Normal People 1x12

© arianne und Connell (c) BBCThree / Hulu
Die neue irische Serie Normal People wird nicht fĂŒr jeden Serienjunkies etwas sein. Die Geschichte wirkt auf dem ersten Blick simpel, nach einem klassischen Coming-of-Age-Thema und auch nicht sonderlich bahnbrechend inszeniert. Eher das Gegenteil ist der Fall. Lange Einstellungen, wenig Dialoge und selten, aber behutsam eingesetzte Musik. Wer jetzt schon gelangweilt ist, sollte sich fernhalten von Normal People.
Wer noch weiter liest und weiterschaut, wird spĂ€testens in Episode 3 mit einer so berĂŒhrenden Liebesgeschichte konfrontiert, wie wir sie selten auf der Leinwand gesehen haben. Es geht um GefĂŒhle, IntimitĂ€t Ăngste, Kommunikation und die Suche nach sich selbst. Doch die Geschichte einer Liebe und vor allem einer Freundschaft ĂŒber die letzten Schul- und anfĂ€nglichen UniversitĂ€tsjahre ist so viel komplexer, als wir es uns anfangs haben vorstellen können.
How do you know what you want? - I don't.
Marianne (Daisy Edgar-Jones) ist ein aufmĂŒpfiger Teenager im lĂ€ndlichen Nordwesten Irlands. Eigentlich die beste SchĂŒlerin der Klasse, aber ohne Freunde und als hĂ€sslich und merkwĂŒrdig abgestempelt. Ihr Zuhause ist ein riesiges Anwesen, dass sie mit ihrem mehr als unsympathischen und aggressiven Bruder Alan (Frank Blake) und ihrer verwitweten Mutter Denise (AislĂn McGuckin) bewohnt, die als Juristin sehr erfolgreich arbeitet. In der kalten familiĂ€ren Umgeben, erfĂ€hrt sie etwas WĂ€rme von der jungen HaushĂ€lterin Lorraine (Sarah Greene), die mehrmals wöchentlich das riesige Haus reinigt und von ihrem Sohn Connell (Paul Mescal) abgeholt wird. Connell und Marianne gehen in dieselbe Schule, aber wohingegen Marianne Ă€uĂerst unbeliebt ist und mit keinem auch nur spricht, ist Connell der Star der Sportmannschaft und immer von einem Tross von Freunden und potenziellen Freundinnen umgeben. Eigentlich ist er aber schĂŒchtern, literarisch interessiert und hat wenig mit seinen lauten und wenig subtilen Freunden gemein. Als Marianne ihm bei einer Abholung im Anwesen gesteht, dass sie ihn mag, kommt es zu einem Kuss. Wenig spĂ€ter entwickelt sich ein nachmittĂ€gliches Ritual, in dem Marianne und Connell mit einander schlafen und realisieren, dass sie nicht nur darin, sondern auch charakterlich, sehr gut zusammenpassen. Doch vor allem Connell will die Beziehung geheim halten, da er Angst vor dem gesellschaftlichen Stigma hat und generell von AngstzustĂ€nden und der eigenen Verwirrung im Teenageralter geplagt ist.
Nach dem tragischen Ende der dritten Episode treffen die beiden am berĂŒhmten Trinity-College in Dublin als Studenten wieder aufeinander. Dort ist Marianne die beliebte Studentin mit einem elitĂ€ren Freundeskreis mit viel Einfluss auf das gesellschaftliche Geschehen am College und Connell der arme Looser aus der Provinz ohne Freunde und Status.

So you want to see other people then?
Die zwölf Episoden von Normal People mit einer LauflĂ€nge von 25 bis 35 Minuten wirken in ihrer puristischen Darstellung wie kleine Momente des Lebens, die der Zuschauer beiwohnt. Dicht angelehnt an den gleichnamigen Bestsellerroman von Sally Rooney, die an der Produktion intensiv involviert war, wirken die Folgen wie die Kapitel der literarischen Vorlage. Klassische Folgenstrukturen werden nicht befolgt und die unfassbare Spannung der Serie entsteht nicht aus externen UmstĂ€nden, sondern aus den GefĂŒhlen und einzelnen Momenten und deren Reaktion von Connell und Marianne darauf. Kein so genanntes high concept als Grundlage oder ein unfassbares Mysterium stehen im Mittelpunkt der Serie. Das Mysterium von Freundschaft und IntimitĂ€t wird analysiert, entpackt, immer wieder neu verschlĂŒsselt und entfaltet dadurch die Spannung und den absoluten Suchtfaktor.
Die erste Trennung am College muss man fast als ein MissverstĂ€ndnis abhandeln. Connell, der neben dem Studium jobben muss, verliert seine BeschĂ€ftigung und will eigentlich Marianne fragen, ob er bei ihr fĂŒr den Sommer einziehen kann, da er eh schon jede Nacht bei und mit ihr verbringt. Das GesprĂ€ch entwickelt sich jedoch völlig anders, als er es geplant hat und seine UnfĂ€higkeit sich auszudrĂŒcken oder zu Ă€uĂern, was er eigentlich will, scheitert in der Kommunikation. Das Unheil finalisiert sich in dem verheerenden Satz: „So you want to see other people then?“ und fĂŒhrt zum Bruch. Marianne, nach der Trennung am Boden zerstört, beginnt daraufhin eine verhĂ€ngnisvolle Beziehung mit einem Kommilitonen, der immer schon ein Auge auf sie geworfen hat.
So wird erst im Laufe der Staffel die Tragweite der hĂ€uslichen Gewalt, forciertem Selbsthass und des emotionalen Missbrauchs bei Marianne deutlich, die sich in masochistische Beziehungen mit dem Studi-Ekel Jamie und beim Erasmusauftenthalt in Schweden mit Fotograf Lukas begibt und davon nur schwer loslassen kann. Bei Connell entwickeln sich die AngstzustĂ€nde durch den Selbstmord eines Schulfreundes zu einer Depression, wĂ€hrend die Freundschaft mit Marianne und die liebevolle UnterstĂŒtzung seiner Mutter schlimmere Entwicklungen verhindern können.
Man ahnt, dass es vielleicht nicht gut enden wird mit den beiden Protagonisten. Oder ist das Wissen, dass es einen Menschen auf der Welt gibt, der einen liebt und vor allem vollkommen versteht, wichtiger als eine Beziehung mit diesem Menschen.... auch wenn man tausende von Kilometern voneinander entfernt ist?

Fazit
Schnell möchte man Normal People anfĂ€nglich als langatmig inszeniertes Teenager-Liebesdrama abstempeln, dass sich nach drei Episoden aber zu einem berĂŒhrenden Drama mit so viel mehr Facetten entfaltet, als man es anfangs fĂŒr möglich hĂ€lt. Themen wie Selbsthass, hĂ€usliche Gewalt, AngstzustĂ€nde und ein sehr zarter Blick auf Freundschaftsdynamiken verlangen vom Zuschauer eine Analyse des Gesehenen ab und wahrscheinlich eine Diskussion nach dem Beenden der Staffel. Das zarte Schauspiel des Newcomers Paul Mescal, trifft den Zuschauer mit einer Welle von GefĂŒhlen, wie man es nur selten von einem jungen Darsteller kennt. Dazu harmonisiert Daisy Edgar-Jones (Cold Feet, War of the Worlds, Gentleman Jack) mit einem Blick, der BĂ€nde spricht und den man auch nach zwölf Episoden weiter entschlĂŒsseln möchte. Zudem besitzen beide Schauspieler eine gemeinsame Chemie bei den sehr expliziten Sexszenen, die fast nicht zu begreifen ist. Die Regisseure Lenny Abrahamson und Hettie Macdonald schaffen es jedoch, die schwierige Balance zwischen IntimitĂ€t und Charakterförderung nie auĂer Acht zu lassen und haben bei den Szenen auf die Arbeit des intimicy coordinator Ita O'Brian zurĂŒckgegriffen. Diese Szenen sind elementar wichtig im VerstĂ€ndnis der Motive und wirken nicht voyeuristisch oder ausbeutend, auch wenn sie gen Ende der Staffel sehr hart und unverstĂ€ndlich fĂŒr den Zuschauer erscheinen. Im Laufe der Geschichte möchte man beide nur schĂŒtteln und anschreien, weil man so sehr in die Geschichte involviert ist und nach den sechs Stunden von den Emotionen erschöpft und am Boden zerstört zurĂŒckbleibt.
Wir hoffen, dass die BBC / Hulu-Produktion schnell einen Abnehmer in Deutschland erhÀlt und empfehlen zum tieferen VerstÀndnis der GedankengÀnge der Charaktere - die in einigen verstörenden Szenen in der Serie ausgelassen werden - den ausgesprochen lesenswerten, gleichnamigen Roman von Sally Rooney zur Hand zu nehmen.
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Verfasser: Mariano Glas am Sonntag, 10. Mai 2020(Normal People 1x12)
Schauspieler in der Episode Normal People 1x12
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?