Legion 3x08

© zenenfoto aus der Legion-Folge Chapter 27 (c) FX
Man hätte es sich denken können, dass Noah Hawley für das Ende seiner Mutanten-Serie Legion ein wenig um die Ecke denkt. Chapter 27 beendet die FX-Serie nach drei Staffeln und macht am Ende ein Schleifchen um das Kapitel David Haller (Dan Stevens).
Was mir in der dritten Staffel noch einmal deutlich vor Augen geführt wurde: wie sehr Hawley die Zeitraffer-Aufnahmen eines Menschenlebens liebt. Mehrfach sehen wir das Leben von verschiedenen Figuren an uns vorbeiziehen. Das kann mittels einer Montage passieren, die sich Zeit nimmt für Meilensteine, oder in Vorspulgeschwindigkeit, wie es in dieser Finalfolge der Fall ist. Oder gar wie beim Beispiel von Davids Aufwachsen: vom Baby zum kleinen Jungen bis hin zum Erwachsenen. Auch die ganz eigenen Zeitreiseregeln der Serie gilt es zu bedenken. Denn man kann durch die Reise in die Vergangenheit nichts ändern, aber sich auslöschen und quasi neu erschaffen. Eine zweite Chance aufs Leben haben, sofern die Wächter der Zeit das denn zulassen.
Monster

Trotzdem steht in der Episode auch der Kampf zwischen David und Charles (Harry Lloyd) sowie dem doppelten Amahl Farouk (Navid Negahban) an, der aber gegen oder doch entsprechend der Erwartungen auf unkonventionelle Weise geführt wird. David beschäftigt sich mit dem alten Farouk und will ihn töten, ehe er von Baby David Besitz ergreifen kann. Dafür schickt er seine David-Legion auf ihn. Sein Feind kann sich kurz wehren, wird aber irgendwann von der Masse an Davids überwältigt und David ist bereit, ihn zur Strecke zu bringen.
Zwischendrin streut Hawley noch einmal ein kleines Musikvideo ein, diesmal zu den Klängen von Pink Floyds „Mother“. Wieder mal passen die Lyrics fantastisch zur Situation und das Ganze mündet in einem Duett zwischen David und Gabrielle (Stephanie Corneliussen). Man könnte die Szene auch perfekt nehmen und als Video in den 80ern herausbringen. Stilistisch wieder einmal großes Kino.
Zwietracht?

Bei Xavier und dem alten Farouk sieht die Auseinandersetzung anders aus. Denn, das scheint eine Lektion der Folge zu sein: Mit dem Alter kommt die Einsicht und die Weisheit. Dieser Farouk hat kein Interesse mehr an gewalttätigen Konflikten, zaubert stattdessen auf der Astralebene ein Bier hervor und möchte reden. Er bereut seine Taten, er liebt David wie einen Sohn und er ist des Kampfes leid. Das ist in gewisser Weise eine ziemliche Dekonstruktion der üblichen Superheldenadaptionen der letzten Jahre. Natürlich ist auch in Legion ziemlich oft von Weltuntergang die Rede, aber bisweilen als abstrakte Drohung. Man weiß nie genau, ob das wirklich die Zerstörung der Welt bedeutet oder doch nur eine dauerhafte Veränderung des Status quo. Man hätte annehmen können, dass die Welt zu den Sklaven des tyrannischen Shadow King wird und er nach seinem Gutdünken die Bevölkerung zu stummen Gefangenen in Käfigen macht. Aber all das hat man umschifft, indem Charles Xavier und Farouk alles ausdiskutieren und einen Kompromiss finden. Superwesendiplomatie quasi. Kann jemand garantierten, dass der brüchige Frieden bleibt? Eigentlich nicht, aber dennoch einigt man sich auf diese Lösung ohne weiteres Blutvergießen.

Syd und Kerry gegen die Zeitfresser
Sydney (Rachel Keller) und Kerry (Amber Midthunder) wehren derweil den Angriff der Zeitfresser ab, die Baby David an den Kragen wollen, während sie Mutter Gabrielle beschützen. Carys (Bill Irwin) Hirn ist zwar aktuell mitgenommen, aber noch etwas Beruhigung bekommt er auf eine Hinhaltetaktik, die klappen könnte. Wenn er und Kerry sich verschmelzen, könnte das den Zeitfressern mehr zum Verdauen geben, so wie ein sehr kalorienreiches Mahl. Allerdings fordert das auch körperlichen Tribut von Kerry, die ihrem echten Alter entsprechend altert und im Endeffekt nicht mehr wie die kämpferische junge Frau aussieht, die wir gewohnt sind. Syd ist derweil mit ihrer Shotgun zugange und wehrt sich, für Baby David, so lange es eben möglich ist.
Mehr als nur ein Mensch
Eine versöhnliche Lösung findet man auch für die Zeitreisende Switch, die immer wieder einstecken und leiden musste und zuletzt wegen der anstrengenden Zeitreise auch einige Zähne verloren hat. Sie wird eins mit der Zeit und ihrem Vater und somit mehr als eine bloße Mutantin, sondern quasi eine Wächterin über die Regeln. Ihr Vater verrät ihr, dass man die Zeitfresser durchaus kontrollieren kann und sie auf Befehle hören. Außerdem wird eine schöne Metapher präsentiert, denn die verlorenen Zähne werden nur als Milchzähne bezeichnet und jetzt sind ihr Weisheitszähne gewachsen und sie kann damit wie er zum vierdimenisonalen Wesen werden. Somit sind meine Befürchtungen verstreut worden, dass sie nur ein Mittel zum Zweck für David war. Sie erhält also eine schöne Beförderung innerhalb der Serie.
Mit ihrer Hilfe kann der Angriff aufgehalten werden und sie teilt in ihrer neuen Evolutionsform Sydney außerdem mit, dass alle eine neue Chance erhalten und der David, den man bisher kannte, bald durch einen neuen ersetzt wird, der ohne den Einfluss des Shadow King hoffentlich eine andere Richtung einschlägt.
Please let me be your father

Im Endeffekt ist die dritte Staffel und vielleicht auch die Serie im Ganzen, so wie viele Marvel-Produktionen, eine Geschichte über abwesende Väter und darüber, was das mit den Figuren macht. Xavier entschuldigt sich bei David, dass er nicht da war, als er ihn am dringendsten gebraucht hat und er möchte beim zweiten Versuch für ihn da sein und auch für Gabrielle, die auf sich allein gestellt war, als es ihr am schlechtesten ging. Xavier bereut jedenfalls keine seiner Entscheidungen und würde sie auch jederzeit wieder ansprechen und kennenlernen wollen. Dieser Part der Geschichte bleibt also weitestgehend gleich, nur mit anderem Ausgang für Baby David.
Farouk zeigt seinem jüngeren Ich, was ihn verändert hat und sorgt damit dafür, dass man einen pazifistischen Weg wählt. Ob dieses Wesen diese spezifische Erinnerung behält oder fortbestehen wird, kann ich nicht abschätzen. Wird er sich ohne David womöglich einfach ein neues Opfer suchen oder bleibt er diesmal so Zen wie sein 32 Jahre älteres ich? Dass er das alte Muster nicht ganz ablegen kann, wird deutlich, als er David zu einem gemeinsamen Weltbeherrschen einlädt.
Sydney verdient sich durch ihren Widerstand und Kampf ein drittes Leben. Diesmal jedoch wohl ohne David und mit einer potentiellen glänzenden Zukunft. Ihr Zeitrafferleben bei Melanie und Oliver hat gezeigt, dass in ihr das Gute steckt - und das, ohne David je kennengelernt zu haben. Also dürfte es auch beim dritten Anlauf wahrscheinlich wieder gut für sie ausgehen. Eine These scheint ohnehin zu sein, dass David ohne den Einfluss des Shadow King eigentlich im Kern ein guter Mensch sein könnte. Gleichzeitig braucht es eben nur ein kleines bisschen Hilfe von seinen Freunden und Verwandten, um ihn auf dem rechten Weg zu halten.
Be a good boy...
Das Serienfinale verzichtet größtenteils auf viel Schnickschnack oder epische Schlachten. Es kommt, im Gegensatz dazu, eher zurückhaltend daher. Ohne großen Knall, dafür reichlich introspektiv. Ein paar Actionszenen gibt es natürlich trotzdem rund um Kerry, Syd und David, aber im Endeffekt wird doch Diplomatie bemüht, um einen Neustart zu wagen. Was die Beteiligten daraus machen, hängt dann von ihnen ab.
Fazit

Im Endeffekt will David eigentlich nur seinen Frieden haben und eine Chance auf Glück und elterliche Liebe, die er wegen des Shadow King nie hatte. Somit gönnen Hawley und seine Autoren und Kollegen David und unseren Helden einen sehr versöhnlichen Abschluss ohne eindeutigen Schurken. Vielmehr sind es einige Schattierungen von Grau, die wir in den 27 Folgen sehen. Eben fast so wie im echten Leben, in welchem Gut und Böse oft eher Ansichtssache sind und man nach Möglichkeit mehrere Blickwinkel kennen muss, um ein Urteil fällen zu können.
Legion war über drei Staffeln eine sehr fantasievolle, bunte, innovative und auf angenehme Weise verwirrende sowie herausfordernde Serie, die im Finale aber recht eindeutig Partei für eine zweite Chance für ihren Protagonisten ergreift, was manchen vielleicht etwas zu harmonisch sein könnte.
Das Serienfinale ist sicherlich nicht die beste Folge der gesamten Serie, aber - und das ist mittlerweile eine Herausforderung an sich - auch keine Enttäuschung oder ein Reinfall. Es ist vielmehr ein passender Abschluss, den man problemlos akzeptieren kann und dem durchaus eine gewisse poetische Schönheit innewohnt.
Verfasser: Adam Arndt am Dienstag, 13. August 2019Legion 3x08 Trailer
(Legion 3x08)
Schauspieler in der Episode Legion 3x08
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