
Basierend auf der Comicreihe des US-Verlags DC/Vertigo, wobei die Vorlagentreue nur bedingt gegeben ist, ist die neue Ermittlerserie Lucifer beim US-Network FOX mit der Pilotepisode gestartet. Tom Ellis spielt darin den von der Herrschaft der Hölle gelangweilten Lucifer Morningstar, den es nach Los Angeles (die Stadt der Engel) verschlagen hat. Dort leitet er nun den Nachtclub LUX und hÀlt sich ansonsten bei Laune, indem er den normalen Menschen die innersten und teilweise verruchtesten Geheimnisse entlockt.
Obwohl ich groĂer Comicfan bin, muss ich vorweg anmerken, dass mir die Comicreihe von Mike Carey bis auf den Einstiegsband nicht bekannt ist. Dennoch hat man sich bei der Umsetzung der Serie einige Freiheiten genommen, was per se erst einmal nichts Schlechtes sein muss. Passend zu manch anderem Krimi- beziehungsweise Dramaformat von FOX gehen die Macher nĂ€mlich auf die odd couple-Ermittlerschiene, die beispielsweise bereits bei Sleepy Hollow, Minority Report oder Almost Human angewendet wurde. Das bedeutet: Ein verschrobener, meist mĂ€nnlicher Charakter trifft auf einen Partner - oft, aber nicht immer -, eine Frau, die zwar anfangs befremdet von ihrem neuen Partner ist, aber mit der Zeit bemerkt, dass die Ergebnisse stimmen und die Zusammenarbeit gewisse Vorteile haben kann.
Sympathy for the Devil?
Lucifer ist unsterblich, geradeheraus, forsch, fĂŒr die meisten Frauen hochgradig attraktiv, kann Menschen wiederbeleben und die Wahrheit ĂŒber ihr Seelenleben herauskitzeln. Doch die Polizistin Chloe (Lauren German) ist eine harte Nuss, die gegen den Charme des ehemaligen FĂŒrsten der Hölle immun zu sein scheint.
Der Genuss der Pilotfolge von Lucifer steht und fĂ€llt dabei, mehr noch als bei vielen vergleichbaren Formaten - und hier fallen mir spontan Constantine, Supernatural oder besagtes Sleepy Hollow ein - mit der Sympathie, die man dem zentralen Protagonisten entgegenbringt. Denn der kann entweder als charmant oder nervtötend aufgenommen werden, viel Spielraum in der Mitte gibt es dabei nicht. Ich habe den Pilot zum ersten Mal bei der San Diego Comic-Con gesehen, wo mir die Figur und ihre direkte Art zunĂ€chst positiv aufgefallen war. Beim zweiten Durchgang fallen aber schon gewisse nervige Angewohnheiten auf. Im Englischen gibt es das Wort smug, mit dem man die Art der Figur sehr schön charakterisieren kann. Es ist eine gewisse Arroganz und eine SelbstgefĂ€lligkeit, die im Schauspiel ĂŒbertragen wird, die natĂŒrlich bei einer so mĂ€chtigen Figur wie dem ehemaligen FĂŒrst der Finsternis durchaus glaubhaft ist. Doch hier liegen auch einige Fallstricke, in die die Serienmacher treten könnten - was auch schon im Auftakt passiert.

Die Figur ist viel zu mĂ€chtig und hat keine richtige Opposition. âHaltâ, wird mancher jetzt vielleicht sagen. âWas ist mit Amenadiel?â Ja, der von D. B. Woodside gespielte Engel/DĂ€mon/Bote der Unterwelt macht Lucifer deutlich, das seine Dienste in der Hölle verlangt werden und kann die Zeit verlangsamen und bedrohliche Ansagen machen. Und ja, es liegt nahe, dass sein Boss, der Luci-Papa, etwas mit dem Mord aus dem Fall der Woche rund um Delilah (AnnaLynne McCord) zu tun hat. Dennoch wird Lucifer so charakterisiert, dass ihm fast alles egal sein kann. Zur Not kann er ja zu seinen HeilfĂ€higkeiten greifen oder weiter Frauen flachlegen, wie es ihm passt.
What do you want more than anything in the world?
Darum ist auch die menschliche Komponente rund um Chloe notwendig. Die Ermittlerin, die frĂŒher mal Schauspielerin war und dabei einmal eine groĂe Nacktszene hatte, weckt das Interesse des Teufels. Weil er sie als Herausforderung ansieht, bei der seine Tricks nicht funktionieren, aber auch, weil sie tatsĂ€chlich ganz anders als alle anderen zu sein scheint - nĂ€mlich gut, ohne die ĂŒbliche sĂŒndige Dunkelheit. Hier versteckt sich fĂŒr die fortlaufende Handlung also durchaus Potential, das ergrĂŒndet werden kann.

Viel spannender als der erste Mordfall rund um das Popsternchen, das umgebracht wird und dessen VerkĂ€ufe anschlieĂend durch die Decke gehen, ist nĂ€mlich das Herantasten und das Kennenlernen der beiden unterschiedlichen Charaktere.
ZunĂ€chst quasi unabhĂ€ngig voneinander und spĂ€ter auf gemeinsamer Mission kommen sie nĂ€mlich zu Ă€hnlichen Resultaten. Lucifer besucht eine Hochzeit, einen Rapper und seine Crew, die kleine Tochter der Ermittlerin und die Psychiaterin des Mordopfers und demonstriert dabei auf verschiedene Weise, dass er zwar gerne schlechte Leute öffentlich entblöĂt, aber im Kern auch eine gute Ader hat. So zum Beispiel, als er dem bully der kleinen Trixie (Scarlett Estevez) eine Heidenangst einjagt...
What's a hooker?
Wie bereits angedeutet sitzt dabei nicht unbedingt jeder Spruch, den Lucifer vom Stapel lĂ€sst. Manche sind fast ein wenig ermĂŒdend oder zum FremdschĂ€men, doch Chloe stellt meistens einen guten Gegenpol dar, an dem das verpufft. Einen Lacher erntete bei mir allerdings die Unterhaltung zwischen Trixie und ihm und das NachgeplĂ€nkel mit ihrer Mutter und ihrem Vater, der sich als der Cop (gespielt von Kevin Alejandro) herausstellt, mit dem Chloe anfangs eine etwas distanzierte Unterhaltung fĂŒhrte. Dass Chloe auf sexueller Ebene gar nicht von Lucifer angezogen wird, finde ich begrĂŒĂenswert und hoffe hier auf eine Ă€hnliche Entwicklung wie bei Sleepy Hollow, wo die beiden Hauptfiguren zwar bei den FĂ€llen wunderbar harmonieren, aber nicht auf Teufel (hehe) komm' raus, eine AffĂ€re haben mĂŒssen. Vielleicht ist deswegen auch der Ex noch in der Serie prĂ€sent. Da muss man abwarten.
The Devil is in the Details
Wie das bei „Fall der Woche“-Serien so ist, erwarte ich anfangs genau diese und bei lĂ€ngerer Laufzeit dann eine Expansion in Richtung fortlaufender Handlung, wobei Buffy the Vampire Slayer immer noch das Musterbeispiel dafĂŒr ist, wie so etwas ausgewogen funktionieren kann. Allerdings haben auch andere Comicadaptionen wie Supergirl, The Flash und Arrow gezeigt, dass Neustarts zunĂ€chst auch die Gewohnheitszuschauer abholen mĂŒssen, um sich dann spĂ€ter der „SerialitĂ€t“ zu widmen.
Warum ich darauf so rumreite, ist einfach begrĂŒndet: Mit nur einer Hauptfigur mit besonderen FĂ€higkeiten ist es fĂŒr Autoren besonders schwer, abwechslungsreiche Geschichten zu erzĂ€hlen. FĂŒr mich vielleicht auch ein Grund, warum Constantine gescheitert ist (wobei ich Matt Ryan fĂŒr einen passenden Darsteller halte). Bereits zwei Ă€hnlich gestrickte Figuren wie bei Supernatural erlauben sehr viel mehr Spielraum fĂŒr so etwas. Wenn die Serie sich aber stets um einen Fall dreht, in dem Lucifer mit seinem Charme und seinen SuggestionskrĂ€ften auf die Lösung des Problems kommt, dĂŒrfte sich ansonsten schnell Langeweile breitmachen.
Allerdings gibt es ja noch ein paar andere Figuren, die man ausbauen könnte: Die Figur Mazikeen (Lesley-Ann Brandt), die die Barkeeperin im LUX spielt, aber wohl auch aus der Höhle geflogen ist, bleibt zunĂ€chst noch etwas blass. Hoffentlich erfahren wir in den kommenden Episoden mehr ĂŒber sie als nur ihre Vorliebe fĂŒr Oralsex. Eine gewisse SchĂ€rfe könnten die Therapiesitzungen mit Dr. Linda Martin (Rachael Harris) zur Serie bringen. Denn, wenn die Figur so gar keine Macken hat und keine Fallhöhe vorhanden ist, dĂŒrfte sich der Sehgenuss ebenfalls nach einer Weile in Grenzen halten. Ein Teufel mit psychischen Problemen klingt allerdings gar nicht so unspannend.
Es steht nicht unbedingt zu erwarten, dass die Autoren viel an der Art und Weise, wie sich Lucifer gibt, Ă€ndern werden. Allerdings ist es eine groĂe Herausforderung, einen Protagonisten mĂŒrrisch, eingebildet, von sich selbst ĂŒberzeugt oder hochnĂ€sig, aber dennoch sympathisch zu zeichnen. Wenn es dann doch gelingt, dann hat man, wie etwa die Macher von House, einen Code geknackt, der bei einem Millionenpublikum ankommt. Ob das fĂŒr Lucifer gelten wird, bleibt abzuwarten.
Fazit

Insgesamt ist die Pilotepisode von Lucifer, meiner Meinung nach, auf gewissen Ebenen unterhaltsam, aber keineswegs perfekt oder auf Anhieb sĂŒchtig machend. Manche Ideen sind nett, aber das Rad wird nicht neu erfunden und demnach sind gewisse Dynamiken schon aus einigen Ă€hnlichen Formaten - siehe Beispiele auf dem gleichen Sender - bekannt. Dennoch bin ich vorsichtig optimistisch, was die Serienzukunft angeht und bleibe vorerst ein paar Episoden am Ball. Einen verbindlichen Deal mit dem Teufel werde ich aber auf absehbare Zeit nicht eingehen. Und Ihr?
Trailer zur Episode Lucifer, Stay. Good Devil. der US-Serie Lucifer (1x02):