Person of Interest 4x06

Das passiert in der Person of Interest-Folge Pretenders:
Die neue Nummer könnte auf den ersten Blick kaum gewöhnlicher und langweiliger sein: Walter (Erik Jensen) ist ein unscheinbarer und unbedeutender Angestellter eines großen Versicherungsunternehmens. John (Jim Caviezel) und Sameen (Sarah Shahi) finden jedoch schon bald heraus, dass mehr hinter ihm steckt. Außerhalb der Versicherung gibt Walter vor, ein Polizist zu sein. Er führt Ermittlungen in einem Selbstmord-Fall durch. Der Bruder einer Kollegin ist von der Feuerleiter eines Hotels gesprungen. Die Schwester glaubt nicht, dass es Selbstmord war. Doch die echte Polizei hat den Fall schon längst zu den Akten gelegt. Walters Ermittlungen bringen ihn ins Kreuzfeuer zweier Verbrecherorganisationen, die in New York um die Vorherrschaft ringen.
Harold (Michael Emerson) besucht unterdessen eine akademische Konferenz in Hongkong, zu der ihn (beziehungsweise „Professor Whistler“) der Dekan seiner Fakultät verdonnert hat. In Hongkong macht er die Bekanntschaft der Unternehmerin Elisabeth Bridges (Jessica Hecht, Breaking Bad), mit der er schon bald in anregende intellektuelle Debatten verstrickt ist. Da werden die beiden auf einmal das Opfer eines Straßenräubers. Harold bittet Beth die Polizei herauszuhalten (wegen angeblicher „Visa-Probleme“). Stattdessen will Harold sich auf eigene Faust auf die Spur des Täters machen...
Ein Fan
Das Phänomen, von dem Pretenders handelt, ist in den USA gar nicht mal so ungewöhnlich: Der Wunsch, sich als „Superheld“ zu verkleiden, um aus der eigenen bedeutungslosen alltäglichen Existenz auszubrechen und Gutes zu tun, manifestiert sich immer häufiger. Das Treiben Walters ist auf diesem Hintergrund gar nicht mal so weit hergeholt. Das Schöne an diesem Fall-der-Woche ist natürlich, dass sich Walter den „Mann im Anzug“ zum Vorbild genommen hat. Er ist der Superheld, dem er nacheifert.
Ähnlich wie zuvor in Bury the Lede (der Fall mit der Journalistin, die dem Mann im Anzug auf der Spur war) kommt es hier zu einer Begegnung mit dem Idol. Das bedient natürlich ein Stück weit auch die Fantasie des Publikums: Wie wäre es wohl, wenn man tatsächlich John Reese treffen könnte...? Walter fungiert hier deutlich als eine Art Stellvertreter des Zuschauers. Und weil wir schon mal bei der Wunscherfüllung sind, darf Walter sich am Ende sogar vor Reese werfen - und eine Kugel für ihn abfangen. Der einfache, gewöhnliche Mann, der den Helden rettet.
Superhelden
Zugleich spricht Walter offen aus, was in der Serie natürlich stets latent angelegt ist - und was auch in den Review-Kommentaren häufiger schon diskutiert worden ist: nämlich, dass Person of Interest im Grunde eine Superhelden-Serie ist. Nur mit weniger ausgefallenen Kostümen (bezeichnend ist jedoch, dass auch John - zumindest in der Außenwahrnehmung - primär über sein „Kostüm“ als der „Mann im Anzug“ definiert ist). Grandios ist in diesem Zusammenhang natürlich das Treffen von John, Sam und Fusco (Kevin Chapman), welches auf eine Art und Weise inszeniert wird, als kämen hier die Avengers zusammen.
Konfrontation
Elias (Enrico Colantoni) hat dem Team Machine in der jüngeren Vergangenheit so oft geholfen, dass man fast den Eindruck hätte gewinnen können, dass er ein Verbündeter ist. Pretenders stellt jedoch klar, dass er trotz allem ein Verbrecherboss ist, der zunächst einmal an seine eigenen Geschäfte denkt. Und dabei kommt es dann auch schon mal zu etwas unsanften Rempeleien mit dem Team Machine.
Seine Geschäfte werden durch den Aufstieg der Brotherhood - unter Führung von Dominic (Winston Duke) - tangiert. Er fürchtet eine Verschiebung der Machtbalance, sollten andere in den Besitz der hochmodernen (und brandgefährlichen) Super-Gewehre kommen. Außerdem will er die Gewalt und das Chaos verhindern, die in Chicago herrschen. Elias' Philosophie lautete stets, seine Geschäfte möglichst unter einer Oberfläche der Ruhe und Ordnung abzuwickeln. Das funktioniert natürlich dann am Besten, wenn man selbst an der Spitze steht, der „König“ ist. Diese Position wird ihm nun von Dominic streitig gemacht.
Das erste Treffen dieser beiden mächtigen Gangsterbosse stellt nicht zuletzt deswegen den größten Gänsehaut-Moment der Episode dar.
Köder?
Ein zweiter Gänsehaut-Moment ist der grimmig entschlossene Blick von Harold am Ende der Episode. Er ahnt, dass Samaritan sich für die Firma („Predictive Analytics“) von Beth interessieren wird. Und hat deshalb den Überfall auf sie beide nur inszeniert, um etwas auf ihren Laptop zu praktizieren. In seinen Gesprächen mit ihr vertritt Harold die Position, dass Wissenschaftler ethisch verantwortlich handeln müssen. Er selbst scheint das in diesem Moment nicht zu tun. Er erweckt jedenfalls den Eindruck, als würde er Beth als (unwissentlichen) Köder für Samaritan auslegen.
Ob das wohl ein Ergebnis des Gesprächs mit der Maschine ist, welches er am Ende von Prophets doch führen wollte?
Wir dürfen auf jeden Fall gespannt sein, wie sich dieser Strang entwickeln wird.
Die kleinen Momente des Alltags
Harolds Abwesenheit wirbelt das Team etwas durcheinander. So ist Sam diesmal diejenige, welche im Hauptquartier für die IT-Unterstützung sorgt, was für einige schöne Dialoge („I can do nerd...“) und auch eine herzige Szene mit Bear (dem „belgischen Super-Model“...) gut ist.
Momente wie diese mögen für den großen Handlungsbogen, ja sogar für die Fall-der-Woche-Handlung unwichtig sein. Sie sind jedoch extrem wichtig: In ihnen nehmen wir am quasi-familiären Alltag der Hauptfiguren teil, was für unsere emotionale Bindung an die Figuren von maßgeblicher Bedeutung ist.
Fazit
Nicht ganz so stark wie Prophets, aber alles in allem eine sehr vergnügliche Episode: ein „Fan“ als Person of Interest der Woche, die wachsende Auseinandersetzung zwischen Elias und der Brotherhood und ein Twist am Ende, der in Aussicht stellt, dass Harold einen Gegenschlag gegen Samaritan vorbereitet.
Händereib, „Nächste Folge, bitte!“

(Person of Interest 4x06)
Schauspieler in der Episode Person of Interest 4x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?