Never Have I Ever: Review der Pilotfolge

© zenenfoto aus Never Have I Ever (c) Netflix
Es gibt sie, diese Serien, die einen schon ab dem ersten Trailer gefallen. Never Have I Ever ist eine davon. Mindy Kaling (The Office, The Mindy Project, Four Weddings and a Funeral) ist nun mit ihrem neuen Projekt bei Netflix gelandet und bedient dort ein Genre, was generell recht gefragt ist beim Streamingdienst: die Coming-of-Age-Comedy. Nur diesmal gibt es eine frische Perspektive, die bisher unterrepräsentiert wurde. Es geht um die einer indisch-amerikanischen Teenagerin und ihrer Familie. Schon in den ersten Minuten gelingt es der Pilotfolge eine humoristische Sogwirkung zu entfalten, die mir so schon sehr lange nicht mehr begegnet ist. Ehrlich gesagt, kann ich nicht einmal benennen, welcher Comedyauftakt auf Anhieb so bei mir ins Schwarze getroffen hatte wie diese Serie es tut und es freut mich, wenn das nach so vielen Jahren Serienkonsum noch jemandem gelingt, umso mehr. Als kleiner Kritikpunkt kann man anbringen, dass der Anfang wahrscheinlich etwas zu dick aufträgt, aber darüber kann ich hinwegsehen, weil die Auftaktfolge sonst blendend unterhält.
Worum geht es in Never Have I Ever von Netflix?
Im Zentrum steht Devi (Newcomerin Maitreyi Ramakrishnan), die 2001 mit ihren Eltern aus Indien nach Amerika auswanderte. Nach 9/11 war das natürlich nicht unbedingt die beste Zeit für brown people, wie es das Voice-over nennt. Doch die Familie lässt sich davon nicht beirren und versucht, ihre eigene Identität zu wahren, indem man beispielsweise bei der vegetarischen Küche bleibt, während Devi der Fleischeslust frönt. Bei einer Chorprobe erleidet ihr Vater (Sendhil Ramamurthy) einen Herzanfall, an dessen Folgen er stirbt. Weil das noch nicht tragisch genug ist, verliert Devi eine Woche später ihre Fähigkeit zu laufen und landet eine Zeit lang im Rollstuhl. An ihrer Seite sind stets die beiden besten Freundinnen, Eleanor (Ramona Young) und Fabiola (Lee Rodriguez). Während die eine sich im Dramaclub an der Schule engagiert, ist die andere beim Robotic-Club tätig und verspricht Devi, neue Beine zu bauen, wenn das Problem nicht verschwinden sollte. Wie durch ein sexuelles Wunder kann Devi wieder laufen, als sie dem Objekt ihrer Begierde nachschmachtet: Paxton Hall-Yoshida (Darren Barnet).

Nun ist es Zeit für den ersten Schultag in ihrem sophomore year, also - bezüglich der Highschool - dem amerikanischen Äquivalent der zehnten Klasse. Devi will sich zum Start des neuen Lebensabschnitts neu erfinden. Drei Wünsche hat sie dabei: Zu einer Party mit Alkohol eingeladen zu werden, obwohl sie nicht einmal unbedingt trinken will - sie möchte nur die Option haben. Sie wünscht sich weniger dichtes Armhaar, was bei Indern ein Problem sein dürfte, und sie hätte gerne endlich einen Freund. Auf dieser Reise begleitet die Comedy sie und ihre Freundinnen. Und wenn es mit dem Freund nichts wird, dann muss es eben auch Sex an sich tun...
Noch nie in meinem Leben: Was macht die Netflix-Serie sehenswert?
Gezeigt wird der Familien- und Schulalltag und wie ihre Mutter mit dem frühzeitigen Ableben ihres Mannes umgeht. Beispielsweise zieht die Cousine und Biologie-Studentin Kamala (Richa Moorjani) ein und verdreht dem männlichen Geschlecht den Kopf, aber nach alter Tradition soll sie nach dem Studium in eine arrangierte Ehe verkuppelt werden. Es bleibt abzuwarten, wie die Serie mit diesen und diversen anderen Klischees spielt. Denn diese sind zwar vorhanden, werden aber in der Regel so charmant auf den Kopf gestellt und verquirlt, dass es einen Heidenspaß macht zuzusehen. Da gibt es beispielsweise gesegnete Bücher, die nie den Boden berühren dürfen oder den Leistungsdruck, den Devi verspürt und in der Schule auslebt, aber alles so, dass man nicht auf die Barrikaden gehen muss wie bei The Trouble with Apu. Weil die Beteiligten selbst aus eigener Erfahrung heraus schreiben und spielen, wirkt die Serie authentisch und natürlich und auch der Cast, der eine wahre Fülle von people of color beinhaltet, kann sich sehen lassen und ist mir auf Anhieb sympathisch.
Go get em, Devi!

Dabei gibt es nur wenige bekannte und verbrauchte Gesichter und die Hauptdarstellerin möchte ich persönlich gerne als Ms. Marvel vorschlagen, wobei diese Heldenfigur eigentlich eher pakistanische Wurzeln hat. Sie ist zu einhundert Prozent die richtige Wahl für Devi und macht ihren Job immens gut. Am ehesten kennt man sonst den Vater-Darsteller Sendhil Ramamurthy, etwa durch Heroes oder The Flash, und auch Niecy Nash (Claws, Mrs. America, When They See Us) als Psychologin ist natürlich ein bekanntes Gesicht. Doch die Teenager und der Rest der Familie sowie die meisten Klassenkameraden sind eher Neulinge und machen ihren Job dabei ganz ausgezeichnet.
Zudem muss man die in diesem Fall sehr eigene Wahl des Voiceover-Sprechers erwähnen: Tennis-Legende John McEnroe wird diese Ehre zuteil. Ja, Ihr lest richtig. Das frühere enfant terrible des Tennis darf hier einige Gedanken von Devi zum Besten geben und der Erzählung eine Struktur verpassen. Das wirkt auf den ersten Blick recht willkürlich, passt aber überraschend gut zum Gesamtbild des Formats. Außerdem wird seine Anwesenheit auch in einer Traumsequenz erklärt, die einen schönen, kleinen emotionalen Moment liefert.
You look like an Indian Kardashian

Eine weitere große Stärke der Pilotfolge sind die fabelhaften, schnellen und cleveren Dialoge sowie die Anspielungen auf die Popkultur, die mich mehrfach zum lauten Auflachen gebracht haben, was tatsächlich bei Comedypiloten eine Kunst für sich ist. Die Autoren rund um Kaling haben die Stimmen der Jugendlichen der Gegenwart in meinen Augen gut getroffen und spielen geschickt mit manchen Erwartungen. Zudem kann man eine wunderbare Wärme im Familienbund und unter den Freundinnen spüren, die bei mir dazu geführt hat, dass ich am liebsten sofort weiterschauen würde. Ich habe mich bewusst entschieden, einen Cut nach dem Piloten zu machen, weil es so selten ist, einen solchen runden Ersteindruck im Comedygenre geboten zu bekommen. Ich kann mich wie erwähnt schon gar nicht mehr daran erinnern, wann eine Comedyserie mir die volle Punktzahl entlockt hatte, wenn das denn überhaupt schon mal gelungen war. Ewige Favoriten wie Community, Modern Family, Rick and Morty oder The Simpsons haben das nicht unbedingt geschafft. Allerdings muss nun auch der Rest der Debütstaffel zeigen, dass der starke Auftakt kein Zufall war.
Fazit
Ich fürchte, dass ich die Serie und ihren Auftakt ein wenig überhype, aber ich bin tatsächlich restlos begeistert und freue mich, dass Netflix eine solche Serie wie Never Have I Ever ins Portolio gehievt hat. In meinen Augen bereichert es das Angebot immens und es freut mich immer, wenn bisher unterrepräsentierte Gruppen endlich mehr Beachtung erhalten. Genau deswegen mag ich auch Serien wie Ramy, Shrill, Gentefied, Vida oder Little America so gerne, weil sie eine andere Lebensrealität zeigen als viele Serien, die davor kamen und eben von Menschen stammen, die authentisch über ihre Erfahrung berichten können. An dieser Stelle möchte ich also nicht nur eine Lanze brechen für die neue Netflix-Serie, die ich bedenkenlos allen Coming-of-Age-Comedy-Fans ans Herz legen kann, sondern auch an die im Fazit genannten Serien, wenn Ihr mal Euren Serienhorizont etwas bunter machen wollt.
Hier abschließend noch für alle Unentschlossenen der fabelhafte Trailer zur Comedy: