Ms. Marvel 1x01

© zenenfoto aus Ms. Marvel (c) Disney+
Mit Ms. Marvel bringt Disney+ eine junge Heldin für eine junge Zielgruppe an den Start. Ihr Comic-Debüt feierte sie im Jahr 2014, was also noch nicht allzu lange her ist. Wer nach ausführlichen Comic-Hintergründen sucht, kann sich übrigens hier belesen. Schnell wird nach dem Einschalten der Pilotfolge, Avengerscon, der sechsteiligen Debütstaffel deutlich, das man die Zielgruppe mit flippigen Ideen und viel Comic- und Cartooncharme einfangen möchte. Bei mir gelingt das bereits von der ersten Sekunde an. Ich kann aber auch verstehen, wenn manche die audiovisuelle Gestaltung der Auftaktfolge vielleicht etwas hyperaktiv finden. Dafür gibt es aber auch eine sehenswerte Familiendynamik.
Worum geht es in Ms. Marvel?

Es handelt sich bei der von Newcomerin Iman Vellani gespielten Kamala Khan um das Kind von pakistanischen Einwanderern, die in Jersey City heimisch sind. Zudem ist Kamala ein gewaltiges Avengers-Fangirl, besonders „Captain Marvel“ hat es ihr angetan. Sie betreibt einen eigenen YouTube-Channel mit animierten Recaps, den sie Sloth Baby Productions nennt. Sie ist 16 Jahre alt und wir steigen am Tag ihrer Fahrprüfung, die sie bei der ersten Anfahrt ordentlich vergeigt und das Auto des Prüfers demoliert, in ihr Leben ein. Außerdem ist die titelgebende Avengerscon an diesem Wochenende, zu der sie liebend gerne würde, doch sie glaubt, ihre konservativen Eltern erlauben ihr nie im Leben dort ohne Aufsicht aufzutauchen. Besonders nicht, nachdem sie enttäuschend bei der Fahrprüfung abgeschnitten hat...
In der Schule gehört Kamala eindeutig zu den Außenseitern und Nerds. Anders als die beliebte Zoe (Laurel Marsden), die 80.000 Social-Media-Follower hat. Dafür ist ihr bester Kumpel Bruno (Matt Lintz) immer für sie da. Nakia (Yasmeen Fletcher) ist derweil ihre besten Freundin, wird aber eher in der zweiten Folge wichtiger. Vertrauenslehrer Mr. Wilson (Jordan Firstman) sieht Kamalas Potential und möchte sie entsprechend fördern, doch er hat auch erfahren, dass sie sich leicht ablenken lässt. Darum soll sie sich um die Collegebewerbungen und ihre Zukunft kümmern, wobei er Mulan-Lyrics zitiert.
Doch viel lieber als mit Collegebewerbungen beschäftigt sie sich mit dem Besuch der allerersten Avengerscon. Dafür werkelt sie zusammen mit Bruno in dem Corner-Shop, in dem er arbeitet, an einem Captain-Marvel-Kostüm herum. Bislang ist es noch etwas zu konventionell, also muss eine Art Twist her. Das Brainstorming auf dem Fahrrad wird mit dynamischen Graffiti-Werken an den Wänden in der Umgebung begleitet, was eine wunderbare Idee ist. Später werden beispielsweise auch Textnachrichten und Emojis in die Wandkunst und Umgebung integriert. Das finde ich kreativ, kann aber manchmal auch nicht so einfach zu erkennen sein.
Omas mysteriöses Paket
In einem Paket von ihrer Oma findet Kamala ein Armband, das sie anspricht, doch immer, wenn ihre Mutter Muneeba (Zenobia Shroff) es sieht, reagiert sie merkwürdig und bezeichnet es sogar als Müll. Ihr Bruder Aamir (Saagar Shaikh) soll das Paket verstauen, damit Kamala sich mit der Mutter um einige Besorgungen kümmern kann. Außerdem steht Aamirs Hochzeit ins Haus, die vorbereitet werden muss. So lernen wir den Alltag der Familie und ihrer Community auf organische Weise kennen und erhalten eine volle Packung der pakistanisch-amerikanischen Kultur und Lebenswelt.
Bruno stellt sich derweil als Tüftler heraus, der bei den Khans einen Alexa-Konkurrenten namens Zuzu einbaut, mit dem man beispielsweise den Fernseher bedienen oder Licht an- und ausschalten sowie Kameras überwachen kann. Er regt Kamala dazu an, die Eltern wegen der Convention zu fragen. Als sie allen Mut zusammennimmt und zusammenfasst, worum es ihr geht, erhält sie die Antworten, die sie erwartet hat - etwa das Kostüm betreffend und bezüglich des Verhaltens anderer Jugendlicher. Außerdem glaubt sie an einen Doppelstandard, weil ihr Bruder sicherlich hingehen dürfte. Allerdings ist es der Bruder, der ein gutes Wort für sie einlegen möchte, als sie abgeschmettert wird...
Big Hulk and Little Hulk
Die Eltern wollen einen Kompromiss vorschlagen, bei dem Vater Yusuf (Mohan Kapur) im Hulk-Kostüm ihre Begleitung spielt, sofern sie auch ein Hulk-Kostüm trägt, doch das ist der 16-jährigen Schülerin ziemlich peinlich und somit bricht sie den Eltern das Herz, die ihr nun die Con vollständig untersagen.
Doch trotzdem will sich Kamala nicht unterkriegen lassen und tüftelt einen tollkühnen Plan mit Bruno aus, bei dem sie sich durch das Fenster und mithilfe des Zuzu-Systems, das ihr ein Alibi verschaffen soll, aus dem Haus schleichen will. Zwar verpasst man den ersten Bus und auch Kamalas Fahrrad muss man als Verlust abschreiben, doch die Convention übertrifft die kühnsten Erwartungen. Beim großen Cosplay-Wettbewerb ist der Familienarmreif Kamalas letztes fehlendes Detail, das für eine große Überraschung sorgt, da dieser über besondere Kräfte zu verfügen scheint. Die Blitze der Fotografen sorgen dafür, dass energetische Kräfte freigesetzt werden, die die Deko zerstören und schließlich einen großen Kulissen-Mjölnir mit Zoe kollidieren lassen. Kamala kann sie retten und wird so zur Con-Sensation.
Nach der Convention schleicht sich Kamala wieder nach Hause, ist allerdings mehrere Stunden zu spät dran. Ihre Mutter hat die Zuzu-Taktik ebenfalls durchschaut und ist enttäuscht von ihrer rebellischen Tochter. Übrigens gibt es bereits in Folge eins eine kurze Szene nach dem ersten Abspann-Part, die für ein Comeback von Damage Control sorgt.
Ms. Marvelous!

Mit einem quirligen Style, einem sympathischen Ensemble, einer reichhaltigen Kultur, die trotz fantastischer Vorreiter-Serien wie Ramy bisher weiterhin wenig im US-Fernsehen stattfindet, und einer gut aufgelegten Newcomerin in der Hauptrolle, liefert der Auftakt von Ms. Marvel viel, was man unterhaltsam und herausragend finden kann. Die visuellen Ideen, die immer wieder eingestreut werden, ob durch Recaps, Cartoonsequenzen, Graffiti oder Emojis, lockern die Atmosphäre von der ersten Sekunden an auf und passen hervorragend zur Figur und ihrer Fangirl-Identität. Immer wieder gibt es kleine Einblicke in das Leben der muslimischen Familie in Jersey City und den im Vergleich zu anderen Gleichaltrigen strengen Regeln, die Kamala befolgen muss (keine Partys, lange Kleidung im Sportunterricht, und einiges mehr), die den Horizont von jungen Zuschauern erweitern können, die vielleicht sonst wenig Berührungspunkte mit dem Kulturkreis haben.
„Ms. Marvel“ ist natürlich längst nicht die einzige jugendliche Superheldenfigur im Film- und Serienbereich: Smallville, Stargirl oder „Shazam!“ bei DC oder Marvel's Runaways, „Spider-Man“ sowie Cloak & Dagger sind Beispiele von bereits adaptierten Nachwuchshelden. Trotzdem unterscheidet sich Kamala Khan bereits durch die religiöse und kulturelle Ebene eindeutig von dem Rest, der sich - je frischer der Stoff ist - oftmals auch um Diversität bemüht, aber bisweilen doch eher tradionellen Erzählbahnen folgt.
Zudem ermöglicht Kamala als Avengers-Fangirl ein gewisses Austoben bei dem Avengerscon-Teil der Handlung, bei dem mit viele Mühe und Liebe zum Detail gearbeitet wird. Ein Wiederhören gibt es beispielsweise mit „Rogers - The Musical“, bekannt durch Hawkeye. Aber auch sonst erinnert die Convention an eine kleinere Messe, die man sich an einem Ort wie Jersey City sehr gut vorstellen könnte.
Was in meinen Augen in „Ms. Marvel“ besser funktioniert als bei Moon Knight oder „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ ist der Humor, der öfter sitzt als bei den beiden genannten. Zudem findet man eine Balance aus Leichtigkeit und einigen Szenen, die durchaus emotionale Treffer landen. Wenn man Familie Khan gerade erst kennengelernt hat, aber Kamalas Abfuhr bezüglich des Partnerkostüms direkt berührt, dann machen die Autoren um Bisha K. Ali etwas auf Anhieb richtig.
Ich habe vorab zwei Episoden sehen können und freue mich, dass der positive Ersteindruck, sich auch in der zweiten Folge fortsetzt. Deswegen werde ich sehr gerne wieder episodenbegleitende Reviews schreiben und bringe daher hier nur leichte Andeutungen ein.
Die Sache mit den Kräften

Einige Comicfans kritisieren die Entscheidung, dass man den Ursprung der Kräfte verändert hat. In den Comics ist Kamala ein Inhuman und erhält ihre Kräfte als Teil der Terrigan-Bombe im Zusammenhang mit dem Eventcomic „Inhumanity“. Da man im MCU nun aber nicht auf die Inhumans setzt (und Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. sowie Inhumans nicht Teil des offiziellen Kanons zu sein scheinen), kann ich die Entscheidung nachvollziehen. Bereits bei „Captain Marvel“ (Brie Larson) hat man sich für eine neue Art der „Origin-Story“ entschieden. Bei Kamala setzt man nun offenbar mehr darauf, die Kräfte in ihrer Familienahnenreihe anzusiedeln. Optisch kann das Armband zumindest ähnliche Dinge wie die übliche „Embiggen“ oder Stretchkräfte. Schon in der ersten Folge sieht man beispielsweise eine Energieversion eines Armes und in der zweiten Folge kommen Plattformen und andere Aspekte hinzu.
Persönlich muss ich sagen, dass mich bisherige Stretcheffekte, abseits vom Animationsfilm „Die Unglaublichen“, selten gänzlich überzeugen konnten. Ralph Dibny in The Flash oder Mr. Fantastic aus den „Fantastic Four“ (in welcher Darstellerinkarnation auch immer) hatten wegen der Budgetgrenzen oder des Effektlevels der damaligen Zeit oftmals etwas eher Unheimliches. Und mich würde auch nicht wundern, dass Kevin Feige und Co Kamalas Kräfte wegen des baldigen offiziellen MCU-Debüts leicht abgewandelt haben.
Was im Comic ebenfalls anfangs deutlich anders ist: Weil Kamala dort eher gestaltwandlerische Fähigkeiten hat, verwandelt sie sich impulsiv in die blonde Version von Captain Marvel, ehe sie sich ein eigenes Kostüm schneidert, doch durch die Änderung der Kräfte fällt dieser Aspekt flach beziehungsweise wird durch das Cosplay-Kostüm vertreten, was ich aber nicht wild finde.
Sicherlich ist es immer schade, wenn man im großen Stil von der Vorlage abweicht, aber ich denke, in diesem Fall ist der Kern der Figur, ihrer Reise und Motivation weiterhin vorhanden und zahlreiche Elemente und Szenen aus der Comicvorlage sind wieder einmal recht nah adaptiert. Stellenweise sogar mit den Dialogen aus den Comics, was vor allem auch in der zweiten Folge noch einmal deutlich wird, wenn man die Reihe gelesen hat. Schon in diesen beiden Episoden bedient man sich nach Herzenslust an den etwa ersten drei Sammelbänden der Marvel-Heldin. Ich bin neugierig, ob man in irgendeiner Form die Team-ups einbauen kann oder wird. Denn Figuren wie Wolverine, Lockjaw und Loki geben sich in den ersten zwei Jahren der Heftserie die Ehre. Mich würde aber auch nicht wundern, wenn es eher auf einen Captain-Marvel-Auftritt zusteuert. Abwarten...
Fazit

Der Einstieg in Ms. Marvel ist witzig, bunt und unterhaltsam und wird einer jugendlichen Nachwuchsheldin gerecht. Als Mischung aus „Origin-Story“ und Coming-of-Age-Geschichte könnte die Marvel-Serie von Disney+ für Fans von beiden Genres etwas sein. Besonders auch dann, wenn man nicht immer nur die bereits bekannten Kulturkreise verfolgen will, die die meisten anderen Geschichten liefern. Fans von Never Have I Ever, Ramy oder „Scott Pilgrim vs. The World“ sind hier ebenso gut aufgehoben wie Liebhaber der _All-Different_Marvel-Ära der Marvel-Comichelden, die die klare Inspiration für viele Projekte aus der Phase vier des Marvel Cinematic Universe ist.
Hier abschließend noch der englische Trailer zur Serie „Ms. Marvel“ beim Streamingdienst Disney+:
Verfasser: Adam Arndt am Mittwoch, 8. Juni 2022Ms. Marvel 1x01 Trailer
(Ms. Marvel 1x01)
Schauspieler in der Episode Ms. Marvel 1x01
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