Ordinary Joe 1x01

© ames Wolk als Ordinary Joe in der Serie Ordinary Joe (c) NBC
Jeder Mensch fragt sich hin und wieder, wie sein oder ihr Leben heute aussehen würde, wenn ein paar Dinge früher anders gelaufen wären. NBC macht nun eine ganze Dramaserie aus dieser popphilosophischen Fragestellung. In Ordinary Joe spielt der Zoo-Star James Wolk einen amerikanischen Durchschnittsmann, dessen Leben drei verschiedene Pfade hätte nehmen können (theoretisch natürlich unendlich viele). Dabei springt das Format ständig zwischen den Paralleluniversen hin und her, was für ein Networkformat erst mal abgespacter klingen könnte als es tatsächlich ist.
Hinter dem Neustart steht das House-Duo Russel Friend und Garrett Lerner, die für die Produktion und das Skript der Pilotepisode erstaunlicherweise Unterstützung vom Blockbusterregisseur Matt Reeves erhalten haben (der Mann hinter der letzten „Planet der Affen“-Trilogie, der derzeit auch am nächsten „Batman“ arbeitet). Die Hauptrolle spielt wie gesagt Wolk, der perfekt in diese glatte Serie passt, was leider doch kein Kompliment ist...
Worum geht's?
Wir lernen Joe in der einstündigen Auftaktfolge Way Leads On To Way (1x1) bei der Entlassungsfeier seines Jahrgangs an der Syracuse University in New York kennen. Seine Fast-Freundin Jenny (Elizabeth Lail, You) hält gerade die große Abschiedsrede, weil sie von hunderten Studierenden mit den besten Noten abschloss. Joe kommt zu spät und hätte diesen Moment beinahe verpasst, doch er ist damit nicht allein: Auch Amy Kindelan (Natalie Martinez, The I-Land) erscheint erst auf den letzten Drücker, wodurch sie und Joe sich überhaupt erst kennenlernen.
Später hat Joe drei Möglichkeiten, wie er den Rest dieses Schlüsseltages in seinem Leben verbringt: Verfestigt er seine Beziehung mit Jenny? Lernt er Amy besser kennen? Oder geht es mit seiner Familie essen? In drei verschiedenen Realitäten entscheidet er sich dreimal anders: Im Jenny-Szenario werden die Zwei bald heiraten und einen Sohn auf die Welt bringen. Joe wird Pfleger im Krankenhaus und seine Ehe ist nach zehn Jahren schon sehr zerrüttet. Im Amy-Szenario wird er ein Rockstar und sie eine ambitionierte Politikerin, doch Nachwuchs ist ihnen nicht vergönnt. Geht er mit seiner Familie essen, wird er eine Dekade später Polizist sein und ledig...

So radikal anders die drei Lebenspfade auf den ersten Blick auch scheinen mögen, macht die Serie bereits in der allerersten Episode klar, dass Joe im Endeffekt immer gleich glücklich oder unglücklich geworden ist. Das ergibt aus psychologischer Sicht natürlich Sinn - man nennt es auch die „hedonistische Tretmühle“: Selbst das größte Glück wird bald zur Gewohnheit und immer wird etwas fehlen. Das ist schließlich die wenig erkenntnisreiche Erkenntnis, die Ordinary Joe zu bieten hat und überdies schon im Pilot rausposaunt. Was soll jetzt bitte noch kommen im Rest der Auftaktstaffel?
Wie ist es?
Dass man von der NBC-Serie Ordinary Joe nichts „Deepes“ erwarten kann, war klar (eher so Sprüche, die als Wandtattoos durchgehen könnten). Obwohl die Macher trotzdem frech versuchen, ein paar Zuschauer:innen zu täuschen, indem vielleicht mal ein Robert-Frost-Zitat einfließt (aber dann nur das eine, das wir alle in der siebten Klasse Englisch lernen mussten). Eigentlich würde ich gern sagen, dass schon die Grundidee der Serie schlecht ist, weil die Was-wäre-wenn-Frage langweilige Küchenphilosophie ist. Andererseits hat der US-Schriftsteller Paul Auster mit seinem Roman „4 3 2 1“ gezeigt, dass der Schmetterlingseffekt im Bereich persönlicher Biografien in den richtigen Händen eine starke Wirkung entfalten kann.
Warum entfaltet aber Ordinary Joe keine starke Wirkung? Weil wir es mit einer typischen Networkserie zu tun haben, die zu Gunsten der Massentauglichkeit alle Kanten abschleift, dass nichts Menschliches mehr übrig bleibt. Wolk soll natürlich den glatten Durchschnittstypen spielen, aber der ist kein guter Hauptcharakter, weil er einfach langweilig ist (selbst als Rockstar, dessen Songs übrigens furchtbar klingen). Allgemein fällt auf, wie unflexibel Wolk die drei verschiedenen Facetten seiner Figur spielt. Man könnte sagen, er spielt überhaupt nicht, sondern bleibt immer er selbst (nur mit anderen Kostümen).
Kurzum: Die Serie ist zu unspezifisch, weil mal wieder alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht wurde, dass nichts an ihr zum Mitfühlen einlädt. Dabei liegt die Kraft der zentralen Fragestellung genau darin, dass wir sie automatisch auf uns selbst und unser eigenes Leben beziehen würden. Ordinary Joe (auch ein lächerlicher Titel meiner Meinung nach) kann nur über die Identifikation funktionieren - und die ist hier unmöglich.
Auch Auster beschreibt in seinem Buch einen Durchschnittstypen, der aber so konkret gezeichnet wird, dass man sich selbst in vielen kleinen Dingen wiedererkennt (wahrscheinlich jeder Mensch). Die Serie macht es genauso umgekehrt: Hier meidet man das Konkrete, weil man offenbar befürchtet, dass die Menschen sich nicht in allem wiedererkennen - und so erkennt man sich letztendlich in nichts wieder, weil nichts da ist. Joe ist ein Mann ohne Eigenschaften.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Serie Ordinary Joe auf NBC:
Verfasser: Bjarne Bock am Dienstag, 21. September 2021Ordinary Joe 1x01 Trailer
(Ordinary Joe 1x01)
Schauspieler in der Episode Ordinary Joe 1x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?