
Wer, wie ich, an keinem Sportdrama auch nur vorbeigehen kann, ohne mit dem sofortigen Ausbruch großer Emotionen konfrontiert zu werden, der hat sich in den vergangenen Wochen wohl auf keine neue Serie so sehr gefreut wie auf das Baseball-Drama Pitch von FOX. Als die ersten Kritiken dann auch noch positiv ausfielen und die Serie als eine der besten neuen der Herbstseason bezeichnet wurde, konnte eigentlich nichts mehr schiefgehen. Und in der Tat: Bis auf wenige Ausnahmen funktioniert in der Pilotepisode alles.
Game Day
Das nimmt gleich ab der ersten Einstellung seinen Anfang, die so stimmungsvoll ist, dass sie vor atmosphärischer Dichte beinahe birst. Am Tag ihres ersten Spiels für die Baseball-Mannschaft San Diego Padres bereitet sich Ginny Baker (Kylie Bunbury) in ihrem Hotelzimmer vor. Es ist übersät mit Grußbotschaften von Freunden, Verwandten und namhaften Persönlichkeiten wie Ellen DeGeneres oder Hillary Clinton. Ginny durchläuft ihre Routine, wobei sie kein Wort spricht und auch die überall aufgehängten TV-Geräte zu ignorieren scheint, in denen Sendungen laufen, die diesen einmaligen Tag in der amerikanischen Sportgeschichte thematisieren.
Die Padres sind nämlich der erste Club der Major League Baseball (MLB), der eine Frau als Spielerin einsetzt. Von manchen Kommentatoren wird dies als ähnlich große Revolution angesehen wie der Einsatz von Jackie Robinson als erster schwarzer Spieler der MLB im Jahre 1947. Dass nun entsprechend großer Druck auf Ginny lastet - auch, weil sie viel mehr als jeder männliche Rookie zu beweisen hat, dass ihre Verpflichtung nicht nur ein Marketingcoup war - erklärt sich von selbst. Ihr zur Seite stehen die taffe Managerin Amelia Slater (Ali Larter) sowie ihr Social-Media-Betreuer Eliot (Tim Jo), der beim ersten Kennenlernen ziemlich witzig abserviert wird.
Durchzogen ist die Geschichte der Auftaktepisode mit Rückblenden in die Vergangenheit. Die erste offenbart, dass Ginny schon als kleines Mädchen über mehr Talent verfügte als ihr Bruder. Den wollte Vater Bill (Michael Beach) eigentlich zum Baseball-Profi ausbilden, war eine solche Karriere ihm selbst doch verwehrt geblieben. Mit eisernen, bisweilen verachtungswürdigen Methoden nimmt er sich hernach seiner Tochter an, wobei er deren verfrühte Euphorie über kleine und große Errungenschaften stets mit demselben Satz zu bremsen weiß: „We ain't done nothin' yet.“

Der immens hohe Druck für Ginny kommt nicht nur von familiärer und medialer Seite, sondern auch von innerhalb des Teams. Dort ist das Rumoren nach dieser spektakulären Verpflichtung groß. Cheftrainer Al Luongo (Dan Lauria aus The Wonder Years) versucht, entgegenzusteuern, womit er allerdings nur geringfügigen Erfolg hat. Glücklicherweise findet Ginny auch ohne die Hilfe des Coachs einen Verbündeten, ihren ehemaligen Teamkollegen Blip „Black Yoda“ Sanders (Mo McRae). Der kann jedoch auch nicht verhindern, dass Ginny mit einer Abstellkammer als Umkleidekabine vorlieb nehmen muss.
No special treatment
Immerhin hängt darin das Trikot mit ihrem Namen und der Nummer 43 - „one up from Jackie“, wie der stolze Teambesitzer Frank Reid (Bob Balaban) uns Zuschauern erklärt. Für ihn hat sich die Verpflichtung Ginnys bereits jetzt gelohnt. Das Stadion ist zum Eröffnungsspiel ausverkauft, die Begeisterung junger Mädchen für den Sport geweckt, das Medienecho enorm. Während sie von der eigenen Managerin als „a Kardashian with a skill set“ bezeichnet wird, kategorisiert sie Teamkapitän Mike Lawson (Mark-Paul Gosselaar) jedoch als „gimmick“.
Ihr wird also doch eine Sonderbehandlung zuteil, nur keine positive. Das bestätigt sich beim ersten Aufteinandertreffen mit Lawson, der sie mit einem Klaps auf den Po verabschiedet und hernach nicht einsehen will, was daran falsch gewesen sein soll. Schließlich verfahre er so mit allen seinen Teamkameraden. Ginny lässt sich davon zunächst nicht beeindrucken, hat sie doch ihre gesamte Karriere mit solchen frauenverachtenden Mätzchen zu kämpfen gehabt. Als sie jedoch endlich auf dem mount steht, von wo aus sie ihre gefährlichen screwballs in Richtung Gegenspieler abfeuern soll, versagen ihr die Nerven.
Ginnys Debüt wird zu einem Debakel. Sie bekommt den Ball gar nicht richtig zu fassen und produziert Würfe, die überall hinfliegen, nur nicht an ihr Ziel. Zu Beginn zeigen Kommentatoren, Fans und Trainer noch Geduld, nach den ersten verlorenen Punkten jedoch erbitten sich Lawson und Luongo ein Notfallgespräch auf dem Spielfeld. Zu diesem Zeitpunkt hat es Ginny nicht einmal geholfen, an die einschwörerischen Worte ihres Vaters zu denken, was in Sportfilmen und -serien eigentlich ein untrügliches Merkmal für den Umschwung ist. Stattdessen gibt Ginny einfach auf.

Die anschließende Pressekonferenz nehmen wir Zuschauer und die tränenerstickte Spielerin nur noch wie einen scheinbar endlosen Rausch wahr. Ihre Wut lässt Ginny schließlich an ihrem Vater aus: „I never asked for any of it. You chose it for me. I have no friends, no interests.“ Der schafft es trotzdem, sie zu einer nächtlichen Trainingseinheit zu überreden. Dass sie nicht gleich wieder zurück in das Nachwuchsteam der Padres geschickt wird, hat sie allerdings dem Management zu verdanken, das sich laut eigener Aussage zum ersten Mal in Luongos Arbeit einmischt.
Robot in cleats
Ausgerechnet ihr lautstärkster mannschaftsinterner Widersacher ist es, der am zweiten Spieltag das endgültige Desaster verhindert. Als es Ginny abermals nicht gelingt, ihre Form zu finden, findet Lawson Worte, die zuvor keinem anderen eingefallen sind: „Start doing this for yourself. You're not a girlscout-leader, rookie. You're a ball player.“ Im Sport sind es eben meist die einfachen Worte, die am meisten Wirkung hinterlassen. „Geht's raus und spielt's Fußball“, „Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten“, „Clear eyes, full hearts, can't lose“ - wir kennen und lieben das.
Es ist schließlich ihr in peinigender Fleißarbeit antrainierter screwball, der den Knoten bei Ginny platzen lässt. (War das meine erste Sportphrase in dieser Review? Falls ja, bin ich ein bisschen stolz auf mich.) Der auch im echten Leben als FOX-Kommentator arbeitende Joe Buck begrüßt sie mit dem unsterblichsten aller Rookiesprüche: „Welcome to the big leagues, Ginny.“ Würde ich behaupten, mir wäre in diesem Moment keine Träne über die Wange gelaufen, würde ich dreist lügen.
Nach meinem Geschmack hätte die Pilotepisode mit diesem Satz allerdings gerne enden dürfen. Was danach kommt, hat mich schnell aus der wohligen Emotionalität gerissen, in die mich der gesamte Auftakt bis dahin gewickelt hatte. Serienschöpfer Dan Fogelman und Drehbuchautor Rick Singer müssen da unbedingt noch unterbringen, dass Teambesitzer Reid einen Nachfolger für Trainer Luongo finden will, obwohl es dafür keinen nachvollziehbaren Grund gibt. Außerdem erfahren wir, dass Ginnys Vater bereits seit einigen Jahren tot ist und sie sich seine Auftritte nur eingebildet hat. Derlei Wendungen braucht es meiner Meinung nach in einer Serie, die großen Wert auf Authentizität legt, nicht.
Ein großes Plus in Sachen realistischer Darstellung sind die Beteiligung der MLB und der San Diego Padres, wodurch sämtliche Teamlogos und sogar das Stadion als Drehort genutzt werden können, sowie die bestechende visuelle Umsetzung durch Regisseur Paris Barclay (Sons of Anarchy), der dem Format einen tollen gritty Look verpasst. Punkten kann Pitch überdies mit einem gelungenen Casting, bei dem zuallererst Bunbury zu nennen ist, die über ausreichend Athletik verfügt, um ihre Rolle glaubhaft zu verkörpern. Zu guter Letzt sei die mitreißende musikalische Untermalung erwähnt, die nicht nur ein Cover des Stones-Allzeithits „Sympathy for the Devil“ enthält, sondern auch zwei hervorragende Stücke der Gruppe Black Violin („A-Flat“ und „Addiction“).
Für mich ist „Pitch“ schon jetzt der große Gewinner dieser Herbstseason.
Trailer zu Episode 1x02: 'The Interim'