ABC verlegt seinen Dauerbrenner Grey's Anatomy in den Dschungel, Tropen-McDreamy und Neurosen inklusive. Doch atemberaubende Kulissen machen noch keine gute Serie - ist Off the Map mehr als ein billiger Abklatsch?

Szene mit Mamie Gummer, Caroline Dhavernas und Zach Gilford aus „Off the Map“ / (c) Mario Perez/ABC
Szene mit Mamie Gummer, Caroline Dhavernas und Zach Gilford aus „Off the Map“ / (c) Mario Perez/ABC

Alle paar Wochen gibt es bei Ärzteserien wie Grey's Anatomy oder frĂŒher Emergency Room einen ganz besonderen medizinischen Fall: zwei Menschen aufgespießt auf einer Eisenstange, eine Frau, der das ungeborene Baby aus dem Leib geschnitten wird, ein Mann, den die RotorenblĂ€tter eines Hubschraubers beide Arme kosten. ABCs neues Drama Off the Map will diese Ausnahmestimmung jede Woche bieten und verlegt dafĂŒr den Operationssaal in den sĂŒdamerikanischen Dschungel.

200 Meilen vom nĂ€chsten stĂ€dtischen Krankenhaus entfernt, kĂŒmmert sich eine Gruppe Ärzte in der Clinica Cruz del Sur um Einheimische und wagemutige Touristen. In der Pilotepisode treten drei junge Ärzte ihren Dienst an und lernen schon in den ersten paar Tagen: An diesem Ort kann man seine medizinische Ausbildung vergessen, was zĂ€hlt, ist der Instinkt. Jeder Doktor ist hier zugleich Chirurg, Notfallhelfer, Krankenschwester und Postbote.

Es gibt keine Blutkonserven mehr? Also wird auf eine Kokosnusstransfusion zurĂŒckgegriffen (was ĂŒbrigens einer kurzen Recherche zufolge tatsĂ€chlich so durchgefĂŒhrt wird). Lily Brenner (Caroline Dhavernas) muss einen amerikanischen Patienten in schwindelerregender Höhe behandeln, Tommy (Zach Gilford) den Dschungel durchqueren, um eine Tuberkulose-infizierte Familie zu retten, und Mina (Mamie Gummer) diagnostiziert das Asthma einer Frau, die 80 Jahre ihres Lebens nicht richtig atmen konnte.

WĂ€hrend diese drei jungen Ärzte ihre ersten FĂ€lle im Nirgendwo erleben - fĂŒr die sie erstaunlich viel Zeit haben, in der doch angeblich so prekĂ€ren Situation der Klinik -, bekommt der Zuschauer einen Einblick in ihre Geschichte. Wer in die Clinica Cruz del Sur kommt, wolle nur seinen Lebenslauf aufmöbeln, meint noch zu Anfang der Episode die einheimische Ärztin Zita (Valerie Cruz). Ach, wenn es doch nur so wĂ€re. TatsĂ€chlich scheinen alle, die an diesem Ort arbeiten, auf einen Neuanfang aus zu sein. Selbst der GrĂŒnder der Klinik, der perfekt scheinende Superdoktor Ben Keeton (Martin Henderson), ist nicht frei von Geistern der Vergangenheit.

Dass die Charaktere auch in den unmöglichsten medizinischen Situationen die Gelegenheit finden, nach und nach ihre persönlichen Probleme auszubreiten, kommt nicht von ungefĂ€hr. Jenna Bans, Schöpferin von Off the Map hat quasi bei der Königin der Ă€rztlichen Neurose gelernt - als Autorin und Produzentin bei den Shonda-Rhimes-Serien Grey's Anatomy und Private Practice. Und dass Rhimes auch bei „Off the Map“ als ausfĂŒhrende Produzentin an Bord ist, dĂŒrfte die Serie ebenfalls geprĂ€gt haben.

Nun muss das dem Drama nicht automatisch zum Nachteil werden. Trotz einiger schöner Szenen ist aber in der Pilotepisode genau das passiert.

Gleich mehrere Momente wirken so fehl am Platz, als wĂŒrde Dr. Miranda Bailey persönlich plötzlich in der Tropenklinik auf der Matte stehen (und angesichts der Rhimes-Vorliebe fĂŒr Crossover... wer weiß). Etwa, als Tommy einem Patienten, der nicht einmal Englisch versteht, seine halbe Lebensgeschichte erzĂ€hlt, oder als Mina ihrer noch völlig fremden Kollegin ihr berufliches Versagen in der Heimat schildert. Schade, dass die BeweggrĂŒnde des jungen Trios fĂŒr die Reise in den Dschungel bereits so frĂŒh offenbart werden. Immerhin bleiben die Figuren zumindest in der ersten Folge erfreulich keusch, mögliche Liebesgeschichten werden nur angedeutet.

Off the Map besticht dafĂŒr auf Anhieb durch die Location, entstanden ist die erste Staffel nĂ€mlich am Drehort von Lost auf Hawaii. ABC setzt darauf, mit seinem Mix aus Abenteuerurlaub, Medizinerdrama und hĂŒbschen Naturaufnahmen nicht nur „Grey's“-Zuschauer, sondern auch den ein oder anderen „Lost“-Fan zumindest mal zum Einschalten zu bewegen. Es lohnt sich, schreien uns die Kameraleute regelrecht entgegen mit ihren ausfĂŒhrlichen Fahrten durch Dickicht und den atemberaubenden Panoramen, in denen nur noch Jack, Kate und Sawyer fehlen. Und dass die Serie so beginnt wie „Lost“ aufhörte - auf den Klippen, wenn auch bei besserem Wetter -, ist sicher auch kein Zufall.

Dennoch mĂŒssen die Autoren mehr bieten als in der Episode Saved by the Great White Hope. Der Unterschied zwischen der Tropenklinik und dem Seattle Grace Mercy West kann (und sollte) auf so vielen anderen Ebenen ausgespielt werden als nur dem Hinweis auf irgendwelche Wunderheilmittel der Natur.

Und natĂŒrlich ist es auch eine Frage der Charaktere: Die Ärzte sprechen kein Spanisch, und ihnen fehlt jegliches VerstĂ€ndnis fĂŒr die schwierige Situation der Einheimischen (und wenn man sich an Tommys merkwĂŒrdigen Monolog erinnert, wohl auch Respekt). Auch wenn ihre Entwicklung weg von diesen Eigenschaften offensichtlich zum Konzept gehört, erinnern sie bisher mehr an manch einen naiven Teilnehmer von „Die Auswanderer“, der mit Sack, Pack und einem Traum, aber ohne jegliche Ahnung in irgendein fremdes Land zieht.

Lilys erster Patient im Dschungel © Mario Perez/ABC
Lilys erster Patient im Dschungel © Mario Perez/ABC

Darstellerisch liegt noch viel Potential brach. WĂ€hrend etwa Caroline Dhavernas bereits zeigen durfte, dass sie die niedlich-naive Pfadfinderin mit der toughen Ärztin zu kombinieren weiß, wurden die Ă€lteren Charaktere noch kaum gezeigt. Auch Zach Gilford blieb sehr blass. Er mag sich sein neues Engagement als Partychirurg auch deshalb ausgesucht haben, um das Image des ernsten, freundlichen Matt Saracen aus Friday Night Lights loszuwerden. Solange er sein Talent, das wir in Episoden wie The Son sehen durften, nicht zu Hause gelassen hat, sei ihm die VerĂ€nderung gegönnt.

Kurzum: Der erste Eindruck der Serie enttĂ€uscht. Es bleibt zu hoffen, dass er auch tĂ€uscht. Off the Map darf nicht einfach den Bereitschaftsraum durch die Pritsche und McDreamy durch Super-Keenan austauschen. Ein drittes „Grey's Anatomy“ (oder wahlweise ein zweites Private Practice) mit leuchtenderen Farben braucht niemand - ein ernsthaftes Medizinerdrama mit persönlicher FĂ€rbung, das wĂ€re schön.

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