Making a Murderer 2x01

© ??Making a Murdererâ (c) Netflix
Diese Vorschau und spoilerfreie Vorabkritik bezieht sich auf die ersten vier Folgen der zweiten Staffel von âMaking a Murderer".
Man könnte es sich sehr einfach machen. Wie bei vielen True-Crime-Dokumentationen (das hervorragende, gespenstische The Jinx: The Life and Deaths of Robert Durst mal ausgeschlossen) kann man auch im konkreten Fall von Making a Murderer lange vorab des eigentlichen Premierendatums der Fortsetzung am heutigen Freitag, den 19. Oktober, in Erfahrung bringen, wie es denn aktuell um Steven Avery und seinen Neffen Brendan Dassey steht. Ein paar Suchanfragen und Klicks genĂŒgen, schon ist man im Bilde, was aus den beiden StraftĂ€tern beziehungsweise UnglĂŒcksraben - je nachdem, welche Ansicht man vertritt - geworden ist, die 2005 einen grĂ€sslichen Mord an Teresa Halbach verĂŒbt haben respektive verĂŒbt haben sollen.
FĂŒr diese Tat haben beide eine lebenslange Haftstrafe erhalten und seit ihrer Inhaftierung kĂ€mpft das Duo mithilfe diverser Rechtsvertreter gegen dieses Urteil, da ihrer Ansicht nach mehr als nur Grund zur Annahme besteht, dass etwas faul im US-Bundesstaat Wisconsin ist, in dem der umstrittene Rechtsspruch einst gefallen war. Wie gesagt: Man könnte es sich sehr einfach machen. Doch die beiden Dokumentarfilmerinnen Laura Ricciardi und Moira Demos, die ihr Projekt einst an diverse Sender wie HBO und PBS anboten, bis Netflix sich das Format letztlich sicherte, wollen nicht nur, dass wir einfach nur erfahren, wie der Stand der Dinge in diesem Fall ist.
Es geht um mehr, als nur gesagt und gezeigt zu bekommen, an welchem Punkt sich die Beteiligten drei Jahre spĂ€ter, nachdem diese Geschichte so publik geworden ist und in den Medien allumfassend darĂŒber berichtet wurde, aktuell befinden. Wie bereits in den ersten zehn Folgen von „Making a Murderer“ ist es der langwierige Weg, den man bereit ist, zurĂŒckzulegen und der letzten Endes entscheidend ist, sowie die vielen kleinen, zu Beginn eventuell unscheinbar und unwichtigen Abzweigungen, die AufschlĂŒsse ĂŒber die involvierten Menschen, das Rechtssystem in den USA und möglicherweise sogar den Mord an Teresa Halbach selbst geben.
Die Kritik zur ersten Staffel von „Making a Murderer" auf Serienjunkies.de
Die zweite Staffel von „Making a Murderer“ setzt im Grunde genommen genau da an, wo die erste aufgehört hat - und das auf eine sehr selbstreferentielle Art und Weise, die anfangs einen kleinen Nebengeschmack hinterlĂ€sst. Die Verantwortlichen sind sich durchaus der Bedeutung ihrer Produktion und der Aufmerksamkeit, die diese erregt hat, bewusst. Ob beabsichtigt oder nicht: Sie tragen ihre Errungenschaft fast schon wie einen Orden. Und: Wer möchte es ihnen auch verbieten? Immerhin haben sie auf eklatante MisstĂ€nde der amerikanischen Judikative hingewiesen und glaubwĂŒrdig eine andere Facette des zur Debatte stehenden Falls um Steven Avery und Brendan Dassey aufgezeigt - das hatte die Staatsanwaltschaft von Wisconsin nicht getan.
Doch in den letzten drei Jahren hat sich eben auch einiges verĂ€ndert. Vor der Premiere von „Making a Murderer“ Ende Dezember 2015 war diese Geschichte ein mickrig kleiner Punkt auf dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung. Wie die erste Folge der zweiten Staffel zeigt, ist die mediale Aufmerksamkeit direkt nach dem Start der Dokumentation exorbitant durch die Decke gegangen. Und mit dieser Aufmerksamkeit wurde der Fall zu einem Thema, das sich in der Mitte der amerikanischen Gesellschaft wiederfand. Hitzige Onlinedebatten, Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung im Fernsehen, unzĂ€hlige Reportagen, allwissende Expertenrunden - „Making a Murderer“ wurde zum medialen MassenphĂ€nomen. Und das hat sowohl Vor- als auch Nachteile.
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Auf der Suche nach der Wahrheit - die zweite
Aus der Sicht von Netflix ist diese organisch generierte Publicity, um kurz in den Marketing-Duktus des Streamingunternehmens zu verfallen, natĂŒrlich ein Segen. FĂŒr Laura Ricciardi und Moira Demo tun sich indes auf der einen Seite neue Chancen, auf der anderen Seite aber auch Probleme auf. Nicht nur, dass ihre Arbeit einer viel strengeren Kontrolle von auĂen unterzogen wird, die gesamte Dynamik ihrer ErzĂ€hlung dieser Geschichte verĂ€ndert sich. Das macht die zweite Staffel von „Making a Murderer“ zum einen hochinteressant, weil sich trotz vieler bekannter Gesichter etwas an der Art und Weise verĂ€ndert hat, wie man an das Thema herangeht. Und: Als Rezipient hat man mittlerweile einen gĂ€nzlich anderen Blick als noch vor drei Jahren, als Making a Murderer wie aus dem Nichts auf der Matte stand und Zuschauer weltweit schockierte, fassungslos machte und den Atem raubte.
Auf der anderen Seite zeichnet die neuen Folgen von „Making a Murderer“ durch die VerĂ€nderung der Ausgangslage aber auch ein gewisser Grad von Inszenierung aus. Ricciardi und Demos ignorieren die EinflĂŒsse von auĂen nicht, sie arbeiten mit ihnen. Und so tun es auch ihre Protagonisten, die allesamt wissen, wie sehr diese Geschichte auf medialer Ebene ausgeschlachtet wurde und nach wie vor ausgeschlachtet wird. Manchmal erwischt man sich dabei, wie einem diese Herangehensweise missfĂ€llt, weil es einem doch tatsĂ€chlich so vorkommt, als ob gewisse Elemente wie inszeniert erscheinen. Gleichzeitig erkennt man aber auch, dass es durchaus gewollt ist, uns diese Seite der Medaille zu prĂ€sentieren und dem Publikum sowie der Medienlandschaft den Spiegel darĂŒber vorzuhalten, wie wir alle mit diesem Fall umgehen.
Es ist teilweise ein schmaler Grad, auf dem man sich bewegt. In den ersten zwei Folgen der neuen Staffel macht sich zum Beispiel das GefĂŒhl breit, dass die erneute Aufarbeitung des Mordes an Teresa Halbach arg geschmack- und pietĂ€tlos ist, dass man sich gar nicht ausmalen möchte, was die Familie der Toten ein weiteres Mal durchleben muss. Andererseits, wenn Steven Avery und der zu einem zweifelhaften GestĂ€ndnis gedrĂ€ngte Brendan Dassey wirklich unschuldig sind und zu Unrecht weggesperrt wurden, dann ist es doch schon nahezu verpflichtend, die abgelegten Akten abermals hervorzukramen und zu öffnen, oder? So sieht es zum Beispiel StaranwĂ€ltin Kathleen Zellner, die sich schon etlicher FĂ€lle dieser Art angenommen und mehrere unrechtmĂ€Ăig verurteilte Menschen vor ihrem traurigen Schicksal hinter Gittern bewahrt hat.
WĂ€hrend Laura Nirider (heimlicher most valuable player (MVP)) und Steven Drizin, die beiden AnwĂ€lte von Brendan Dassey, fast schon gemĂ€Ăigt rĂŒberkommen, prĂ€sentiert sich Zellner als durchsetzungsfĂ€higer, medialer Vollprofi, die genau weiĂ, wie sie diese Aufgabe anzupacken hat, um das Urteil gegen Avery anzufechten. Wie in Staffel eins entspinnt sich eine spannende Neubetrachtung der Geschehnisse, was neue Einblicke in den Fall sowie das Verhalten und Vorgehen der staatlichen Behörden gibt, so dass abermals berechtigte Zweifel an der Schuld von Steven Avery und Brendan Dassey entstehen. In dieser Hinsicht erhĂ€lt sich „Making a Murderer“ seinen Status als teils extrem nervenaufreibende Show, die uns geschickt von einer unerwarteten Entwicklung hin zur nĂ€chsten faustdicken Ăberraschung geleitet. In der dritten und vierten Episode werden so viele mit neuen Erkenntnissen gefĂŒllte FĂ€sser ausgemacht, jeder kinoreife Thriller könnte sich eine Scheibe von der Spannung, Aufregung und Ungewissheit abschneiden, die hier erzeugt werden.
Und dennoch bleibe ich vorsichtig. Es kann ungemein berĂŒhrend sein, wenn die Menschen in dieser Geschichte zu Wort kommen, Stellung beziehen und sich nach Gerechtigkeit sehnen. Im nĂ€chsten Moment erahnt man wiederum einen Akt der unverschĂ€mten Selbstinszenierung, was es in einer solchen Geschichte eigentlich nicht geben darf, weil es respektlos gegenĂŒber dem Opfer und allen anderen Beteiligten in diesem Fall ist. Doch das ist die Welt nach der ersten Staffel von Making a Murderer. Der Schutz der AnonymitĂ€t ist passĂ©. Und die Suche nach der Wahrheit war selten so faszinierend und packend, so clever arrangiert und durchgetaktet und so konspirativ und trĂŒgerisch zugleich. Es wĂ€re ja auch zu schön, wenn es einfach wĂ€re, oder?
Die zehnteilige zweite Staffel von âMaking a Murderer" ist ab heute, den 19. Oktober auf Netflix verfĂŒgbar.
Trailer zur zweiten Staffel von âMaking a Murderer":
Verfasser: Felix Böhme am Freitag, 19. Oktober 2018Making a Murderer 2x01 Trailer
(Making a Murderer 2x01)
Schauspieler in der Episode Making a Murderer 2x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?