Person of Interest 3x17

Das passiert in der Person of Interest-Folge Root Path:
„Where were you when I got busted?“ / „Ridgetown psychiatric facility.“
Root (Amy Acker) arbeitet unermüdlich als das analoge Interface der Maschine. Um die geheime schriftliche Nachricht eines NSA-Labors abzufangen, überfällt sie einen Gefangenentransport, befreit den Autodieb Billy (Colin Donnell, Arrow) und lässt ihn als den vermeintlichen Empfänger der Botschaft posieren. Auf diese Weise erfährt sie von der Vollendung eines neuen, hochleistungsfähigen Computerchips. Dieser Chip ist genau der Teil der Hardware, welcher Mr. Greer (John Nolan) und Decima bislang fehlt, um Samaritan, die zweite Maschine, in Betrieb zu nehmen. Um sich Zugang zu der klandestinen NSA-Anlage zu verschaffen, nimmt Decima den stoischen Hausmeister Cyrus (Yul Vazquez, Magic City) ins Visier.
Die Maschine sendet Root aus, um Cyrus zu beschützen. Gleichzeitig erhalten auch Finch (Michael Emerson), Reese (Jim Caviezel) und Shaw (Sarah Shahi) von der Maschine Cyrus' Nummer. Der doppelte Schutz für ihn ist auch mehr als angezeigt. Denn nicht nur von Decima droht ihm Gefahr. Auch Collier (Leslie Odom, Jr.) und seine Vigilance-Terrorgruppe haben es auf den Hausmeister abgesehen...
Krieg der Götter
Als Rezensent von Person of Interest steht man vor dem nicht unerheblichen Problem, für diese Serie überhaupt noch angemessene Parameter der Beschreibung zu finden. Denn so langsam gehen einem wahrlich die Superlative aus. Das gleiche Problem stellt sich bei der Stern-Vergabe. Denn wie kategorisiert man die Folgen, wenn man damit rechnen muss, dass schon die nächste Episode einen neuen Maßstab setzt, was in dieser Serie als exzellent zu gelten hat? Person of Interest war schon in der ersten Staffel eine tolle Serie, ist in der zweiten noch besser geworden - und hat in der aktuellen dritten Staffel einen Lauf, der schon fast unheimlich zu nennen ist.
Bestes Beispiel: Root Path. Eine durch und durch spannende, actiongeladene Folge, welche den übergreifenden Handlungsbogen rund um Samaritan aufgreift und in eine Richtung lenkt, die uns ziemlich klar erahnen lässt, was uns wohl im Staffelfinale erwarten wird: die Inbetriebnahme der zweiten Maschine. Mit allen Konsequenzen, die daraus erwachsen. Der Kampf der Götter, um es in den Worten von Root zu sagen.
Root
Das allein wäre schon eine ungemein aufregende Entwicklung. Doch oben drauf setzt Root Path noch ein ganz wunderbares Charakterdrama, welches, wie der Titel schon erahnen lässt, Root in den Mittelpunkt stellt - und auch ihre Entwicklung ganz maßgeblich vorantreibt. Das wiederum führt dazu, dass sich ihr Verhältnis zu Harold verändert - und die beiden bislang separaten Abteilungen des Teams Machine zu einer Form der Zusammenarbeit finden. Was für ein Wendepunkt! Wir erinnern uns: vor anderthalb Staffeln war Root noch die Böse, welche Harold gekidnappt und traumatisiert hat. Und noch vor wenigen Folgen hat Harold sie umgekehrt in einem Käfig gefangen gehalten.
Großes Drama zeichnet sich dadurch aus, dass es die Figuren vor unmögliche Entscheidungen stellt. Sie müssen abwägen und entscheiden, was ihnen wichtiger ist. Die Schlüsselszene von Root Path ist so gesehen der Moment, als Root vor dem Eingang des Labors steht und sie von nebenan die Schüsse hört. Verhindert sie, dass der Chip Decima in die Hände fällt, was ihre eigentliche Mission ist? Oder hilft sie Reese und Fusco (Kevin Chapman) dabei, den vermeintlich irrelevanten Hausmeister zu retten?
Eine Lektion in Menschlichkeit
Root ist eine Nihilistin, die an keinerlei Plan, Ordnung oder Sinn im Universum glaubt. Ihre Göttin, die Maschine, welche den Dingen eine Ordnung verleiht, ist eine nachträgliche, technologische Schöpfung. Während sie der Maschine blind ergeben ist, hat sie eine alles andere als hochstehende Meinung von Menschen, die - mit Ausnahme von Harold - für sie nur Bad Code sind. Doch etwas erschüttert ihre Haltung: sie trifft Cyrus, den schicksalsergebenen Hausmeister („Que sera sera“), dessen Vergangenheit durch ihr eigenes verbrecherisches Tun eine so grundlegende Wendung erfahren hat. Root wird mit Schuldgefühlen konfrontiert. Zugleich muss sie erkennen, dass nicht nur Harold, sondern auch die Maschine ihr offensichtlich etwas zu sagen versuchen - über das Wesen der Menschlichkeit.
„How bad did you have to break it to make it care about people so much?“ / „I didn't break it. It's what makes it work. It was only after I taught the machine that people mattered that it could begin to be able to help them. I'd like to do the same thing for you, if you let me...“
Statt ihrer überaus wichtigen Mission nachzugehen, entscheidet sich Root, dem unwichtigen Hausmeister beizustehen - und fängt sich für ihn sogar eine Kugel ein. Es ist eine menschliche Entscheidung.
Das Erbe von Star Trek
Der ein oder andere wird in dem letzten Satz ein Zitat aus „Star Trek IV - Zurück in die Gegenwart“ erkennen. Und das ist durchaus kein Zufall. Root Path ist angefüllt mit Themen, die einem als Star Trek-Fan bekannt vorkommen können („Das Wohl von Vielen, es wiegt schwerer als das Wohl von Wenigen oder von Einzelnen“ - und dessen Umkehrung in „Star Trek III“). Darüber hinaus musste ich immer wieder an einen Satz denken, den der lang gediente Star Trek: The Next Generation-Autor Ronald D. Moore kürzlich auf der Destination Star Trek Germany Convention gesagt hat: Dass es im Kern von Star Trek nicht um Weltraumschlachten, sondern um Leute geht, die über wichtige Dinge und (ethisch) bedeutsame Themen miteinander sprechen.
Eine der spannendsten Szenen von Root Path ist das oben zitierte Gespräch zwischen Root und Harold. Es ist nicht spannend in dem Sinne, dass dort Pistolenkugeln fliegen. Es ist spannend in dem Sinne, dass dort intellektuell die Funken fliegen - zwischen zwei großen Geistern und zugleich faszinierend komplexen Figuren.
Mir persönlich hat Root Path deutlich gemacht, dass einer der Gründe dafür, warum ich Person of Interest so sehr schätze und liebe, der ist, weil die Serie in der großen Tradition humanistisch orientierter Science Fiction steht, wie sie (nicht ausschließlich, aber doch in sehr prominenter Weise) von Star Trek im Fernsehen geprägt worden ist.
Terminator
Root lernt eine Lektion in Menschlichkeit, was - ähnlich wie zuvor bei Shaw in Razgovor - einer der zentralen Gründe dafür sein dürfte, dass sie nunmehr für Harold als eine Kooperationspartnerin in Frage kommt. Zugleich nimmt andererseits ihre Symbiose mit der Maschine weiter zu: nachdem es Decima gelungen ist, ihre Mobilfunk-Verbindung zur Maschine zu stören, lässt sich Root in ihr beschädigtes Ohr einen (Satellitentelefon- ?) Empfänger implantieren, der ihr eine dauerhafte, ungestörte Kommunikation mit der Maschine garantiert. Mehr und mehr mutiert sie zum Cyborg. Dazu passend erinnert ihr Auftritt in der Schießerei am Ende durchaus an den Terminator.
Apropos Shaw: ihr kleiner Nebenstrang, in dem Collier sie für die patriotische Sache zu gewinnen versucht, zeigt vor allem, dass sie in ihrer Lernkurve Root schon etwas voraus ist. Denn sie gibt Collier der Sache nach zwar Recht, wendet jedoch gegen ihn ein, dass es nicht nur auf die Ziele ankommt, sondern auch darauf, mit welchen Mitteln man sie zu erreichen versucht. Da spricht doch unverkennbar Harold aus ihr.
Was das Verhältnis von Shaw und Root angeht, so bekommt dieses - was insbesondere von Root ausgeht - eine kaum noch zu übersehende beziehungsweise überhörende homoerotische Komponente: „I couldn't make you look bad, if I tried.“, „I love it when you play doctor...“
I wasn't talking to you...
Root Path ist jedoch nicht nur eine sehr spannende und dramatische Folge. Es gibt wie eigentlich immer, wenn Root mit dabei ist, auch sehr viel zu lachen. Zu allervorderst ist dabei natürlich der Running Gag zu nennen, bei dem Root scheinbar mit ihrem Gegenüber, in Wahrheit jedoch mit der Maschine spricht. Großartig ist auch der fassungslose Blick von Billy (der Autodieb am Anfang), der von Root, nachdem sie ihn für ihren Plan gebraucht hat, wieder der Polizei ausliefert, ihm aber immerhin vorher noch einen nützlichen Tipp, wie er das Gefängnis heil übersteht.
Nur am Rande: erst beim zweiten Anschauen der Folge ist mir klar geworden, was der Sitznachbar von Billy in dem Gefangenentransporter eigentlich zum Ausdruck bringen will. „You wanna tip?“ / „No, thanks.“ / „Too bad, 'cause you're getting the whole thing.“ Tip heißt im Englischen ja bekanntlich nicht nur Tipp, sondern auch Spitze. Und dann wird klar, warum es für Billy eine gute Sache ist, im Knast lieber einen starken Beschützer zu haben...
Hasenfuß
Die Anfangssequenz gehört unterdessen zu den wenigen Kritikpunkten der Folge. Die Vorgänge sind - was dramaturgisch verständlich, aber plausibilitätstechnisch grenzwertig ist - schon arg komprimiert. So ist es doch erstaunlich, wie schnell Billy eine fremde Handschrift lernt. Und auch die Allwissenheit der Maschine lässt einen stellenweise etwas die Augenbrauen heben. Wobei es natürlich auch sehr witzig ist, als sie - vermittelt durch Root - Fusco wissen lässt, dass in seinem Rauchmelder ein Batteriewechsel ansteht. Das nennt man doch fürsorglich!
Ein anderer Punkt, der so ein bisschen auf die Nerven geht, ist die Art, wie schnell Collier regelmäßig reißaus nimmt, sobald Schwierigkeiten ins Haus stehen. Dass er überhaupt noch Mit-Terroristen findet, die mit ihm gemeinsam auf Missionen gehen, ist auf diesem Hintergrund schon bemerkenswert.
Doch das sind Kleinigkeiten, die einen überwältigend positiven Gesamteindruck nicht schmälern könnnen.
Fazit
Sprachlos. Einfach sprachlos. Ich weiß nicht, was man zu Person of Interest noch sagen soll. Außer natürlich: Glückwunsch zur Verlängerung „58367“! Auf dass die Serie diese exzellente Qualität noch lange, lange halten kann!
Verfasser: Christian Junklewitz am Mittwoch, 19. März 2014(Person of Interest 3x17)
Schauspieler in der Episode Person of Interest 3x17
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?