Our Flag Means Death 1x10

© zenenfoto aus der Serie Our Flag Means Death (c) HBO Max
Nachdem die Pilotfolge der Piratenkomödie Our Flag Means Death von HBO Max einen so positiven Eindruck bei uns hinterlassen hatte (hier das Pilotreview), sind wir durch den Rest der ersten Staffel gesegelt, die in ganz andere Gefilde schipperte, als wir es uns hätten träumen lassen. Serienschöpfer David Jenkins (People of Earth) und sein Partner in Crime, Taika Waititi (What We Do in the Shadows), waren nämlich nicht nur darauf aus, eine lustige Seeräuberklamotte zu produzieren, sondern auf einer regelrechten Mission, unsere Herzen zu kapern - aber eines nach dem anderen...
Rhys Darby (Flight of the Conchords, Wrecked) spielt in der Serie den sanftmütigen Nobelmann Stede Bonnet, der 1717 sein komfortables Leben mit Frau und Kindern hinter sich lässt, um sich einen Namen als Gentleman Pirate zu machen, obwohl er überhaupt nicht das Zeug zum Halsabschneider hat und sich kaum den Respekt der eigenen Crew verdienen kann. Nach dem starken Auftakt hängen die Episoden zwei und drei dann leider etwas durch, auch wenn Leslie Jones als furchteinflößende Piratin namens Spanish Jackie (die übrigens überhaupt nicht spanisch ist) einiges hermacht. Richtig los geht es aber erst in Episode vier der ersten Season, wenn der von Waititi gespielte Ed Teach aka Blackbeard auf der Bildfläche erscheint, dessen Beziehung zu Stede, wie im Pilotreview vermutet, das Herzstück der Serie ausmacht.

Vorhersehbarerweise und ganz wunderbar geben der feingeistige Stede und der raubeinige Blackbeard einen wundervollen Kontrast auf dem Bildschirm ab, ohne dass jedoch einer von ihnen zur Karikatur degradiert werden muss oder die Unterschiede zwischen ihnen künstlich überzogen werden. Stattdessen freunden sie sich sogar sehr schnell an und haben so eine unglaublich charmante Chemie zusammen, dass man es beinahe wagen möchte, sich noch mehr für die beiden liebenswerten Seeräuber zu wünschen. Was dann auch, und man möchte es kaum glauben, knallhart durchgezogen wird, denn, um es mit den Worten von Phoebe Waller-Bridge im Auftakt der zweiten Fleabag-Staffel zu sagen: „This is a love story.“ Oder fragt gleich Waititi, der auf Twitter schrieb: „It's not ,bromantic', it's ROMANTIC.“ Heilige Regenbogenmakrele!
„Our Flag Means Death“ umgeht damit nicht nur die queerbaiting-Falle, in die so viele andere Serien mit zwei gleichgeschlechtlichen Hauptfiguren treten, sondern wird regelrecht zum Anti-queerbaiting-Format, welches das Zu-kurz-Kommen anderer Serien hervorhebt. Denken wir nur daran, wie die Macher von Sherlock das queere und queerfreundliche Publikum mit koketten Anspielungen und Hoffnung auf Repräsentation im Rahmen von Protagonisten einer Mainstreamserie, die nicht primär Beziehungsdrama ist, an der Stange gehalten haben, nur um sich über solche Optionen geradezu lustig zu machen. Oder wie Supernatural in der Finalstaffel mit dem halbherzig durchgezogenen Liebesgeständnis von Castiel (Misha Collins) umgegangen ist, für das er buchstäblich in die Hölle geschickt wird... Auch wenn heute viele Hans-Jochens meckern, es wimmle nur so vor LGBTQ-Charakteren in Serien, kommt es doch sehr auf die Art und Weise der Repräsentation und den Kontext an. Queere Nebenfiguren als Token kann jeder, queere Hauptfiguren in einem „LGBTQ-Beziehungsdrama“ auch. Im Gegensatz dazu ist „Our Flag Means Death“ ein echter Piratenschatz.
Dabei ist die Idee von Männerliebe unter Piraten überhaupt keine Seeräuber-Slashfiction, sondern historischer Fakt. Auf hoher See hatte man nur einander, könnte man meinen, aber es hörte nicht bei gelegentlichen Fummeleien in der Kajüte auf. Piraten hatten im Golden Age of Pirates, um das es hier geht, sogar so etwas wie eingetragene Lebenspartnerschaften, durch die der Witwer im Falle des Partnertodes das erbeutete Vermögen erben konnte. Vermutlich ist es kein Zufall, dass die andere Genreserie, die dermaßen egalitär mit Liebschaften jeglicher Couleur umgeht, What We Do in the Shadows ist, was auf ganz andere Art und Weise logisch ist - schließlich basieren die Blutsauger größtenteils auf Anne Rice' Kreaturen, die sich nach einer gewissen Zeit der Unsterblichkeit kaum noch von geschlechtlichen Unterschieden imponieren lassen.
„Our Flag Means Death“ macht aber hier nicht Halt. Bevor klarwird, wo man mit Stede und Blackbeard hinwill, sind es Black Pete (Matthew Maher) und Fanfavorit Lucious (Nathan Foad), die miteinander anbandeln. Darüber hinaus ist die Story des Crewmitglieds Bonifacia „Jim“ Jimenez keine einfache Frau-in-Verkleidung-Geschichte. Jim bleibt auch nach der großen Enthüllung und dem Abwerfen des falschen Barts Jim, was zum einen sehr zur*m nichtbinären Darsteller* Vico Ortiz passt und zum anderen viel interessanter ist. Jim befindet sich nach dem Tod seines Vaters auf einem Rachefeldzug gegen die Killer und wurde von einer hartgesottenen Kampfnonnen-Großmutter ausgebildet. Hier scheint man sich bei Inigo Montoya aus „The Princess Bride“ eine Rachestoryscheibe abgeschnippelt zu haben.

Aber auch ohne dieses spektakuläre und erfrischende Bekenntnis zur Repräsentation ist „Our Flag Means Death“, wie schon nach der ersten Folge vermutet, eine unglaublich komische Komödie auf hoher See. Nicht ganz so tight geschrieben und durchweg zum Laut-Loslachen wie das erwähnte Vampir-Mockumentary-Gegenstück, aber dank des Ausnahmetalents Darby und seines stets sympathischen Bildschirmpartners Waititi permanent unterhaltsam. Dabei ist man sich auch nicht zu schade, was klassische Sitcom-Plots angeht. Wenn Stede und Blackbeard sich zum Beispiel in eine feine Gesellschaft einschleichen (in der dann auch Kristen Schaal und Nick Kroll aus „WWDitS“ zu sehen sind) oder wenn Blackbeards alter Busenfreund (und Lover) in Form von Will Arnett vorbeikommt und Stede Konkurrenz zu machen scheint. Der zunächst zentral scheinende Plot, dass Blackbeard seinem ersten Maat Izzy Hands (Con O'Neill) zusichert, Stede um die Ecke zu bringen, um das Kommando der Revenge zu übernehmen, wird hingegen relativ schnell fallengelassen.
Stehen lassen können wir das alles so aber nicht, denn „Our Flag Means Death“ ist keine Miniserie, sondern lässt uns auf einem fiesen Break-up-Cliffhanger sitzen. Nach dem Tod von Captain Nigel Badminton von der britischen Navy in der ersten Episode ist dessen Zwillingsbruder Chauncey (beide: Rory Kinnear) auf den Versen der Piraten, was damit endet, dass Stede vorerst zu seiner Familie zurückkehrt und Blackbeard in alte Hochseemonstermuster zurückfällt, weil er seinen Co-Captain der Herzen vermisst. Also los, HBO Max, rückt eine zweite Staffel raus, sonst schicken wir Euch Kielholen!
Fazit
Früher oder später muss Taika Waititi wohl auch mal bei einem Projekt die Finger im Spiel haben, das hinter den Erwartungen zurückbleibt - aber es ist nicht die erste Staffel von Our Flag Means Death, bei der das passiert. Zusammen mit Serienschöpfer Jenkins wurde eine kriminell komische Piratenkomödie geschaffen, die vom Zusammenspiel der liebenswerten Co-Captains plus Crew lebt und am Ende viel mehr auf Gefühle setzt, als man es dem Format in der ersten Hälfte zugetraut hätte. So könnte die Serie genauso gut „Our Flag Means Love“ heißen und eine Regenbogenflagge meinen. Einziges Manko: Es dauert etwas, bis die Season mit dem Zusammentreffen von Stede und Blackbeard in Folge vier in Gang kommt und die teilweise Sitcom-typische Situationskomik wird nicht jedermanns Tasse Rum sein.
Einen deutschen Starttermin hat die Serie noch nicht, wir halten Euch aber auf dem Laufenden, sobald die Serie in unsere Gewässer segelt.
Hier abschließend noch mal der Serientrailer zur Serie „Our Flag Means Death“:
Und lasst Euch auch nicht die spektakulären Fanarts wie diese auf Twitter und Co entgehen:
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Verfasser: Mario Giglio am Sonntag, 3. April 2022(Our Flag Means Death 1x10)
Schauspieler in der Episode Our Flag Means Death 1x10
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