Did You Know Seahorses Are Fish? - Review zur ersten Episode der Drama-Thrillerserie Lady in the Lake bei Apple TV+

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Das passiert in der ersten Folge der Serie „Lady in the Lake“
Das Leben von Maddie Schwartz (Natalie Portman) und Cleo Johnson (Moses Ingram) könnte in der Serie Lady in the Lake unterschiedlicher nicht sein. Maddies Mann ist ein jüdischer, reicher Geschäftsmann und Cleo verdingt sich als Buchhalterin und Mädchen für alles bei dem stadtbekannten Gangster Shell Gordon (Wood Harris). Und doch verbindet die beiden etwas: Sie werden als Frauen nicht ernst genommen und sind unglücklich.
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Als die kleine Tessie Durst (Bianca Belle) spurlos verschwindet, führt das Schicksal die beiden Frauen zusammen, denn Maddie spürt eine ganz besondere Beziehung zu dem Kind und schließt sich dann gegen den Willen ihres Gatten dem Suchtrupp an. Auf der anderen Seite ist Cleos Kollege Josiah (Josiah Cross) nicht nur einer der letzten Menschen, die Tessie zuletzt lebend gesehen haben, er könnte auch etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben.
Schließlich wird Maddies schlimmste Befürchtung wahr: Sie findet das Mädchen tot an einem Seeufer im Wald. Doch: Warum nimmt der Fall sie so mit? Warum musste Tessie sterben und wie fügt sich Cleo in die Geschichte ein?
Eine irritierende Inszenierung
Selten ist eine Miniserie so irritierend gestartet wie „Lady in the Lake“. Die Pilotfolge beginnt mit der Stimme von Natalie Portman aus dem Off, die uns in kurzen, prägnanten Sätzen erzählt, wie sie zur Frau im See wurde. Ein Voice-over von einer Toten in einem Cold Open präsentiert zu bekommen, ist fraglos eine ungewöhnliche Art, um das Publikum auf die kommenden Geschehnisse vorzubereiten, vor allem, wenn das Format selbst ansonsten keinerlei fantastische Elemente aufweist.
Das macht den Einstieg in die Serie durchaus interessant, zumal die dazugehörige einleitende Szene einen schwarzen Mann zeigt, der soeben eine in einen Bademantel gewickelte Leiche in einem See entsorgt...
Die Hauptfiguren

Die Hautfarbe des Protagonisten ist in „Lady in the Lake“ nicht etwa willkürlich gewählt oder gar rassistischen Motiven geschuldet. Vielmehr dient das Leben als Afroamerikanerin oder -amerikaner sowie jenes als jüdische, gut betuchte Person als Kontrastmittel, um die Lebensumstände der involvierten Personen darzustellen. Maddie lebt oberflächlich betrachtet in Saus und Braus, so dass man meinen könnte, sie befinde sich in einem wahrgewordenen Märchen, während Cleo im Ghetto mit einem erfolglosen Komiker, der sich nur für sich selbst interessiert, dahinvegetiert.
Cleo kämpft gegen die Dämonen der allgegenwärtigen Unterdrückung von Frauen in der Mitte der 60er Jahre in einer patriarchalisch geprägten Welt, in der sie als gehorsame Dienerin funktionieren soll. Verzweifelt gibt sie sich Mühe, ihren Sohn Lionel (Samir Royal) davon abzuhalten, sich als kleiner Drogendealer zu versuchen, und gleichzeitig für ihren kranken Jüngsten (Tyrik Johnson) zu sorgen. Um die Familie irgendwie über Wasser zu halten, arbeitet sie für einen stadtbekannten Gangster, für den Menschen nicht viel mehr als eine Ware sind, die es zum eigenen Vorteil auszunutzen gilt.
Andererseits ist aber auch Maddie keineswegs glücklich, weil sie abgesehen von ihrem finanziellen Reichtum denselben Strukturen ausgesetzt ist wie Cleo. Seit 20 Jahren sorgt sie für ihren Mann Milton (Brett Gelman), der in ihr aber nicht viel mehr als eine Hausfrau, eine Bettgenossin und ein Vorzeigeobjekt sieht. Selbst ihr Sohn Seth (Noah) verhält sich ihr gegenüber abwertend und frauenfeindlich. Niemand nimmt sie in ihrem Wunsch ernst, die vermisste Tessie zu suchen, obwohl uns die Showrunnerin Alma Har'el auch geschickt darüber im Dunkeln lässt, warum Maddie so stark in den Fall involviert ist.
Einige kurze Flashbacks und ein Dialog während eines Familienstreits reichen allerdings, um das Publikum auf die besondere Beziehung zu Tessies Vater aus Studienzeiten hinzuweisen. Eine Szene könnte sogar einen Hinweis darauf liefern, dass Maddie von diesem schwanger war und erfolglos versuchte abzutreiben. Dies ist aber bitte lediglich als Gedankenspiel zu verstehen, weil uns die Pilotfolge diesbezüglich keine weiteren Details verrät. Spannend ist die Frage nach den persönlichen Bezugspunkten der Protagonisten aber dennoch.
Verstörende Bilder
So verwirrend die Figurenkonstellation ist, so verstörend ist stellenweise die andeutungsreiche Bildsprache von „Lady in the Lake“. Obwohl es bislang nicht wirklich brutal zugeht, fallen doch so viele spezielle Details ins Auge, dass es zu weit führen würde, sie alle in diesem Review aufzuführen. Wichtig scheinen den Serienmachern auf jeden Fall markante Persönlichkeiten zu sein, die das Potential haben, für ein ungutes Gefühl beim Publikum zu sorgen.
Ein gutes Beispiel dafür ist Mr. Gordons Handlanger Reggie (toll gespielt von Josiah Cross), den man aufgrund seines Aussehens und seiner seltsamen Attitüden schnell als Kindermörder und -schänder in Verdacht hat. Hier spielt Alma Har'el ganz bewusst mit den in jedem Menschen schlummernden Vorurteilen und Ängsten von dem Andersartigen und nutzt den uns angeborenen Voyeurismus klug aus, um Emotionen zu erzeugen. Hinzu kommen hier und da eine Anspielung, eine auffällige Szene sowie kleine und größere Fährten, die womöglich dazu dienen, die Zuschauenden in die Irre zu führen und so weiter.
Das Narrativ

Ähnlich verhält es sich mit der Erzählung, die auf alles oder nichts hindeuten könnte. Am Ende der ersten Stunde kennen wir die Lebensumstände der Hauptfiguren, erleben mit, wie Maddie aus dem Käfig ihrer Ehe ausbricht, um Tessie zu suchen, haben erfahren, dass die Geschichte retrospektiv erzählt wird und sie wie das Mädchen tot auf dem Grund eines Sees liegt. Sämtliche Zusammenhänge, Beziehungsgeflechte, selbst einige Personen wie der in Gordons Bar sitzende Cop Ferdie (Y'lan Noel) bleiben im Dunkeln und geben uns Rätsel auf. Daraus bezieht das Format Anziehungskraft und Atmosphäre und sorgt damit für Interesse.
Fazit
Es ist schwer zu beurteilen, wie sich („Lady in the Lake“ in den folgenden sechs Episoden entwickeln wird. Man darf davon ausgehen, dass sich die Geschichte hinter der Geschichte langsam und genüsslich vor dem geneigten Publikum ausbreiten wird, während der Rätselfaktor zunächst hoch bleibt. Bislang lebt die Serie überwiegend von den gewählten Stilmitteln, vagen Andeutungen, dem Statement für Feminismus und gegen soziale Ungleichheit sowie einem grandiosen Cast.
Natalie Portman ist als Maddie Schwartz eine ebensolche Augenweide wie Moses Ingram als desillusionierte Cleo. Die beiden Figuren bieten ein starkes Konfliktpotential und sind kontrastreich gezeichnet, ähneln sich aber doch und scheinen ein gemeinsames Schicksal zu teilen. Da steckt auf jeden Fall eine Menge Potential drin. Wir vergeben daher zunächst vier von fünf Seeufer.