Lost Girl 4x06

Da ist sie, die nächste verzweifelte Fae-Seele, die Bo (Anna Silk) um Schutz vor bösen Verfolgern bittet. Mag Of All the Gin Joints in den ersten Minuten wie eine Durchschnittsfolge von Lost Girl daherkommen, es wird schnell klar, dass einige Rätsel deutlich tiefer gehen als erwartet und nichts weniger als Bos Identität auf dem Spiel steht. Filmjunkies werden diese Folge in ihr Herz schließen, „Star Trek“-Fans werden sie mit Genugtuung schauen und alle werden sich fragen, wo man bloß dieses Fae-Bier herbekommt.
Schau mir in die Augen, Kleines
Bevor wir die Besprechung anstimmen, müssen wir die Geige herausholen und ein Klagelied über die Ungerechtigkeit der Welt spielen. Of All the Gin Joints steckt im englischen Original voller Anspielungen auf „Casablanca“, angefangen mit dem Titel - „Of all the gin joints in all the towns in all the world, she walks into mine“ lautet das berühmte Zitat von Humphrey Bogart in voller Länge. Wenn Evony (Emmanuelle Vaugier) nach dem Kuss von Lauren (Zoie Palmer) sagt, „I think this might be the beginning of a beautiful ... something“, spielen die Autoren auch hier mit der Filmgeschichte.
(Ein besonderes Lob verdienen sie, weil das Thema vergangene Woche in Let the Dark Times Roll vorbereitet wurde - „Would you believe I took a wrong turn at Morocco“, antwortete Trick (Richard Howland) auf die Frage der Una Mens, was ihn nach Kanada verschlagen hat. Wir haben uns mehrfach über den Mangel an foreshadowing in der Serie beklagt - hier straft man uns Lügen.)
Allerdings hat die deutsche Synchronisation bekanntlich an keinem Film ein größeres Verbrechen verübt als an „Casablanca“, die spätere Neuübersetzung hin oder her. Es ist zu befürchten, dass die Synchro sich auch bei dieser Episode nicht die Mühe machen wird (oder, um gerecht zu sein, nicht genug Zeit bekommen wird), um diese Anspielungen ins Deutsche herüberzuretten. Eine ganze Ebene der Folge ginge damit verloren. So etwas ist für Serienjunkies nichts Neues, aber bei einem solchen Klassiker ist es besonders zum Heulen. Die Welt ist schlecht.
Even Nazis can't kill that fast
Das beschreibt auch die Stimmung in Fae-Land unter den Una Mens: In The Dal geht es so düster zu wie in Rick's Café Américain. Damit ist der Titel mehr als nur eine Entschuldigung, geliebte Filmzitate aufzuwärmen. Wegen der Nazi-Parallele dürfte jetzt auch der letzte Zuschauer begriffen haben, dass die Una Mens böse sind. Schließlich wollen sie verhindern, dass Bo (Anna Silk) und Dyson (Kristen Holden-Ried) Sex haben - das geht ja gar nicht.
Die beiden tun es natürlich trotzdem. Das führt uns zum Cliffhanger der Folge, ein Handlungselement, das offenbar in dieser Staffel Pflicht ist: Dyson schickt sich an, die Una Mens anzugreifen. Wohlgemerkt, es bleibt offen, ob er wirklich den Sprung wagt - das wäre selbstmörderisch. Aber wir können davon ausgehen, dass er jetzt in großen Schwierigkeiten ist.
Das eigentliche Rätsel an dieser Stelle ist allerdings, warum Bo (Anna Silk) einfach erklären kann, die Regeln der Fae würden für sie nicht gelten. Da sie jetzt zu den Dunklen gehört, müsste es eigentlich auch ihr verboten sein, mit der Gegenseite ins Bett zu steigen. Ja, die Dark haben es nicht so mit der Moral - als wunderbares Beispiel mag in dieser Folge der Vorschlag von Evony (Emmanuelle Vaugier) dienen, Versuchspersonen zu klonen und dann an der Kopie wissenschaftliche Experiment vorzunehmen. Aber bislang haben die Una Mens bei den Finster-Fae genauso die Regeln durchgesetzt wie bei den hellen.
Sing it, Sam
Es gibt auch andere Stellen, die etwas kurios sind. Der Plan der Sängerin Ianka (Lara Jean Chorostecki) zur Erlangung ihrer Freiheit scheint übertrieben kompliziert, auch wenn das Ergebnis uns den denkwürdigen Spruch „Some things are bigger than love“, den Hinweis auf die Freiheit im Herzen und eine tragische Todesszene beschert, die Bo (Anna Silk) zum Nachdenken zwingt: Wie viel ist die Freiheit ihr wert?
Überhaupt ist es schön, dass Bos Geschichte - und damit der Hauptstrang - hier weitergeführt wird, statt eine Pause einzulegen, während sie versucht, Ianka zu retten. Dies ist keine Füllerfolge. Im Gegenteil: Waren wir bislang alle der Meinung, Bo sei das Opfer des Wanderers, so scheint der Ablauf jetzt komplizierter. Offenbar ist sie freiwillig zu den dunklen Fae übergetreten, offenbar hat ihr früheres Ich einen Plan gehabt und offenbar hat sie an sich selbst Hinweise geschickt. Unklar bleibt, was einen so hohen Preis rechtfertigen würde - und ob sie am Ende doch die eiserne Krone wird aufsetzen müssen.
Rick, I have to talk to you
Damit dürfte über den kurzfristigen Cliffhanger hinaus die Struktur der nächsten Folgen feststehen: Bo sucht nach weiteren Botschaften an sich selbst, während sie gegen ihre zunehmenden Persönlichkeitsveränderungen ankämpft - kaum ist die Succubus bei den Dark, geht ihr Sex in Richtung SM (zum Glück hat Dyson damit wenig Probleme, wie wir von seinen Messerspielen mit Ciara (Lina Roessler) wissen). Nebenbei muss Bo allen die Una Mens vom Hals halten, so weit sie kann.
Was dabei auf der Strecke bleibt, sind die Beziehungen zu ihren Freunden. Eine der besten Szenen in Of All the Gin Joints kommt gleich am Anfang, als Bo und Kenzi (Ksenia Solo) in The Dal völlig aneinander vorbei reden, nur um sich anschließend zu versichern, was für tolle Gespräche sie miteinander führen. Bo scheint auch keine Zeit zu finden, Lauren (Zoie Palmer) nachzutrauern, die unterdessen Pizza-Geheimnisse mit der Morrigan teilt und ganz nebenbei ihre DNA klaut.
A bottle of your best champagne and put it on my bill
Lauren steigt in dieser Folge endgültig von einer Sklavin der Fae zu einem potenziellen major player auf. Die Bier-und-Pizza-Party mit Evony dient nicht nur dazu, beide Figuren an Tiefe gewinnen zu lassen, auch wenn die „Star Trek“-Fans ihre bislang heimliche Sammelleidenschaft begrüßen werden. Lauren mag zwar erschrocken gewirkt haben, als ihr neuer Boss plötzlich in der Tür stand, aber der Kuss ging von ihr aus. Und der DNA-Trick deutet auf einen Plan hin, wie auch ihr mehrdeutiger Prost auf einen Neuanfang. „Doctor Hotpants“ wird so viel Platz in dieser Staffel eingeräumt, dass inzwischen offen bleiben muss, ob sie nicht am Ende eine größere Rolle spielt, als wir jetzt noch vermuten.
Der Spaß mit dem Dark-Fae-Bier Dark Belch - mit 25 Prozent - zeigt übrigens, wie sehr sich Lost Girl trotz der ständigen Vergleiche mit Buffy the Vampire Slayer vom angeblichen Vorbild unterscheidet: Welten liegen zwischen dem Umgang mit Alkohol in Of All the Gin Joints und Beer Bad. Es gibt in Fae-Land immer noch klare Grenzen - einen kiffenden Fae haben wir bislang nicht gesehen. Aber erneut wird klar, dass die eine Serie für Teenager und die andere für Erwachsene ist.
Here's looking at you, kid
Die Romantik haben wir für den Schluss aufbewahrt: Kenzi (Ksenia Solo) und Hale (K.C. Collins) finden endlich zusammen. Auf diesen Kuss warten wir seit Jahren. Er ist auch überfällig, denn der Zuschauer weiß spätestens seit der zweiten Staffel, wo es mit den beiden langgehen muss, und wurde ungeduldig. Es spricht für die Autoren, dass sie den Augenblick nicht künstlich herausgezögert haben. Damit haben wir noch eine Beziehung, die aus Sicht der Una Mens indiskutabel ist.
Moment. Wo ist Tamsin (Rachel Skarsten)? Es wurde schon in der vergangenen Folge angedeutet, dass die Walküre „ihrem Herzen folgen“ könnte. Etwas überraschend ist es doch, einmal wegen der Beliebtheit der Figur, dann weil wir alle sehen wollen, wie ihre Erinnerungen vollständig zurückkehren und schließlich weil ihre neuen Flügel im Zusammenspiel mit der „Vogel-Fae“ Ianka (Lara Jean Chorostecki) jede Menge Material für Witze hätten liefern können. Offenbar versuchen die Autoren aber, die Zahl der Hauptfiguren pro Folge zu begrenzen, und diesmal bietet sich außer Tamsin niemand an, der gut auf die Ersatzbank könnte.
Fazit
Wir haben es schon angedeutet, jetzt, nach etwa der Hälfte der Episoden, können wir es offiziell sagen: Die vierte Staffel von Lost Girl ist die beste der Serie. Wenn sich die Qualität hält, wird es sogar mit einem deutlichen Abstand sein. Die Autoren scheinen einen Plan zu haben, die Figuren entwickeln sich gut, es gibt immer wieder Überraschungen und der Humor bleibt nicht auf der Strecke. Jetzt können wir wieder zu langen Staffeln zurückkehren.
Of All the Gin Joints selbst verpasst allerdings die volle Punktzahl, wenn auch nur knapp. Die Nebenhandlung war etwas zu kompliziert und die Nebenfiguren bis auf Ianka (Lara Jean Chorostecki) ungewöhnlich farblos und gezwungen komisch. Sonst sind sie eine Stärke von Lost Girl - mehr als nur die üblichen Verdächtigen sozusagen.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Dienstag, 17. Dezember 2013Lost Girl 4x06 Trailer
(Lost Girl 4x06)
Schauspieler in der Episode Lost Girl 4x06
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