Good American Family: Darum sind wir von der Serie so enttäuscht

© Disney+, Hulu
Das passiert in der Serie „Good American Family“
Michael (Mark Duplass) und Kristine Barnett (Ellen Pompeo) haben bereits drei Jungs und wünschen sich nichts sehnlicher als eine Tochter. Als aus einer von ihnen angestrebten Adoption nichts wird, ist vor allem Michael am Boden zerstört, bis die Adoptionsstelle ihnen anbietet, die kleinwüchsige Natalia (Imogen Faith Reid) aufzunehmen.
Zunächst sind die Barnetts begeistert, doch schon am ersten Tag stellt sich heraus, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt. Natalia ist aggressiv, manipulativ, besitzergreifend und sogar gewalttätig. Mit der Zeit gelangt Kristine zu der Überzeugung, dass das Mädchen nicht sieben Jahre alt ist, sondern eine junge Erwachsene, die sich lediglich als Kind ausgibt. Die Situation belastet die Familie schwer, bis sie irgendwann eskaliert...
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Der Fall Natalia Grace
In Deutschland ist der Fall Natalia Grace kaum bekannt, in den USA sorgte er hingegen für Schlagzeilen. Im Jahr 2010 adoptierte die US-amerikanische Familie Barnett die aus der Ukraine stammende Natalia, behauptete aber später, das siebenjährige, an einer seltenen Form des Kleinwuchses leidende Mädchen sei in Wahrheit eine 1989 geborene Frau.
Den Aussagen des Ehepaars nach hätte sie sich nicht nur als Kind ausgegeben, sondern zudem soziopathische Züge an den Tag gelegt, die dazu führten, dass die Barnetts ihr eine Wohnung mieteten und sie alleine dort zurückließen, um nach Kanada zu ziehen.
So weit das Narrativ, das auch in der Serie Good American Family zum Tragen kommt, doch dazu später mehr. Zunächst möchten wir darauf hinweisen, dass nichts von dem, was die Barnetts behaupteten, der Wahrheit entsprach. In einem späteren Gerichtsverfahren stellte sich heraus, dass die Ukrainerin tatsächlich am 4. September 2003 geboren wurde und damit erst acht Jahre alt war, als die Barnetts sie im Stich ließen.

Weiterhin gibt es starke Indizien dafür, dass Kristine Barnett das Mädchen misshandelte und damit traumatisierte. Mit der Aussetzung endete der Leidensweg Natalias allerdings nicht, doch die weitere Geschichte des Kindes soll hier nicht thematisiert werden, da die Serie die Ereignisse aus dem Blickwinkel der Barnetts erzählt.
Einseitig und unfair
Und damit sind wir auch schon bei der Krux angekommen, denn „Good American Family“ zielt schon in der Pilotfolge gut sichtbar darauf ab, die bekannten Fakten zugunsten der Sichtweise der eigentlich Schuldigen zu verzerren. Obwohl im Opening per Texteinblendung darauf hingewiesen wird, das Format halte sich in der Meinung neutral und erhebe keinen Anspruch auf Wahrheit, ist im letzten Satz zu lesen, dass die Handlung aus der Perspektive der Barnetts vorgetragen wird.
Wie einseitig Serienerfinderin Katie Robbins den Fall darstellt, ist schon an der Wahl der Darstellerin für die Rolle der Natalia abzulesen. Diese übernimmt die zwar kleinwüchsige, aber bereits 26-jährige Imogen Faith Reid, die sich bislang einen Namen als Stand-in-Double gemacht hatte. Mit anderen Worten sieht man der Aktrice (allerdings auch aufgrund der grottenschlechten Maske) ihr Alter bereits im ersten Auftritt der Figur an, womit klar ist, welche Meinung hier publik gemacht werden soll.
Hinzu kommt ein eigentlich schon gemeiner Figurenaufbau, denn Natalia ist in der Serie brandgefährlich. Sie ist manipulativ, rachsüchtig und gewaltbereit und weist alle Züge einer ausgemachten Soziopathin auf. Ständig wirft sie ihrer Adoptivmutter Blicke wie aus einem Horrorstreifen entliehen entgegen, suggeriert ihren neuen Eltern, sie würden sie vernachlässigen und spielt sie gegeneinander aus.
Das Drehbuch lässt dem Publikum nicht den geringsten Spielraum, sondern drängt die Zuschauenden geradezu, sich auf Kristines Seite zu schlagen. Eine Erwachsene, die sich als Kind ausgibt, um andere Menschen zu zerstören, ist natürlich nichts Neues. Entsprechend warf man Kristine Barnett vor, sich an dem Horrorfilm „Orphan“ aus dem Jahr 2009 orientiert zu haben, der fast exakt die Geschichte erzählt, die sie später dem Gericht weismachen wollte.
Was aber in dem Psychogruselthriller gut funktioniert, nimmt in „Good American Family“ in der Pilotfolge weder Fahrt auf, noch wirkt der Plot auch nur ansatzweise glaubwürdig. Noch schlimmer ist indes der oben angesprochene mangelnde Respekt den Tatsachen gegenüber, der die Produktion im Endeffekt grotesk dastehen lässt, vor allem, weil so gut wie jede Szene darauf abzielt, die Barnetts als Opfer zu deklarieren.
Da ist beispielsweise die rücksichtslose Vermittlerin, die die emotionale Notlage der Barnetts schamlos ausnutzt, um sie zur Zahlung von 7000 Dollar Krankenhauskosten zu nötigen. In einer anderen Szene will Natalia trotz des (natürlich) liebevoll ausgesprochenen Verbots Kristines mit einem großen Küchenmesser Gemüse schneiden. Als sie dem vermeintlichen Kind das gefährliche Werkzeug wegnehmen möchte, bedroht sie die Frau mit eindeutiger Geste. Doch auch kleine Racheakte gegen den hochbegabten Bruder, das Sprengen einer Veranstaltung und andere Boshaftigkeiten sprechen eine eindeutige Sprache in der Frage, wer die Sympathien des Publikums verdient.
Die Darstellenden
Imogen Faith Reid ist an dieser Stelle noch der geringste Vorwurf zu machen. Die Darstellerin mag nicht die erfahrenste ihrer Zunft sein, tut aber letztlich das, was das Skript ihr vorschreibt. Die als Dr. Meredith Grey aus Grey's Anatomy bekannte Ellen Pompeo gibt eine routinierte Vorstellung, nicht weniger, aber auch nicht mehr, und Mark Duplass fügt sich nahtlos in das Gesamtbild ein.
Der restliche Cast besteht in der Pilotfolge hauptsächlich aus den die drei Söhne der Barnetts darstellenden Jungtalenten sowie Sarayu Blue als Kristines Nachbarin Valika. Die Auswahl des Casts geht insgesamt vollkommen in Ordnung, wobei keiner der Akteure besonders hervorsticht oder eine wirklich erinnerungswürdige Leistung abliefert.
Dasselbe lässt sich über die Inszenierung von Regisseurin Liz Garbus (unter anderem: Yellowjackets) sagen, die die Pilotfolge in weiten Teilen als Dramaserie inszeniert, vor allem in Bezug auf Natalia aber immer wieder Thrillerserien- und sogar leichte Horrorelemente einfließen lässt. Das ist im Sinne des Plots zumindest nachvollziehbar, wenn auch bisweilen überzogen.
Fazit
Nein, so geht es nicht. Wenn die Tatsachen so eindeutig sind, kann man auch im Namen der künstlerischen Freiheit nicht einfach die Fakten zugunsten der Schuldigen so verdrehen, dass das Opfer zur Angeklagten wird. Das ist eine schlicht und ergreifend unmögliche Haltung, die mir persönlich den Sehgenuss gründlich verhagelt hat.
Die Serie „Good American Family“ zeigt keinerlei Willen zur Objektivität. Stattdessen erschaff Katie Robbins ein sensationslüsternes Thriller-Drama um eine gemeingefährliche junge Frau, die sich als Kind ausgibt. Die Frage, was das Ganze soll und warum man so etwas tut, steht hier eindeutig im Raum und harrt einer Beantwortung.
Für die Darstellerinnen und Darsteller sowie die Regiearbeit gibt es von uns einen Zusatzpunkt auf die schlechtmöglichste Bewertung, mehr ist aber nicht drin.
Wir verteilen daher zwei von fünf verdrehten Tatsachen.