
Wenn man eine Verschwörungstheorie an den Start bringen will, dann sollte man seine Hausaufgaben machen und gut vorbereitet sein. Mit einer wilden Zettelwirtschaft kann man die eigene Seriosität nur schwer aufrechterhalten, auch wenn sich in einer Hollywoodverfilmung üblicherweise herausstellt, dass in Zetteln dieser Art die Wahrheit steckt, wie bei Hacker Bob (Nate Mooney, It's Always Sunny In Philadelphia).
Die Serie American Odyssey kommt ordentlich vorbereitet und muss sich mit der Pilotepisode nicht verstecken. Sie bietet kurzweilige Unterhaltung für diejenigen, die sich auf das Thema einlassen wollen. Für ein besonderes Meisterwerk fehlt es dennoch an allen Ecken. Vor allem die Klischees lassen einen das eine oder andere Mal die Augen verdrehen.
Worum es geht
Die Soldatin Odelle Ballard (Anna Friel, Pushing Daisies) spricht Arabisch und kämpft in Nordafrika gegen militanten Islamisten. Zu Beginn der American Odyssey-Pilotepisode gelingt ihrer Einheit der große Wurf: Sie fassen und töten einen Anführer von Al-Qaida. Auf dem Computer entdecken sie Banküberweisungen, die auf einen amerikanischen Ursprung hinweisen; die Daten kann die Soldatin an sich nehmen.
Der Ruhm nach dem großen Fang scheint zum Greifen nah. Doch in derselben Nacht werden Odelle und ihre Kameraden angegriffen und alle bis auf sie selbst getötet - und zwar von den eigenen Leuten, einer privaten Armeeabteilung aus den USA. Odelle kann sich verstecken und eine Nachricht ihres Überlebens ins Internet schicken, bevor sie von Einheimischen entdeckt und gefangen genommen wird.
In einer furchtbar klischeehaften Szene kann die US-Soldatin das Vertrauen der Familie gewinnen, die sie bewacht, indem sie von ihrer Medizintasche Gebrauch macht, um eine Verbrennung zu lindern, während die Einheimischen sich selbst offenbar nicht helfen können. Als die Amerikaner näher rücken, wird sie in der Obhut des Teenagersohnes zurückgelassen. Sie kann ihn überzeugen, sie mitzunehmen auf einen Marsch aus dem Krisengebiet. Vorher bittet sie um die Möglichkeit, ihren Mann und ihre Tochter anrufen zu dürfen. Der Anruf kommt zwar nicht durch, aber der Junge kennt einen anderen Weg, der Welt zu verstehen zu geben, dass Odelle den Angriff überlebt hat: Er schickt ein Foto von ihr an Al Jazeera. In den USA, wo unterdessen seit Tagen verbreitet wird, dass die Einheit im Kampf gefallen ist, wird das schnell als islamistische Propaganda abgetan.
Nur für zwei Menschen in den USA bedeutet das Foto von Odelle den Zusammenbruch der eigenen Sichtweise: für den Wirtschaftsanwalt Peter Decker (Peter Facinelli, Nurse Jackie) und den politischen Aktivisten Harrison Walters (Jake Robinson, The Carrie Diaries). Ersterer hat gerade von der Staatsanwaltschaft in die freie Wirtschaft gewechselt, zu einem Unternehmen namens SOC. Dem aufmerksamen Zuschauer wird der Name so lange um die Ohren gehauen, bis auch der letzte verstanden hat, dass es dasselbe Unternehmen ist, das auf den Überweisungen an Al-Qaida auftaucht. Seiner Vergangenheit als Staatsanwalt geschuldet, ist Peter niemand, der die Augen zumacht, wenn etwas sich nicht richtig anfühlt. Mit Hilfe eines Kollegen findet er einen ehemaligen Soldaten, der mit ihm spricht, nachdem seine Tochter bedroht wird. Doch bevor Peter Beweise sammeln kann, zu der Story, die der Mann über seinen Einsatz erzählt, wird er überfahren.
Das bringt Peter zwar aus der Fassung, aber erst das Bild von Odelle auf Al Jazeera weckt den Bluthund in ihm. Was er jedoch nicht weiß, ist, dass sein Kollege mit den Verschwörern unter einer Decke steckt.
Während Peter in den schicken Büros des Unternehmens unterwegs ist, halten der politische Aktivist Harrison Walters und seine Gleichgesinnten vor dem Sitz der Firma ihre Plakate in die Höhe und sprechen in Fernsehkameras. In dieser Gemeinschaft hält sich auch ein Hacker namens Bob auf, der mit verwirrenden Reden und einer wirren Zettelwirtschaft beweisen will, dass es eine Verschwörung bis ganz oben gibt. Harrison nimmt ihn als harmlosen Einsiedler wahr und trifft sich stattdessen lieber mit der Time-Magazine-Reporterin Ruby Simms (Daniella Pineda). So kommt es dazu, dass sie zufällig anwesend ist, als Harrison einen Anruf von Bob bekommt, in dem der ihm von der Nachricht erzählt, die Odelle kurz nach dem Angriff abgeschickt hat. Auch für ihn markiert das Bild von Al Jazeera den Moment, an dem er feststellt, dass die Welt nicht so einfach zu durchschauen ist, wie er dachte. Während er nach Bob sucht, der plötzlich unauffindbar ist, stellt er fest, dass man beim Time Magazin niemanden namens Ruby kennt.
Wie es rüberkommt
Die Bösen bedrohen aus noblen Karossen heraus kleine Kinder, die guten Hacker wohnen bei ihren tyrannischen Müttern; Afrikaner drücken Kindern Waffen in die Hand, damit sie gefangene Amerikaner bewachen; die privaten Soldaten töten ehemalige Kameraden, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn man sie dafür bezahlt. So einiges in der Pilotepisode der Serie American Odyssey ist schmerzhaft klischeehaft. Doch wer die Prämisse der Story kennt, den sollte das nicht überraschen: Drei US-Amerikaner finden unabhängig voneinander Beweise dafür, dass US-Konzerne hinter dem Rücken des amerikanischen Volkes die Terrorgruppe Al-Qaida mit horrenden Summen unterstützen. Man könnte im Moment wohl kaum eine Verschwörungstheorie finden, die angesagter wäre.
Die American Odyssey-Macher fassen das Thema als Thriller an. Die Leben der drei Hauptprotagonisten brechen um sie herum zusammen, bis es keinen Ausweg mehr gibt als den Kampf gegen die Bösen. Die zeigen sich ziemlich klischeehaft, sitzen abends in dekadenten Büros und raunen ins Telefon „Ich kümmere mich drum“, als sie von einem Möchtegernaufklärer erfahren.
Die Pilotepisode ist kein Meisterwerk, es fühlt sich nicht einmal besonders neu an, was wir da zu sehen bekommen. Aber wer sich mit dem Thema anfreunden kann, der kann dank guter Schauspieler trotzdem auf seine Kosten kommen.
Man wird der Serie am ehesten gerecht, wenn man betont, in welchen Bereichen sie ein bisschen überdurchschnittlich abschneidet. Neben dem Cast ist das vor allem die Tatsache, dass sie die Familien der drei Protagonisten und die anderen Figuren eng im Blick behält. Im Moment bleibt das noch oberflächlich, doch der Versuch, diese Blickwinkel unter einen Hut zu bekommen, läuft vielversprechend an.
Fazit
Die Pilotepisode der Serie American Odyssey sollte man mit gemäßigten Erwartungen angehen. Unter gewissen Bedingungen - Spaß an Verschwörungstheorienserien, Klischeeresistenz und wohl auch ein bisschen Langeweile - kann man eine unterhaltsame Dreiviertelstunde mit der Pilotepisode verbringen.