On Call ist kurz, knackig und spannend - und das gefällt mir

On Call ist kurz, knackig und spannend - und das gefällt mir

Die Crimeserie „On Call“ ist der nächste Streich von „Law-&-Order“-Produzent Dick Wolf und punktet mit einer rasanten und spannenden Erzählweise. Mehr dazu gibt es im Review zur Pilotfolge.

Szenenfoto aus der Polizeiserie „On Call“
Szenenfoto aus der Polizeiserie „On Call“
© Prime Video

Das passiert in der Serie „On Call“

Als in On Call die Kollegin der Streifenpolizistin Traci Harmon (Troian Bellisario, Pretty Little Liars) im Dienst brutal erschossen wird, macht sie sich mit ihrem Rookie Alex Diaz (Brandon Larracuente, The Good Doctor) auf die Suche nach dem Mörder. Dabei geraten die beiden Cops immer wieder in Schwierigkeiten, denn in den Straßen von Long Beach geht es nicht nur hart zu, Harmon nimmt auch den Tod ihrer ehemaligen Trainee persönlich und will den Täter unbedingt fassen...

Dick Wolf

Sich an die Bewertung eines neuen halbstündigen Crime-Formats nach nur einer Folge heranzuwagen, ist sicherlich mutig und ruft vielleicht bei einigen Leserinnen und Lesern ein ungutes Gefühl in der Magengrube hervor. Für einen Rezensenten gibt es indes eigentlich nur zwei Gründe, warum man sich dennoch zu so einem Schritt entschließt: Entweder findet man das Gesehene extrem schlecht oder eben sehr gut. Bei „On Call“ ist eindeutig Letzteres der Fall. Ein näherer Blick auf das Produktions-Team verrät indes, wie so ein Kunststück trotz der recht kurzen Laufzeit pro Episode möglich ist.

Als Stoffentwickler fungieren Elliot Wolf (Podcast „Law & Order: Criminal Justice System“) und Tim Walsh, den wir durch seine Arbeit an Chicago PD kennen. Wesentlich aussagekräftiger dürfte allerdings der Name des Showrunners sein. Niemand Geringeres als Elliots Vater Dick Wolf (unter anderem: Law & Order, Chicago Fire und FBI jeweils plus Spin-offs und viele weitere...) zeichnet dafür verantwortlich, dass für die Hauptfiguren Traci Harmon und Alex Diaz der Dienst alles andere als rund verläuft.

Spannung und Rasanz

Diese hohen Erfahrungswerte merkt man der Serie denn auch von der ersten bis zur letzten Minute in jeder Szene an. In „On Call“ wird kein einziger Dialog verschwendet, keine Szene fühlt sich ausschweifend an und die Vorstellung der tragenden Charaktere ist auf das absolute Minimum reduziert. Stattdessen fokussiert sich die knackige Pilotfolge fast vollständig auf die Prämisse einer im Dienst ermordeten Polizistin, mit der Harmon mehr als nur befreundet war. Sie hat sie ausgebildet, versuchte ihr eine gute Mentorin zu sein und dafür zu sorgen, dass sie eben nicht als junge Frau vorzeitig mit einer Kugel im Hals allein auf der Straße verblutet.

Genau das passiert aber direkt zu Beginn der Episode, womit klar wird, dass wir es hier mit einem eng getakteten und hochspannenden Konzept zu tun bekommen, das durchaus einige Stilelemente des Erfolgshits The Rookie aufgreift. Hüben wie drüben schiebt ein erfahrener Cop mit seinem Trainee Dienst. Die Einsatzszenen sind so realistisch wie möglich gehalten und die Bodycam spielt eine wichtige Rolle. Immer wieder führen uns während der Einsätze harte Schnitte direkt zu den Bildern der Körperkameras, so dass wir einige Sequenzen quasi live und ähnlich wie bei einem FPS-Shooter aus der Egoperspektive miterleben. Die Einschübe sind hervorragend getimt und erhöhen den Spannungsfaktor enorm.

Die Figuren

Szenenfoto aus der Polizeiserie „On Call“
Szenenfoto aus der Polizeiserie „On Call“ - © Prime Video

Der Nachteil ist vielleicht, dass wir kaum mehr über die Protagonisten erfahren, als wir unbedingt wissen müssen. Zeit für Nebensächlichkeiten wie kurze private Gespräche bleibt in „On Call“ höchstens, wenn Harmon und Diaz bei einem Streetfood-Truck pausieren, um Kaffee zu trinken. Doch selbst dann beschränkt sich die Dialogführung auf die Schlagwörter kurz und knackig. Viel mehr als jeweils zwei oder drei Sätze am Stück reden die Protagonisten selten miteinander. Dennoch erfahren wir auf diese Weise immerhin, was wir unbedingt wissen müssen. Harmon wurde im Dienst angeschossen, steht bei ihren Vorgesetzten nicht gerade hoch im Kurs und bewegt sich wegen ihrer ständigen Eigenmächtigkeiten oft genug am Rande der Suspendierung.

Diaz kommt hingegen frisch von der Akademie, ist hochmotiviert und legt großen Wert auf Kameradschaft. So erlebt er mit, wie sich Harmon bei einem Verdächtigen (grundsätzlich zurecht) im Ton vergreift, weigert sich aber, die Verfehlung zu melden. „Ich bin kein Verräter“, klärt er seine Kollegin und gleichsam das Publikum auf. Zudem erfahren wir, dass seine Mutter Cops hasst, obwohl Wolf und das Autoren-Team die Gründe dafür noch nicht offenbaren. Es bleibt also zu hoffen, dass die restlichen sieben Folgen der damit insgesamt rund 200-minütigen ersten Staffel hier und da ein paar Lichtblicke in Sachen Figurenentwicklung liefern.

Ein wenig mehr inhaltliche Tiefe würde dem ansonsten stark beginnenden Format nämlich nicht schaden, zumal mit der von Lori Loughlin, (90210) gespielten Lieutenant Bishop und dem von Eriq La Salle (Emergency Room) interpretierten Sergeant Lasman noch mindestens zwei interessante Figuren im Spiel sind, die man gerne näher kennenlernen möchte. Doch auch die anderen Kollegen, die bisher mal mehr, mal weniger präsent durch das Bild huschen, könnten die Serie lebendiger gestalten. Ob es den Serienmachern aber überhaupt darauf ankommt, oder ob es mehr um eine actiongeladene Story geht, die man zügig abhaken will, muss sich im Verlauf der Staffel erst noch erweisen.

Unverschämte Werbung

Immerhin ist dies das erste halbstündige Format von Dick Wolf, wobei die Machart sicherlich auch den Wünschen von Amazon Prime Video entspringt. Was man früher in einen abendfüllenden Film gepackt hätte, wird heute eben in acht Teile gesplittet, um mehr und mehr Werbung platzieren zu können und die Klickzahlen bzw. Kundenbindung zu erhöhen. Im Fall von „On Call“ hat sich der Streaming-Gigant dafür entschieden, vor der Folge zwei kurze Spots und nach circa 17 Minuten noch einmal fünf zu schalten.

Bei einem Preis von 8,99 Euro im Monat (zur Erinnerung: Disney+ veranschlagt 5,99 und Netflix 4,99 Euro bei ähnlicher Werbefrequenz) ist das schon reichlich unverschämt. Da stellt sich die Frage, wie lang die Werbeblöcke in den nächsten Monaten trotz Monatsabo wohl noch werden sollen. Diese Feststellung fließt aber natürlich nicht in die Bewertung der Serie mit ein, da Wolf und sein Team keinen Einfluss auf derartige Entscheidungen haben. Deshalb sei diese Anmerkung bitte lediglich als Randbemerkung zum Thema Episodenlänge verstanden.

Fazit

Mir hat die Pilotfolge von „On Call“ richtig gut gefallen, auch wenn ich nach wie vor kein Fan davon bin, Serienfolgen bis zur Unkenntlichkeit zu verkürzen. Je kürzer ein Teil, desto enger müssen die audiovisuellen Reize getaktet werden, was im Umkehrschluss bedeutet, dass es fast nur noch um Bilder und so gut wie überhaupt nicht mehr um die Geschichte geht.

Bei der hier offensichtlich gewählten horizontalen Erzählweise (im Kern geht es darum, eine brutale Straßengang zu zerschlagen) mag diese Gefahr noch geringer ausfallen, bei vertikal und anthologisch erzählten Projekten wie etwa Secret Level fällt hingegen auf, wie sinnlos einige der insgesamt 15 Kurzfilme im Grunde genommen sind. Das dürfte Dirk Wolf wohl nicht passieren. Dennoch könnte die Figurenentwicklung bei einer Länge von nur 200 Minuten zu kurz kommen. Das ist eine Gefahr, die die Bewertung am Ende etwas erschwert.

Daher komme ich - aber mit einer Tendenz nach oben - auf vier von fünf Bodycams.

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