Marvel's Runaways 1x10

Marvel's Runaways 1x10

Die erste Staffel der Superheldenserie rund um die Teenager von Marvel's Runaways ist zu Ende. Ein großer Showdown ist noch ausgeblieben, aber das kann die Zukunft noch bringen. Welche Änderungen gab es außerdem im Vergleich zur Vorlage?

Die „Runaways“ aus der gleichnamigen Marvel-Serie (c) Hulu/Marvel TV
Die „Runaways“ aus der gleichnamigen Marvel-Serie (c) Hulu/Marvel TV
© ie „Runaways“ aus der gleichnamigen Marvel-Serie (c) Hulu/Marvel TV

Hulu hat sich mit Marvel's Runaways einen Teil vom Superheldenkuchen abgeschnitten und sich die Nische Teen-Drama ausgesucht, was sich nach dem Sichten der ersten Staffel als guter Schritt herausgestellt hat - einer von vielen, der die Dramaserie zu etwas Sehenswertem macht und was sie von ĂŒblichen Superheldengeschichten abgrenzt.

Eine Entscheidung, die viele womöglich wenig bedenken ist die örtliche Handlungsverlagerung an die WestkĂŒste. Zwar sind Marvel's Agents of S.H.I.E.L.D. regional nicht begrenzt und ĂŒberschreiten sogar inzwischen irdische Grenzen, Netflix-Serien wie Daredevil, Luke Cage oder Jessica Jones ziehen viel ihrer erzĂ€hlerischen Energie aber aus dem Handlungsort New York und hyperlokalen ErzĂ€hlungen, die etwa in Hell's Kitchen oder Harlem spielen. Los Angeles und Umgebung mag fĂŒr viele vielleicht ausgelutscht sein, aber im Marvel-Kontext ist der Ort relativ frisch.

Teen-Drama mit Geschwindigkeitsbegrenzung

Die zehn ersten Episoden von „Runaways“ erzĂ€hlen die Geschichte des Konflikts zwischen Eltern und ihren Kindern. Die Erzeuger haben sich nĂ€mlich zur Organisation „Pride“ zusammengeschlossen, wobei okkulte Rituale mit Menschenopfern in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden nötig sind, bei denen die Kinder sie auf frischer Tat ertappen. Anders als in der Comicvorlage wird jedoch kein kurzer Prozess gemacht und durch eine Menge Plot gebrannt, sondern in der Hulu-Version wird Wert darauf gelegt, dass jedes Eltern-Kind-Paar ausgearbeitet und mit eigenen Sorgen und Problemen ausgestattet wird.

Ob nun die afroamerikanischen Wilders (Angel Parker und Ryan Sands), die durch Jonah (Julian McMahon) eine Chance wittern, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und ihrem Sohn Alex (Rhenzy Feliz) etwas Gutes auszubauen oder die Hippie-Eltern Yorke (Brigid Brannagh und Kevin Weisman), die eher in unfreiwillig in das Morden reingerutscht zu sein scheinen und irgendwo doch ein weiches Herz haben oder aber die zwielichtige religiöse FĂŒhrerin Leslie Dean (Annie Wersching) mit ihrer Church of Gibborim, die alles daran setzt, um den wahren AnfĂŒhrer Jonah (McMahon) zurĂŒckzubringen und ihren Ehemann nur als Marionette fĂŒr die Öffentlichkeit sieht, wĂ€hrend sie eigentlich einen anderen liebt. Die Figur Jonah ist in der TV-Version viel mehr ein klassischer Big Bad, wĂ€hrend es im Comic die Gruppe an sich ist, die böse Intentionen hat und deswegen weg muss. McMahon ist der richtige Mann fĂŒr den Job und kann das bedrohliche, teils magnetische Charisma von Jonah sehr gut einfangen, was er auch bei Charmed oder Nip/Tuck schon frĂŒher bewiesen hat. Die große Eltern-Rolle bringt Schwierigkeiten mit, die die Comics vermissen lassen, weil es recht schnell und deutlich zur Sache geht und man dann zum nĂ€chsten Arc hĂŒpft, ohne zurĂŒckzublicken.

Szenenfoto aus „Runaways“
Szenenfoto aus „Runaways“ - © Hulu/Marvel TV

DafĂŒr ist Comicautor Brian K. Vaughan berĂŒchtigt und das funktioniert auf der gedruckten Seite sehr gut und kann auch im Fernsehen mit dem richtigen Kreativteam funktionieren. Bei Riverdale, The Vampire Diaries oder Gossip Girl (woran Savage und Schwartz beteiligt waren) ist der erzĂ€hlerische Bleifuß stets an der Tagesordnung, was eine Zeit lang gut gehen kann. Bei „Runaways“ hat man sich dann eher fĂŒr eine Slow-Burn-Variante entscheiden: Charaktere werden ausgeschmĂŒckt und vertieft, Backstory und RĂ€tsel etabliert und recht langsam gelĂŒftet, SuperkrĂ€fte und Gadgets gemĂ€chlich und sparsam eingesetzt. So dauert es etwa bis zur HĂ€lfte der Staffel, ehe wir einen typischen Group-Shot sehen, wo das Team zusammen anpackt und einen Gegner in die Mangel nimmt, was dann auch durchaus eine befriedigende Erfahrung ist. So fĂŒhlt sich der Einsatz der KrĂ€fte nĂ€mlich besonders an und nutzt sich nicht so stark ab wie anderswo. Zudem lĂ€sst man sich ebenfalls Zeit die Echse Old Lace zu etablieren, die mental mit Gert (Ariela Barer) verbunden ist oder Karolinas (Virginia Gardner) regenbogenfarbene KrĂ€fte und ihren Ursprung zu erklĂ€ren, um nur einige weitere gelungene Beispiele zu nennen.

Never judge a comic book adaption by its cover

Szenenfoto aus „Runaways“
Szenenfoto aus „Runaways“ - © Hulu/Marvel TV

Eine StĂ€rke, die vom Comic ĂŒbertragen wird, ist fĂŒr mich das Spiel mit den Klischeeerwartungen. Der Ersteindruck von Chase (Gregg Sulkin) ist, dass man ihn fĂŒr einen dummen Jock/Sportlertypen hĂ€lt, der, wie sich herausstellt, aber doch ein Talent fĂŒr Technik besitzt, wĂ€hrend Gert einem mit ihren Social-Justice-Warrior-Pararolen auf die Nerven gehen kann und in ihrem konkreten Fall ist es weiterhin fĂŒr die Autoren eine Herausforderung, sie nicht zur NervensĂ€ge werden zu lassen. Im Laufe der Staffel gibt es aber in meinen Augen viele Momente, die beide Figuren in einem sympathischen Licht erscheinen lassen, denn die Teenie-Seite der Seite ist hervorragend ausgearbeitet. Auch die internen SchwĂ€rmereien spielen gegen die ĂŒblichen Erwartungen des Genres und verbringen ausreichend Zeit mit Tun-Sie-Es-oder-Tun-Sie-es-Nicht-Momenten mit ĂŒberraschenden AusgĂ€ngen. Dabei gibt es gleich zwei Dreiecke rund um Chase, Karolina und Gert, sowie Karolina, Niko und Alex. Interessant ist auch im Auge zu behalten, wer besondere KrĂ€fte hat und wer nicht. Alex, der das Anfangstreffen in der ersten Folge initialisiert, hat am Ende der Staffel keine besondere FĂ€higkeit vorzuweisen, verbirgt aber dennoch einige Geheimnisse, die auch in Verbindung mit der kriminellen Vergangenheit seines Vaters stehen, was die Gruppe noch belasten könnte. So manchen Twist aus den Comics spart man sich entweder fĂŒr kommende Folgen auf oder Ă€ndert ihn fĂŒr die TV-Version, was sicherlich eine richtige Herangehensweise ist, um die Zuschauer noch zu ĂŒberraschen. Die Darsteller spielen grĂ¶ĂŸtenteils authentisch und die Eltern und ihre zahlreichen Geheimnisse bilden ein passendes Gegengewicht zu Teen-Angst, der Liebe fĂŒr die Erzeuger und dem Wunsch nach Gerechtigkeit fĂŒr ihre Verbrechen.

FĂŒr Comicleser ist es sicherlich eine Überraschung, wie groß die Rolle der Eltern ist, doch nach Sichtung der ersten Staffel dĂŒrfte es die richtige Entscheidung gewesen sein, sie beizubehalten. Denn so schockierend die Handlung ist, kaum jemand wĂ€re wahrscheinlich wirklich abgebrĂŒht genug, seine Eltern sofort an die Behörden auszuliefern. Zumal einige KrĂ€fte, auf die sie zurĂŒckgreifen können, zunĂ€chst verstanden und gemeistert werden mĂŒssen. Der Zauberstab, den die Minoru-Frauen etwa befehligen können, lĂ€sst sich im Comic sicherlich einfacher etablieren und beherrschen, als in einer TV-Serie, zumal die DNA-Komponente verkompliziert, auf wen das Artefakt im Zweifel hören wĂŒrde, wenn es zu einem direkten KrĂ€ftemessen kommt.

Dass Mollys (Allegra Acosta) Herkunftgeschichte und Hintergrund leicht verĂ€ndert wurden und sie eine Adotivschwester von Gert und Pflegekind der Yorkes ist, hat kaum gestört und auch die Story rund um Nikos (Lyrica Okano) Schwester ist neu und sorgt dafĂŒr, dass das angespannte VerhĂ€ltnis mit ihren Eltern besser erklĂ€rt werden kann und passt zur Helikopter-Mutter, die von Brittany Ishibashi hervorragend dargestellt wird. Auch sonst nimmt das Drama um die Eltern, etwa die geheime AffĂ€re zwischen zwei Pride-Mitgliedern, das Drama um Victor Steins (James Marsters) Gesundheit oder Karolinas wahren Vater viel Platz ein, was meiner Unterhaltung jedoch keinen Abbruch getan hat. Gut gemachte Soapiness gehört bei Marvel-Serien einfach dazu. Man denke an die vielen Beziehungsdramen bei den X-Men, Avengers und die vielen Freundinnen von Spider-Man oder die Sorgen seines Supporting Casts. Dabei ist eine weitere StĂ€rke, dass die Serie vordergrĂŒndig realistisch ist und nur wenige ausgewĂ€hlte Teile ĂŒbernatĂŒrlich oder von Sci-Fi inspiriert sind. Im Kern geht es um die Charaktere, ihre Beziehungen und Konflikte miteinander und nicht wessen SuperkrĂ€fte die stĂ€rksten sind.

I just ran, I ran all night and day. I couldn't get away.

Szenenfoto aus „Runaways“
Szenenfoto aus „Runaways“ - © Hulu/Marvel TV

Die neunte Folge bereitet die große Konfrontation zwischen Kindern und Eltern vor, wobei Molly einen LKW in das ausgehobene Loch wirft, was den Plan von Pride aufhalten soll. Die erwartete und angeteaserte Konfrontation wird dann aber am Anfang der zehnten Episode ĂŒberschattet durch den Zweikampf von Karolina und Jonah und der Flucht der restlichen Teenager. Erst hier wird der titelgebene Name der Serie zur Wahrheit, denn das Fortlaufen auf eigene Faust beginnt, wobei die Eltern sie per Amber-Alert zu gesuchten Personen und sogar Verbrechern machen, die sich in der Öffentlichkeit kaum sehen lassen können.

Die Entscheidung kann man zwiegespalten sehen, denn so funktioniert die erste Staffel als Prolog, bis es richtig los geht oder es ist Zeitschinderei, weil die Autoren wissen, dass die Eltern in dieser Version quasi gleichgestellte Figuren zu den Jungdarstellern sind. GlĂŒcklicherweise wurde schon eine zweite Staffel bestellt, denn fĂŒr sich alleine wĂ€re das Ende der ersten Staffel unbefriedigend gewesen. Allerdings ist den Teens auch nicht vergönnt in einem anderen Teil der USA, wo der Bus sie hinbringt, neu anzufangen. Wobei man hier ausblenden muss, dass ihre finanziellen Mittel ohnehin stark begrenzt gewesen wĂ€ren und Kreditkarten oder andere Zahlungsmittel, die nicht Bargeld sind, leicht zurĂŒckverfolgbar wĂ€ren. Man kann also annehmen, dass sie vorerst in Los Angeles auf eigene Faust zurechtkommen mĂŒssen - und dabei eine mannshohe Echse im Schlepptau haben. Die Rolle der Eltern ist nicht nur wegen der grĂ¶ĂŸeren Screentime komplexer als im Comic, denn nicht wenige von ihnen entwickeln Gewissensbisse wegen ihrer Kinder, was noch spannend werden könnte. Was macht man daraus? Im Comic war der Konflikt etwas eindeutiger in schwarz und weiß, gut und böse unterteilt.

Szenenfoto aus „Runaways“
Szenenfoto aus „Runaways“ - © Hulu/Marvel TV

Manchen Episoden fehlen aufgrund des zurĂŒckgenommenen Tempos vielleicht ein paar herausragende Set-Pieces, die das Tempo etwas auflockern, wobei man das auch dadurch erklĂ€ren kann, dass alle eher ungewollt zu Helden werden und keine Erfahrung haben und auch die Effekte sehen nicht immer herausragend aus. Karolinas Fliegen nach ihrem Alkoholkonsum oder das Leuchten, wenn sie das Armband abnimmt, sieht mal gut, mal viel zu unnatĂŒrlich aus. Loben möchte ich die BemĂŒhung Old Lace mit praktischen Effekten einzubauen, wobei hier natĂŒrlich auch nicht alles perfekt aussieht oder reibungslos sitzt - Meilen besser als bei Inhumans sieht es jedoch dennoch aus, außerdem bin ich in diese Figuren investierter als beispielsweise in The Gifted, was ich auch gerne verfolge, mir aber oft zu sehr nach Schema F verlĂ€uft. Deshalb wĂŒrde ich „Runaways“ im direkten Vergleich vorziehen.

Fazit

Ich habe mich auf jede neue Folge von Marvel's Runaways gefreut und wurde meistens ordentlich unterhalten. FĂŒr mich gab es wenig bis gar keine Ausrutscher nach unten, sondern durchgĂ€ngig solide Teen-Serien-Unterhaltung mit einem ErzĂ€hltempo, das man noch optimieren kann, bei dem sich die Autoren dafĂŒr MĂŒhe bei der Figurenzeichnung gemacht haben und auch das Superhelden- und Mysteryelement unterhaltsam ist. Leichte Abstriche in der B-Note trĂŒben meinen Genuss nur wenig. Ich bin gespannt, ob und wie man bei Staffel zwei noch etwas nachjustiert und freue mich darauf.

Comicleser sollten - wie eigentlich fast immer - keine direkte Umsetzung erwarten, sondern eine Serie, die die Vorlage versteht, ihre eigene Wendung fĂŒr das andere Medium verpasst und sich dennoch im Kern sehr gut daran orientiert - ohne durch den Plot zu hetzen, weil durch sinkende Auflagenzahlung die Absetzung drohen könnte, was beim Comic ein existierendes Problem war. Beide kann man als ErgĂ€nzung zueinander betrachten.

Verfasser: Adam Arndt am Montag, 15. Januar 2018

Marvel's Runaways 1x10 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 10
(Marvel's Runaways 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Verfeindet
Titel der Episode im Original
Hostile
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 9. Januar 2018 (Hulu)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 11. Juli 2018
Autor
Quinton Peeples
Regisseur
Marc Jobst

Schauspieler in der Episode Marvel's Runaways 1x10

Darsteller
Rolle
Rhenzy Feliz
Lyrica Okano
Ariela Barer
Gregg Sulkin
Allegra Acosta
Angel Parker
Ryan Sands

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?