Mindhunter 2x09

Mindhunter 2x09

David Finchers Mindhunter-Serie erweist sich auch in ihrer zweiten Staffel bei Netflix als äußerst erfrischende Abwechslung im Krimigenre. Psychopathen wie Charles Manson werden nicht zelebriert, sondern entzaubert.

Die Mindhunter jagen einen Serienkiller, der es ausgerechnet auf Kinder abgesehen hat... (c) Netflix
Die Mindhunter jagen einen Serienkiller, der es ausgerechnet auf Kinder abgesehen hat... (c) Netflix
© ie Mindhunter jagen einen Serienkiller, der es ausgerechnet auf Kinder abgesehen hat... (c) Netflix

Als angehender Psychologe bin ich grundsätzlich skeptisch, wenn sich in Film und Fernsehen mit Psychopathen und Profiling beschäftigt wird, denn Hollywood ist außerordentlich geübt darin, peinliche Klischees zu perpetuieren. Und tatsächlich wirkt auch die David-Fincher-Serie Mindhunter, die vor zwei Jahren bei Netflix an den Start ging, auf den ersten Blick ein wenig abgedroschen - oder fast wie ein verzweifelter Versuch, True Detective nachzuahmen. Zumal der Regisseur mit Krimis wie „Fight Club“ oder „Sieben“ selbst daran beteiligt war, die gängigen Vorstellungen „gefährlicher Geisteskranker“ zu festigen.

Nachdem ich nun aber alle 19 Folgen der Serie gesehen habe, also inklusive der kürzlich gestarteten Staffel zwei, muss ich zugeben: Mindhunter ist ganz anders als befürchtet. Tatsächlich scheinen Fincher und Konsorten sogar regelrecht bemüht darum, Erwartungen zu unterwandern. Nur die Netflix-Marketingabteilung fährt den Produzenten immer wieder in die Parade, indem etwa die Trailer so geschnitten werden, dass der Eindruck entsteht, die gesamte neue Season sei nur dazu da, dem ohnehin schon viel zu viel gewürdigten Charles Manson mal wieder eine Bühne zu geben. Dass die offiziellen Werbeposter mit Rorschach-Tintenklecksen verziert sind, die in der Psychologie seit Jahrzehnten kaum noch ernst genommen werden, trägt ebenfalls nicht zur Glaubwürdigkeit der Serie bei, die immerhin den Anspruch auf wissenschaftliche Genauigkeit erhebt.

Kurz gesagt: Wer Serienkiller sehen will, die charmant und clever und natürlich verboten gutaussehend sind, ist bei Netflix' Mindhunter an der falschen Adresse. Und das ist gut so! Ironisch ist vor allem: Um mit dem Abgekulte Schluss zu machen, wird den Mördern das Mikrofon nicht etwa entzogen, sondern ganz im Gegenteil (das Mikro steht sogar im Zentrum des Intros). Denn, je mehr sich diese kläglichen kleinen Männer in ihren selbstherrlichen Monologen verstricken, desto mehr kommt das zum Vorschein, was sie mit ihrer Selbstinszenierung eigentlich verschleiern wollen: das ungeliebte Kind in ihrem Inneren. Genau darin liegt in gewisser Weise auch die Haupterkenntnis dieser Serie: Klug ist der, der zuhört und nicht redet.

Von der Theorie zur Praxis

Besonders mutig und dadurch spannend an der zweiten Staffel von Mindhunter ist, dass das in der Auftaktstaffel so revolutionäre „Whydunit“-Format nun doch gegen ein klassisches „Whodunit“-Mysterium eingetauscht wird. Es geht also nicht mehr nur noch um die Frage, warum bestimmte Mörder gemordet haben, sondern auch um die Suche nach einem noch unbekannten Mörder. Wenn man sich vorstellt, dass die erste Season als eine Art Grundkurs für uns als künftige Kriminalexperten dienen sollte, dann hat das Ganze aber Sinn. Denn: Was folgt auf die Theorie? Genau, die Praxis.

Netflix
Netflix - © Netflix

Konkret geht es um die sogenannten Kindermorde von Atlanta, die sich zwischen 1979 und 1981 in der Hauptstadt von Georgia ereigneten (also erneut wahre Begebenheiten). Fast dreißig Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wurden damals getötet. Und sie alle waren dunkelhäutig, was in der afroamerikanischen Gemeinde natürlich für Trauer und Wut sorgte. Unsere beiden Helden Holden Ford (Jonathan Groff) und Bill Tench (Holt McCallany) steigen bei Opfer Nummer sechs ein, merken aber rasch, dass sie als auswärtige FBI-Agenten eigentlich nicht willkommen sind.

Dabei schienen ihre Arbeit und ihre innovativen Methoden gerade Rückenwind zu erhalten. Ein neuer Chef namens Ted Gunn, gespielt von Michael Cerveris - nun also der zweite Fringe-Darsteller neben Anna Torv im Cast -, konfrontiert das BSU-Team erstmals mit dem Luxusproblem, zu viel Unterstützung zu bekommen. Er ist klug genug, zu erkennen, wie viel Potential im psychologischen Profiling steckt und weiß zudem genau, wie er Ford, Tench und Dr. Carr (Torv) auf Kurs hält. Ein kleiner Bonus: Die Interviews, die seine Untergebenen mit berüchtigten Monstern wie Charles Manson durchführen - der interessanterweise von Damon Herriman porträtiert wird, welcher aktuell auch im Tarantino-Streifen „Once Upon a Time in Hollywood“ den Manson mimt -, dienen auf Cocktailpartys als unterhaltsame Anekdoten.

Serienkiller in Kinderschuhen

Die Netflix-Serie Mindhunter hat in ihrer zweijährigen Pause zwar all die guten Eigenschaften beibehalten - so zum Beispiel ihre düstere Atmosphäre, die einen sprichwörtlich einsaugt, obwohl der Krimi es eigentlich nicht verdient hat, weggebinget zu werden. Ebenso auch Finchers Freude an den Details der Polizeiarbeit, die sonst nur in The Wire so ausführlich präsentiert werden. Doch leider bleiben auch die Schwächen unverändert. Vor allem das Erzähltempo wirkt weiterhin unausgewogen, was zumeist daran liegt, dass den Drehbuchautoren noch immer keine spannenden Storys für das Privatleben der Ermittler einfallen.

Weder fiebert man wirklich mit Wendy und Kay (Lauren Glazier) mit noch mit Holden und Tanya (Sierra McClain). Tatsächlich wirken die eingebauten love interests eher obligatorisch. Als Zuschauerin oder Zuschauer kann man dabei schon mal ungeduldig werden, bis es endlich wieder zurück an die echte Detektivarbeit geht. Im Fall von Bill wurde diesmal sogar versucht, Berufliches und Privates zu vermischen, was aber ebenfalls besser gemeint als umgesetzt erscheint. Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet der Sohn eines Mannes, der tagtäglich Psychopathen studiert, selbst ein Psychopath ist? Wenigstens wird durch das Familiendrama die durchaus interessante Frage aufgeworfen, ob das „Böse“ angeboren oder anerzogen wird...

Netflix
Netflix - © Netflix

Falls nun einige Leserinnen oder Leser die Befürchtung haben, dass Mindhunter sein großes Markenzeichen, nämlich die elektrisierenden Gespräche mit den Serienkillern gänzlich aufgegeben hat, um sich nur noch auf einen einzigen Fall zu konzentrieren, kann ich für Entwarnung sorgen: Auch die neue Staffel, die diesmal nur aus neun (teils aber sehr langen) Episoden besteht, hat wieder zahlreiche tolle Interviews zu bieten, die im Vergleich zueinander sogar sehr vielfältig erscheinen. Neben Manson lernen wir unter anderem auch David Berkowitz (Oliver Cooper), Elmer Wayne Henley (Robert Aramayo) und den etwas tumben William Pierce Jr. (Michael Filipowich) kennen. Und auch der Publikumsliebling Ed Kemper (Cameron Britton) lässt sich wieder blicken, genauso übrigens wie der BTK-Killer Dennis Rader (Sonny Valicenti).

Das Monster von Atlanta

Besonders die beiden letzten Episoden der neuen Staffel bauen Spannung bis zum Zerbersten auf. Alle Nebensächlichkeiten rücken in den Hintergrund und jeder konzentriert sich auf die Jagd nach dem Kindermörder. Am Ende ist es aber nicht die Wissenschaft, die Ford und Tench zum Erfolg führt, sondern pure Fleißarbeit. Zumal die Profiling-Versuche diesmal deutlich weniger elaboriert erscheinen, als wir es gewohnt sind. Fast wirkt das vermeintliche Genie Ford sogar ein wenig engstirnig, denn aufgrund eines einfachen Feldversuchs, der auf keinen Fall sämtliche Gütekriterien eines validen Experiments erfüllt, schließt er kategorisch alle potentiellen Täter aus, die weiß sind. Er sucht nach einem schwarzen Verdächtigen, was bei den mehrheitlich schwarzen Bürgern der Stadt selbstverständlich nicht allzu viel Begeisterung erzeugt. Sie glauben, der Ku-Klux-Klan steckt hinter den Morden. Als Zuschauer/-in ist man logischerweise geneigt, Ford zu vertrauen. Dadurch wird sogar sein Kollege Jim Barney (Albert Jones) verdächtig, der die vermeintlich rassistische Theorie mehrfach anzweifelt.

Alte Fincher-Fans dürften sich gegen Ende der neuen Staffel vor allem an den Film „Zodiac“ erinnert fühlen, denn auch hier wurde nie endgültig geklärt, wer nun wirklich der Täter ist. Alle Zeichen deuten diesmal auf den jungen „Musikproduzenten“ Wayne Williams (Christopher Livingston), der sich so sonderbar verhält, dass das Wort „schuldig“ quasi auf seiner Stirn geschrieben steht. Dennoch hat er die Verbrechen bis heute nicht gestanden, konnte aber wenigstens für zwei Morde an Erwachsenen lebenslang hinter Gitter gebracht werden. Trotzdem fühlt sich dieser abrupte Abschluss oder die Ehrenrunde, die einige Polizeichefs nach dem Erfolg in der Öffentlichkeit drehen, nicht zufriedenstellend an, was man Mindhunter hoch anrechnen muss. Realismus schlägt ausnahmsweise Sensation. Und Gewissheit gibt es im echten Leben eh nie.

Alles in allem bleibt Mindhunter auch in Staffel zwei eine der sehenswertesten Krimiserien der Gegenwart und leistet zudem einen wertvollen Beitrag zur Entzauberung von Psychopathen, denen Hollywood viel zu lange zu Füßen lag. Bewundernswert ist die David-Fincher-Serie vor allem für ihren Mut, bei fast jeder Entscheidung das zu tun, was zunächst weniger spannend erscheint. Erst auf lange Sicht zahlt sich diese Selbstdisziplin für die notwendigerweise geduldigen Zuschauer/-innen aus. Der Begriff des Slow-Burn-Thrillers hätte hierfür eigentlich erfunden werden müssen, wenn es ihn nicht ohnehin schon gegeben hätte.

Hier abschließend noch der Trailer zur 2. Staffel von Mindhunter:

Hier kannst Du „Mindhunter: Inside the FBI Elite Serial Crime Unit“ bei Amazon.de kaufen

Verfasser: Bjarne Bock am Mittwoch, 28. August 2019
Episode
Staffel 2, Episode 9
(Mindhunter 2x09)
Deutscher Titel der Episode
Folge 9
Titel der Episode im Original
Episode 9
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 16. August 2019 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 16. August 2019
Regisseur
Carl Franklin

Schauspieler in der Episode Mindhunter 2x09

Darsteller
Rolle
Holt McCallany
Albert Jones
Stacey Roca
Michael Cerveris

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?