Am Samstag hat die neue kanadisch-amerikanische Mysteryserie Orphan Black auf BBC America ihre US-Premiere gefeiert. Tatiana Maslany (Being Erica) vertauscht ihe Identität mit der einer Selbstmörderin - mit fatalen Folgen.

Tatiana Maslany als Sarah in „Orphan Black“ / (c) BBC America / Temple Street Prod.
Tatiana Maslany als Sarah in „Orphan Black“ / (c) BBC America / Temple Street Prod.

Das passiert in der Pilotfolge von Orphan Black:

Sarah (Tatiana Maslany) ist eine Kleinkriminelle, die nach New York zurückkehrt, um hier ein Päckchen mit Kokain zu verhökern, das sie bei ihrem nicht minder kriminellen Freund Vic (Michael Mando) hat mitgehen lassen. Das Geld will sie mit ihrem schwulen Pflegebruder Felix (Jordan Gavaris) teilen - und sich gemeinsam mit ihrer Tochter Kira (Skyler Wexler) eine neue Existenz aufbauen. Aktuell lebt Kira bei einer Pflegemutter, Mrs. S. (Maria Doyle Kennedy).

Der Stoff, den Sarah geklaut hat, bringt jedoch nicht genug ein. Da kommt ihr auf einmal, wie es scheint, das Schicksal zu Hilfe: Sie beobachtet, wie eine gut gekleidete Frau, die ihre Zwillingsschwester sein könnte, vor einen Zug springt, ihre Handtasche mit Geld und Dokumenten aber auf dem Bahnsteig zurücklässt. Sarah nimmt kurzentschlossen die Identität der Frau an, wodurch sie jedoch immer tiefer in Schwierigkeiten gerät. Denn Elizabeth, die Frau, die sich umgebracht hat, ist eine Polizistin, gegen die intern ermittelt wird, weil sie aus Versehen eine unbewaffnete Zivilistin erschossen haben soll. Doch das ist noch nicht alles: Elizabeth hat 75.000 Dollar auf einer Bank gebunkert - dazu Geburtsurkunden verschiedener Frauen. Plötzlich taucht eine weitere Doppelgängerin von Sarah auf - und die Dinge fangen an, ernsthaft gefährlich zu werden...

Ringer verschärft

Anfangs kommt Orphan Black ein bisschen wie eine Hardcore-Version von Ringer daher. Die grundsätzlichen Probleme, mit denen sich Sarah zunächst konfrontiert sieht, sind denen von Ringer - oder im Prinzip jeder anderen Identitätsübernahme-Story - sehr ähnlich: Sie übt die Handschrift und (anhand von Videoaufnahmen) die Bewegungen und Sprechweise von Elizabeth. Sie tut alles, um in die Rolle hineinzufinden.

Lass Dich nicht entdecken!

Die Spannung rührt zunächst vor allem daher, dass Sarah stets in der Gefahr schwebt, als Schwindlerin entlarvt zu werden, vor allem wenn sie auf Menschen trifft, die Elizabeth kennen. Oder sie in Situationen gerät, die sie selbst (und auch der Zuschauer) kaum durchschauen kann. Dabei ist von ihr besonderes Improvisationstalent gefragt, etwa als sie entdeckt, dass Elizabeth eine Polizistin gewesen ist. Und sie Flüssigseife trinkt, um kotzend ihrer Anhörung entgehen zu können.

Genau deshalb ist hier von Hardcore-Version die Rede: Wie Sarah sich auf dem Tisch erbricht oder die skeptischen Nachfragen von Elizabeths Freund Paul (Dylan Bruce) abwürgt, indem sie mit ihm wilden Sex auf dem Küchentisch hat - darin zeigt Orphan Black schon eindeutig, dass es sich um eine Kabelserie handelt. Was den Sex angeht, so gibt man sich - als Basic-Cable-Serie - sogar ganz besonders freizügig, wie es sonst eigentlich nur Premium-Cable-Sender (wie etwa Starz und Showtime) tun.

Plötzlich Mystery

Lange Zeit bewegt sich der Pilot also in vertrauten Bahnen. Lediglich die Umstände und Darstellungsweisen sind vielleicht ein bisschen krasser. Das ändert sich erst in dem Augenblick, als Sarah auf Katja Obinger, ihre deutsche Doppelgängerin (Tatiana Maslany ist eine wunderbare Schauspielerin; aber ein deutscher Akzent gehört nicht zu ihren Stärken...) trifft - und plötzlich klar wird, dass hier etwas wirklich Eigenartiges vorgeht.

Katja ist in Würzburg zur Welt gekommen (was nach den historisch-geographischen Kenntnissen der Produzenten zu der Zeit in der Deutschen Demokratischen Republik lag... Jetzt wissen wir endlich, wie weit die Deals zwischen Franz-Josef Strauß und Alexander Schalck-Golodkowski wirklich gegangen sind!). Das bedeutet, dass sie wohl kaum gemeinsam mit Sarah und Elizabeth als Drilling zur Welt gekommen ist. Umso rätselhafter ist ihre verblüffende Ähnlichkeit mit den beiden Frauen. Und dem Zuschauer, der sich vorher nicht näher mit den Ankündigungen zur Serie befasst hat, könnte an dieser Stelle erstmals der Verdacht kommen, dass wir es hier mit etwas Paranormalem zu tun haben.

Zwei Sichtweisen

Dass der Pilot das Science-Fiction-Element erst so spät manifest macht, ist ein etwas zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es sehr geschickt, erst einmal gründlich die Figuren und ihre Welt einzuführen, bevor etwas Außergewöhnliches in diese Welt tritt - und die Figuren mit etwas konfrontiert, von dem sie niemals dachten, dass sie mit so etwas zu tun haben würden. Diese Art der Exposition gibt Orphan Black etwas sehr Geerdetes. Andererseits hat man am Ende so ein bisschen das Gefühl, als würde da noch etwas fehlen. Als könnte man sich noch gar kein richtiges Urteil über den Piloten bilden, weil er uns von der Mystery-/SciFi-Geschichte, welche die Serie erzählen soll, nur eine kleine Kostprobe gegeben hat.

Sarah

Sarah ist auf jeden Fall schon mal eine tolle Figur, die sich, um ihre Ziele zu erreichen, in Dinge verstrickt, deren Konsequenzen und Nebenwirkungen sie nicht ganz überschaut. So ist es eine Sache, dass sie und Felix die Leiche von Elizabeth als die ihre ausgeben, um damit Vic zu täuschen. Doch plötzlich taucht auch Mrs. S mit der kleinen Kira bei der Trauerfeier auf. Und Sarah wird klar, dass nun auch ihre Tochter sie für tot halten muss, was etwas ist, das sie ganz und gar nicht beabsichtigt hat. Das ist ein schöner emotionaler Twist, der unsere Sympathien für die Figur weckt.

Der Part scheint Tatiana Maslany geradezu auf den Leib geschrieben, was gar nicht mal so weit hergeholt ist: immerhin hat sie schon eine wiederkehrende Gastrolle in der letzten Serie der beiden Orphan Black-Produzenten David Fortier und Ivan Schneeberg gespielt, nämlich in Being Erica als Dr. Toms (Michael Riley) Tochter Sarah, eine drogensüchtige Ausreißerin. In gewisser Weise kann man ihre Rolle in Orphan Black fast als eine Fortschreibung eben jener Sarah aus Being Erica ansehen.

Fazit

Spannend, aber nicht sonderlich originell, das ist der Eindruck, den der Pilot von Orphan Black über weite Strecken macht. Dann kommt der Mystery-Twist. Und plötzlich scheint die Serie eine ganz andere Richtung zu nehmen, als man zunächst dachte. Ich für meinen Teil werde auf jeden Fall noch mindestens eine weitere Folge sehen, um mir einen vertieften Eindruck zu verschaffen.

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