M - Eine Stadt sucht einen Mörder Staffel 1
M - Eine Stadt sucht einen Mörder Staffel 1 Episodenguide
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„M“, neben „Metropolis“ das zweite große Meisterwerk des österreichischen Filmemachers Fritz Lang, gilt aus mehr als einem Grund als vielleicht wichtigstes Werk des deutschsprachigen Kinos: Zum einen bildet der Kriminalstreifen die Brücke vom Stumm- hin zum Tonfilm, zum anderen deutet Lang in seinem Lichtspiel das düsterste Kapitel der europäischen Geschichte voraus. Hitlers Handlanger untergruben das demokratische Fundament der Weimarer Republik schon viele Jahre vor seiner folgenschweren Machtergreifung 1933. „M“ erschien 1931 und wurde im Dritten Reich natürlich schnell verboten.
Der Film verhöhnt die Dummheit breiter Massen und warnt vor den Gefahren, wenn Hass zum Antrieb einer Bewegung wird - und nichts hassen die Menschen mehr als einen Kindermörder, der folglich als schaurige Hauptfigur der Geschichte fungiert. Der eigentliche Schurke ist M alias Hans Beckert, gespielt vom großen Peter Lorre, in Langs Augen jedoch nicht; vielmehr ist er ein Opfer seiner selbst, während sich vor allem die Gesellschaft, der mit wachsender Wut jedes Mittel recht wird, schuldig macht. Wer das nicht erkennt, würde wahrscheinlich selbst im Mob mitlaufen...
Auch der NS-Propagandaminister Goebbels, der angeblich als Vorbild des fiktiven Scharfrichters Schränker (Gustaf Gründgens) hergehalten haben soll, deutete den Film anfangs falsch. In seinem Tagebuch fand man folgenden Eintrag vom 21. Mai 1931: „Abends mit Magda Film ,M' gesehen. Fabelhaft! Gut gemacht. Lang wird einmal unser Regisseur. Er ist schöpferisch.“ Hitlers rechte Hand sah in dem Werk offenbar ein Plädoyer für die Todesstrafe, obwohl Lang genau das Gegenteil als politische Botschaft im Sinne hatte. Ist sein Film also vielleicht zu subtil? Nein, manche Menschen sind schlichtweg zu dumm - und auf Nazis trifft das ohnehin zu!
Schalkos Serie
Dass überhaupt jemand die Notwendigkeit sieht, „M“ neu zu verfilmen, sollte uns allen zu denken geben. Dieser jemand ist David Schalko, der Schöpfer solcher Serien wie Braunschlag oder Altes Geld. Genau wie Lang ist auch er Österreicher - und da Österreich ein Land ist, das seit 2017 eine rechtspopulistische Partei in der Regierung hat, wäre die Frage nach der Notwendigkeit einer Neuauflage eigentlich schon geklärt. Zumal man Schalko sowieso jedes Projekt, auf das er Lust hat, gerne zugesteht, denn seine Satiren gehören mitunter zum Interessantesten, was derzeit im deutschsprachigen Raum entsteht. Seine Regiestimme und sein Sinn für Humor sind unverwechselbar, weshalb sich M - Eine Stadt sucht einen Mörder nun nicht nur vom Mutterfilm, sondern auch von allem anderen abhebt.

Sechs Folgen à 45 Minuten (eine erfrischend kompakte Laufzeit) - und ja, am Ende des letzten Kapitels ist der Fall gelöst, so dass eine zweite Staffel weder nötig noch wahrscheinlich ist. Um das Finale soll es erst am Schluss dieser Besprechung gehen, also keine Angst vor Spoilern... Zunächst noch ein paar formelle Dinge: Das Drehbuch hat Schalko gemeinsam mit seiner Kollegin Evi Romen („Hochwald“) geschrieben; Regie führte er bei sämtlichen Episoden selbst. Seine erste große Abweichung vom Originalwerk ist der exzessive Einsatz von Musik, unter anderem komponiert von Dorit Chrysler. Lang selbst setzte damals nur auf diegetische Töne, sprich das Pfeifen des Mörders. Edvard Griegs „Halle des Bergkönigs“ spielt aber in beiden Versionen eine wichtige Rolle.
Im überdimensionierten Schauspielensemble findet sich derweil alles wieder, was diesseits und jenseits der Alpen Rang und Namen hat: Udo Kier, Moritz Bleibtreu, Julia Stemberger, Lars Eidinger, Sarah Viktoria Frick, Christian Dolezal, Verena Altenberger, Dominik Maringer, Sophie Rois und sogar „Die Ärzte“-Drummer Bela B. Die Rolle des M fällt auf Gerhard Liebmann, der sich zwar die Seele aus dem Leib spielt, aber natürlich niemals eine Chance hatte, Lorres Fußstapfen zu füllen. Zu sehen ist die Miniserie M - Eine Stadt sucht einen Mörder seit dem 17. Februar bei ORF 1 beziehungsweise seit dem 22. beim RTL-„Streamingservice“ TV NOW.
Denkt doch nur mal an die Kinder!
Wien im Winter 2018: Während eine Reihe von vermeintlichen Kindesentführungen nicht nur alle Eltern in Atem hält, bereitet ein egozentrischer Innenminister (Maringer), der verblüffend große Ähnlichkeiten zum realen Bundeskanzler Kurz aufweist, im Geheimen die rechtsextreme Revolution im Lande vor. Unterstützung erhält er dabei von einem befreundeten Medienmogul (Bleibtreu), der auf seinem 24-Stunden-Nachrichtensender gegen muslimische Asylbewerber hetzt. Wessen Schuhe würden sich auch mehr anbieten, um die Schuld für die jüngsten Ereignisse darin abzuladen?
Internet und Fernsehen stellen ein zentrales Thema der Geschichte dar - und hätte es diese Technologien schon zu Zeiten von Fritz Lang gegeben, wäre es in der Filmvorlage wohl genauso gewesen. Alles andere, speziell die sozialpsychologischen Prozesse innerhalb der fiktiven Gesellschaft, bleibt dafür zeitlos. Die meisten der Akteure ahnen überhaupt nichts von der großen Verschwörung der bösen Wölfe, denn sie sind nur dumme Schafe - oder eben schlaue Füchse, die das Ganze unbeteiligt beobachten, so wie der Charakter von Kier. Um in der Tieranalogie zu bleiben: Auch die Schäferhunde, also unsere Kommissare, gespielt von Frick und Dolezal, sind die meiste Zeit über erschreckend blind. Aber wie sollen sie auch die Fährte eines Wesens aufnehmen, das gar nicht weiß, was es tut? Seine Psyche passt in kein typisches Schema, was es zum Sandkorn im Ökosystem macht. Repräsentiert M also den Menschen hier im Gleichnis?

Man muss aber auch nicht alles überinterpretieren, zumal Schalko seine Punkte eh mehr als deutlich macht - vielleicht, um die Zuschauer anders als Lang nicht mit Subtilität zu überfordern? So ist das Spannendste an M - Eine Stadt sucht einen Mörder am Ende nicht etwa der schleichende Wandel einer Gesellschaft von ihrer freiheitlichen Ordnung hin zum tyrannischen Wahnsinn, sondern das Zusammenspiel der skurrilen Einzelfiguren, also etwas Mikro- und nicht Makropsychologisches beziehungsweise Mikro- und nicht Makrosoziologisches. Besonders die Art und Weise, wie Eltern ihre eigenen Neurosen an die Kinder weitergeben und sie so verkorksen, fängt der Serienmacher eindrucksvoll ein. Das Wiener Setting - nicht zufällig Freuds Wahlheimat - unterstreicht das Ganze zusätzlich.
Für diejenigen, die die Serie noch nicht gesehen haben, bleibt abschließend zu sagen: Wer auch nur den leisesten Hauch von Interesse an M - Eine Stadt sucht einen Mörder hegt, kann getrost einschalten. Die sechs Folgen sind schnell geguckt und auch inhaltlich sehr kurzweilig. Anders als das Original ist die Neuauflage von David Schalko darüber hinaus nicht nur gruselig, sondern auch hin und wieder witzig, wobei er mit manchen Ideen übers Ziel hinausschießt. Besonders eine Figur, offiziell nur „Die Wilde“ genannt, sorgt für mächtig Kopfschmerzen, aber dazu mehr im jetzt folgenden Spoilerteil...
Das Finale
Dass muslimische Asylbewerber aufgrund ihrer gegenwärtigen politischen Relevanz in der Serie auftauchen, wurde ja bereits erwähnt. Eine andere Minderheit, nämlich rumänische Einwanderer, blieben bislang außen vor, was daran liegt, dass Schalko sie sich selbst für das finale Feuerwerk aufspart. Als M endlich enttarnt wird, ist es nicht etwa die Polizei, die ihn stellt - denn er selbst gibt sich als Polizist aus -, sondern der Mob. So weit nichts Neues, neu ist aber, dass der Mob nicht aus Deutschen wie im Film (oder in dem Fall Österreichern), sondern hauptsächlich aus Ausländern besteht. Zugegeben: Angeführt werden diese zwar sehr wohl von einer Einheimischen, die besagte „Wilde“, die obendrein als äußerst rassistisch dargestellt wird. Dennoch fragt man sich: Warum lässt Schalko primär ausgerechnet diejenigen in die Falle des Nationalismus tappen, die als erste unter diesem leiden würden? Zum Beispiel durch Abschiebungen.
Fragwürdig ist aber auch die bunte Porträtierung, die der Nazi-Gangchefin, gespielt von Rois, zuteil wird. Mit ihren Witzen und kreativen Bestrafungen ihrer inkompetenten Gefolgsleute ist die Figur fast schon wieder liebenswürdig, was keinesfalls das Ziel sein sollte. Weil sie ständig mit Zauberstab herumläuft, wird sie bald sogar als „Hogwarts-Hexe“ tituliert, was die Gefahr der Ideologie, für die sie eigentlich steht, zusätzlich verklärt. Die Schrulligkeit der Charaktere ist vielleicht insgesamt der Knackpunkt bei Schalkos Serie. Seine Vorliebe für Eigenwilliges mag ihm bei Braunschlag oder Altes Geld geholfen haben, doch bei M - Eine Stadt sucht einen Mörder ergibt sich dadurch folgendes Problem: Sind die Beteiligten zu individuell und somit alles andere als austauschbar, können sie sich nicht in einer anonymen Masse auflösen. Fritz Langs „M“ warnt gerade davor, dass jeder Teil des Mobs sein könnte. Und das galt damals genau wie es heute gilt. Daher wehret den Anfängen!
Letzte Randnotizen:
- Nach Der Pass ist dies nun die nächste Serie, die sich als Werbefilm für die wunderbar lässig-arrogante Mundart der Österreicher betrachten lässt. Schimpfwörter wie „Schas“ oder „Oaschloch“ gehen einfach herrlich über die Zunge...
- Bei Moritz Bleibtreu hat man irgendwie das Gefühl, als wäre er nur zufällig am Set gewesen und hätte spontan in der Serie mitgespielt, weil er halt gerade ein bisschen Zeit übrig hatte. Ein Kostüm braucht er natürlich auch nicht.
- Der Polizist, der beim Aufbrechen von Türen jedes Mal „Sesam, öffne dich!“ sagt, hat eine Gehaltserhöhung verdient.
- Interessant, dass die Figur, die im Serienkosmos allen am meisten auf die Nerven geht, die Kommissarin von Sarah Viktoria Frick, uns am sympathischsten ist. Ihr kleines Tänzchen ganz am Ende gehört mit zu den Highlights der Serie.
- Die Serie bietet so viele Tabubrüche, dass man sich am Ende ganz abgestumpft fühlt. In gewisser Weise machen wir als Zuschauer dasselbe Schicksal durch wie die Kinder: Wir werden so lang traumatisiert, bis wir endlich „erwachsen“ sind...
- Ist M eigentlich der einzige mit einem Happy End? In der Psychiatrie kriegt er nun die Hilfe, die er braucht. Und es scheint, als hätte er innerlich seinen Frieden mit seiner toten Tochter gemacht. Ein verstörend schönes Schlussbild.
M - Eine Stadt sucht einen Mörder Staffel 1 Episodenguide
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