Mindhunter 1x10

Mindhunter 1x10

Das David-Fincher-Drama Mindhunter lässt sich inhaltlich und stilistisch irgendwo zwischen True Detective, Hannibal und Mad Men verorten. Doch, um sich selbst zu finden, benötigt der historische Psychothriller von Netflix anfangs etwas Zeit.

Holt McCallany (l.) und Jonathan Groff (r.) interviewen in „Mindhunter“ berüchtigte Serienkiller. / (c) Netflix
Holt McCallany (l.) und Jonathan Groff (r.) interviewen in „Mindhunter“ berüchtigte Serienkiller. / (c) Netflix
© olt McCallany (l.) und Jonathan Groff (r.) interviewen in „Mindhunter“ berüchtigte Serienkiller. / (c) Netflix

Seit Jahrzehnten frönt Hollywood munter einer perfiden Faszination für Psychopathen und Serienkiller. Unzählige Filme und Fernsehkrimis haben sich dem Stoff bereits angenommen, sodass er längst zu den abgegriffensten der gesamten Traumfabrik gehört. Den oscarnominierten Spitzenregisseur David Fincher („Fight Club“, „The Social Network“, „Gone Girl“) hielt dies dennoch nicht davon ab, ihn auch ins Zentrum von Mindhunter, seiner zweiten Netflix-Serie nach House of Cards, zu stellen; nachdem er ihn auch schon in Filmen wie „Se7en“, „Zodiac“ und „The Girl With The Dragon Tattoo“ behandelte.

Dass er und seine Kollegen dabei deutlich weniger sensationssüchtig wirken als Crimeprocedurals wie Criminal Minds und Law & Order, dürfte niemanden verwundern. Mindhunter scheint tatsächlich vor allem aus akademischer Neugier entstanden zu sein. Die Serie basiert in groben Zügen auf dem Kriminologiebuch „Die Seele des Mörders: 25 Jahre in der FBI-Spezial-Einheit für Serienverbrecher“ von John E. Douglas und Mark Olshaker. Erstgenannten nahm man sich auch gleich zum Vorbild für die Hauptfigur der Serie, den aufstrebenden Geiselunterhändler Holden Ford, gespielt vom Emmanuel-Macron-Doppelgänger Jonathan Groff (Boss, Glee, Looking).

Die zehnteilige Auftaktstaffel setzt im Jahr 1977 ein, einem Jahr, in dem das Wort Serienkiller noch nicht einmal existierte - zumindest nicht bis es unsere Protagonisten erfinden - und in dem sich ganz Amerika von einer Welle der Gewalt überrollt fühlt, die nicht zuletzt aus dem fernen Vietnam herüberschwappt. Eine komplizierte Ära, in der die meisten Menschen noch in sehr einfachen Dimensionen denken. Vor allem im christlichen Binnenland glaubt man noch an das absolut Böse und man macht sich daher gar nicht erst die Mühe, zu versuchen der Sache näher auf den Grund zu gehen. Der junge FBI-Mann Holden will das ändern und wird so zum ersten Mindhunter...

A new type of FBI agent

Psychologische und soziologische Modelle zur Erklärung delinquenten Verhaltens waren zwar auch in den Siebzigern kein Novum mehr - die ersten Profilingversuche fanden beispielsweise bereits in den Vierzigern als Reaktion auf Adolf Hitler statt -, doch wirklich genutzt wurden sie von den Bürohengsten der Bundespolizei in Quantico natürlich nicht; viel zu sehr trauerten sie noch immer den goldenen Hoover-Jahren hinterher. Höchste Zeit also, dass ein hungriger junger Wilder wie Holden auf den Plan tritt und den Laden gehörig aufmischt. Obwohl, wirklich wild ist der unsicher auftretende Anzugträger eigentlich nicht, nur seine Methoden erwecken diesen Eindruck.

Vervollständigt durch Anna Torv (m.), kann das „Mindhunter“-Team...
Vervollständigt durch Anna Torv (m.), kann das „Mindhunter“-Team... - © Netflix

Zusammen mit seinem Partner Bill Tench, einem bulligen, doch bodenständigen Familienvater - gespielt von Holt McCallany (Blue Bloods) -, zieht Holden durch die Staaten und versucht, einfältigen Landeiern, die sich Sheriffs nennen dürfen, die Grundlagen der professionellen Polizeiarbeit beizubringen. Die Ignoranz und Unerfahrenheit seiner Lehrlinge bringt ihn oft zur Weißglut, sodass Bill seinen jüngeren Kollegen immer wieder zügeln muss - eine Dynamik, die ein wenig an McConaughey und Harrelson in True Detective denken lässt, obwohl Groff und McCallany natürlich längst nicht so viel Charisma besitzen.

Richtig spannend wird die Serie, als Holden und Bill endlich auf ihren ersten Serienkiller treffen, den in Kalifornien einsitzenden 2,06-Meter-Hünen Edmund Kemper (Cameron Britton). Für Holden ist es die Liebe auf den ersten Blick. Wie gebannt hängt er den Lippen des zehnfachen Frauenmörders, während dieser höchst wortgewandt - wie man es von einem Mann mit einem geschätzten IQ von 145 und einer paranoiden Schizophrenie durchaus erwarten darf - über seine Beweggründe referiert. Die Quintessenz: Seine Mutter war natürlich schuld - Freud wäre froh. Ohnehin ist es erstaunlich, wie vielen Mördern es in Mindhunter gelingt, die Frauen in ihrem Leben anzukreiden, egal ob Mütter, Freundinnen, Schwestern oder die fiesen Mädchen aus der Schulzeit.

Your attitude is going to bite you in the ass

Als Zuschauer wird man in der von Fincher höchstpersönlich inszenierten und daher erwartungsgemäß grandiosen Szene erstmals vor den Gewissenskonflikt gestellt, wie sehr man den Auftritt einer Figur wie Kemper - bei dem es sich überdies um einen echten Serienkiller handelt, der noch immer lebt - überhaupt genießen darf. Zum Glück nimmt uns die Serie die Last schnell ab und kümmert sich stattdessen selbst um die Beantwortung der Frage. Denn, während man anfangs noch den Eindruck hat, es ginge in Mindhunter um die Etablierung moderner Wissenschaften im eingerosteten Betrieb der Polizeiarbeit, wird bald deutlich, dass das eigentliche Interesse des Autorenstabs rund um den Showrunner Joe Penhall („The Road“) moralischen Fragestellungen gilt.

Vor allem die oft an Pathos grenzende Dialogsprache wirkt verglichen mit dem akademischen Ersteindruck der Serie an vielen Stellen im späteren Verlauf eher unorganisch. Nur wenige dürfte die Tatsache überraschen, dass Penhall ursprünglich aus dem Theater stammt. Dort rekrutierte Fincher einst auch Beau Willimon für House of Cards - und aus Sicht eines Regisseurs lässt sich die Vorliebe für Schreiberlinge dieses besonderen Metiers durchaus nachvollziehen. Zumal man Finchers Inszenierung selbst wohl auch eher als hyperrealistisch bezeichnen würde. Detailverliebten Zuschauern dürfte besonders gut gefallen, dass die Siebziger in Mindhunter auf dem Land eigentlich noch wie die Sechziger aussehen - genauso wie die Sechziger bei Mad Men anfangs wie die Fünfziger erscheinen. Epochen sind eben nie so wirklich, wie man sie in Erinnerung behält.

...nun endlich auf die Jagd nach Serienkillern wie Ed Kemper (Cameron Britton) gehen.
...nun endlich auf die Jagd nach Serienkillern wie Ed Kemper (Cameron Britton) gehen. - © Netflix

Wie eine Erlöserin erscheint schließlich in Episode 3 die Psychologin Dr. Wendy Carr - gespielt von Fringe-Star Anna Torv - die antritt, um das Mind in Mindhunter zurückzubringen. Sie gleicht die Ahnungslosigkeit der Polizisten Holden und Bill mit geballter wissenschaftlicher Fachkompetenz aus und ist obendrein noch eine ziemlich coole Socke. Und sie wird auch zur letzten Bastion der Vernunft, als die beiden Alphamännchen gegen Ende der Staffel jegliche professionelle Distanz zu ihren gefährlichen Interviewpartnern über Bord werfen. Inzwischen ist das Projekt zum Verständnis der Motivationen berüchtigter Serienkiller zu einem landesweiten Gesprächsthema geworden und besonders einem der drei Pioniere scheint der Erfolg zu Kopf zu steigen...

Are we friends, Holden?

Der radikale Wandel vom milchgesichtigen Holden hin zum selbstverliebten Starermittler und besten Freund solcher Monster wie Jerry Brudos (Happy Anderson), Richard Speck (Jack Erdie) und Ed Kemper wurde von Fincher und Penhall von langer Hand vorbereitet. Während Jonathan Groff seiner Figur anfangs noch den Hauch von Naivität und Aufgeschlossenheit verleiht, spielt er später ein echtes Scheusal, das - so will uns die Serie moralisierend eintrichtern - ein bisschen zu tief in den Abgrund des Bösen geschaut hat. Um den charakterlichen Kontrast von der Pilotepisode bis hin zum Staffelfinale noch deutlicher zu machen, verpasste man der Figur mit der von Hannah Gross gespielten Studentin Debbie extra eine Freundin, die anfangs selbst die arrogante Angeberin gab, um später vom einst so schüchternen Holden überholt zu werden.

So gut vorbereitet das Ganze auch gewesen sein mag, erschien Holdens Wandlung dennoch ziemlich überhastet - zumal ich persönlich sie ohnehin nicht gebraucht hätte, doch die Autoren wollten den farblosen Protagonisten so wohl ein wenig interessanter gestalten. Insgesamt stellt mich das Erzähltempo der Serie vor ein Rätsel: Von den fraglos perfekten Verhörszenen abgesehen, bewegt sich die Handlung entweder immer ein bisschen zu schnell oder zu langsam voran. Einerseits reisen Holden, Bill und Wendy in einer einzigen Episoden durch vier verschiedenen Bundesstaaten und andererseits machen sie keine allzu großen Fortschritte. Darüber hinaus versucht sich Mindhunter in typischer Netflix-Manier als sogenannter 10-Hour Movie, während sie gleichzeitig auch wie ein klassisches Procedural Fälle der Woche abarbeitet.

Beim großen Staffelschurken handelt es sich um Holdens und Bills erstes Untersuchungssubjekt, Ed Kemper. Ihm wird daher auch ein Auftritt im Finale zuteil, das Holden schließlich die Augen dafür öffnet, dass er den Psychopathen viel zu nah gekommen ist. In der allerletzten Szenen gewährt man uns zusätzlich einen Blick auf den voraussichtlichen Big Bad der zweiten Staffel. Immer wieder wurde er in kryptischen kleinen Szenen eingestreut, bis Fincher und Kollegen - musikalisch fantastisch untermalt durch Led Zeppelins „In the Light“ - die Bombe endlich platzen lassen: Es ist der BTK-Killer Dennis Rader (Sonny Valicenti), der in Amerika in einem Atemzug mit Charles Manson und Ted Bundy genannt wird. Eine beeindruckende Enthüllung, die allerdings auch zeigt, dass Fincher selbst seine blinde Begeisterung für Serienkiller noch nicht überwunden hat.

Schade, dass er und seine Kollegen nicht etwas mehr Leidenschaft für den wissenschaftlichen Aspekt des Ganzen aufbringen konnten. Die Sechziger und Siebziger zählen zu den faszinierendsten Phasen in der Geschichte der Psychologie. Die Forscher waren damals höchst experimentierfreudig und vergaßen dabei häufig ihre Ethik; so kam es zum Beispiel zum Milgram-Versuch oder dem Stanford-Prison-Experiment. Und Verbrecher wie Rader versuchte man mit subliminalen Botschaften über das Fernsehen zu einem Geständnis zu manipulieren. Aus heutiger Sicht total verrückt, doch gerade das würde den Reiz einer Serie wie Mindhunter ausmachen. Aber auch so dürfte es dieser spannenden und fantastisch inszenierten Netflix-Serie mit Leichtigkeit gelingen, ihre Zuschauer tief in den Bann zu ziehen.

Unser Interview mit den „Mindhunter“-Stars Jonathan Groff und Holt McCallany

Verfasser: Bjarne Bock am Mittwoch, 18. Oktober 2017
Episode
Staffel 1, Episode 10
(Mindhunter 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Das Geständnis
Titel der Episode im Original
Episode 10
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 13. Oktober 2017 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 13. Oktober 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 13. Oktober 2017
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Freitag, 13. Oktober 2017
Regisseur
David Fincher

Schauspieler in der Episode Mindhunter 1x10

Darsteller
Rolle
Holt McCallany
Joe Tuttle
Hannah Gross
Cotter Smith

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?