My Lady Jane: Wer folgt ihm auf den Thron? - Review der Pilotfolge der Comedy-Fantasyserie bei Amazon Prime Video

My Lady Jane: Wer folgt ihm auf den Thron? - Review der Pilotfolge der Comedy-Fantasyserie bei Amazon Prime Video

Mit „My Lady Jane“ hat Amazon Prime Video eine ungewöhnliche Comedy-Fantasyserie mit Historienhintergrund ins Portfolio aufgenommen, die vielleicht nicht den Geschmack aller Zuschauenden trifft, ihre Sache als Satire aber recht gut macht. Lest mehr dazu in unserer Kritik zur Pilotfolge.

Szenenfoto aus der Folge „Wer folgt ihm auf den Thron?“ der Serie „My Lady Jane“
Szenenfoto aus der Folge „Wer folgt ihm auf den Thron?“ der Serie „My Lady Jane“
© Jonathan Prime und Prime Video

Das passiert in der Pilotfolge von „My Lady Jane“

Wir schreiben das Jahr 1553 in England. Nach dem Tode König Heinrichs VIII. regiert der schwerkranke Eduard VI. das Land. Zu seinen Verwandten zählt auch die Adelsfamilie der Greys, die allerdings in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Deshalb entscheidet Mutter Frances (Anna Chancellor) über den Kopf ihrer klugen und gebildeten Tochter Jane (Emily Bader) hinweg, sie mit dem jungen Lord Guildford Dudley (Edward Bluemel) zu verheiraten. Doch Jane möchte lieber ein selbstbestimmtes Leben, so stemmt sie sich mit aller Kraft gegen die Zwangshochzeit.

Dennoch steht sie bald darauf vor dem Altar, findet aber heraus, dass Guildford niemand anderes als ein mutiger, gutaussehender Poet ist, den sie kurz zuvor in einer Taverne kennenlernte. Kurz nach der Verehelichung stirbt Eduard, nicht jedoch, ohne eine Überraschung in seinem Testament verankert zu haben, die das Land aus den Angeln heben könnte. Denn unvorhergesehener Weise bestimmte er ausgerechnet Jane zur neuen Königin. Sie tritt ihr Amt an und möchte das zerrissene Land von nun an einen. Denn auf der Insel geht die Angst vor den Ehtianern um, Menschen, die sich in Tiere verwandeln können. Diese werden seit Jahrhunderten verfolgt und ermordet und haben sich nun zu einem mächtigen Widerstand formiert…

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Missverständnisse

Bevor wir näher auf den Inhalt von My Lady Jane eingehen, sollten wir vielleicht zunächst mit einigen Missverständnissen aufräumen, die über das Format im World Wide Web kursieren. Ja, die Serie schnappt sich einige historische Persönlichkeiten und lässt sie in einem im 16.Jahrhundert angesiedelten Setting agieren. Dennoch haben wir es nur sehr bedingt mit einer Historienserie zu tun. Zunächst einmal ist der geschichtliche Hintergrund sehr frei interpretiert. Das trifft sowohl die Fakten, die Dialogführung, als auch die musikalische Untermalung sowie das Kostümdesign zu. So wurde beispielsweise Eduard VI. nicht vergiftet und starb bereits mit 16 Jahren.

Die Kleidung der Protagonisten ist zum Teil aus dramaturgischen Gründen relativ modern oder sehr frei ausgelegt. Zudem gehören Gestik, Mimik und überhaupt die gesamte Tonalität der Serie schlicht ins Jahr 2024, aber eben nicht nach 1553. Derartige Stilmittel sind selbstredend nicht neu und mal mehr, mal weniger erfolgreich. Bei Willow schlug der neuartige Ansatz insgesamt fehl und führte zur überwiegenden Ablehnung seitens des Publikums. Einige Ähnlichkeiten teilt das Format zudem mit The Nevers, etwa das historische Setting oder Fantasy-Elemente/übernatürliche Kräfte, die am Werk sind.

Satire pur

Szenenfoto aus der Serie „My Lady Jane“
Szenenfoto aus der Serie „My Lady Jane“ - © Jonathan Prime und Prime Video

Bei „My Lady Jane“ liegt der Fall jedoch in mehrfacher Hinsicht anders, zumal der Erzähler aus dem Off schon zu Beginn klar darlegt, dass wir uns in einer alternativen Vergangenheit bewegen. Dazu stellt Autorin und Serienerfinderin Gemma Burgess zunächst in Comic-Kurzform ausgewählte historische Fakten vor, um dann die berühmte „Was-wäre-wenn-Frage“ zu stellen. Das ist ein amüsanter Ansatz, der die Zuschauenden darauf vorbereitet, dass sich weder die Geschichte, noch die Art ihrer audiovisuellen Umsetzung sonderlich ernst nimmt.

Damit erleichtert das Produktionsteam auch dem eigentlich Historik-affinen Publikum den Einstieg enorm und bereitet es auf den stilistisch frechen Stilmix vor, der auf die Zuschauenden niederprasselt. Und der ist in Anbetracht der Tudor-Thematik schon sehr gewagt. Nicht nur, dass ständig Pop- und Rockklänge zu passenden und unpassenden Szenen aus den Boxen dröhnen, auch mancher Spruch sorgt für bitterböse, satirisch gemeinte Anachronismen, die so einen interessanten Gegenpol zu The Crown und Co bilden. Das Ergebnis kann seine Unterhaltungswerte nicht verleugnen, auch wenn „My Lady Jane“ bisweilen schon sehr widerborstig, keck und respektlos daherkommt.

Die Ehtanier

Als besonders pfiffiger Kniff erweist sich mit den Ehtaniern zudem ein ausgeprägtes Fantasyelement. Ethanier sind Menschen, die sich jederzeit in eine von Geburt an festgelegte Tierform verwandeln können und neben den oft komödiantisch inszenierten Hofintrigen für einen angemessenen Schuss Dramatik sorgen. In der Serie werden sie seit Jahrhunderten verfolgt, verbannt, gefoltert und ertränkt und bilden damit das Pendant zu den in der Frühen Neuzeit massenhaft praktizierten Hexenverfolgungen. Interessant ist, dass Gemma Burgess sich hier auf eine historisch gesehen relativ genaue Betrachtung einlässt, so verwendet sie zum Beispiel dieselben Anklagepunkte, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zu den massenhaften Verbrennungen von bis zu 60.000 Menschen führte. Allerdings formiert sich im fiktiven englischen Königreich Eduards (und ab Folge zwei Jane Grey) der Widerstand, so dass es in der Mitte der Debütfolge zu einem schön inszenierten Scharmützel in einer Taverne kommt, bei dem Jane ihren künftigen Mann kennenlernt.

An dieser Stelle setzt der romantische Teil ein, wobei sich das Format keineswegs prüde gibt. Gerade aus der Kombination aus Übermut, audiovisuellen Anachronismen, Schlüpfrigkeit, Action, Intrigen und Romantik bezieht „My Lady Jane“ allerdings ihre überraschend hohen Schauwerte. Denn so gestaltet sich die Erzählung bislang frisch, jung, ungewöhnlich und forsch. Ob die Ideen der Serie über acht Folgen tragen, muss sich allerdings erst noch beweisen. Doch gerade der Fantasy-Aspekt und die Frage, wie sich die Serie aus der historischen Tatsache der Hinrichtung von Jane Grey nach nur neun Tagen auf dem englischen Thron herauswindet, sorgen für Spannung. Es bleibt indes abzuwarten, was Burgess aus der Steilvorlage macht.

Fazit

Frechheit siegt, könnte man in Bezug auf die Pilotfolge von My Lady Jane sagen. Historikpuristen werden möglicherweise über die Dreistheit der Tatsachenverdrehung und der teilweise schon heftigen Anachronismen die Nase rümpfen. Ehrlich gesagt wäre es mir beinahe ähnlich ergangen, wäre da nicht der dramaturgische Kniff direkt zu Anfang gewesen, der mich geradezu dazu aufforderte, fünfe gerade sein zu lassen. Gut, dass ich meinen inneren Schweinehund überwinden konnte. Sonst wäre mir ein cleveres und originelles Serienprojekt durch die Lappen gegangen, dass mutig neue Wege geht, ohne sich wie „Willow“ auf ein altehrwürdiges Franchise zu stürzen und damit einen Shitstorm zu provozieren. Ja, der grobe Rahmen mag historisch sein, doch der vorgezeichnete Weg hat hier viele Pfade, die Gemma Burgess mit Spaß und Augenzwinkern einschlägt.

4 von 5 Ethaniern.

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