Marco Polo 1x10

Marco Polo 1x10

Netflix' neue Historienserie Marco Polo legte einen vielversprechenden Auftakt hin, verdient sich nach zehn Episoden jedoch nur das Prädikat „solide“. Trotz scheinbar höheren Tempos schleichen sich in der zweiten Hälfte der ersten Staffel zu viele Ungereimtheiten und Zweckmäßigkeiten ein.

Die beiden Hauptfiguren in „Marco Polo“: Lorenzo Richelmy und Benedict Wong als Marco Polo und Kublai Khan / (c) Netflix
Die beiden Hauptfiguren in „Marco Polo“: Lorenzo Richelmy und Benedict Wong als Marco Polo und Kublai Khan / (c) Netflix
© (c) Netflix

Vor gut drei Wochen, am 12. Dezember, veröffentlichte Netflix in bekannter Manier auf einen Schlag alle zehn Episoden der ersten Staffel von Marco Polo, dem millionenschweren Serienprojekt, das unter anderem den Weg für das Unternehmen im asiatischen Raum ebnen soll. Zum Start des Historiendramas fassten wir unsere ersten Eindrücke zusammen, nachdem wir bereits sechs der zehn Episoden gesehen hatten „64488“.

Das Urteil fiel insgesamt positiv aus. Zwar gab es noch die eine oder andere Möglichkeit, „Marco Polo“ zu verbessern, den Dialogen mehr Feinschliff zu verpassen und vor allem, seinen eigenen Ton zu finden, im Großen und Ganzen überzeugte das Format jedoch. Auch innerhalb der SERIENJUNKIES.DE®-Community fanden sich überwiegend löbliche Worte über die neue Netflix-Serie, was man den zahlreichen Kommentaren unter dem weiter oben erwähnten Artikel entnehmen kann.

Fulfilling our destiny

Nachdem ich mir gut zwei Wochen nach dem Auftakt nun sämtliche Episoden angeschaut habe, bietet es sich an, erneut einen kurzen Blick auf „Marco Polo“ zu werfen, inwiefern es die vorherigen Kritikpunkte egalisieren konnte oder vielleicht sogar noch einen großen Schritt in die richtige Richtung getan hat. Das Gesamtfazit meinerseits fällt jedoch leider etwas ernüchternd aus, denn so richtig konnte mich die Historienserie letztendlich nicht in ihren Bann ziehen. Grund dafür sind unter anderem ein paar Entwicklungen, was verschiedene Charaktere oder die Handlung per se betrifft, welche mich etwas stutzig machten und eher weniger zufriedenstellen konnten.

In den ersten paar Episoden von „Marco Polo“ warteten die Serienmacher John Fusco und Dan Minahan mit einigen hervorragenden Kampfsequenzen und epischen set pieces auf, die definitiv Lust auf mehr machten. Diese Elemente waren erst einmal vordergründig, die Nuancen zwischen den Charakteren, einzelne Handlungsstränge von Figuren, die vielleicht noch eine größere Rolle spielen könnten, wurden mehr oder weniger dezent eingeführt. Doch der Fokus lag zweifellos auf dem visuellen Stil der neuen Serie, das Prunkstück, um so seine Zuschauerschaft zum Dranbleiben zu bewegen.

Blinder Kampfmönch mit tödlichen Fähigkeiten: Hundred Eyes (Tom Wu) in %26bdquo;Marco Polo%26ldquo; © Netflix
Blinder Kampfmönch mit tödlichen Fähigkeiten: Hundred Eyes (Tom Wu) in %26bdquo;Marco Polo%26ldquo; © Netflix

No good in anything until it's finished

Dies gelang auch sehr gut, jedoch konnte ich mich persönlich nicht dem Eindruck erwehren, dass man bezüglichen dieses Aspekts in der zweiten Staffelhälfte abbaute. Bei wem schlug nicht das Herz höher, als Marco Polo (Lorenzo Richelmy) und sein Lehrmeister Hundred Eyes (Tom Wu) die Mauerstadt Xiangyang infiltrierten, damit der blinde Mönch dort den gefährlichen Jia Sidao (Chin Han) zu Fall bringen würde? Der Kampf zwischen diesen beiden und einer weiteren Person war durchaus gefällig, endete jedoch auf einer extrem langweiligen Note, so dass der gesamte Spannungsmoment im Nichts verpuffte. Warum wendet sich Hundred Eyes von Jia Sidao ab (was wir nicht einmal zu sehen bekommen) und bringt seinen Auftrag nicht zu Ende? Nur, um im Staffelfinale noch einmal spektakulär gegen ihn kämpfen zu können und das zu Ende zu bringen, was er begonnen hat? Anscheinend ja.

Diese Art des Aufbaus einer Handlung empfinde ich als ein wenig störend und von Effekthascherei gezeichnet. Zu oft hatte ich in den letzten vier Folgen von „Marco Polo“ das Gefühl, dass einige Entwicklungen zu inszeniert und gestellt sind, dass man zu sehr an einem ganz bestimmten Punkt ankommen möchte, von wo die Geschichte dann weitererzählt wird. Dies machte die Geschichte wiederum teilweise arg vorhersehbar, wodurch Spannung sowie Momentum verloren gingen.

How do you serve a monster?

Die erneute Inhaftierung von Marco Polo und dessen drohende Hinrichtung stellt für mich ein weiteres Beispiel für dieses Problem dar. Zum einen fragt man sich, wie es Kublai Khan (Benedict Wong) überhaupt geschafft hat, zum Khan aller Khans aufzusteigen, befiehlt er seine Untertanen doch recht naiv und scheint sowohl von Strategie als auch von Taktik nicht besonders viel Ahnung zu haben. Dass er Polo dann doch wieder recht schnell vergibt, weil dieser mit Bauplänen für mächtige europäische Kriegsmaschinen (Trebuchets) dienen kann, hinterlässt ebenfalls einen eher schwammigen Eindruck.

Es ist die Summe von derartigen kleinen bis mittelgroßen fragwürdigen Momentaufnahmen, die mir gelegentlich übel aufstießen und die weniger überzeugen konnten. An allen Stellen werden persönliche Pläne geschmiedet und private Fehden ausgefochten (Jingims Hass auf Polo ist irgendwann nur noch extrem nervig, deren letztendliche Versöhnung sieht man wie eine wilde Herde Mongolen von Weitem auf einen zu galoppieren). Fusco und Minahan wollen uns eine epische Erzählung bieten, die sicherlich ihre interessanten und packenden Momente hat, jedoch mindestens genauso viel dramaturgischen Leerlauf und Dialoge, die mit unzähligen Metaphern aufgebläht sind und oftmals nicht genügend Substanz haben, um eine Szene zu tragen.

Natürlich ist das alles etwas drastisch formuliert, doch dieser Kritik muss sich Marco Polo stellen, gerade mit Hinblick auf seine zweite Staffel. Die Hälfte aller Charakterinteraktionen sind theatralisch überzeichnet, was sicherlich hier und da beabsichtigt ist. Was brauche ich jedoch Gleichnisse und Analogien galore, wenn oft doch die letzte Dialogzeile vollkommen ausreicht? So positiv, wie ich „Marco Polo“ anfangs bewertet hatte, so sehr müssen nun auch die negativen Aspekte dieser Serie beleuchtet werden, da man den Inhalt eben nicht immer mit einem hervorragenden Äußeren kaschieren kann.

Auf ins Gefecht: Marco Polo (Lorenzo Richelmy) mit den Soldaten des Khans auf dem Schlachtfeld © Netflix
Auf ins Gefecht: Marco Polo (Lorenzo Richelmy) mit den Soldaten des Khans auf dem Schlachtfeld © Netflix

A proud mongol

Selbstverständlich gibt es auch einige Dinge, die in der zweiten Hälfte der ersten Staffel von „Marco Polo“ gut gelingen. So sehr man es auch mit Jia Sidao auf die Spitze treibt, Chin Han gefällt in dieser überzeichneten Rolle. Eine weitere Entdeckung ist Amr Waked als Kublais Kriegsminister Yusuf. Dieser hat von all den Figuren womöglich mit die besten Charaktermomente der gesamten ersten Staffel, was sein letztendliches Ableben zwar tragisch, aber nachhaltig macht, da Wakeds Darbietung etwas beinhaltet, was vielen anderen seiner Kollegen zu oft abgeht: Relevanz. Selbst dem von Rachegedanken und Selbstzweifel zerfressenen Großkahn kann man diese nur bedingt attestieren, auch wenn die Entwicklung seiner Figur seiner Persönlichkeit entsprechend sinnig ist. Auch wenn von Benedict Wong immer wieder das Gleiche verlangt wird: Sein Auftreten ist überzeugend.

Die Kampfchoreografien sind nach wie vor ein Hingucker, insbesondere die finale Auseinandersetzung zwischen Hundred Eyes und Jia Sidao. Kameraarbeit sowie der perfekte Einsatz der musikalischen Untermalung gehören zweifelsohne zu den Stärken von „Marco Polo“, während man das epische Ausmaß der großen Schlacht am Ende der Staffel jedoch leider nur mit Abstrichen einfangen kann. Vielleicht ist es auch einfach wieder nur die Enttäuschung, dass die Mannen Kublais unfassbar naiv in eine Falle hineinlaufen (bereits zum zweiten Mal, wohlgemerkt), die dem großen Kampf ein wenig seinen Schwung nimmt. Wenn man diesen Kriegsscharmützeln eine ähnliche Aufmerksamkeit wie seinen Martial-Arts-Einlagen gewidmet hätte, gäbe es wohl weit weniger an den eher beliebigen Schlachtszenen zu kritisieren.

We reap what we sow

Doch vielleicht ist es einfach die Erwartungshaltung, die mir hier wieder einmal einen Strich durch die Rechnung macht. Vielleicht sind es gerade die ersten Episoden von Marco Polo, die so vielversprechend beginnen und die einzelne Spieler in die richtigen Positionen bringen, mögliche Szenarien aufzeigen und gekonnt Spannung aufbauen. Wenn die folgenden Episoden mir dann nicht das liefern können, was ich mir erhofft habe - zum Beispiel ein cleverer Aufbau zum großen Staffelfinale, besser ausgearbeitete Charaktere oder weniger vorhersehbare Entwicklungen -, dann macht sich natürlich etwas Ernüchterung breit.

In gewisser Weise versuchen die Serienmacher, uns als Zuschauer eine Art Komplexität vorzugaukeln, die „Marco Polo“ in sich trägt. Es gibt durchaus mannigfaltige Figuren mit den unterschiedlichsten Motivationen, diverse Schauplätze und eine thematische Vielfalt, doch Komplexität bedeutet für mich nicht nur, dass es eine bestimmte Anzahl von diesem und jenem gibt, sondern dass diese Dinge eine Qualität haben, die mich als Zuschauer fesseln und mitreißen kann. Anspruchslos ist ein harsches Wort, weshalb ich mit Blick auf „Marco Polo“ lieber von eher einfacher Kost spreche, die ganz unterhaltsam ist, jedoch die gezielten dramatischen Nadelstiche meistens nur über simple Schockmomente, anstatt über hochwertige Dialogarbeit erzielen kann.

Weakened by pride

Etwas mehr hatte ich mir zum Beispiel von der Figur der Mei Lin (Olivia Cheng) erwartet, die in der sechsten Episode das Attentat gegen Chabi (Joan Chen) in den Sand setzt und fortan eine Gefangene am Hofe des Khans ist. Dass der Berater Ahmad (Mahesh Jadu) seit Staffelbeginn sein eigenes Süppchen kocht, ist nicht besonders überraschend, Mei Lins Rolle in diesen Plänen hebt man sich jedoch für die zweite Staffel auf. Das ist an sich jedoch wiederum nicht schlecht und könnte eine spannende Entwicklung nach sich ziehen.

Mei Lin (Olivia Cheng) und Chabi (Joan Chen)
Mei Lin (Olivia Cheng) und Chabi (Joan Chen)

Gleichzeitig wird aber in der ersten Staffel auch gehörig Potential verschenkt, da man die vielleicht interessanteste Frauenfigur der Serie nur noch sporadisch zu Gesicht bekommt und sie dann so oder so nur sehr wenig zu tun hat. Wo wir schon einmal bei Ahmad sind: Die Szene mit seinem Gemälde, auf dem er den Kopf des enthaupteten Kublai in der Hand hält, fasst die Holzhammerproblematik der Serie perfekt zusammen. Mal davon abgesehen, dass ich mich hüten würde, so ein Bild im Palast des Großkhans aufzuhängen, egal, wie versteckt meine Räumlichkeiten eventuell sind. Ahmads Motivation ist klar und verständlich, doch: Kann man diese nicht etwas subtiler und weniger theatralisch übermitteln?

A fool's gamble

Während Joan Chen als Chabi noch zu den positiven Erscheinungen zählt, bin ich bei der Figur der Kokachin (Zhu Zhu) etwas unentschlossen. Ihre dramatische Situation als Gefangene und ihr Schmerz, nachdem sie fast alle verloren hat, die ihr nahestehen, funktionieren gut. Dennoch bin ich mir fast komplett sicher, dass sie am Ende zum schlichten plot device verkommt, was den Frieden zwischen Marco Polo und Prinz Jingim (Remy Hii) auf wacklige Beine stellen wird.

Die Beziehung zwischen Byamba (Uli Latukefu) und Sorga (Vanessa Vanderstraaten) muss irgendwann ebenfalls hintenanstehen, wobei ich dem mongolischen Hünen und seinen Dilemmata (die Entscheidung zwischen der Loyalität zu seinem Vater oder zu seiner Liebe) durchaus etwas abgewinnen kann. Für die zweite Staffel dürfen wir uns dann wohl darüber hinaus auf einen prominenter in Erscheinung tretenden Rick Yune freuen, der in seiner Rolle des Kaidu selbst große Ambitionen hegt und am Ende der ersten Staffel nicht mehr allzu gut auf seinen Vetter Kublai zu sprechen ist.

Abschließend wäre da noch Lorenzo Richelmy, Marco Polo selbst, der seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge ziehen kann. Eventuell ist dies auch ein Grund dafür, warum man nur teilweise mit ihm mitfiebert. Große Vorwürfe möchte ich den Machern jedoch nicht entgegenbringen - immerhin trägt die Serie ja den Titel „Marco Polo“. Dennoch: Gelegentlich hatte ich mir etwas mehr Abwechslung im Schauspiel des Hauptdarstellers gewünscht, der sich insgesamt aber solide schlägt - eben so solide wie das Historiendrama selbst, dessen exzellente Schauwerte mitunter eine Sehempfehlung rechtfertigen.

Wer sich mit diesen und einer recht simplen Geschichte, die immer wieder zu gewollt Wendungen nimmt, anfreunden kann, der ist hier genau richtig. Als TV-Zuschauer, der schon so einige Formate aus vergleichbaren Genres gesehen hat, sollte man seine Erwartungen eventuell dämpfen. Der ganz große Treffer ist „Marco Polo“ für Netflix meiner Meinung nach nämlich eher nicht.

Auch wenn viele von Euch schon ihre Meinung zur neuen Netflix-Serie „Marco Polo“ kundgetan haben, interessiert uns Euer abschließendes Urteil zur Historienserie. Wie hat Euch die erste Staffel von „Marco Polo“ gefallen? Schreibt es in den Kommentarbereich unter dieser Kritik und diskutiert mit uns und anderen Lesern über Netflix' neuestes Serienprojekt.

Serientrailer zu Marco Polo

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 1. Januar 2015
Episode
Staffel 1, Episode 10
(Marco Polo 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Das Himmlische und das Ursprüngliche
Titel der Episode im Original
The Heavenly and Primal
Länge der Episode im Original
57 Minuten
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 12. Dezember 2014 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 12. Dezember 2014
Autor
John Fusco
Regisseur
John Maybury

Schauspieler in der Episode Marco Polo 1x10

Darsteller
Rolle
Benedict Wong
Remy Hii
Zhu Zhu
Tom Wu
Mahesh Jadu
Chin Han

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