Narcos 3x10

Narcos 3x10

Der König ist tot, lang leben die Könige! Die dritte Staffel von Narcos steht vor der schwierigen Aufgabe, den überpräsenten Pablo Escobar sowie den herausragenden Darsteller Wagner Moura zu ersetzen. Und dies gelingt den Machern mit einigen cleveren Kniffen und neuen Ideen nahezu bravourös.

Pedro Pascal in der dritten Staffel von „Narcos“ / (c) Netflix
Pedro Pascal in der dritten Staffel von „Narcos“ / (c) Netflix
© edro Pascal in der dritten Staffel von „Narcos“ / (c) Netflix

Für viele Fans und Zuschauer des Netflix-Drogendramas Narcos gab es bisher einen alles überschattenden Grund, dem Format die Treue zu halten. Dieser eine „X-Faktor“, der die Serie aus der Feder der drei Chefautoren Carlo Bernard, Chris Brancato und Doug Miro so eine ungemeine Faszination gab, hieß Pablo Escobar.

Der berühmt-berüchtigte Drogenbaron Kolumbiens, der in den 1970er Jahren erste Schritte einleitete, um sein weltumspannendes Medellín-Kartell zu etablieren, in den Folgejahren zum Staatsfeind Nummer eins avancierte und Anfang der 1990er Jahre letztlich von der Polizei erschossen wurde, war die Hauptattraktion von „Narcos“. Dies zeigte auch die internationale Vermarktung der Netflix-Produktion.

In dem Brasilianer Wagner Moura, der vorbereitend nicht nur monatelang in Medellín lebte, sich den besonderen spanischen Akzent der Region aneignete und ein paar Pfunde für die Rolle Escobars zunahm, fand man die perfekte Besetzung. Moura war Escobar, Betonung auf „war“. Denn - Achtung, Spoiler! - mit dem Ende der zweiten Staffel von „Narcos“ war auch das Ende von Pablo Escobar besiegelt und plötzlich stand die große Frage im Raum, wie man diesen Verlust denn auffangen würde, geschweige denn könnte. Man kann - und wie! Das zeigt die am letzten Freitag, den 1. September gestartete dritte Staffel des Drogendramas, das man einer Art Neuausrichtung unterzogen hat. Und trotzdem bleibt vieles beim Alten.

Blood in the water

Bereits in den Staffeln zuvor wurde das Calí-Kartell und dessen Strippenzieher nicht nur erwähnt, sondern auch immer wieder gezeigt, so zum Beispiel Don Gilberto Orejuela oder auch Pacho Herrera. Für die Konkurrenten von Escobar, weniger exzentrisch und wahnsinning als „Plata o plomo“-Pablo, schlägt in Staffel drei nun die große Stunde, denn das Machtvakuum, das Escobar hinterlassen hat, will gefüllt werden. Doch anstatt die Drogengeschäfte gänzlich auf die Spitze zu treiben, plant man einen Deal mit der kolumbianischen Regierung, um sich aus dem illegalen Treiben letzten Endes unbescholten zurückzuziehen und ein süßes Restleben in Reichtum und Maßlosigkeit zu frönen.

Den Paten von Calí steht indes der nimmermüde Agent Javier Peña gegenüber, mit voller Überzeugung von Pedro Pascal gespielt, der trotz der erfolgreichen Bekämpfung Escobars einfach nicht aufhören kann, den lateinamerikanischen „Narcotráfico“ zu beenden. Beziehungsweise es zumindest zu versuchen.

Sein Kollege Steve Murphy spielt keine Rolle mehr, was aber auch kein Verlust ist, denn ein Pedro Pascal kann die Geschichte als Hauptfigur auf der Seite der „Guten“, als eine Art Held, der sich wohl selbst als Allerletztes als einen solchen bezeichnen würde, tragen. Die Karten sind also weitestgehend neu gemischt, die kolumbianische Millionenstadt Calí wird jetzt zum Schauplatz des Geschehens und wir Zuschauer tauchen in ein neues Kartell samt speziellem Machtgefüge und sehr eigenen Methoden ein.

Cocaine Incorporated

Und dios mío!, die Rechnung geht auf. Natürlich ging von Wagner Moura in der Rolle von Pablo Escobar stets eine besondere Präsenz aus, diesem einzigartigen Charakter war jederzeit alles zuzutrauen, was sich in der explosiven Handlung der letzten beiden Staffeln zeigte. Hier konnte man nie wirklich wissen, was Don Pablo als Nächstes tut - paradoxerweise war die Geschichte doch schon längst geschrieben und in Enzyklopädien oder im Netz nachlesbar. Nun wird aus einer „One-Man-Show“, in weiten Teilen zumindest, eine spannende Ensembleproduktion, die zwischen Ermittlern, Drogenbossen und den Menschen in der Mitte dieser beiden Polen munter hin- und herwechselt.

Man verteilt die Last auf mehrere Schultern und investiert viel Zeit in die verschiedenen Figuren, was sich definitiv lohnt. Ob es nun der Fokus auf unseren manchmal fast schon tragischen Helden Peña ist, der einen Krieg führt, den er scheinbar einfach nicht gewinnen kann, ob es die unterschiedlichen Gesichter des Calí-Kartells sind, die eigenen Motiven nachgehen und grundverschieden ticken oder ob es der kleine Mann zwischen den Fronten ist, namentlich Jorge Salcedo, der Sicherheitsbeauftragte des Calí-Kartells - die Mischung und der Facettenreichtum an Charakteren ist faszinierend und abwechslungsreich zugleich.

Netflix
Netflix - © Netflix

Caballeros de Calí

Die Charaktervielfalt ist hier Trumpf und gibt den verschiedenen Darstellern die Möglichkeit zu glänzen und mit ihren Figuren eine spannende Entwicklung zu durchlaufen. Pascal beweist seine Qualitäten als „Leading Man“ und gibt nebenbei auch noch den Erzähler der außergewöhnlichen Geschichte über absurde Drogendeals, perverse Korruption und brutale Methoden der „Narcos“.

Darsteller wie Alberto Ammann, Damian Alcazar, Francisco Denis und Pepe Rapazote (unglaublich cool, eiskalt und beinahe Pablo-esk als Don Chepe de Nueva York) blühen währenddessen in ihren neuen, prominenteren Rollen wunderbar auf. Dabei geben sie den Antagonisten der Erzählung, den Calí-Paten, eine eigene Tiefe, so dass es hier und da gar nicht mal so einfach fällt, sie als unsympathisch wahrzunehmen.

Der große Gewinner dieser dritten Staffel von Narcos heißt jedoch Matias Varela, ein gebürtiger Spanier, der in Schweden aufwuchs und in den letzten Jahren immer mehr Rollen in Film und Fernsehen ergattert hat. Er spielt den bereits erwähnten Jorge Salcedo, der für das Calí-Kartell arbeitet und für die Sicherheit der Bosse zuständig ist. Er möchte früh in der Staffel seinen Ausstieg forcieren, mit Blick auf seine Familie und sein eigenes Unternehmen. Doch er ist schon längst ein Teil des Systems, das ihn nicht so einfach gehen lässt. So verfängt er sich in diesem Netz von Brutalität und Paranoia und lässt sich auf einen riskanten Deal mit der amerikanischen DEA ein, um sich und seinen Liebsten Freiheit und Schutz vor dem Calí-Kartell zu erhandeln.

Legitimate

Eigentlich ist Jorge Salcedo der Held dieser Geschichte, oder zumindest einer. Sein Kampf mit sich selbst und seinen Überzeugungen, die berechtigten Sorgen um seine Familie, die schwerwiegenden Entscheidungen, die er treffen muss, um zu überleben - als Zuschauer ist man vollends involviert. Mitunter ist es positiv anstrengend, mit Jorge mitzufiebern, seine Entwicklung zu beobachten sowie zu registrieren, wie er selbst erkennt, auf welch gefährliches Spiel er sich hier eingelassen hat. Mit einer kompetenten, reservierten, aber in den genau richtigen Momenten kraftvollen Darbietung gewinnt Matias Varela die Sympathien der Zuschauer und verwandelt seine Figur in einen absolut greifbaren Charakter, der einen fesselt und mitfühlen lässt.

Doch, wo noch so helles Licht ist, ist in dieser Staffel auch Schatten, vor allem beim Blick auf die Charaktere. Denn wie bereits in den Staffeln zuvor ist die Netflix-Serie eine männlich dominierte Produktion, vor allem vor der Kamera. In Staffel zwei schob sich noch die wunderbare Paulina Gaitan ins Rampenlicht, als Escobars starke Ehefrau Tata. Auch in Staffel drei versucht man sich an ein paar nachhaltigeren weiblichen Rollen, schlussendlich enttäuscht man in dieser Hinsicht aber. Neben einer erfahrenen Journalistin (eine Perspektive, die ungemein spannend ist, jedoch nicht wirklich beleuchtet wird - möglicherweise aus Zeitgründen) und einer Liebschaft von Miguel Rodriguez, gibt „Narcos“ hinsichtlich seiner Frauenrollen nicht viel her.

Downhill from here

Dies ist ein wenig frustrierend, vor allem mit Blick auf einen Namen, der bei mir persönlich für große Vorfreude sorgte, als ihre Beteiligung an der dritten Staffel von „Narcos“ publik wurde: Kerry Bishé. Die Schauspielerin brilliert in den letzten Jahren nicht nur in der Retroserie Halt and Catch Fire, sondern zum Beispiel auch in Filmen wie „Argo“. In „Narcos“ verkörpert sie nun die drogensüchtige Ehefrau eines wichtigen Geschäftmannes des Calí-Kartelles (gespielt übrigens von Sense8-Star Miguel Ángel Silvestre), deren einzige Funktion ist, ein wimmernder Spielball der Behörden und der Drogenbosse zu sein.

Bishé versucht noch, das Beste aus dem Material zu machen, das sie bekommt. In der Episode CONVIVIR lässt sie ihr Können aufblitzen und auch zuvor deutet sie an, dass man ihr mehr hätte geben können. Im Endeffekt ist ihr Einsatz aber schrecklich überschaubar und ich frage mich schon ein wenig, warum man sie überhaupt verpflichtet hat. Bishés Rolle ist fast schon symptomatisch für dieses anhaltende Problem in „Narcos“, das sich stets in einer Männerdomäne voller Machos und harter Kerle bewegt hat.

Wenn ich mir etwas für die bereits bestellte vierte Staffel wünsche, dann, dass man sich hier mal etwas einfallen lässt. Viel Kritik habe ich ansonsten nicht auszuteilen, außer eben diesen Punkt, dass die Damen in „Narcos“ entweder extrem unbedeutende Charaktere, ein Mittel zum Zweck oder gar nur Objekte darstellen.

Netflix
Netflix - © Netflix

Path to victory

Ansonsten, so wie ich es gerade schon angedeutet habe, bewahrt sich Narcos seine starke Form vom Ende der zweiten Staffel und macht nahtlos da weiter, wo man aufgehört hat. Nur eben anders. Aber irgendwie auch nicht. Denn der Kampf gegen die Drogenbarone Lateinamerikas bleibt gleichbleibend spannend und bizarr, wenn sich auch die Protagonisten verändert haben.

Dabei ist es wie gewohnt hochinteressant, dass Einblicke über reale Aufnahmen und Zeitdokumente gegeben werden, die mit dem informativen voice-over kombiniert werden. Schnell findet man sich in dieser teilweise unglaublichen Welt voller außen- sowie innenpolitischen Querelen, krummen Deals zwischen Volksvertretern und Drogenhändlern, dem Einfluss der USA und seinen Werkzeugen (genauer die CIA) auf Lateinamerika und so weiter wieder.

Ich persönlich bezeichne „Narcos“ dann immer sehr gerne als eine Art „Wikipedia-Serie“, zum einen, weil extrem unterhaltsam spezielles Wissen vermittelt wird und wahre Begebenheiten (wenn auch zu Teilen fiktionalisiert) aufgearbeitet werden. Zum anderen, weil es permanent extrem verlockend ist, am „second screen“ via Smartphone oder Ähnlichem selbst zu recherchieren, Details zu überprüfen und sich zu dem Thema zu belesen.

Zuschauer, die nach wie vor eine große Hürde in der Untertitelung der Serie sehen, müssen sich derweil erneut auf dieses „Problem“ einstellen. Zwar verfügt das Drama auch über genügend englischsprachige Dialoge (in der Synchronisation dementsprechend auf Deutsch), größtenteils läuft die Handlung jedoch im wohlklingenden Spanisch ab. Und ich möchte keine Minute davon missen, allein aufgrund der hohen Authentizität und dem wunderbaren Sprech- und Erzählrhythmus, der dabei entsteht.

All the President's Men

Ohnehin ist „Narcos“ auch in seiner dritten Staffel ein Fest für die Sinne. Gerade einmal vier Regisseure (Gabriel Ripstein, Josef Wladyka, Fernando Coimbra und Andi Baiz, der die ersten beiden und letzten beiden Episoden inszeniert hat) werkelten an den neuen Folgen und haben dabei ganze Arbeit geleistet. Neben dem gewohnt fantastischen Soundtrack ziehen einen die prächtige Farbgebung zahlreicher Szenen, der Flair der Epoche sowie extravagante Kamerafahrten - zum Beispiel durch den Einsatz von Kameradrohnen - komplett in den Bann. Bereits in der ersten Folge, als es zu einer unvergesslichen Tanzszene mit darauffolgender Eskalation kommt, entsteht dieses altbekannte „Narcos“-Gefühl, das einen fortan nicht mehr loslässt.

Staffelhöhepunkte wie zum Beispiel die aufregende Festnahme von Don Gilberto Orejuela in Checkmate oder aber auch das eigentliche Finale Todos Los Hombres del Presidente hallen nach, insbesondere letzteres, denn die neunte Episode der dritten Staffel der Serie stellt womöglich eine der besten Folgen bisher dar. Anspannung pur, hoch intensive Szenen, Charaktermomente, die unter die Haut gehen und ein packender Schlusspunkt: Andi Baiz, der nun insgesamt schon zwölf Episoden von „Narcos“ zu verantworten hatte, je vier pro Staffel, wird hinter der Kamera zu einem der wichtigsten Personen für das Drogendrama. Action, Licht, Pacing - Makel sucht man vergebens.

Strangers in a strange land

Da ist es tatsächlich schon ein klein wenig verwunderlich, dass man mit Going back to Calí noch eine weitere Episode als Staffelabschluss hat, die jedoch größtenteils als eine Art Ehren- beziehungsweise „Siegesrunde“ funktioniert, selbst wenn es auch hier noch einmal spannend wird. Doch gerade anhand Agent Peña merkt man zum Ende dieser dritten Staffel noch einmal, wie sinnlos die Bemühungen der wenigen korrupten Ordnungshüter eigentlich sind, dass ein Sieg über die „Narcos“ wie ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, der binnen weniger Millisekunden verpufft. Denn selbst wenn der König tot ist und die Könige nach ihm ebenfalls abserviert wurden oder lebenslange Gefängnisstrafen absitzen müssen - es wartet schon der nächste darauf, diese verwaisten Plätze zu füllen...

Pascals ernüchterter Gesichtsausdruck stellt eine akkurate Zusammenfassung dieses Dilemmas dar. Verständlich, dass er seine Marke an den Haken hängt, denn dieser Krieg reibt einen auf, während die Ergebnisse ausbleiben. Aber wie heißt es so schön in einem der bekanntesten Mafiaepen der Filmgeschichte? „Just when I thought I was out, they pull me back in.“ - Ein Satz, der auf so viele Charaktere in Narcos zutrifft, sei es Jorge Salcedo oder eben Javier Peña.

Auch wenn Peña am Ende der Staffel und am vermeintlichen Ende seiner Mission seinem Vater (ein schöner kleiner Castingcoup: Edward James Olmos) versichert, dass er all dies jetzt hinter sich lässt... sein Blick auf den Rio Grande, über den Unmengen an Drogen von Mexiko in die USA geschmuggelt werden, verrät, dass sein Kampf noch nicht vorbei ist. Bis zum nächsten Jahr. Wir sehen uns in Juárez.

Trailer zur dritten Staffel von „Narcos“:

Verfasser: Felix Böhme am Montag, 4. September 2017
Episode
Staffel 3, Episode 10
(Narcos 3x10)
Deutscher Titel der Episode
Zurück nach Cali
Titel der Episode im Original
Going Back to Cali
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 1. September 2017 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 1. September 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 1. September 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 1. September 2017
Autoren
Carlo Bernard, Doug Miro
Regisseur
Andrés Baiz

Schauspieler in der Episode Narcos 3x10

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