
Bereits Mitte der 1990er brachte TV-Tausendsassa Steven Bochco (Doogie Howser, NYPD Blue) zusammen mit Charles H. Eglee (The Shield, Dexter) und Channing Gibson (NYPD Blue) mit Murder One ein mit Murder in the First vergleichbares Format auf den Markt. Auch hier wendeten sich Gesetzeshüter und Anwälte eine Staffel lang einem einzigen Kriminalfall zu. In der zweiten Staffel wurde diese Struktur ein wenig angepasst, doch das Prozedere blieb dasselbe. Fast 20 Jahre nach „Murder One“ schlagen Bochco und der US-Kabelsender TNT nun erneut in eine ähnliche Kerbe. Dabei liefern sie eine ordentliche Pilotepisode zu „Murder in the First“ ab, die erst einmal solides Crimedrama verspricht.
Gleichzeitig kommt man nicht umher, festzustellen, dass sich die Auftaktepisode zu Murder in the First als äußerst unspektakulär und generisch präsentiert. Und auch wenn die einzelnen Darsteller überzeugen können - richtig packen kann einen das Format noch nicht. Das mag vor allem daran liegen, dass man diese Art Geschichte schon unzählige Male zuvor zu sehen bekommen hat. Bis jetzt fehlt „Murder in the First“ noch ein markantes Alleinstellungsmerkmal, das sich erst im Laufe der zehnteiligen ersten Staffel manifestieren könnte.
Postponing the Inevitable
Gleich zu Beginn von Murder in the First bekommen wir auch die Ermittler in dem Fall präsentiert, die sich durchaus voneinander unterscheiden. Da wäre zum einen Detective Hildy Mulligan (Kathleen Robertson), eine augenscheinlich selbstbewusste Frau, die sich nach ihrer Scheidung das Sorgerecht für ihre Tochter teilen muss. Ihre Einführung wirkt geradezu locker und leichtfüßig im Vergleich zu ihrem Partner Terry English (Taye Diggs). Dieser muss sich nämlich langsam mit der traurigen Realität abfinden, dass die Lebenschancen seiner an Krebs erkrankten Ehefrau gen Null gehen. Die Belastung durch diese Situation für English wird während der gesamten Pilotfolge immer wieder deutlich und gibt immer wieder kleine Einblicke in das aufgewühlte Seelenleben der Figur.

Doch so sehr English mit seinen persönlichen Problemen zu kämpfen oder auch Mulligan ihren familiären Stress zu bewältigen hat: Die Arbeit ruft. So werden die beiden zu einem Tatort gerufen, der schon bald mehrere verzwickte Fragen aufwirft. Am interessantesten ist hier für die Ermittler wohl die Verbindung zwischen dem Mordopfer und einem Jungunternehmer aus der IT-Branche rund um das Silicon Valley nahe San Francisco.
Weitere Nachforschungen bestätigen nur den Verdacht, dass der großspurige Erich Blunt (Tom Felton) ein wichtiges Puzzleteil in den Ermittlungen zu dem Fall sein könnte. Als English und Mulligan kurz davor sind, den Mord aufzuklären, ereignet sich ein weiterer tödlicher Vorfall, bei dem Blunt seine Finger mit ihm Spiel gehabt haben könnte.
Go to Work
Somit wäre auch schon die Ausgangslage für Murder in the First skizziert, in dem nur ein einziger Fall im Mittelpunkt des Geschehens stehen soll. 1995 mag mit „Murder One“ die Abkehr vom gewöhnlichen case of the week-Schema zum case of the season noch recht revolutionär gewesen sein, heutzutage sind deartige Formate im TV jedoch gang und gäbe. So sind Bochco und sein Kreativteam angehalten, sich nicht nur auf die bewährten Mechanismen von vor 20 Jahren zu verlassen, sondern auch neue Ideen miteinzubeziehen und originell zu arbeiten. Ansonsten droht man, im Einheitsbrei der TV-Landschaft unterzugehen. Eine derartige Umsetzung gelingt ihnen nur teilweise.
Zweifellos kann man von Murder in the First behaupten, dass es visuell und schauspielerisch ein grundsolides Format ist, in dem nachvollziehbar die richtigen Schritte gegangenen und Entscheidungen getroffen werden. Für Freunde klassischer Ermittlerdramen könnte sich die TNT-Serie schnell als interessantes Crimedrama entpuppen. Es kann beispielsweise durchaus mit einem unverbrauchten Setting in den Straßen San Franciscos und einer ansprechenden Optik überzeugen.
Doch wo sich der eine an dem klassischen Aufbau von Murder in the First erfreut, fängt der andere eventuell schon zu gähnen an. So ordentlich der Auftakt auch gemacht ist - gleich mehrfach gestaltet sich das hier Gezeigte als recht öde und generisch. Ob es nun die Handlung selbst oder die vielen stereotypischen Figuren sind: Viel Neues vermag „Murder in the First“ nicht anzubieten.

Uncanny Valley
Murder in the First muss aber auch zwangsläufig nichts Neues anbieten, wenn es das, was es sich vorgenommen hat, sehr stark und eindringlich präsentieren kann. Jedoch bleibt es hier oft nur bei einer guten anstatt einer wirklich exzellenten Durchführung. So wartet man des Öfteren und teilweise vergebens auf einen packenden Moment, der begeistern und neue Reizpunkte setzen kann. Von diesen gibt es in „Murder in the First“ nämlich leider zu wenige, obwohl man - mit Blick auf die weiteren Folgen - durchaus welche erahnen und dementsprechendes Potential erkennen kann.
Taye Diggs (Private Practice, Day Break) bringt hier mit seiner aufgewühlten Art noch am meisten Schwung in den Laden, siehe seinen emotionalen Ausbruch in einer gelungenen Verhörszene. Gleichzeitg vermag er es auch, die ruhigen Momente seiner Figur gut und nachvollziehbar rüberzubringen. Auch Kathleen Robertson (Boss, Bates Motel) schafft es, mit ihrer kessen Art zu gefallen, obwohl sie zu oft noch zu blass bleibt. Generell möchte man den Darstellern wenige Vorwürfe machen, holen sie doch zumeist aus dem hier vorliegenden Material raus, was sie rausholen können.
Die Figurenzeichnung ist jedoch ein wenig zu klischeehaft und zweckdienlich. Ob es nun die beiden Detectives sind, die sich ihren eigenen Problemen stellen müssen, oder eben auch Tom Feltons (diverse „Harry Potter“-Spielfilme) arrogantes Technikgenie. Aber, auch wenn die einzelnen Charaktere nicht gerade vor Einfallsreichtum strotzen, die Besetzung kann sich allemal sehen lassen. Neben Diggs, Robertson und Felton, dem die Rolle des Unsympathen einfach zu passen scheint, geben sich hier viele weitere bekannte Fernsehgesichter die Klinke in die Hand, darunter unter anderem Richard Schiff (The West Wing, House of Lies), Charles Baker (Breaking Bad, The Blacklist) oder William Lucking (Sons of Anarchy).
Infernal
Letztendlich muss man sich nach der Auftaktepisode von Murder in the First dieselbe Frage stellen, die man sich nach jeder Pilotepisode stellt: Konnte man überzeugt werden, eine weitere Episode der Serie zu schauen? Die Antwort fällt im Fall der TNT-Serie zwiegespalten aus. Zum einen schätzt man die ordentliche und aufgeregte Inszenierung des Auftakts. Zusätzlich ist einem durchaus ersichtlich, dass diese Geschichte wohl erst auf längere Sicht richtig zünden wird und dass mit jeder weiteren Folge die Spannung steigen könnte.
Zum anderen bekommt man auch viel Altbackenes zu sehen, das so oder so ähnlich schon einmal da war - und wahrscheinlich schon viel besser und packender gemacht wurde. Es könnte zwar reizvoll sein, tiefer in die hier handelnden Charaktere einzutauchen, insbesondere Taye Diggs' Detective English könnte nach dem endgültigen Tod seiner Frau neue Facetten offenbaren. Die Darsteller dürften allesamt in der Lage sein, eine gut erzählte Geschichte zu tragen. Die Frage ist jedoch, ob man eine solche überhaupt vorweisen kann. Die Pilotfolge könnte nämlich ebenso bei so manchem ein Gefühl der Langeweile hervorgerufen haben.

Fazit
Murder in the First lässt sich anhand seiner Auftaktepisode bereits in die Kategorie Serie einordnen, die in ihrer Gänze durchaus fesselnd und interessant sein könnte, aber deren einzelne Pilotfolge dem Zuschauer einen eher langen Atem abverlangt. Dabei sollte man die vielen klassischen Genrekniffe nicht zu negativ bewerten, auch wenn das eintönige Ermittlungsgehabe ab und an etwas anöden kann. Viel verkehrt machen die Serienmacher nicht, jedoch wirkt das gesamte Produkt leider viel zu gewöhnlich, um auf ganzer Linie zu überzeugen.
Über kleinere Unstimmigkeiten, wie zum Beispiel eine Leiche, deren Bein leicht zuckt, oder die etwas banale Hinführung zum Hauptverdächtigen und mutmaßlichen Täter im ersten Mordfall (via Ententattoo) kann man hinwegsehen. Viel mehr jedoch wünscht man sich hier und da eine zündende Idee. Etwas, was den Zuschauer fordert und interessiert aufhorchen lässt. Murder in the First liefert eine ordentliche Pilotepisode ab, mit guten Darstellern und spürbarem Potential. Doch wo ist das gewisse Etwas? Vielleicht kommt es noch mit den weiteren Folgen. Es wäre zumindest wünschenswert und könnte „Murder in the First“ eventuell doch noch auf ein höheres als auf ein „nur“ solides Level hieven.