Mum 1x01

© BBC
Das passiert in der Dramedyserie „Mum“
Cathy (Lesley Manville, The Crown) hat in Mum einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften. Gerade eben ist nach langjähriger Ehe ihr geliebter Mann gestorben. Ihre Familie meint es zwar oberflächlich betrachtet gut mit ihr, doch die Menschen in ihrem Umfeld sind voll von sich selbst und scheren sich in Wirklichkeit wenig um ihre Gefühle. Nur der beste Freund ihres Gatten Michael (Peter Mullan, (The Lord of the Rings: The Rings of Power) kümmert sich um sie, denn obwohl er es nie laut aussprechen würde, liebt er Cathy von ganzem Herzen...
Wow-Momente
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Das einzige Problem ist die relativ kurze Verfügbarkeit von durchschnittlich sechs Monaten, was bedeutet, dass man regelmäßig vorbeischauen sollte, um das beste Material ja nicht zu verpassen. Dieser gut gemeinte Ratschlag trifft auch auf die britische Dramedy-Serie „Mum“ zu, die noch bis zum 28. Februar 2025 abrufbar ist. Bereits 2016 entstanden, brachte es das Format in drei Staffeln auf insgesamt 18 Episoden, die es allerdings erst jetzt ins deutsche Fernsehen geschafft haben.
Brillant geschrieben
Das Sprichwort „besser spät als nie“ trifft den Nagel in diesem Fall voll auf den Kopf, denn schon die 30-minütige Debüt-Episode der Dramedy offenbart einen beißenden, feinen Humor, der aber auf den Punkt geschrieben ist und deshalb in keiner Situation übertrieben wirkt. Letzteres ist für das an sich ernste Thema der Serie immens wichtig, da sonst die Gefahr bestünde, den tiefsinnigen Hintergrund der Story ad absurdum zu führen.
„Mum“ erzählt die Geschichte der 59-jährigen Cathy, derer Leben eine dramatische Wendung nimmt, als ihr Mann an einer schweren Krankheit verstirbt. Die beiden liebten sich tief und innig und waren ein gut eingespieltes Team. Nun muss die Witwe nicht nur die Beerdigung stemmen, sondern sich auch neu sortieren und organisieren, um nicht in ihrer Trauer zu versinken.
Zur Seite stehen ihr dabei ihr Sohn Jason (Sam Swainsbury, Fearless), dessen neue Freundin Kelly (Lisa McGrillis, The Musketeers), ihr Bruder Derek (Ross Boatman, „East Enders“), dessen Lebensgefährtin Pauline (Dorothy Atkinson, Pennyworth und der beste Freund ihres verstorbenen Mannes Michael.
Das heißt: Dass sich irgendjemand ihrer Verwandten wirklich um die Bedürfnisse und Gefühle der trauernden und einsamen Frau kümmert, lässt sich nur schwerlich behaupten. In Wahrheit ist Jason zwar ein liebender Sohn, denkt aber nur an sich und seinen Umsiedlungswunsch nach Australien. Kelly wiederum gibt sich alle Mühe nett zu sein, ist aber nicht die hellste Kerze am Baum.
Derek lässt sich von seiner arroganten und bornierten Lebensgefährtin Pauline unterbuttern, die keine Gelegenheit auslässt, um sich als etwas Besseres darzustellen. Lediglich Michael hat ihm wahrsten Sinne des Wortes ein Herz für Cathy. Offensichtlich liebt er sie seit seiner Jugend, stellte sich aber der Ehe seines Freundes nicht in den Weg. Nun verspürt er das ehrliche und warmherzige, aber nicht ganz uneigennützige Bedürfnis, für sie dazu sein und hofft, dass sich vielleicht irgendwann mehr daraus entwickeln könnte.
„Allein, aber nicht einsam?“

Aus dieser Figurenkonstellation ergibt sich das Thema Einsamkeit als Kernelement von „Mum“, das Serienerfinder und -autor Stefan Golaszewski mit Feingefühl auf gleich mehreren Ebenen angeht. So oberflächlich einige der Figuren auf den ersten Blick auch erscheinen, ist ihr Verhalten doch das Ergebnis von für sie traumatischen Erlebnissen. Kelly wurde von ihrem Exfreund gedemütigt und geschlagen und Paulines reicher Mann betrog sie. Nun verbringt sie ihr Leben zwischen den Treffen mit Derek und langweiligen Fernsehtagen, an denen sie nichts mit sich anzufangen weiß. Sie behauptet zwar, allein, aber nicht einsam zu sein, die Realität sieht indes ganz anders aus.
Golaszewski breitet die Hintergründe der Protagonisten nicht einmal groß vor dem Publikum aus. Manchmal erfährt man nur in einem Dialog oder Nebensatz mehr über die Cathy umgebenden Personen. Doch diese wohldosierten, aber feinsinnigen und vielschichtigen Einschübe genügen, um ein tieferes Verständnis für die Figuren zu entwickeln.
Cathy und Michael
Der Vorteil an dieser Schreibtechnik ist, dass man die Hauptperson nicht aus den Augen verliert, die sich geschickt, höflich, intelligent und mitfühlend durch manchmal noch so peinliche Situationen manövriert. Cathy ist eben eine gestandene Frau mit Anstand, die geflissentlich über sämtliche Fauxpas ihrer Mitmenschen hinwegsieht und niemanden etwas übelnehmen kann.
Zur Seite steht ihr dabei der gutherzige, zurückhaltende Michael, dessen offensichtliche Liebe zu Cathy im Verlauf der Serie eine immer wichtigere Rolle spielt. Er hat ein gutes Gespür dafür, was sie braucht und geht geduldig auf sie und ihre Familie ein. Dass er nicht ganz uneigennützig handelt, nimmt man dem sympathischen Mann dabei keine Sekunde lang übel, denn man spürt bereits in der ersten Szene, dass er genau der Mensch ist, den Cathy braucht, um aus ihrer Trauer in ein neues Glück zu finden. Er ist rücksichtsvoll, aufmerksam, hört zu und bedrängt sie nicht. Sein ganzes Denken ist darauf ausgerichtet, ihr Leben nicht unnötig zu verkomplizieren, auch wenn dies für ihn im Umkehrschluss das Gegenteil bedeutet.
In der zweiten der in Monate unterteilten Episoden (die erste Folge heißt Januar, die zweite Februar, die dritte Mai und so weiter) lädt Cathy ihre Familie zum Valentinstag ein, steht aber letztlich allein da. Der unerwartet aufgetauchte Michael lädt sich nun nicht etwa selbst ein, sondern wartet darauf, dass sie es tut. Er bleibt und sie bestellt beim Chinesen, ganz, wie sie es immer mit ihrem Mann tat. Nun folgt eine der Schlüsselszenen der ersten Staffel. Cathy las einige Szenen zuvor ihrem Sohn ihre Bestellwünsche vor, was dieser mit der Antwort quittierte, ausgehen zu wollen. Michael wiederum hat sich jede einzelne Speise gemerkt und bringt sie damit zum Lächeln.
Neben all dem bissigen Humor ist „Mum“ voll von solch charmanten, warmherzigen Situationen, die uns Cathys Leben nach „Tag null“ nahebringen. Autor Golaszewski, Lesley Manville und ihr Kollegium lassen uns dank hervorragender Schreib- und Schauspielarbeit tief in die jeweiligen Momente eintauchen, die so menschlich und natürlich wirken, dass man das Gefühl nicht loswird, das Gesehene könnte sich genauso hinter der Tür der älteren Dame von nebenan abspielen. Besser geht es kaum.
Fazit
Mum ist eine feinfühlige, aparte Liebeserklärung an die Menschlichkeit. Vor allem Lesley Manville und Peter Mullan leisten auf schauspielerischer Ebene Großartiges, obwohl die Geschichte ohne die teils witzigen, aber nie albernen Nebenfiguren nicht so sehr unter die Haut gehen könnte. Die Kamera bleibt stets nah an der Situation, dennoch hat Kameramann Ben Wheeler (The Tourist, Alex Rider) den Mut, ruhige aber erwartungsvolle Momente zu schaffen.
Als Cathy etwa als Letzte das Haus verlässt, um ihren Mann zu beerdigen, bleibt der Fokus von innen heraus auf die Tür gerichtet. Man ahnt, dass noch etwas geschehen muss, doch es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sie sich öffnet und Cathy - ihre auf dem Kopf befindliche Brille suchend - eintritt, um sich schließlich im Spiegel des Korridors zu sehen. Lächelnd und kopfschüttelnd tritt sie nun tapfer hinaus, um die schwerste Pflicht ihres Lebens zu erfüllen. So schafft man Momente für die Ewigkeit. Mit anderen Worten: „Mum“ ist humorvoll, angenehm leise, unaufdringlich, ehrlich und tief.
Dafür gibt es von uns die volle Punktzahl: fünf von fünf.
Verfasser: Reinhard Prahl am Donnerstag, 5. September 2024(Mum 1x01)
Schauspieler in der Episode Mum 1x01
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