Narcos 1x10

Vor einer Woche, am 28. August 2015, schickte der Streaminganbieter Netflix mit dem Neustart Narcos sein nächstes ambitioniertes Projekt ins Rennen, das sich nun bereits eine zweite Staffel verdient hat „70376“, die im nächsten Jahr ausgestrahlt wird. Wir von SERIENJUNKIES.DE® berichteten im Vorfeld an verschiedenen Stellen über das neue Drama über den berühmt-berüchtigten Drogenkönig Pablo Escobar. So zum Beispiel in dem Pilotreview zur Serie sowie in einem Artikel über eine Fragerunde mit Hauptdarsteller Wagner Moura, in der der Darsteller selbst einen Einblick in das Format gab „69601“.
Nachdem wir eine Woche nach der Veröffentlichung von „Narcos“ nun die komplette erste Staffel gesehen haben, wollen wir noch einmal ein Fazit zu der Serie ziehen. Hat Netflix hier einen Volltreffer gelandet oder präsentiert man uns eine weitere Serie mit dem Prädikat „Gut, aber nicht großartig“?
Ich persönlich war von den ersten paar Episoden von „Narcos“ sehr angetan, vor allem die Pilotfolge hinterließ einen extrem starken Eindruck bei mir und schaffte genau das, was die erste Folge einer jeden Serie immer schaffen sollte: einen in die gezeigte Welt reinziehen, Interesse sowie Neugierde wecken und im besten Fall von der ersten Minute an fesseln. Dies gelang „Narcos“ ausgezeichnet. Die Darsteller, allen voran Wagner Moura als Pablo Escobar, schlugen sich gut bis sehr gut und der sowohl visuelle als auch erzählerische, oftmals dokumentarische Stil sagten mir zu.
„Narcos“ ist etwas anderes, ein Format, dass sich gerade mit der Entscheidung, bei dem Großteil der Dialoge auf Spanisch zu setzen, etwas traut. Dafür gebührt den Machern um Regisseur und Executive Producer José Padilha sowie den Serienschöpfern Chris Brancato, Carlo Bernard, Doug Miro und Annab Khan nach wie vor mein Respekt.
Rise
Im Laufe der insgesamt guten ersten Staffel von „Narcos“ fiel dann aber doch recht deutlich auf, wo die Stärken und Schwächen dieser Serie liegen und was sich die kreativen Köpfe hinter dieser vielleicht für die zweite Staffel vornehmen sollten, um gewisse Probleme zu beheben. Denn so faszinierend, erschreckend und packend zugleich die Lebensgeschichte von Pablo Escobar auch ist, so sehr mich das Ausgangsmaterial über die allmächtigen Drogenakartelle Kolumbiens in den 1980er Jahren, die Verfolgung der narcos durch die kolumbianischen und amerikanischen Behörden fesseln konnte, so sehr vermisse ich in der ersten Staffel eine richtige Handlung um unsere Hauptfiguren. Einen dramatischen Plot, in dem die Figuren sich weiterentwickeln, spart man hier nämlich größtenteils aus.

Magical realism
Das mag sich jetzt weitaus kritischer anhören, als es letztlich gemeint ist, doch nicht wenige Zuschauer vermissen wohl genau das in „Narcos“. Ohne Frage ist der Blick in die Welt von Pablo Escobar einer der aufregendsten Trips, die man in diesem Serienjahr machen kann. Die Figuren sind grotesk überzeichnet - „larger than life“, wie man so schön sagt -, aber dennoch muss man sich stets vor Augen führen, dass diese Charakter tatsächlich existiert haben, was die ganze Sache umso unglaublicher macht. Der Einblick in das Leben von Pablo Escobar und den narcos ist fesselnd und oftmals gar hypnotisierend, weil man nicht glauben kann, dass sich solche Ereignisse, wie man sie hier zu sehen bekommt, wirklich stattgefunden haben.
Doch man darf sich auch nicht blenden lassen und eine packende Geschichte mit einer packenden Handlung verwechseln. Wir bekommen hier zumeist Episoden aus dem Leben von Pablo Escobar und seinen „Jägern“ präsentiert, die stellenweise relativ abgeschlossen sind. Oft, wenn sich ein möglicher Handlungsstrang auftut, der etwas in die Tiefe gehen und die Charaktere vor neue Konflikte stellen könnte, drehen die Macher leider ab und greifen schnell wieder auf ihren allwissenden Erzähler zu, der uns die nächste unfassbare Geschichte erzählt. Natürlich bleibt man als Zuschauer gebannt dran, denn man möchte immer mehr über die narcos, das Medellín-Kartell und Escobar erfahren. Doch irgendetwas, das darüber hinausgeht, fehlt hier einfach.
Liars
Narcos fühlt sich oft wie eine hochspannende Dokumentation an, in die nachgespielte Szenen eingeschoben werden, die uns eine Vorstellung davon geben sollen, wie es vor vielen Jahren wirklich in Kolumbien zugegangen ist. Den Autoren gelingt es jedoch leider nicht richtig, eine Handlung auf ähnlich faszinierender Ebene wie ihr Material zu Pablo Escobar zu entwerfen, wobei die Voraussetzungen dafür durchaus gegeben sind. Anhand der Figur Steve Murphy hätte man bereits früh in der Staffel einen sehr auf einen Charakter zugeschnittenen Handlungsstrang aufbauen können, der zeigt, wie sich der junge DEA-Agent aufgrund seiner Verwicklung im Kampf gegen die narcos sukzessive verändert.
Wie wir am Ende der ersten Staffel sehen können, ist das ja auch der Fall, doch die Charakterentwicklung der Figur selbst kommt im Großen und Ganzen viel zu kurz. Wir müssen letztlich einfach hinnehmen, dass Murphy nun so ist, wie er ist. Gleichzeitig macht es mir aber auch Hoffnung für die zweite Staffel von „Narcos“ - dass man genau da wieder ansetzt und in Zukunft weniger über Figuren und ihre Eigenschaften berichtet und diese einfach mal handeln lässt. So dass wir als Zuschauer diese Charakter und ihre stetige Weiterentwicklung selbst ergründen können.
Robin Hood
Letztlich hatte ich mir von „Narcos“ wohl doch etwas mehr Charakterstudie erwartet, als es dann schlussendlich zu sehen gab. Wagner Moura liefert in seiner Rolle als Pablo Escobar eine sehr überzeugende und fesselnde Darbietung ab, der Spagat zwischen Pablo Escobar als Familienmensch und kaltblütigem Gangster gelingt ihm hervorragend. Er gibt dem Charakter einfach das Charisma, das Escobar so interessant und gleichzeitig unberechenbar macht. Doch was fehlt, ist die tiefgreifende Entwicklung der Figur, die zeigt, wie er zu der Person wurde, die letztlich zu einer der gefürchtetsten Persönlichkeiten Ende der 1980er Jahre auf der Welt avancierte.

Monstruo
Und dabei zeigen die Autoren doch, dass sie durchaus gewillt sind, ihre Hauptfigur eine Entwicklung durchgehen zu lassen, so zum Beispiel in den wenigen Momenten der Selbstreflexion oder als Escobar Abschied von seinem ermordeten Cousin Gustavo (Juan Pablo Raba) nimmt. In solchen Momenten merkt man, wie viel diese Figur eigentlich hergibt, doch mehrfach entscheidet man sich dann dafür, einen Haken hinter solche charakterprägende Augenblicke zu machen und schnell zum nächsten schockierenden Großereignis vorzupreschen, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Das ist wiederum etwas schade, da nicht viel fehlt, um die Serie auf ein noch höheres, anspruchsvolleres Niveau zu heben.
So frage ich mich unweigerlich, ob es vielleicht nicht noch ein Stück weit besser gewesen wäre, „Narcos“ komplett als Dokumentationsserie aufzuziehen und so die einzigartige Lebensgeschichte von Pablo Escobar einem größeren Publikum näherzubringen. Über „Talking Heads“, so zum Beispiel der echte Steve Murphy, mit dem sich die Macher und Darsteller Boyd Holbrook im Vorfeld ausgetauscht hatten und der als Berater für die Serie fungiert, hätte man dem Format dann noch die gewisse Prise Realitätsnähe geben können. Gleichzeitig wäre eine Dokumentationsserie über Pablo Escobar womöglich aber noch mehr ein Nischenprodukt, als es „Narcos“ eventuell bereits schon ist.
Public figures
Doch neben der ganzen Kritik und möglichen Verbesserungsvorschlägen für die zweite Staffel von Narcos muss ich persönlich auch zugeben, dass ich mich sehr gerne von der ersten Staffel des Drogendramas habe „blenden“ lassen. Das spezielle Thema ist unverbraucht, die Welt, in die wir eingeführt werden, unvergleichlich. Die auftretenden Charaktere wirken oftmals wie überzeichnete Karikaturen, die man zunächst belächelt, bevor sie einen jedoch völlig auf dem falschen Fuß erwischen. Escobar selbst ist hier wohl das prominenteste Beispiel, aber auch seine Auftragskiller oder der rigorose Gesetzeshüter Horatio Carillo (Maurice Compte), dem jedes Mittel recht ist, sein Heimatland von den skrupellosen Drogenbaronen zu befreien, müssen an dieser Stelle erwähnt werden.
Am vielleicht interessantesten ist unterdessen im späteren Verlauf der Serie die Figur des kolumbianischen Politikers und späterem Präsidenten Cesar Gaviria, der sehr ordentlich von Raúl Mendez verkörpert wird. Dessen Charakter gibt noch am meisten Entwicklung her und man sympathisiert recht schnell mit dem unerschrockenen Staatschef, der im offenen Konflikt mit den narcos eine bittere Pille nach der nächsten schlucken muss, aber immer wieder Stärke und Durchhaltevermögen beweist. Auf der anderen Seite werden zahlreiche Figuren eingeführt, die relativ schnell wieder unwichtig für die Geschichte werden und rasch vergessen sind - so zum Beispiel die politische Aktivistin Elisa (Ana de la Reguera), deren Nebengeschichte ein wenig im Nichts verläuft.

Fall
Den zwischenzeitlichen Höhepunkt feiert die erste Staffel von „Narcos“ ab der sechsten (Explosivos) über die siebte (You Will Cry Tears of Blood) bis hin zur achten Episode (La Gran Mentira). Was mit einem furchtbaren Attentat auf ein Passagierflugzeug mit hunderten von Toten beginnt, endet in der Ermordung von Escobars engstem Vertrauten, seinem Cousin Gustavo. In diesen drei Episoden zeigt sich deutlicher denn je die grässliche Fratze Escobars, der sich selbst am liebsten als Befreier einer ganzen Nation sehen würde, jedoch mit seinen Taten zu einem geächteten Großkriminellen wird, dessen Größenwahn eines Tages sein Ende bedeuten könnte.
„Narcos“ geizt wie in der gesamten ersten Staffel nicht mit expliziten, verstörenden Bildern, die vor allem, wenn Padilha auf dem Regiestuhl Platz nimmt, sehr sehenswert inszeniert sind.
Zum Ende der Staffel lässt man sich geschickt ein paar Türen für die Weiterführung der Geschichte offen, so zum Beispiel Escobars nächsten Schachzug nach der Flucht aus seinem Gefängnis „La Catedral“, den neuen Konflikt mit der Konkurrenz aus dem Cali-Kartell sowie den weiteren Werdegang von Murphy als ambivalenter Ordnungshüter in einem fremden Land, dem seine Frau den Rücken zukehren will, da sie mit eigenen Augen sieht, was der Kampf gegen die narcos aus ihrem Gatten gemacht hat. Potential für eine spannende Fortführung der Erzählung, die sich nicht nur auf die Person Pablo Escobar beschränkt, ist also vorhanden.
Justice
Wie bereits erwähnt würde ich mir wünschen, dass man hier in der zweiten Staffel ansetzt und den Gedanken weiterspinnt, der eigentlich als prominenter Aspekt der Serie angepriesen wurde, in Staffel eins letzten Endes aber doch etwas kurz kam: Das Verschwimmen der Grenzen zwischen Gut und Böse. Das Böse haben wir in Form von Pablo Escobar kennengelernt, während sich auf der Seite der guten Figuren wie Präsident Gaviria, aber auch Peña (ein lässiger Pedro Pascal, der jedoch in Zukunft gerne etwas mehr zu tun bekommen darf) und Murphy einordnen ließen. Letzterer bewegt sich nun zum Abschluss der Staffel in eine Grauzone zwischen diesen beiden Seiten und es wäre interessant, zu sehen, wohin diese Charakterentwicklung letztlich geht.
Ebenfalls wünschenswert wäre, dass man sich eventuell hier und da auch ein wenig von seiner alles überstrahlenden Hauptfigur Pablo Escobar löst. Natürlich geht von diesem, seinem Charakter und Handeln die größte Faszination aus, weshalb er nicht umsonst das Zentrum der Serie darstellt. Aber Beispiele wie der Fokus auf Nebenfiguren wie Gaviria zeigen, dass „Narcos“ nicht unbedingt eine Ein-Mann-Vorstellung sein muss, so vortrefflich sich Wagner Moura hier auch schlägt. Ich verbleibe gespannt, welche Pläne die Verantwortlichen für die zweite Staffel von „Narcos“ sich vornehmen und ob sie weiter an dem Format justieren.

The future
Bis dahin verdient sich die Serie von mir aufgrund ihres hochinteressanten sowie -spannenden Themas, den unglaublichen Vorkommnissen, die hier nacherzählt werden, und der erfrischend breitgefächerten Besetzung mit vielen Darstellern und Darstellerinnen aus dem lateinamerikanischen Raum eine positive Bewertung. „Narcos“ mag nicht perfekt sein und Probleme im Bereich des storytelling haben.
Es wäre jedoch gelogen, wenn ich behaupten würde, ich hätte die erste Staffel nicht recht zügig am Stück gesehen, da das besondere, andersartige Thema extreme Faszination und Neugierde bei mir auslöste. „Narcos“ scheint daher wie gemacht für das auf Binge Watching ausgelegte Modell von Netflix zu sein und könnte bei so manchem Serienjunkie eine unerwartete Sucht nach immer mehr Informationen über Pablo Escobar und die kolumbianischen Drogenkartelle auslösen. Auf diese Art und Weise hat die Dramaserie auf unterhaltsamer Ebene sogar ein Stück weit edukativen Mehrwert.
Jetzt seid Ihr dran. Nachdem viele von Euch bereits Ihre Meinung zu „Narcos“ unter der Pilotreview zum Drama kundgetan haben, könnt Ihr jetzt noch einmal in die Tasten hauen, wie Euch das Drogendrama insgesamt gefallen hat. Was findet Ihr besonders gut oder auffällig schlecht an der Serie? Teilt Ihr die Kritik, dass es eigentlich keine richtige Handlung gibt? Wäre eine reine Dokuserie vielleicht die bessere Wahl gewesen? Oder habt Ihr eine andere Meinung? Schreibt es uns in die Kommentare und diskutiert mit uns und anderen Lesern über „Narcos“!
Serientrailer zu „Narcos“:
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 4. September 2015(Narcos 1x10)
Schauspieler in der Episode Narcos 1x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?