Legion 2x06

Legion 2x06

Die Legion-Folge Chapter 14 stellt eine klassische Frage, die Thema vieler Marvel-Comics ist: What if.../Was wäre, wenn... Was wäre also, wenn man sich an einem Punkt im Leben anders entschieden hätte? Für einen Mutanten wie David eine wahre Gretchenfrage.

Drei Mal David Haller in „Chapter 14“ von „Legion“ (c) FX
Drei Mal David Haller in „Chapter 14“ von „Legion“ (c) FX
© rei Mal David Haller in „Chapter 14“ von „Legion“ (c) FX

Am Anfang der Legion-Episode Chapter 14 könnte man sich fragen, ob man womöglich eine Folge oder eine ganze Staffel verpasst hat. Im Lauf der Zeit klärt sich langsam, aber verwirrend auf, womit wir es zu tun haben. Noah Hawley und der Episodenregisseur John Cameron bereiten die Zuschauer auf eine etwaige Zeitreise vor oder die Auswirkungen von einer solchen. Die Episode ist ein Sammelsurium aus „Was wäre, wenn...“-Szenarien, alternativen Entscheidungen und Welten sowie Möglichkeiten, denen David Haller (Dan Stevens) hätte nachgehen können.

Dabei gibt es mehrere grobe Handlungslinien, denen wir immer wieder fragmentartig begegnen: zum Beispiel ein obdachloser David in mehreren Stufen der Verwahrlosung - wenn es nicht sogar zwei verschiedene Davids sind. Wer kann das schon so genau sagen? Außerdem: ein Fabrikarbeiter, der kaum etwas anderes tut, als Kisten zu stapeln, in den Tag hinein zu leben und zu funktionieren. Und schließlich: ein Praktikant in einer großen Firma, der Kaffee bringt und seiner Chefin viel Ärger erspart, indem er Gedanken liest und sie vor einer Klagewelle bewahrt, aber im Laufe der Zeit merkt, wie viel Einfluss man so gewinnen kann. Schließlich wird er zum mächtigsten, auf jeden Fall aber reichsten Menschen der Welt. Genau diese Version übt auf mich eine Faszination aus, denn nur eine andere Abzweigung in seinem Leben führt dazu, dass der amerikanische (Mutanten-)Traum für ihn wahr wird und er von einem Niemand zum Milliardär wird. Das führt aber auch dazu, dass er nie seine große Liebe findet und stattdessen zum manipulativen, gehassten Drecksack wird, der Leuten, die ihm widersprechen, quält. Der David, den wir kennengelernt haben, hat aber wahnsinnig viel Empathie - trotz der schwierigen Umstände.

Being David Haller

Mit dieser Folge sind Hawley und Co der Comicvorlage wahrscheinlich so nah wie selten gekommen, drücken der Handlung aber weiterhin ihren unnachahmlichen Stempel auf. Denn in den „Legion“-Comics kann David auf Abruf grundverschiedene Persönlichkeiten steuern, die allerdings auch optisch deutlich unterschiedlich sind und sogar ganz andere Fähigkeiten besitzen. Dazu kommt ein Erzählstil, der sich irgendwo zwischen „Being John Malkovich“ und „Tree of Life“ bewegt und dabei noch eine ganz eigene und nicht ganz vertrauenswürdige Multiversums-Theorie entwirft, weil sie von einem David stammt, der maximal verwirrt und womöglich auch drogenabhängig ist. Auch wenn Legion im Comic deutlich älter ist, erinnert dieser Ansatz an die ebenso wunderbar innovative und abgedrehte Zeichentrickserie Rick and Morty und ihre Folge The Ricklantis Mixup, in der es immer wieder Einblicke in das Leben alternativer Ricks und Mortys gibt. Die Theorie rund um die Entscheidungszweige, die immer wieder neue Möglichkeiten (und Universen) eröffnen, ist dabei eine recht akkurate Repräsentation der Zeitreisemodalitäten der „X-Men“ aus den Comics und von Zeitreisen bei Marvel im Allgemeinen. Es gibt dabei unzählige Möglichkeiten, die von winzigen Entscheidungen verändert werden können. Zeitlinien wie die von „Days of Future Past“ und „Age of Apocalypse“ basieren beispielsweise darauf, dass ein einziger Mensch umgebracht wurde, weswegen sich schlagartig alles ändern kann. In diesem Fall zeigen Hawley und Co wohl einen Blick in Davids Verstand, nachdem Farouk den Geist von Davids Schwester Amy (Katie Aselton) mit dem von Lenny (Aubrey Plaza) überschrieben hat.

Clockwork David

Allerdings lässt Legion dabei offen, was Einbildung ist und was eintreten könnte. Laut dieser Theorie kann nämlich alles in anderen Dimensionen und Bewusstseinsebenen eingetroffen sein. Entsprechend sehen wir in der Folge auch mehrere Male, wie David sein Ende findet. Ob durch einen Schuss in den Rücken bei Fabrik-David oder durch Kerrys (Amber Midthunder) Zweiteilung per Schwert beim Obdachlosen-David.

Zudem wird diesmal sehr offensichtlich Stanley Kubricks „Clockwork Orange“ zitiert, in der Szene, in der der verwahrloste David von einer Gruppe von Unruhestiftern, die sich wie die Droogs benehmen, angepöbelt wird, so dass er zurückschlägt. Bereits seit dem Beginn der Serie ist der Kubrick-Film Teil der Serie, schließlich heißt die Nervenheilanstalt, in der er gelandet ist, auch Clockworks. Auch sonst sind die Themen zwischen Serie und Film eng miteinander verbunden. Alex aus „Uhrwerk Orange“ ist auch irgendwas zwischen Opfer und Täter, je nachdem welcher Einfluss die Außenwirkung, seine Freunde, die Medien und sein eigener Verstand gerade einnehmen. David ist ebenfalls labil, dabei zwar auch ungeheuer mächtig, aber eben auch jahrelang Spielball vom Shadow King, so dass gewisse Fähigkeiten noch nicht ausgelotet oder erprobt sind. Entsprechend zeigen die kleinen alternativen Laufbahnen aber auch Entwicklungsmöglichkeiten, die bezeichnenderweise oft tragisch enden. Vielleicht vom glücklichen Familienvater aus dem Vorort einmal abgesehen.

Ist die These der Folge also, dass alles so hätte ablaufen müssen? Kann David Einfluss auf die Zukunft nehmen oder ist sie bereits festgeschrieben?

Tree of David

Obwohl Amy in der zweiten Staffel bis zur vorherigen Folge keine Rolle mehr gespielt hat, ist sie in den alternativen David-Welten doch oft eine Konstante, die aber auch nicht immer für Traumresultate sorgt. Meine Aufmerksamkeit hat außerdem erregt, dass Sydney nicht die Frau ist, mit der David ein vermeintlich normales Leben führen kann, während sie in den tragischen Enden überall keine Rolle spielt.

Es läuft aber doch darauf hinaus, dass der entscheidende Moment in Davids Leben seine Einlieferung bei Clockworks ist. Mit allen tragischen, emotionalen, gefährlichen, verwirrenden und folgenreichen Facetten... Ohne diesen Moment hätte er weder Sydney noch die Summerland-Mutanten oder Division3 kennengelernt und hätte sich auch nicht vom Shadow King befreien können, gleichzeitig aber auch nicht den Weg dafür geebnet, dass dieser Oliver (Jemaine Clement) übernimmt oder Amy für seine Zwecke missbraucht. Es muss sich zeigen, ob und inwiefern David das versuchen möchte zu ändern. In der Staffel wurde bereits das von Cary (Bill Irwin) gebaute Gerät eingeführt, das inzwischen auch mentale Zeitreisen ermöglicht. Ein Versuch, Amy damit zu retten, könnte also möglich sein oder wir verbringen in der nächsten Folge Zeit im Geist der Katze, die Sydney zum Trainieren benutzt - bei Legion ist inzwischen alles möglich.

Fazit

Im Prinzip ist Chapter 14 von Legion eine Stillstandepisode, auf die man auch hätte verzichten können. Dennoch schaffen es Hawley und sein Autorenteam, eine fantastische Folge auf die Beine zu stellen, die den Charakter von David enorm ergründet und faszinierende Facetten präsentiert, die zeigen, wie kleinste Abweichungen zu extremen Unterschieden führen können. Es ist eine ungewöhnliche Trauerbewältigungsepisode, bei der das letzte Wort rund um die Endgültigkeit des Verlusts aber womöglich noch gar nicht gesprochen ist. Natürlich verdient auch Stevens wieder Lob für diese Episode, die er fast allein schultern muss und dabei noch einige Abstufungen seiner Figur überzeugend aufspielt.

Trailer zur Episode Chapter 15 (2x07) der US-Serie Legion:

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Verfasser: Adam Arndt am Mittwoch, 9. Mai 2018

Legion 2x06 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 6
(Legion 2x06)
Deutscher Titel der Episode
Kapitel 14
Titel der Episode im Original
Chapter 14
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 8. Mai 2018 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 16. Mai 2018
Autor
Noah Hawley
Regisseur
John Cameron

Schauspieler in der Episode Legion 2x06

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