Marvel's Runaways: Reunion - Wie gut ist die neue Superheldenserie?

© ie „Runaways“ aus der gleichnamigen Marvel-Serie (c) Hulu/Marvel TV
Marvel's Runaways sind ein Franchise, das im Comicbereich noch gar nicht so alt ist. 2003 erschien die erste Ausgabe des Comics, der von Brian K. Vaughan geschrieben und von Adrian Alphona gezeichnet wurde. Das Konzept hat es mit kleinen Anpassungen nun also zu einer TV-Serie von Hulu geschafft, wo zum Start die ersten drei Episoden veröffentlicht wurden. Diese Review bezieht sich auf die erste davon.
Never Trust an Adult
Schon in der ersten Szene legt die Serie einen Ton fest, der exemplarisch für den Anfang der Comicreihe ist: Erwachsenen kann man nicht über den Weg trauen, das gilt auch für die Ausreißerin Destiny, die nach Los Angeles ausgebüchst ist und dort von spanischsprachigen Männern angesprochen wird, die ihr helfen wollen. Weil sie sie aber nicht versteht, gerät sie in die Hände von zwei harmlos aussehenden Frauen, die zur Kirche der Gibborim gehören und ihr eine warme Mahlzeit, eine Dusche und ein Bett anbieten. Schon hier wird das Wort „Kult“ in den Mund genommen, was man im Verlauf der Episode besser versteht. Zwar wird ihr versprochen, dass sie gehen kann, wann sie will, doch auch sechs Monate später sieht man sie noch im Bann der Organisation und offenbar völlig verändert und gehirngewaschen. Das Spiel mit dem Klischee setzt also den Ton, den man in dieser Serie erwarten kann.
Ansonsten stellt der Serienpilot Reunion recht ausführlich die Hauptfiguren und ihre Eltern vor. Schnell wird klar, dass sich vor zwei Jahren eine Tragödie um ein Mädchen namens Amy, das sich als Schwester von Nico (Lyrica Okano) herausstellt, ereignet hat. Ihr Tod hat die Gruppe, die früher befreundet war, auseinandergerissen und besonders Alex Wilder (Rhenzy Feliz) und sie. Alex ist derjenige, der sich seitdem völlig zurückgezogen hat und zum Einzelgänger wurde, was auch seine Eltern bemerken, die ihn viel Freiraum zur Trauer gelassen haben, nun aber versuchen, ihn zurückzuholen. Die beste Gelegenheit dazu bietet das jährliche PRIDE-Meeting, in dem sich die Eltern der sechs Jugendlichen treffen, wobei die Kinder immer Zeit miteinander verbracht haben.
Nicos Familie kommt mit dem Verlust der Schwester nicht klar und ihre Mutter (Typ „Tiger Mother“) kontrolliert beispielsweise das verwaiste Zimmer, während Nico sich ebenfalls isoliert und einen Goth-Lebenstil pflegt. Chase (Gregg Sulkin) ist auf den ersten Blick ein typischer Sportler, der eine Niete in der Schule oder zumindest beim Spanischtest ist, was ihm sein Vater (James Marsters) übelnimmt, weil er mehr Leistung von seinem Sohn erwartet, während die Mutter hier eher ein Heimchen zu sein scheint. Karoline (Virginia Gardner) gehört der bereits erwähnten religiösen Sekte quasi seit ihrer Geburt an und ihre Mutter ist eine Art Priesterin für die Sache, die sich sehr um das öffentliche Image der Tochter sorgt, ihr also kaum Freiheiten zur Entfaltung lässt. Zudem muss sie ein Armband tragen, hinter dem sich mehr verbirgt, als es scheint. Karoline ist ein Mädchen, das sich sehr positiv gibt, aber unter der heilen Oberfläche brodelt es gewaltig.
Die Yorkes sind von allen Eltern die offensten, wahrscheinlich - um in oberflächlichen Klischees zu bleiben - Hippies, die über Themen wie Menstruation, Selbstbefriedigung und Verstopfung auf der Fahrt in die Schule reden, was die Mädels in diesem Alter natürlich peinlich berührt. Gert (Ariela Barer) ist die rebellische, feministische Social-Justice-Kriegerin, die gegen das Patriarchat in den Kampf zieht, aber sich dem nach außen hin perfekten Vorzeige-Jock Chase nicht entziehen kann. Dem bietet sie auch bald ihre Nachhilfe in Spanisch an. Während Molly Hernandez (Allegra Acosta), ihre Adoptivschwester, die jüngste im Bunde ist und entweder mit der ersten Periode oder aber der Entfaltung von Superkräften zu tun bekommt...

Meine Eltern sind verrückte Kultisten!

Im Serienpiloten sehen wir dabei quasi den Alltag der Jugendlichen, der aus Schule, Partys, Nachhilfe und Abendgestaltung besteht. Nebenbei entdeckt schon Molly recht früh im Haus der Adoptiveltern, dass hier etwas Merkwürdiges vor sich geht, denn neben den normalen Tieren, die für berufliche Experimente gehalten werden, verbirgt sich im Hause eine echsenähnliche Gestalt (auf deren weitere Umsetzung ich als Comickenner sehr gespannt bin). Karolina nimmt währenddessen auf einer Party ihr Armband ab und stellt plötzlich Regenbogenfarbenspiele an ihren Armen fest. Zunächst könnte man meinen, es ist eine Droge, die ihr dort angeboten wird, doch später sieht man, dass es eine Auswirkung von dem Entfernen ihres Bandes ist, das sie ohnmächtig werden lässt.
Die sogenannten Freunde von Chase vergreifen sich fast an ihr, bis er es bemerkt und sie in die Flucht schlägt, womit auch mit dem Klischee des doofen Jocks - zumindest bei Chase - hier dankenswerterweise sofort gebrochen wird. Die Eltern verbergen also allerhand vor ihren Kindern, während die Jugendlichen irgendwie doch einander vermissen und nach und nach doch bei Alex eintrudeln, wo Trauerarbeit betrieben werden soll. Allerdings klappt das nicht mit Schwelgen in Erinnerungen und Brettspielen, sondern laut Chase vor allem mit Alkohol. Genau das führt dann zur Entdeckung einer geheimen unterirdischen Grotte bei den Wilders, wo gerade eine unheimliche Zeremonie abgehalten wird, die mit einer undurchdringbaren Barriere geschützt wird, durch die man aber sehen kann. Die Eltern opfern dabei die am Episodenbeginn gezeigte Destiny, was die Welt ihrer Sprösslinge wohl für immer auf den Kopf stellen und sie verstören wird.
Pride and Joy
Der Serienpilot zu Marvel's Runaways leistet sehr gute Arbeit in der Charakterisierung, dem Weltenaufbau und dem Schaffen von Atmosphäre, denn im Coming-of-Age-Bereich sind die beiden Serienschöpfer, wie sie es bereits bei The OC bewiesen haben, waschechte Profis. Das Spiel mit den Klischees ist dem Comic sehr eng entliehen, wobei die Sache rund um Nicos Schwester neu ist, Molly ein wenig älter als in der Vorlage ist und eigentlich auch eine Mutantin mit eigener Familie ist. Doch die Änderungen schaden in meinen Augen bisher noch nicht. Die Schauspieler sind sehr gut ausgewählt und erinnern optisch ebenfalls an ihre Inspiration. Die Teen-Angst ist stellenweise sehr hoch, doch das passt zu einer Serie aus diesem Genre, das sich an die junge Zielgruppe richtet. Darstellerisch kann ich keinen Ausfall feststellen, was wirklich eine gute Leistung ist.
Sehr schön ist der Fakt, dass die Folge mit einem großen Knall endet, denn Vaughan, der Schreiber des Marvel-Comics ist dafür bekannt, dass er ein Meister der Cliffhanger ist, die so aufgebaut sind, dass man sofort weiterschauen möchte. Hulu kommt den Zuschauern durch die Veröffentlichung der ersten drei Folgen hier sehr entgegen. Gleichzeitig will man im Gespräch bleiben, weswegen man die restlichen Folgen in der wöchentlichen Taktung herausbringt. Bisher hat man erst rund die Hälfte der etwaigen Fähigkeiten oder Superkräfte der Protagonisten angedeutet, man verfolgt also eher einen langsameren Erzählansatz, der nichts überstürzt. Wichtiger scheint hier, dass man die Figuren ein wenig besser kennenlernt und versteht. In meinen Augen ein weiterer Pluspunkt.
Superhelden meets Coming-of-Age

Ansätze von Coming-of-Age in Superheldenserien gibt es immer mal wieder. Smallville hat das viele Jahre erfolgreich betrieben, Gotham zeigt die Jugendjahre Batmans, legt dabei den Fokus aber auch auf die Polizeiarbeit und The Gifted vermischt junge und ältere Mutanten miteinander. Marvel's Runaways ist destilliertes Coming-of-Age mit einer ganzen Gruppe von vielversprechenden Protagonisten, denen man sicherlich etwas Zeit geben muss. Die Figur Gert könnten einige vielleicht in den falschen Hals bekommen, Ähnliches gilt für Karolina und Chase. Was die Comicvorlage allerdings ausgezeichnet macht, ist die aufgebauten Mauern einzureißen und hinter die Fassaden der Teens zu blicken und zu offenbaren, das vieles eine Maske ist. Darum finde ich die Szene zwischen Nico und Karolina auf der Mädchentoilette auch recht stark. Solche Brüche geschehen auch im Piloten bereits mehrfach und lassen hoffen, dass die Zuschauer etwas Neues zu sehen bekommen. Viel Action gibt es im Auftakt auch noch nicht, aber auch hier gilt das Motto: lieber sparsam als alles direkt verschießen.
Was die TV-Version sogar noch etwas ausführlicher und wahrscheinlich sogar besser macht als den Comic: Die Eltern erhalten Raum, um sich zu entfalten, erhalten somit ihre eigene Identität - gute und teils namhafte Darsteller mimen diese und werden somit zu runderen Charakteren. Hoffentlich bleibt das auch in den kommenden Folgen noch so, wobei ich mich frage, wie schnell die Serie vorhat, gewisse Dinge zu präsentieren und wie nah man der Vorlage bleibt. In einem Interview hat Vaughan schon verraten, dass es für die Comickenner einige Überraschungen geben wird, was ich begrüße. Das macht das Anschauen dann zu einem neuen Erlebnis, wenn es denn gut umgesetzt ist.
Fazit
Vielleicht hätte ich mir noch etwas mehr Wow-Effekt von der ersten Marvel's Runaways-Episode versprochen, dennoch bin ich sehr zufrieden mit dem Auftakt, dem Erzähltempo und der Charakterisierung der Figuren und freue mich auf die restlichen Enthüllungen und Folgen der Hulu-Serie, deren Autoren den Kern der Figuren verstehen und in ein anderes Medium transportieren können. Die Coming-of-Age-Lücke in meinem Serienplan kann damit fürs Erste sehr gut besetzt werden.
Trailer zu „Marvel's Runaways“: