Lost Girl 4x09

Dass wir das noch erleben dürfen: Es gibt tatsächlich Männer, die unserer Succubus Bo (Anna Silk) den Kopf verdrehen können und nicht nur umgekehrt. Dieser Bilderbuch-Pfundskerl ist nicht das Einzige, das in Destiny's Child die Welt von Lost Girl über den Haufen zu werfen droht: Was wir über eine der zentralen Figuren erfahren, lässt uns schaudern. Und dann ist da noch eine Prophezeiung, die nichts Gutes für die verbliebenen Folgen ahnen lässt.
Auch Fae-Geschichte wird von den Siegern geschrieben
Quizfrage. Auf der einen Seite haben wir einen großen, kräftigen, bildschönen Mann mit modischem Bart, der sein Leben im Kampf gegen einen Tyrannen verlor und dafür mit ewiger Verbannung bestraft wurde. Auf der anderen Seite haben wir eben diesen Tyrannen, einen kleinen, hässlichen Wurzelzwerg, der Millionen Menschen auf dem Gewissen hat und sich tief in seinem Innersten vielleicht immer noch für das wichtigste Wesen auf dem Planeten hält. Wer ist jetzt gut und wer böse?
In dieser Staffel müssen wohl alle mal die Hosen herunterlassen - also, nicht wörtlich wie sonst bei Lost Girl, sondern jetzt im übertragenen Sinne - und diesmal ist Trick (Richard Howland) an der Reihe. Wir wussten zwar immer, dass der Blutkönig nicht der netteste aller Herrscher war, aber was jetzt ans Licht kommt, ist von einem anderen Kaliber: millionenfacher Mord, Verbannung aus der Geschichte und allgemeine Gehässigkeit selbst gegenüber süßen blonden Walküren wie Tamsin (Rachel Skarsten). So jemand muss einfach böse sein. Mehr noch: Der Wanderer, der bislang neben den Una Mens als der große Bösewicht der Staffel galt, ist seine Schöpfung.
Shit My Grandad Says
Würde man nur diese Folge kennen, könnte man den Eindruck bekommen, dass er der eigentliche Held ist. Was dagegen spricht, ist die Wut der Una Mens auf ihn - ihr „niemals wieder“ - und Tamsins Beschreibung des Wanderers als ein Monster, das eine Tochter gezeugt haben soll, damit er die perfekte Partnerin bekommt. Offen bleibt: Ist das alles Propaganda von Trick, eine Folge der mit seinem Blut umgeschriebenen Geschichte, oder ist der Wanderer wirklich ein Ungeheuer?
Erstmal wissen wir nur, dass es vermutlich nicht mit rechten Dingen zugeht, wenn Bo Lauren (Zoie Palmer) und Dyson (Kristen Holden-Ried) fallen lässt wie heiße Kartoffeln. Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, dass die Macher von Lost Girl sich mit Kyle Schmid ein besonders schönes Menschenkind ausgesucht haben - völlig entgegen den Erwartungen, die der Zuschauer an einen Mann gehabt haben dürften, der Bos Vater sein soll und ständig mit Odin in Verbindung gebracht wurde.
Ein kurzer Ausflug in die Vogelwelt
Eigentlich ist die Parallele nach dieser Folge sicher, denn die Söhne des Wanderers stellen sich als Hugin (Jonathan Watton) und Munin (Joris Jarsky) vor. Das sind die Namen der Raben, die auf Odins Schulter sitzen.
Raben wohlgemerkt, nicht Krähen (englisch crows) wie sie in der Episode ständig genannt werden. Zugegeben, in Nordamerika sind die Arten offenbar besonders schwer zu unterscheiden. Bevor man Zeit für eine ornithologische Grundsatzdiskussion hat - gehören die nicht eh zu einer Gattung? -, bietet uns Lost Girl ohnehin noch eine Variante des Kinderreims „One for Sorrow“, der eigentlich Elstern (magpies) zum Thema hat. Die Autoren vermischen hier Vogelarten wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.
Wie auch immer: Die Macher haben es in dieser Staffel mit Vögeln und Flügeln - seien es die Ex-Handlanger des Wanderers, Tamsins (Rachel Skarsten) jüngsten anatomischen Erweiterungen oder das Engelskostüm von Kenzi (Ksenia Solo). Zukünftige Generationen werden Magisterarbeiten über die Symbolik schreiben.
No sex please, we're Fae
Allerdings wird - um den offensichtlichen Witz hinter uns zu bringen - in Destiny's Child nicht gevögelt. Kein Wunder, denn die Folge ist vollgepackt mit einem Kurzbesuch in der Unterwelt (wo Bo (Anna Silk) einen auf Bilbo Baggins macht), dem Kurzbesuch von Lauren und Dyson am Fae-Friedhof (wo sie einen auf Bonnie und Clyde machen) und einem Kurzbesuch im Zug (wo Rainer (Kyle Schmid) einen auf „Flashdance“ macht).
So viel Handlung ist in die Episode hineingezwängt worden, dass leider auch der Humor zu kurz kommt. Es wundert insbesondere, dass die Macher nicht mehr aus der Schachtel-Szene mit Tamsin und Kenzi gemacht haben. Auch das Gollum-Ratespiel hätte mehr hergeben müssen. Lauren und Dyson retten als unser neues Laurel-and-Hardy-Duo was zu retten ist und auch der jüngste angelsächsische Seitenhieb auf Frankreich sollte erwähnt werden. Die Episode bleibt jedoch deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück.
Könnte der echte Bösewicht bitte aufstehen?
Vor allem aber bedeutet Bos Rundlauf, dass keine wirkliche Spannung aufkommen will. Sie scheint weder in Gefahr zu sein, als sie von den Krähen (Raben, Elstern, was auch immer) umzingelt ist, noch beim Rätseln mit „Levi“ (Jennifer Dale), noch im Todeszug. Sie durchläuft diese Stationen so mühelos wie Herkules mit einer Kettensäge und stößt dabei im Vorbeigehen ihren Freunden vor den Kopf, insbesondere wieder Kenzi. Einzig die Prophezeiung der Leviathan sorgt für etwas Gruseln: Jemand, den Bo liebt, wird bald sterben. Die Frage ist natürlich immer, ob diese Person dann auch tot bleibt.
Die Macher haben es allerdings geschafft, weiter geheim zu halten, wer der Hauptbösewicht in dieser Staffel ist. Die Una Mens sind üble „Fae-schisten“ und müssen weg, so viel ist klar. Aber sie verbringen zu viel Zeit im Hintergrund der Handlung, um wirklich der big bad zu sein. Rainer sah zunächst aus wie der beste Bewerber für die Rolle, aber nun scheint alles komplizierter zu sein. Es könnte Trick sein oder Bo könnte durchdrehen.
Fazit
Nach Groundhog Fae hätte es jede Episode schwer gehabt, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Vielleicht sollte man den Autoren zugute halten, dass sie die Katerstimmung nach Weihnachten genutzt und jede Menge Hintergrund in eine Folge gestopft haben, die es ohnehin beim Zuschauer schwer haben würde. Erzählerisch haben wir einige wichtige Schritte vollzogen: Der Wanderer ist jetzt nicht mehr eine Rauchwolke, sondern wandelt unter den Menschen und wir wissen mehr über Trick, auch wenn uns nicht gefällt, was wir hören.
Daher wäre es falsch, Destiny's Child eine schlechte Folge zu nennen. Sie ist vielmehr eine „Arbeitsfolge“, die uns - genauer gesagt, Rainer - von A nach B bringt, damit wir in den wenigen verbliebenen Episoden wieder richtig loslegen können. Hoffentlich.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Mittwoch, 15. Januar 2014(Lost Girl 4x09)
Schauspieler in der Episode Lost Girl 4x09
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?