Marco Polo gilt als nächster großer Schritt von Netflix. Damit feilt der VoD-Anbieter weiter am eigenen Profil und scheut keine Kosten, mit der neuesten Eigenproduktion exquisite Schauwerte abzuliefern. Nur thematisch strotzt das Format nicht gerade vor Einfallsreichtum.

Ab dem 12. Dezember auch bei Netflix Deutschland verfügbar: die neue Historienserie „Marco Polo“. / (c) Netflix
Ab dem 12. Dezember auch bei Netflix Deutschland verfügbar: die neue Historienserie „Marco Polo“. / (c) Netflix
© (c) Netflix

In den letzten Woche und Monaten konnte man zahlreiche Werbekampagnen von Netflix finden, die in sozialen Netzwerken die neue Dramaserie Marco Polo anpriesen. Der Firmenpolitik entsprechend veröffentlichte man am heutigen Freitag alle zehn Episoden der ersten Staffel von „Marco Polo“, die natürlich auch beim deutschen Netflix für die Nutzer abrufbar ist. Wir von SERIENJUNKIES.DE® hatten die Möglichkeit, nicht nur mit den Serienmachern und Darstellern auf einem Presse-Event das Gespräch zu suchen (auf unserem Youtube-Kanal findet Ihr die entsprechenden Videointerviews), sondern darüber hinaus auch die ersten sechs Episoden des ambitionierten Historiendramas zu sehen. Unsere bisherige Eindrücke der Pilotfolge und dem Format im Allgemeinen wollen wir hier mit Euch teilen.

Die beiden hauptverantwortlichen Produzenten (teilweise auch Drehbuchautoren und Regisseure einzelner Episoden) Joe Fusco und Daniel Minahan haben zweifellos eine Serie geschaffen, die den Zuschauer in eine unbekannte Welt entführt und für Freizeithistoriker trotz mehrere Abänderung der wahren Historie durchaus sehr ergiebig sein kann. Mit einem Budget von gut 90 Mio. US-Dollar kann hier von einem Mammutprojekt gesprochen werden, das visuell bisweilen epische Ausmaße annimmt und durch beeindruckende Sets und fantastische Landschaftsaufnahmen ein extrem hohen Grad an Authentizität hat.

Into the heart of a war-torn empire

Als Zuschauer wird man so mehrfach in den Bann des Settings gezogen, in dem sich die unterschiedlichsten Figuren tummeln, deren persönliche Motive und teils düstere Absichten den thematischen Grundton des Dramas setzen. In deratigen Produktionen, die sich vor einem historischen und politischen Hintergrund abspielen (ob real oder fiktiv, siehe Game of Thrones), darf es einfach nicht an Intrigen, politischen Ränkespielen und Verrat unter seinesgleichen mangeln.

Benedict Wong als mächtiger Kublai Khan in %26bdquo;Marco Polo%26ldquo;. © Netflix
Benedict Wong als mächtiger Kublai Khan in %26bdquo;Marco Polo%26ldquo;. © Netflix

Aber gerade hier muss sich „Marco Polo“ wohl am meisten Kritik gefallen lassen. Denn so sehr man auch visuell überzeugen kann und eine Handvoll Charaktere einführt, die das Interesse des Zuschauers wecken, so bekannt ist der thematische Unterbau der Serie. Viele Konflikte der Figuren hat man so oder so ähnlich schon mehrfach in anderen Produktionen gesehen. Gelegentlich gelingen zwar auch Variationen der Genretropen hinsichtlich des Verhaltens der Charaktere oder deren Motivation sehr gut, doch allzu oft fehlt einfach das gewisse Etwas, um gerade die dramatischen Szenen wirklich außergewöhnlich zu machen.

The blood of an adventurer

Marco Polo“ erzählt die Geschichte des allseits bekannten Abenteurers und Entdeckers, der im 13. Jahrhundert an den Hof des Großkhans Kublai, Enkel von Dschingis, kam, dessen Gunst erwarb und zu einem bedeutenden Berater und Präfekten des mongolischen Herrschers aufstieg. Die Autoren haben für die serielle Umsetzung ein wenig an der geschichtlichen Vorlage (die heute von vielen Historikern nach wie vor angezweifelt wird) geschraubt und bewusst ein paar Veränderung im Leben von Marco Polo vorgenommen, die der Dramaturgie des Formats dienen sollen.

Der abenteuerlustige Marco Polo (Lorenzo Richelmy) begibt sich im Jahre 1270 von Venedig aus mit seinem entfremdeten Vater und dessen Bruder auf eine gewagte Reise nach Asien, um neben dem Aufbau von wertvollen Handelsbeziehung auch die Christianisierung der entfernten Ländereien voranzutreiben. Dies stimmt soweit mit der bekannten Historie überein. Als die drei jedoch von den Mannen des Kublai Khan geschnappt und dem Großherrscher vorgeführt werden, passen die Serienmacher die Geschichte zu ihren Gunsten an und führen schon sehr früh einen zentralen Konflikt für unsere Hauptfigur ein.

The barbarian devil king

Marco wird nämlich von seinem Vater am Hof des Khans in der gewaltigen Hauptstadt Khanbaliq (oder auch Kambaluk) zurückgelassen, der das Privileg des Handelns an der Seidenstraße gegen seinen eigenen Sohn eintauscht. Die Beziehung zwischen Marco und seinem stetig abwesenden Vater war nie außerordentlich gut. Dennoch ist dies ein herber Schlag für den jungen Venezianer, der seinem Erzeuger immer nacheiferte. Auch in Marco schlummert die Sehnsucht nach fremden Kulturen und unbekannten Ländern, gemeinsam mit seinem Vater wollte er diese erleben, der ihn nun aber im Stich lässt und dem mächtigen Khan übergibt.

In der ersten Hälfte der Pilotepisode gelingt es den Autoren überzeugend, ihre Hauptfigur einzuführen und später deren missliche Lage in einer fremden Welt darzustellen. Dabei folgt man größtenteils dem Lehrbuch, dennoch gestaltet sich Marcos Figurenzeichnung effektiv und für die Pilotfolge umfassend. Auch sein Gegenüber, der große Kublai Khan (Benedict Wong), bekommt ein erstes Profil verpasst, was jedoch gerade zu Beginn noch eher undurchsichtig ist. Erst mit dem weiteren Verlauf der Staffel steigt man mehr und mehr hinter diesen sehr weltoffenen, aber auch gnadenlosen Charakter, dessen Auftreten schon bald nicht nur auf Marco Polo, sondern auch auf den Zuschauern einen faszinierenden Eindruck hinterlässt.

A clever mind

Der eher unbekannte Italiener Lorenzo Richelmy und Benedict Wong bilden ein interessantes Leinwandpärchen, dessen Gespräche immer wieder als Exposition für diesen andersartigen Kulturkreis dienen. Die verkappte Vater-Sohn-Beziehung der beiden, welche erst mit der fortschreitenden Handlung immer deutlicher wird, bis zu dem Punkt, wo sich Marco unmissverständlich von seinem eigentlich Vater löst, birgt reichlich dramatisches Potenzial. So findet sich zum Beispiel die Figur des Jingim (Remy Hii), Sohn und Erbe des Khan, immer wieder in komplizierten Situationen wieder, in denen er seinem Vater beweisen will, dass er ein fähiger Thronfolger sein kann, gleichzeitig jedoch mit ansehen muss, wie angetan Kublai von Marco Polo ist, dessen Gier nach Wissen, Lernbereitschaft und versteckte Talente ihm von Episode zu Episode einen besseren Stand am Hof des Herrschers bescheren.

Marco Polo (Lorenzo Richelmy) im Trainingskampf mit Hundred Eyes (Tom Wu). © Netflix
Marco Polo (Lorenzo Richelmy) im Trainingskampf mit Hundred Eyes (Tom Wu). © Netflix

Der Hof ist wiederum mit vielen verschiedenen Figuren gespickt, von denen ein Großteil bereits in der Pilotepisode eingeführt wird. Bisweilen fühlt man sich als Zuschauer schon ein wenig überfordert, da extrem viel Informationen auf einen einprasseln. Ein bisschen Zurückhaltung hätte hier vielleicht nicht geschadet. Unter den Beratern, Ministern und Kriegern des Khan kristallisieren sich schnell die wichtigsten Persönlichkeiten heraus, von denen einige schon bald ihre wahre Absichten zeigen. Die groß angelegte Figurenkonstellation hält sicherlich für jeden etwas bereit, dennoch kommt man nicht umhin, sich an Medienerzeugnisse ähnlichen Schlags erinnert zu fühlen.

The walls have eyes

Die thematische Vielfalt von Marco Polo ist dadurch eher begrenzt.Wer sich jedoch an politischen Machtspielen im historischen Kontext nicht sattsehen kann, der dürfte hier genau richtig sein. Mit den unnachgiebigen chinesischen Rebellen der Mauerstadt Xiangyan, wo der machthungrige Kanzler Jia Sidao (Chin Han) stellvertretend für den todkranken Kaiser das Zepter schwingt, ist der unberechenbare Feind des Khans schnell auserkoren. Zwischen diesen beiden Parteien kommt es immer wieder zu mehr oder minder tödlichen Plänkeleien, beide Seiten schmieden komplexe, jedoch für den Zuschauer überschaubare Pläne, während sie in ihren eigenen Reihen mit Gegenwind zu kämpfen haben.

Darsteller Chin Han macht sich vortrefflich als über-ambitionierter Jia Sidao, der selbst die eigene Schwester Min Lei für seine Zwecke benutzt. Min Lei (Olivia Cheng) ist eine Konkubine des Kaisers, die jedoch über tödliche Fähigkeiten verfügt, aber aus Angst um ihre Tochter den Befehlen ihres Bruders gehorcht und sich als Gespielin am Hof des Khan einschleusen lässt. Mit Nacktheit und lustvollen Sexszenen wird in „Marco Polo“ nicht gegeizt, wobei man sich gelegentlich schon fragt, inwiefern es derartiger Aufnahmen in eher unbedeutenden Szenen bedarf. Doch „Marco Polo“ ist in diesem Punkt ja nicht allein...

Prove your loyality

Weitaus einprägsamer sind da schon die hervorragenden Kampfchoreographien. Ob ein intensiver Schwertkampf in der Steppe Chinas (die hügelige Landschaft Kasachstans dient mehrfach als Drehort) in der zweiten Episode, ein Angriff tödlicher Assassinen auf den Großherrscher Kublai oder die Trainingsstunden Marco Polos, der von dem vor Weisheiten nur so sprudelnden Hundred Eyes (Tom Wu) in die Kust des Kung Fu eingeweiht wird. Der blinde Kampfmeister ist zwar herrlich überzeichnet, sorgt aber gleichzeitig für fantastische Momentaufnahmen, in denen die Grazie der chinesischen Kampfkunst zelebriert wird.

Generell muss man den Darstellern ein großes Lob aussprechen. Fast alle haben ihre Stunts selbst durchgeführt und unzählige Stunden mit Kampf- und Schwertkunsttraining, Bogenschießen und Reitunterricht zugebracht. Olivia Cheng hat in ihrer Rolle der Mei Lin wohl die akrobatischsten Szenen zu verzeichnen, die oftmals den Gesetzen der Physik trotzen, dennoch einen sehr hohen Unterhaltungswert haben. Hier stimmt einfach die Mischung zwischen der realistischen Darstellung von Martial Arts und den altehrwürdigen Charme von Wuxia-Filmen - wobei die Darsteller mitnichten komplett an Seilen gezogen durchs Bild fliegen, sondern vielmehr auf die authentische Wiedergabe der verschiedenen Kampfstile geachtet wird und man vor heftigen Bildern nicht zurückschreckt.

Guest or prisoner?

Vor den eindrucksvollen Kulissen, die von mehreren hundert Crewmitgliedern aufwendig zusammengeschraubt wurden, entführt man den Zuschauer mehr als einmal in diesen besonderen Kulturkreis, dessen Eigenheiten mitunter den Reiz des Formats ausmachen. Ab und an plätschert der Plot jedoch etwas ziellos vor sich hin, bis es in der fünften Episode zu einer Entwicklung kommt, die der Serie einen neuen Zug gibt und eine willkommene Abwechslung darstellt. Ab diesen Punkt erhält die Serie Marco Polo auch eine neue Tiefe. Thematisch bleibt es eher absehbar, dennoch kommt Spannung auf, die vorher trotz immer wieder schockierende und aufregende Zwischenmomente (bei der Schlussszene der dritten Episode sollte man besser nicht zu nah vor dem Bildschirm sitzen) ein wenig abflacht.

Die tödliche Konkubine Mei Lin
Die tödliche Konkubine Mei Lin

Insgesamt gelingt jedoch der Spagat zwischen den sehr rasanten Kampfszenen und der eher behutsamen Charakterzeichnung, die uns immer wieder zu unserer Hauptfigur zurückführt. Für diese bahnt sich zusätzlich eine Liebesgeschichte mit der geheimnisvollen Kokachin (Zhu Zhu) an, die als eine Art Sicherheit am Hof des Khan ihr Dasein fristet. Auch dieses Storyelement macht einen eher generischen Eindruck.Dennoch muss man lobend erwähnen, dass sich neben der Blue Princess weitere interessante Frauenfiguren in „Marco Polo“ finden lassen, die sich in dieser rauen Männerwelt beweisen müssen. Mei Lins Schicksal ist vielleicht das tragischste. DieFrau des Khan, Chabi (Joan Chen), wird derweil ihrer mächtigen Position an der Seite ihres Mannes gerecht. Mit Sorga (Vanessa Vanderstraaten) führt man später dann noch eine gewiefte Kämpferin und Verwandte des Khans ein, die zweifellos etwas frischen Wind mit sich bringt.

Fazit

Auf den ersten Eindruck ist Netflix' Serienneustart Marco Polo vielleicht kein überragendes Historiendrama. Dafür aber ein sehr solides und sehenswertes Format, das mit einer vortrefflichen Machart, wundervollen Aufnahmen und einer Ausstattung, die das Eintauchen in diese fremdartige Welt sehr einfach machen, glänzen kann. Die Schauspieler liefern allesamt überzeugende Arbeit ab, als Zuschauer pickt man sich bei der Fülle schnell einen Favoriten heraus, während andere Figuren vielleicht ein wenig zu stereotypisches behandelt werden.

Die übergeordneten Themen in Marco Polo sind geläufig und nicht wirklich originell, was jedoch nur bedingt ein Vorwurf sein soll. Hier und da könnten die Dialoge etwas mehr Schliff vertragen. Die Stärken der Serie sind vielmehr der visuelle Stil, die exzellente Kameraarbeit und die wunderbar mit anzusehenden Kampfsequenzen. Was die Macher aus den Figuren und deren Konflikten schlussendlich noch herausholen können, um uns eventuell neben einem markanten Äußeren auch dramaturgische Feinkost zu servieren, muss „Marco Polo“ noch zeigen. Nach sechs Episoden fällt das Zwischenfazit insgesamt positiv aus. Ob die letzten vier Episoden die besagten Schwächen ein wenig ausbügeln können, wird sich für mich aber erst noch zeigen müssen.

Trailer zu Marco Polo:

Serienjunkies auf YouTube abonnieren!.

Diese Serie passen auch zu «Marco Polo»