Louie 4x14

Louie 4x14

Für die vierte Staffel seiner Comedyserie Louie hat der Comedian Louis C.K. vom ausstrahlenden Sender FX einen künstlerischen Freifahrtschein bekommen. Nach wenigen Episoden wandelt sich das Format daher erwartungsgemäß in ein avantgardistisches Experiment.

Wohin geht die Reise, Louie? / (c) FX
Wohin geht die Reise, Louie? / (c) FX

Die vierte Staffel der eigentümlichen FX-Comedy Louie beginnt im gewohnten Stil. Louie (Louis C.K.) sucht nach neuen Wegen, um sein hermetisch abgeriegeltes Gefühlsleben aufzubrechen. Sämtliche Versuche enden jedoch in kleineren und größeren Katastrophen. Sein Aufbruch zu neuen sexuellen Erfahrungen durch den Kauf eines Vibrators führt zu einem schweren Rückenleiden, das der aufgesuchte Arzt (eine Figur, die direkt aus einem David-Lynch-Film entnommen zu sein scheint) nur lakonisch abwiegelt.

Avantgarde im Fernsehen

In der dritten Staffel hatte David Lynch selbst eine wiederkehrende Gastrolle übernommen und je länger die vierte Staffel lief, desto offensichtlicher wurde, dass sich Louis C.K. dieses Mal an dessen avantgardistischem Filmkonzept orientierte. Nachdem die gemeinsame Nacht mit einer fantastischen Yvonne Strahovski in Louies finanziellem Ruin endet und er es in der herausragenden Episode So Did the Fat Lady einfach nicht schafft, über den eigenen Schatten zu springen, findet er im Auftakt zur sechsteiligen „Elevator“-Reihe endlich eine Frau, mit der er sich eine gemeinsame Zukunft vorstellen kann.

Das große Problem ist nur: Amia (Eszter Balint) spricht kein Englisch. Sie macht auch keine Anstalten, Englisch zu lernen, was wohl hauptsächlich der Tatsache geschuldet ist, dass sie nur für kurze Zeit in New York City weilt und sich bald wieder nach Ungarn verabschieden wird. Trotzdem verbringt sie viel Zeit mit Louie - die beiden gehen essen, spazieren, schauen sich Kunstausstellungen an. Später schlafen sie sogar miteinander und Louie bittet sie mit wachsender Verzweiflung, in New York zu bleiben.

Während Louie also einem Hirngespinst hinterherhechelt, betritt einmal mehr Pamela (Pamela Adlon) die Bühne seines Lebens. Sie bietet ihm eine unkomplizierte Beziehung an, was er jedoch ablehnt, befindet er sich doch gerade auf dem Höhepunkt seiner Verliebtheit in eine andere. Erst, nachdem sich Amia für immer verabschiedet hat, will er einer möglichen Beziehung zu Pamela eine Chance geben. Dieser Versuch kulminiert im ersten Teil der dreiteiligen „Pamela“-Reihe in der Andeutung eines sexuellen Übergriffs, wozu ich später noch einmal zurückkehren werde (Vergewaltigung und sexuelle Nötigung waren in dieser TV-Season große Themen - siehe Game of Thrones).

Louie (Louis C.K.) und Pam (Pamela Adlon) wissen nicht so genau; wie es mit ihnen weitergehen soll. © FX
Louie (Louis C.K.) und Pam (Pamela Adlon) wissen nicht so genau; wie es mit ihnen weitergehen soll. © FX

Ein weiteres Merkmal von Louie, das sich in früheren Staffeln zwar bereits angedeutet hatte, in dieser Staffel aber viel prominenter auftauchte, ist die Vernachlässigung jeglicher Art von TV-Konventionen. Continuity ist für Louis C.K. ein Fremdwort: Im Handlungsstrang der Gegenwart hat er einen Bruder, in den Flashbackepisoden „In the Woods“ hat er keinen. In der Gegenwart spielt F. Murray Abraham seinen Onkel, in der Vergangenheit seinen Vater.

Wenig Stringenz

Wunderbar auch die vielen kleinen optischen Spielereien: Im Staffelfinale besuchen Louie und Pamela eine Kunstausstellung, er schaut sich die Projektion eines Künstlers an, der sein Gesicht in Zeitlupe aufgenommen hat und dabei Grimassen schneidet. Plötzlich steht der Künstler selbst neben Louie und betrachtet die eigene Projektion äußerst konzentriert. Als sich Louie von der Installation entfernt, ist auf einmal sein Gesicht in der Projektion zu sehen. Es schneidet die gleichen Grimassen wie zuvor der Künstler.

Die avantgardistische Herangehensweise in der technischen Umsetzung wird auch in dem langen one take in So Did the Fat Lady offenbar. In siebeneinhalb Minuten ohne Schnitt trägt ihm Vanessa (Sarah Baker) einen langen (möglicherweise improvisierten) Monolog über die Schwierigkeiten und seelischen Nöte einer dicken Frau vor. Überhaupt lässt C.K. oftmals lange Aufnahmen zu, die - bei aller Hingabe zu experimentellen Erzählformen - vor allem die Schwierigkeit von Kommunikation im Alltag unterstreichen sollen. In Louie gibt es viele stille Pausen, viel unangenehmes Schweigen, viel unausgesprochenen emotionalen Ballast.

Die realistische Darstellung solcher kommunikativer Schwierigkeiten gelingt der Serie besser als jedem anderen Format - ausgenommen vielleicht Curb Your Enthusiasm, an dessen Schöpfer Larry David sich Louis C.K. in Sachen kreativer Freiheit immer weiter annähert. Wenn ihm seine jüngere Tochter Jane (die wundervolle Ursula Parker) auf einer Parkbank die Leviten liest und in ihrem Alter größere Weisheit offenbart, als er jemals für möglich gehalten hätte, ist das für den Zuschauer ein erhebender Moment. Wenn Louie und seine Exfrau Janet (Susan Kelechi Watson) streiten und die Kamera unbarmherzig draufhält oder wenn Jane beschließt, im letzten Moment aus einer offenen U-Bahntür zu springen, dann verursacht das beinahe schon physische Schmerzen.

Louies Tochter Jane (Ursula Parker) weiß manchmal nicht; wo Träume aufhören und wo das Leben beginnt. © FX
Louies Tochter Jane (Ursula Parker) weiß manchmal nicht; wo Träume aufhören und wo das Leben beginnt. © FX

Unser Alltag ist voll von peinlichen und unangenehmen Situationen. Zu einer der unangenehmsten gehört der vermeintliche Übergriff Louies auf Pamela am Ende des ersten Teils der nach ihr benannten Dreiherreihe. Da hindert er Pamela dabei, seine Wohnung zu verlassen und verlangt einen Kuss von ihr. Weil er sich zuvor schon einmal gegenüber Amia ähnlich verhalten hatte, löste dies eine Diskussion über die Grenzen sexueller Gewalt aus. Ob dies nun Absicht war oder nicht - nach dem Intermezzo von „Into the Woods“ und einem Ausflug in Louies Vergangenheit kehrt C.K. noch einmal zu der Beziehung zwischen Louie und Pamela zurück.

Problematische Szenen

Diese letzten beiden Episoden enden damit, dass Louie und Pamela gemeinsam in einer Badewanne sitzen und sie ihm eröffnet, dass eine mögliche Beziehung der beiden nur nach ihren Vorstellungen ablaufen kann. Zuvor war es Louie gelungen, Pamela mit einem romantischen Date und einem lustigen Museumsbesuch von sich zu überzeugen. Ich würde diesen Ablauf im Lichte der angedeuteten Vergewaltigung so interpretieren, dass Louie die ganze Zeit wusste, was Pamela will - und sie zu ihrem Glück zwingen musste.

Diese Vorstellung davon, dass ein Mann (oder Junge) nur offensiv genug um die Gunst einer Frau (oder eines Mädchens) werben muss, um sie irgendwann auch zu bekommen, ist eine höchst problematische. Sollte Louis C.K. es so gemeint haben, wäre dies eine Enttäuschung für mich. Wenn es unbedingt dieser angedeuteten Vergewaltigung bedurft hat, dann hätten die Konsequenzen für Louie drastischer dargestellt werden müssen.

So problematisch also die Beziehungen Louies zu erwachsenen Frauen porträtiert werden, so erfüllend sind die Szenen zwischen Louie und seinen beiden Töchtern Jane und Lilly (Hadley Delaney). Die Entdeckung, dass Lilly Drogen austestet, stürzt Louie in eine Reminiszenz an seine eigene, beinahe durch Drogen verpfuschte Jugend. Und auch wenn sich dieser Ausflug stellenweise wie ein pädagogischer Aufklärungsfilm über die Gefahren von Drogenkonsum anfühlte*, so führt sie Louie doch zu der Erkenntnis, dass er nichts anderes tun kann, als seinen Töchtern zu versichern, dass er sie liebt und immer für sie da sein wird.

Die große künstlerische Freiheit, die Louis C.K. für diese Episoden zugestanden bekam, hat sich im Gesamtbild nicht immer ausgezahlt. Diese Staffel hat mir weniger gut gefallen als die fantastische dritte. Es wird sicherlich spannend sein, zu sehen, wie der Philosoph C.K. dieses avantgardistische Experiment selbst beurteilt - und vor allem, wie er darauf reagiert. Wird die nächste Staffel eine ähnliche Ausrichtung haben? Wird sie noch existenzialistischer, noch experimenteller? Oder kehrt er zu früheren Erzählformen zurück? Ich freue mich jedenfalls auf seine neuen Abenteuer und hoffe darauf, dass nicht erneut zwei Jahre vergehen, bis wir Louie wiedersehen.

*Louis C.K. verarbeitete diese Geschichte früher schon einmal in einem Stand-up-Auftritt. In Louie imitiert die Kunst oft das Leben - wie auch in der Szene im Staffelfinale mit dem Comedian Marc Maron. Der beschwert sich gegenüber Louie, dass sie einst beste Freunde waren, er ihn aber in seiner schwersten Zeit alleine gelassen habe. Die Szene ist eine direkte Umkehrung von Louis C.K.s Beschwerden an Marc Maron in einer berühmt gewordenen Episode aus dessen Podcast „WTF with Marc Maron“.

Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 20. Juni 2014
Episode
Staffel 4, Episode 14
(Louie 4x14)
Titel der Episode im Original
Pamela (3)
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Montag, 16. Juni 2014 (FX)
Autoren
Louis C. K., Pamela Adlon
Regisseur
Louis C. K.

Schauspieler in der Episode Louie 4x14

Darsteller
Rolle
Louis C. K.
Hadley Delany
Ursula Parker

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