeindruckenden Emotionalität auf, dass kaum ein Zweifel daran besteht, dass da mehr als eine rein kollegiale Beziehung zwischen ihm und dem Opfer besteht.

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Die ersten Ermittlungen

Jake Gyllenhaal und Bill Camp in der Serie „Aus Mangel an Beweisen.
Jake Gyllenhaal und Bill Camp in der Serie „Aus Mangel an Beweisen. - © Apple TV+

Die ersten 30 Minuten verwendet „Aus Mangel an Beweisen“ entsprechend auf die Vorstellung des Falls und der Hauptfiguren. Parallel erleben wir die ersten genretypischen Ermittlungen mit, die naturgemäß ins Leere laufen, aber den Fall dennoch verkomplizieren. Als erfolgsorientierte Staatsanwältin mit politischen Ambitionen hatte Carolin nämlich viele Feinde, von denen einige als Schwerverbrecher hinter Gittern sitzen, andere aber in ihrem Kollegenkreis agieren. Das sorgt für Interesse.

Nach etwa 20 Minuten kommt zudem heraus, dass Rusty und die Ermordete ein Verhältnis miteinander hatten, was der Geschichte eine zwar nicht ganz unerwartete, aber doch spannende Wendung verleiht. Bis hierhin vergehen die Minuten wie im Flug. Die Schauspielleistungen sind gut bis hochklassig. Die Farbgebung erinnert angenehm an die Entstehungszeit des zugrundeliegenden Romans in den 80ern, obwohl die Story in die Gegenwart transportiert wurde und die Dialogführung ist ansprechend.

Ein kleiner Einbruch

Lily Rabe in „Aus Mangel an Beweisen“
Lily Rabe in „Aus Mangel an Beweisen“ - © Apple TV+

Einen kleinen Knick in Sachen Pacing muss die Miniserie dann allerdings circa zehn Minuten später hinnehmen. Obwohl die heimliche Liebesbeziehung längst offen vor uns liegt und wir wissen, dass diese Rustys Ehe auf eine harte Bewährungsprobe stellt, reiten David E. Kelley und sein Team auf diesem Umstand viel zu lange herum und ziehen damit das Tempo aus der Erzählung. Sicherlich ist es für den weiteren Verlauf gut zu wissen, dass Sabich nicht der fehlerfreie Saubermann ist, aber das nun folgende Drama zwischen ihm und seiner Frau Jaden (einfühlsam von Chase Infiniti dargestellt) zieht sich wie Kaugummi und lässt uns den Fokus auf den Kern verlieren.

Und der liegt klar auf der Hand, weil wir längst schon wissen, dass Rusty sich mit seinem Schweigen zum Hauptverdächtigen machen könnte. Genau das geschieht letztlich auch, als sein Freund und Vorgesetzter Raymond (herrlich ruppig: Bill Camp) die Wahl verliert und den Posten an den ehrgeizigen, fachlich aber inkompetenten Nico Della Guardia (unübersehbar borniert von O. T. Fagbenle gespielt) verliert.

Um den Plotpoint am Ende der Episode gebührend zu unterstreichen, lässt das Drehbuch-Team über die Laufzeit der Folge hinweg immer mal wieder diverse Sticheleien der Anwälte untereinander einfließen. Während der eine versucht, den Fall zu lösen, ist der andere lediglich daran interessiert, die Wahl zu gewinnen. Neid, Missgunst und Überheblichkeit sind im Büro der Staatsanwalt offensichtlich allgegenwärtig, womit die Show durchaus hier und da Soap-artige Anklänge offenbart, die ein wenig Schwung in das ansonsten recht klassische Krimisetting bringen.

Auf eigene Faust?

Nana Mensah in „Aus Mangel an Beweisen“
Nana Mensah in „Aus Mangel an Beweisen“ - © Apple TV+

Wie sich das Ganze letztlich weiterentwickelt, scheint ausgehend von der Startepisode klar. Rusty verliert jeglichen Rückhalt in der Kanzlei und muss den Fall auf eigene Faust aufklären, um seine Unschuld zu beweisen. Inwieweit der Plot über mehr als fünf Stunden tragfähig ist, muss sich allerdings erst noch zeigen. Genügend Raum für Wendepunkte, figürliche und situative Abgründe sowie eine ebenso verzwickte wie hoffentlich actionreiche Auflösung gibt es auf jeden Fall.

Fazit

Die Pilotfolge von Presumed Innocent präsentiert sich routiniert und solide, fühlt sich bisher aber auch nicht besonders an. Im Grunde genommen scheint alles auf ein typisches „Lone-Wolf-Setting“ hinauszulaufen, in dem der Sympathieträger der Geschichte zum Hauptverdächtigen avanciert und seine Unschuld nur im Alleingang beweisen kann. Handlungsverläufe dieser Art stehen und fallen mit dem Cast und den Plotpoints, die klug getimt sein müssen, um das Interesse des Publikums hochzuhalten.

In Anbetracht des unnötigen und zu lang gezogenen Mittelteils darf man indes vor allem bezüglich der Spieldauer der Miniserie durchaus skeptisch sein, ob der Spannungsbogen über die gesamten sieben Teile hinweg erhalten bleibt. Andererseits sind sowohl das Ensemble als auch das Produktionsteam tragfähig, so dass wir vorsichtig optimistisch sind.

Dreieinhalb von fünf Staatsanwälten.

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