Making a Murderer 1x01

Steven Avery aus Manitowoc County in Wisconsin ist ein einfacher Mann. Er arbeitet als Schrotthändler im elterlichen Unternehmen, liebt Jagen, Fischen und seine Familie. Für viele im Ort ist er jedoch ein Außenseiter. Die Averys bleiben meist unter sich und entsprechen wegen ihrer einfachen Lebensart dem Klischee von Hillbillies. Mit dem Gesetz gerät Steven mehrmals in Konflikt, weshalb er später auch die perfekte Zielscheibe für diejenigen abgibt, die eine schnelle Verhaftung für ein brutales Verbrechen anstreben.
Homo homini lupus
Seine Leidensgeschichte ist eine furchteinflößende, eine niederschmetternde, eine, die die Funktionsfähigkeit des amerikanischen Justizsystems und die Integrität seiner Vertreter in ein wahrlich schlechtes Licht rückt. Im Jahre 1985 wird Steven Avery für die Vergewaltigung der angesehenen Geschäftsfrau Penny Berntsen verurteilt, obwohl er diese Tat nicht begangen hat. Weil es im Sheriff's Department von Manitowoc aber jemanden gibt, die ihn unbedingt hinter Gitter sehen will, kommt es genau so. Trotz mangelhafter Beweislage wird gegen Steven eine jahrzehntelange Gefängnisstrafe verhängt.
18 Jahre später kommt er dank der Bemühungen seiner unerschütterlichen Eltern und des Wisconsin Innocence Projects wieder frei - ein DNA-Test beweist seine zweifelsfreie Unschuld. Am Tag seiner Freilassung findet er nicht etwa verbitterte Worte gegen seine Häscher, sondern nur solche des Glücks: „When I left prison, the anger left ... I was probably the happiest man on earth.“ Man könnte nun glauben, die Netflix-Dokumentarserie Making a Murderer habe ihre gesamte Geschichte bereits in der Pilotepisode erzählt - aber dann fängt diese wahre „American Horror Story“ erst richtig an.
Wenngleich Steven keinen offensichtlichen Hass gegen all jene schürt, die ihm Unrecht angetan haben, so sucht er doch Wiedergutmachung für die knapp zwei verlorenen Jahrzehnte seines Lebens. Er verklagt das Sheriff's Department von Manitowoc County auf 36 Millionen Dollar Schmerzensgeld. Die Beweislage gegen die Strafverfolger ist zwar nicht erdrückend, deutet aber doch darauf hin, dass Spuren zum wirklichen Vergewaltiger von Penny Berntsen nicht nachgegangen wurde und Steven Avery unbedingt für diese Tat verantwortlich gemacht werden sollte. Und dann - am Ende der Pilotepisode - passiert etwas völlig Unvorhergesehenes.

Es wird eine von vielen Wendungen dieser schier unglaublichen Geschichte sein, die man sich als Drehbuchautor kaum hätte besser - oder spannender - ausdenken können. Steven wird nun abermals inhaftiert - für den Mord an der 25-jährigen Fotografin Teresa Halbach. Fortan zeichnen die Filmemacherinnen Moira Demos und Laura Ricciardi das Verfahren minutiös nach. Sie gehen dabei mit journalistischer Präzision vor - viel Zeit wird darauf verwendet, Gerichtsdokumente auszuwerten, ebenso Nachrichtensendungen, Aufnahmen von Überwachungskameras, Mitschnitte von Telefonanrufen, Pressekonferenzen und Tatortfotos.
Berühmte Vorgänger
Hierdurch unterscheidet sich das Format von seinen beiden stilisierten Wegbereitern - dem Podcast „Serial“ sowie der sechsteiligen HBO-Dokumentarserie The Jinx: The Life and Deaths of Robert Durst. Im Gegensatz zu Sarah Koenig beziehungsweise Andrew Jarecki sind Demos und Ricciardi nicht Teil der Geschichte - wir sehen sie nie und hören sie nur ganz selten. Stattdessen rücken andere Protagonisten in den Mittelpunkt, nachdem Steven zum zweiten Mal in Haft genommen wurde. Vor allem seine Eltern, seine Schwester und sein Neffe nehmen dabei zentrale Rollen ein.
Die Filmemacherinnen, die insgesamt zehn Jahre an dem Stoff arbeiteten und dafür auch zwei Jahre bei den Averys lebten, gehen dabei zwei zentralen Fragen nach: Ist es möglich, dass Steven Avery in der Zeit seiner langjährigen Inhaftierung zum Mörder wurde? Oder ist er abermals zum Opfer einer außer Kontrolle geratenen Strafverfolgungsbehörde geworden, die sich erneut eines ungemütlichen Mitglieds ihrer Gemeinde entledigen wollte? Schnell stellt sich heraus, auf welcher Seite Demos und Ricciardi stehen. Das ist ein mutiger Schritt, könnte ihnen aber auch als Abweichung von journalistischen Standards ausgelegt werden.
Wie auch immer man das einschätzen mag - eines bleibt davon unberührt: Making a Murderer ist ein mitreißendes, aufwühlendes, furchteinflößendes Stück Dokumentarfernsehen. Hierfür zahlt sich das Binge-Watching-Modell von Netflix aus, denn am Ende einer jeden Episode will man sofort wissen, wie es in diesem erschütternden Fall weitergeht. Aber Vorsicht: Wer nicht gespoilert werden will, sollte unbedingt davon absehen, irgendetwas auch nur im Entferntesten mit dem Fall Verbundenes zu googlen. Ich hingegen habe bereits die gesamte Staffel gesehen und werde auf den folgenden Seiten eine abschließende Einschätzung geben.
Achtung! Ab hier folgen Spoiler für die gesamte Dokumentarserie 'Making a Murderer'.

So mitreißend das Format ist, so angsteinflößend kann es auch sein. Und mehr noch: Wer nach diesen zehn Episoden nicht seinen Glauben ans amerikanische Justizsystem, bisweilen sogar den Glauben an das Gute im Menschen verloren hat, dem möge man unverrückbares Vertrauen in staatliche Institutionen und seine Vertreter attestieren. Ich jedenfalls kam irgendwann aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus und war mir sicher, dass Steven Avery - und auch sein Neffe Brendan Dassey - von ihren Jurys freigesprochen werden würden.
Das erschütternde Urteil
Aber so kommt es nicht. Beide werden verurteilt - Steven zu einer lebenslangen Haftstrafe ohne die Aussicht auf frühzeitige Entlassung, und Brendan zu mehreren Jahrzehnten im Gefängnis. In Stevens Fall ist besonders bitter, dass die Mehrheit der Jury zunächst mit unschuldig votiert hatte, bevor manch entscheidungsschwache Mitglieder von drei besonders überzeugten überredet wurden. Hier hat also nicht die Faktenlage über sein Schicksal entschieden, sondern Menschen, die ihn unbedingt im Gefängnis sehen wollten. Dabei sind nicht die Beweise für seine Schuld erdrückend, sondern diejenigen für eine Manipulation durch die Polizei.
Es gibt nur ein Beweisstück, das nicht erst nach der Ankunft von Vertretern des Sheriff's Department - die dort nichts zu suchen hatten - auf dem Gelände der Averys gefunden wurde: Das Auto von Teresa Halbach. Alle anderen zur Beweisführung eingesetzten Stücke - ihr Autoschlüssel, eine Patronenhülse in der Garage, die Blutspuren im Wagen - wurden erst später entdeckt. Die Aussage von Brandon Dassey ist falsch, wurde offensichtlich von den beiden ermittelnden Detectives erzwungen und dürfte deshalb überhaupt nicht als Beweismittel herangezogen werden.
Außer den Blutspuren im Wagen wurde nirgendwo Blut gefunden - nicht am angeblichen Tatort, wo Steven seinem Opfer die Kehle aufgeschnitten haben soll, und nicht in der Garage, wo er ihr in den Kopf geschossen haben soll. An letztgenanntem angeblichen Tatort wurde sogar der Beton aufgeschlagen - und trotzdem konnte kein einziger Tropfen ihres Bluts gefunden werden. Überdies gab es Hinweise auf eine zweite Verbrennungsstelle, die viele Kilometer vom Avery-Grundstück entfernt liegt, was für den Tathergang keinerlei Sinn ergibt.

Aber noch einmal zurück zum Blut, zu diesem vermaledeiten Blut. Das Triumphgefühl, das Stevens Anwalt verspürt, als er entdeckt, dass eine frühere Blutprobe von Steven in der Asservatenkammer des Sheriff's Department manipuliert wurde, währt nur kurz. Die von Staatsanwalt Ken Kratz, den man dämonischer und karikaturesker kaum hätte schreiben können, geführte Anklage kontert mit einem Test des FBI, der eigentlich längst verworfen wurde, nun aber beweisen soll, dass das Blut nicht aus der manipulierten Kanüle stammt. Wieder hängt Steven Averys Schicksal am seidenen Faden des technischen Fortschrittes - sollte in künftigen Jahren ein besserer Test dafür entwickelt werden, könnte bewiesen werden, dass das Blut doch aus der Kanüle kommt.
Alleine gegen die Windmühlen der Justiz
Bis dahin kämpft Steven alleine weiter, was alleine schon ein Indiz dafür ist, dass er unschuldig ist. Welcher Schuldige würde trotz eingeschränkter Auffassungsgabe versuchen, sich in die hochkomplexe juristische Thematik einzuarbeiten - nur mit der Literatur aus der Gefängnisbibliothek ausgerüstet? Seine Erfolgsaussichten sind jedoch so schlecht, dass sich einer seiner früheren Anwälte sogar wünscht, er wäre der Täter. Es ist einfach nur traurig, herzzerreißend und niederschmetternd.
Das Versagen ist aber nicht nur bei den Strafverfolgungsbehörden und der Jury zu suchen, sondern auch bei nachfolgenden justiziellen Instanzen - und bei den Medien. Ein ganzes System scheint darauf ausgerichtet zu sein, sich ja keine zusätzliche Arbeit aufzuhalsen. Und wenn es ein einfaches Ziel wie Steven Avery gibt, umso besser, dann braucht man daran keinen Gedanken mehr zu verschwenden. Man muss sich das mal vorstellen: Da sitzen bestausgebildete Menschen, die zu gemütlich sind, der Wahrheit auf den Grund zu gehen.
Eine weitere furchtbare Nebenwirkung der Verurteilung von Steven Avery ist die Tatsache, dass der wahre Mörder von Teresa Halbach frei ist (vorausgesetzt natürlich, Steven ist unschuldig) - und in Manitowoc County ebenjene weiter für Recht und Ordnung sorgen sollen, die dieses Recht mehrmals mit Füßen getreten haben. Wie korrupt die Anklage ist, zeigt die Geschichte von Ken Kratz, der zurücktreten musste, nachdem herausgekommen war, dass er versucht hatte, mehrere Opfer häuslicher Gewalt zu sexuellen Akten zu zwingen.
Es tut mir leid, dass diese Review im zweiten Teil so emotional ausgefallen ist. Das spiegelt meine Gefühlslage wider - auch eine Woche nach der vollständigen Sichtung denke ich immer noch ständig über diesen unbeschreiblichen Fall nach. Stevens Anwalt hat Recht: Es wäre so viel einfacher, hätte Steven den Mord begangen. Wahrscheinlich hat er das aber nicht - und das ist unendlich deprimierend.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 29. Dezember 2015Making a Murderer 1x01 Trailer
(Making a Murderer 1x01)
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